Monographien

  • Welle, Jutta/ Schneider, Stefan: Leitfaden für Wohnungslose Berlin. Ein Projekt der Pfefferwerk Stadtkulturgesellschaft in Kooperation mit mob e.V. Berlin 2004
  • Schneider, Stefan: Wohnungslosigkeit und Subjektentwicklung. Biografien, Lebenslagen und Perspektiven Wohnungsloser in Berlin. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Mit Fotos von Karin Powser. Berlin 1997 (= Dissertation, vorgelegt am Fachbereich Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften der Hochschule der Künste Berlin)
  • Schilf, Sabine/ Schneider, Stefan/ Zglinicki, Claudia von: Obdachlose Jugendliche in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Untersuchung der Problematik und konzeptionelle Überlegungen. Vorgelegt durch die S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH - Treuhänderischer Sanierungsträger -. Berlin 1996
  • Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin - Moabit. Berlin 1990 (= Unveröffentlichte Diplomarbeit am Fachbereich Erziehungswissenschaften der TU Berlin)

Artikel/Aufsätze/Konzepte/ Vorträge etc.

  • Schneider, Stefan: Indien - ein sehr persönlicher Sachbericht. Berlin 2005
  • Schneider, Stefan: Weibliche Wohnungsnot. Zur Situation wohnungsloser Frauen in Deutschland (Vortrag). Warszawa 2005 (Międzynarodowa Konferencja pt. „Modele wychodzenia z bezdomności w krajach europejskich, standardy i praktyki pracy  z bezdomnymi ze szczególnym uwzględnieniem kobiet i dzieci” pod patronatem Wicepremier Izabeli Jarugi-Nowackiej)
  • Herbst, Kerstin/ Schneider, Stefan: Wohnungslosenhilfe in Deutschland. Fakten - Strategien - Ergebnisse - Probleme. Warschau 2005.
  • Schneider, Stefan: self – help project promoted by poor homeless people. Berlin/ Barcelona 2004 (Group of projects and actions that dignify the life of the homeless: From marginalization to citizenship. World Urban Forum – UN Habitat, in the Universal Forum of Cultures Barcelona)
  • Herbst, Kerstin/ Schneider, Stefan: Wohnungslosenhilfe in Warschau. Bericht über Projektbesuche und Vorort-Erkundungen. Berlin 2004.
  • Schneider, Stefan: Über die Quadratur des Kreises oder: Arbeiten, um zu (über)leben? Berlin 2004
  • Schneider, Stefan: Körperliche Zuwendung und drogenlose Entspannung - Physiotherapie für Wohnungslose und Arme. Schwerpunkte von Gesundheit Berlin e.V. - Kongress Armut und Gesundheit - 9. Kongress 2003 Berlin 2003.
  • Herbst, Kerstin/Schneider, Stefan: Obdachlos und psychisch krank. Rezension vom 30.06.2003 zu: Klaus Nouvertné, Theo Wessel, Christian Zechert (Hrsg.): Obdachlos und psychisch krank. Psychiatrie Verlag (Bonn) 2002. 220 Seiten. ISBN 3-88414-268-2. In: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/496.php,
  • Herbst, Kerstin / Schneider, Stefan: Selbsthilfe: Chaotische Professionalität. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 45. Jahrgang, 3/2003. Bielefeld 2003, S. 9.
  • Schneider, Stefan/ Welle, Jutta: Konzeption der Notübernachtung. Skizzen für eine selbstverwaltete Notübernachtung bei mob e.V./ strassenfeger. Berlin 2003.
  • Schneider, Stefan: Tod auf Raten in der Stadtmission. Berlin 2003
  • Schneider, Stefan: Selbsthilfe ist ein Säule der Wohnungslosenhilfe! Statement auf der Außerordentlichen Mitgliederversammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Weimar 2001.
  • Schneider, Stefan: Bürgerrechte statt Armenfürsorge. (Zu Hendrik Bolkestein: Wohltätigkeit und Armenpflege im vorchristlichen Altertum. Frankfurt/M. 2001) Berlin 2001. In: strassenfeger 11/2001
  • Schneider, Stefan: »Hierarchien, Konkurrenz, gegenseitige Ausbeutung, wachsende Brutalität und nicht etwa Solidarität«. Straßenkinder in Deutschland. In: strassenfeger. Draußen vor der Tür. Ausgabe 14/1998. Berlin 1998, S. 5ff.
  • Klunkelfuß, Hans/ Schneider, Stefan: Quo vadis Straßenzeitungen? Skizzen für eine bundesweite Initiative. Berlin/ Michelstadt 1998.
  • Czaplewski, Heinz/ Schneider, Stefan/ Welle, Jutta: Obdachlosenselbsthilfezentrum Berlin - Konzept. Berlin 1998.
  • Schneider, Stefan: Parteinahme für Arme, Ausgegrenzte und Obdachlose oder: Politik zu machen heißt, Probleme anzusprechen, deren Klärung notwendig ist (Interview mit dem StohHalm). Rostock 1997.
  • (Schneider, Stefan/ unter Pseudonym Bruno Katlewski): Wohnen ist kein Grundbedürfnis! Obdachlose sind überflüssige Menschen. Eine Polemik in sechs Teilen. In: strassenfeger. Draußen vor der Tür. Ausgabe 2/97 vom 27.02.1997. Berlin 1997, S. 8 - 9.
  • Schneider, Stefan: Schon am frühen Morgen Bier trinken ... Obdachlosigkeit, Presse und der alltägliche Rassismus. (Eine Polemik). Berlin 1996.
  • Schneider, Stefan: Kuckuck? Nichts Gutes über Gerichtsvollzieher (Rezension) Berlin 1996.
  • Kemnitz, Sonja/ Schneider, Stefan: Ein Armenhaus in der Mitte der Stadt. Konzeptionelle Vorüberlegungen und erste Skizzen für eine Projektbeschreibung. Berlin 1995
  • Kemnitz, Sonja/ Schneider, Stefan: Randständig - abwegig - unbedacht. motz & Konsorten - Ein Programm. Berlin 1995
  • Schneider, Stefan/ Kemnitz, Sonja/ Knuf, Thomas: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Ein Briefwechsel. (Heimat - los?!? - Wärest Du nur konsequent - Heimatloser Normalzustand) Berlin 1995
  • Schneider, Stefan/ Doseé, Thomas: Wohnungslosigkeit in Berlin. Eine Collage zum Projekt Ob-Dach am Fachbereich Architektur der TU Berlin (Seminar & Ausstellung). Berlin 1995
  • Schneider, Stefan: Erste Tagung der Wohnungslosenzeitungen vom 04.-06.10.1995 in Loccum. Berlin 1995
  • Schneider, Stefan: motz & Co - Jetzt weltweit im Internet. In: wohnungslos. Aktuelles aus Theorie und Praxis zur Armut und Wohnungslosigkeit. 37. Jahrgang, 3/95. Bielefeld 1995, S. 115 – 11.
  • Schneider, Stefan: Eine Kunst ohne Obdach: Der letzte Schrei?!? Die (Alltags-)Kultur der Wohnungslosen - bedrängendes Zeugnis der Armut und zugleich Armutszeugnis der Politik. In: Neues Deutschland von Sonnabend/ Sonntag, 22./23. Januar 1994. Berlin 1994, S. 14f.
  • Schneider, Stefan (in Zusammenarbeit mit Horst "Hotte" Hädrich und Dagmar Berndt): "Haste mal 'ne Mark?" - Und viele andere Fragen. In: Neues Deutschland vom Freitag, 4. Februar 1994. Berlin 1994, S. 10.
  • Schneider, Stefan: Keine Gnade auf der Straße! (Interview) Berlin 1994. In: Mob. Das Straßenmagazin: Obdachlosigkeit in Berlin. Nr. 1 vom 18.03.1994. Berlin 1994, S. 4-5.
  • Rosigkeit, Vera/ Schneider, Stefan: Null Hoffnung, dass die Obdachlosigkeit in irgendeiner Weise von der Gesellschaft gelöst werden will. Gespräch mit Leonie Ossowski. Berlin 1994
  • Schneider, Stefan u.a.: ... es war nicht alles rosig auf meinem Weg, auch wenn es sich manchmal so anhört ... Gespräch mit Catwiesel, dem Landstreicher. Berlin 1994
  • Schneider, Stefan: "obdachlos in berlin" - ein Kommunikationsprojekt. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN, Nr. 19 vom Februar 1993, Berlin 1993, S. 10-12, und in: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 105 - 108; sowie in: HDK Magazin 2/93. Hg. von der Hochschule der Künste Berlin - Pressestelle -. Berlin 1993, S. 95 - 97.
  • Schneider, Stefan: Tabula rasa am Bodensee oder "Sauberer isch's konstanzerischer": Üben den Umgang einer Stadt mit Wohnungslosen. Bielefeld 1993. In: Gefährdetenhilfe 2/93, Bielefeld 1993, S. 72-73, sowie in: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN.
  • Schneider, Stefan: Liedermacher von der Strasse? (Plattenkritik). Berlin 1993. In: Gefährdetenhilfe 3/93. Bielefeld 1993, S. 123, und in: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN, Nr.. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 17 und in: Lobby für Wohnsitzlose und Arme. Jg. 5. Ausgabe Nr. 7 vom Oktober 1993. Frankfurt am Main 1993, S. 21.
  • Schneider, Stefan: Der Kölner Bankexpress - eine etwas andere Zeitung. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 18.
  • Schneider, Stefan: Obdachlosenreport? (Rezension). Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 22 vom Oktober 1993. Berlin 1993, S. 13 und in: Kölner Bankexpress. Nr. xx vom xxxx 1993, Köln 1993, S. xx und in: Lobby für Wohnsitzlose und Arme. Jg. 5. Ausgabe Nr. 7 vom Oktober 1993. Frankfurt am Main 1993, S. 22. 
  • Schneider, Stefan: Tod auf Raten in der Achterbahn (Kommentar). Berlin 1993. In: taz Berlin von Montag, den 29.11.1993, S. 28.
  • Schneider, Stefan: Offener Brief an Catwiesel, den Landstreicher. Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 15-16.
  • Schneider, Stefan: Wohnungsnot in Polen - Beispiele aus Gizycko. Berlin 1993. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. 23 vom Dezember 1993. Berlin 1993, S. 11.
  • Schneider, Stefan: Und führet sie in die Gesellschaft? (Rezension). Essen 1992. In: Die Berufliche Sozialarbeit. Zeitschrift des  Deutschen  Berufsverbandes  der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen  e.V., Nr. 2/92, S. 37. Essen 1992.
  • Schneider, Stefan: Platte machen? (Rezension). Berlin 1992. In: In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative gegen Wohnungsnot e.V./ BIN. Nr. xx vom Oktober 1992. Berlin 1992, S. 00.
  • Schneider, Stefan: Theateraufführung der Berliner Obdachlosen GmbH & CoKG "Untergang" (Rezension). Berlin 1991. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XI vom Juni 1991, S.10. Berlin 1991

  • Schneider, Stefan: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XII vom August 1991, S.14. Berlin 1991

  • Schneider, Stefan: Forschung zu Lebenslage und biographischer Entwicklung Wohnungsloser - ein Beitrag zur Qualifizierung und konzeptionellen Entwicklung ambulanter sozialer Arbeit mit Wohnungslosen in Berlin (West). Berlin 1990 (= Antrag auf Förderung bei der Berlin-Forschung)

Schriftliche Fassung des Impulses auf der Tagung des Evangelischer Bundesfachverband Existenzsicherung und Teilhabe e.V. im September 2016 in Erfurt

Intention

Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 - Foto: Freistätter Online ZeitungDie Intention der mit dem Schlagwort „Sommercamps“ bzw. „Wohnungslosentreffen“ (1) verbundenen Idee besteht darin, wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen durch ein eigenständiges Projekt dabei zu unterstützen und zu fördern, Formen und Strukturen der Teilhabe und Selbsthilfe aufzubauen, weiter zu entwickeln und zu verbessern – und zwar notwendigerweise ergebnisoffen.. Wohnungslose Menschen   werden an den Orten ihrer Lebenswelt angesprochen. Sie sollen langfristig dabei unterstützt werden, regionale und oder thematisch bezogene Gruppen aufzubauen und Netzwerke zu bilden. Die jährlich geplanten einwöchigen Wohnungslosentreffen dienen dabei nicht als Selbstzweck, sondern als Plattform zur Interaktion und Meilensteine sowie Bezugspunkte für die jeweiligen Schritte innerhalb des Prozesses. Diese Projektkonzeption ist zunächst – orientiert an den Grundsätzen der Projektförderung von Aktion Mensch -  auf die Dauer von drei Jahren angelegt, die zur Anwendung kommenden Methoden entstammen im Wesentlichen aus den Handlungsansätzen der Gruppenarbeit, des Empowerment und des Community Organizing. Die jährliche Abfolge von drei großen Wohnungslosentreffen eröffnet – im Unterschied zu einmaligen Veranstaltungen dieser Art – eine strategische Perspektive. Das erste Treffen dient als Auftaktveranstaltung, um interessierte Menschen zu erreichen und mit ihnen die Projektidee zu kommunizieren. Auf dieser Basis ist es möglich, auf einem Folgetreffen das Selbstverständnis zu klären und erste Standpunkte zu formulieren. Ein drittes und im Verlauf des Projekts vorerst letztes Treffen müsste sich sehr maßgeblich mit den Aufgaben der Verstetigung zu befassen haben.

Hintergründe

Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen ist im weiteren Kontext der Wohnungslosenhilfe nichts Neues, aber seit einigen Jahren sind – obwohl verstärkt zum Thema Partizipation diskutiert wird – die Aktivitäten in dieser Richtung eher stagnierend, wenn nicht rückläufig. Eine eigene und eigenständige Selbstvertretung wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen gab und gibt es, bis auf wenige Ansätze und Initiativen (z.B. Armutsnetzwerk ANW, Bundesbetroffeninitiative wohnungsloser Menschen BBI und Homeless People in Europe HOPE), nicht. Die Präsenz wohnungsloser Menschen auf den Tagungen der Wohnungslosenhilfe stellt eher keine authentische Beteiligungsstruktur dar. Nicht zuletzt möglicherweise auch deshalb, weil sich die typischen Arbeitsformen und Inhalte einer Tagung wie Fachvortrag, Podiumsdiskussion, Plenumsdiskussion in erster Linie an ein sozialwissenschaftlich oder sozialarbeiterisch tätiges bzw. ausgebildetes Zielpublikum richten. Daraus ergibt sich die Frage, welche Formate aus der Sicht wohnungsloser Menschen attraktiv und geeignet sein könnten, Formen der Teilhabe und Selbstorganisation zu befördern und hervorzubringen.

Die Idee, mehrtätige Großgruppentreffen zu organisieren, zusammen zu leben, gemeinsam Zeit und Freizeit zu verbringen und in einem geschützen Rahmen inhaltlich zu arbeiten, hat mehrere Quellen. Sie kommt zum einen aus der Tradition der Jugendverbände und der Jugendarbeit und aus modernen Ansätzen der Gemeinwesenarbeit („Community Organizing“), aber auch in Politik, Wirtschaft und Kunst ist es nicht unüblich, sich zu Klausuren abseits des Arbeitsalltages zurückzuziehen und jenseits des Alltagsgeschäftes grundsätzliche Angelegenheiten zu erörtern.

Und weiterhin gab es in der Geschichte der Wohnungslosigkeit einige wenige große, mehrtägige Versammlungen wohnungsloser Menschen. Erinnert sei an den Vagabundenkongress 1929  in Stuttgart, an das Berbertreffen 1981 in Stuttgart sowie an den Kongress der Kunden und Vagabunden, Obdach- und Besitzlosen 1991 in Uelzen, die als Referenz dienen können. Es waren jeweils spezifische Konstellationen, die zu diesen Treffen führten. Obwohl sie Einzelereignisse blieben, entfaltete jedes dieser Treffen eine Wirkung, die es noch genauer zu erforschen gilt. Wenn es nun gelänge, nicht nur eines, sondern mehrere solcher Treffen wohnungsloser Menschen hintereinander zu organisieren, würde dies den Charakter der Treffen weitgehend verändern. Die Treffen wären aufeinander bezogen und ggf. würde allein das Wissen um ein Nachfolgetreffen Prozesse auslösen, Bezugspunkte darstellen, auf die hingearbeitet werden könnte.

Wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen sind keine einheitliche Gruppe. Wohnungslosigkeit ist eine extreme Form von Armut und Ausgrenzung. Es existieren vielfältige und differenzierte Hilfeangebote. Dennoch können diese Wohnungslosigkeit und Armut und die damit verbundenen Probleme häufig nicht beseitigen. Wohnungslose werden oftmals zu Empfängern von Almosen degradiert. Die Wohnungslosenhilfe betätigt sich oftmals als Lobby, die für die Wohnungslosen spricht.

Grundlage für das Projekt ist die Überzeugung: Wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen können sich sehr viel authentischer und glaubwürdiger für eigene Interessen und Belange einsetzen, wohnungslose Menschen haben nicht nur Probleme und Defizite, sondern auch Kompetenzen und Stärken, und wollen und können ihre Lobbyarbeit selbst organisieren.

Das waren einige der Überlegungen im Zuge der Vorbereitung. Letztlich ist das Projekt Förderung von Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen in Niedersachsen (Empowerment, Community Organizing, Sommercamps, Verstetigung) – so der offizielle Antragstitel - gemeinsam von Bethel im Norden, Fachbereich Wohnungslosenhilfe am Standort Freistatt (Frank Kruse), dem Diakonischen Werk Niedersachsen (Dr. Peter Szynka), dem Armutsnetzwerk (Jürgen Schneider) und einem Berliner Sozialwissenschafter (Dr. Stefan Schneider) entwickelt worden, um mit neuen Methoden Teilhabe und Selbstorganisation Wohnungsloser und ehemals Wohnungsloser voranzubringen. Vorab in die Projektvorbereitung waren eingebunden die Gruppen Armutsnetzwerk e.V. sowie das Europäische Netzwerk wohnungsloser Menschen HOPE.

Bethel im Norden ist ein Stiftungsbereich der Stiftung Bethel in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Im Mittelpunkt der Aufgaben steht die menschliche und fachliche Hilfe für kranke, behinderte und sozial benachteiligte Menschen. Die Wohnungslosenhilfe in Freistatt hilft Menschen, die sich in besonderen Lebenslagen befinden, verbunden mit sozialen Schwierigkeiten. Die Problemlagen sind individuell und oft komplex. Aufgabe der Wohnungslosenhilfe ist es, die sozialen Schwierigkeiten bewusst zu machen, zu mildern, zu beseitigen oder eine Verschlimmerung zu verhüten.

Finanzierung und Projektbeginn

Für das Vorhaben wurde bei der Aktion Mensch im Dezember 2015 ein Antrag auf Förderung gestellt. Als Partner für die Co-Fiananzierung wurden Mittel vom Land Niedersachsen sowie beim Diakonischen Werk Niedersachsen beantragt. Eigenmittel waren von der Stiftung Bethel einzubringen. Durch Verzögerungen in der Antragsbearbeitung waren Genehmigungen auf vorzeitigen Projektbeginn einzuholen, die schließlich Ende Mai 2016 eintrafen, so dass der Projektstart zunächst mit Eigenmitteln der Stiftung Bethel und einer Zuwendung des Diakonischen Werks in Niedersachsen erfolgen musste.
Aus dem Umstand, dass der Projektstart erst Ende Mai 2016 erfolgte und das erste Wohnungslosentreffen bereits für Ende Juli 2016 geplant war, ergab sich ein denkbar anspruchsvoller Zeitplan, der keine weiteren Verzögerungen oder Stockungen der Arbeit mehr zuließ.

Vorbereitung und Mobilisierung

Wesentlich in der Vorbereitungszeit war der Abschluss von Arbeitsverträgen, die Einrichtung einer Homepage www.wohnungslosentreffen.de sowie weitere Seiten auf Facebook, Twitter und Youtube, die Entwicklung eines Slogans „Alles verändert sich, wenn wir es verändern! - Armut, Wohnungsnot, Ausgrenzung und Einsamkeit sind keine Naturgesetze“, die Erstellung eines Plakates im Format A3 und davon abgeleitet Handzettel im DIN A 6 Format, die Planung der Mobilisierung, die Erarbeitung von Regeln auf dem Camp - Keine Drogen Keine Gewalt Keine Belästigung -, die Programmplanung in Kooperation mit Akteuren der Selbsthilfe von armen und wohnungslosen Menschen (Armutsnetzwerk e.V., Europäisches Netzwerk Hope Homeless People in Europe), die Akquise von Helfenden & Referenten und weitere 1000 Dinge (Zelte, Schlafsäcke, Essen, Bühne etc.) der praktischen Vorbereitung.

Entsprechend des Konzeptes wurde während der Phase der Mobilisierung kommuniziert, dass die Teilnahme am Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 keine Teilnehmerkosten verursachen würde und dass Reisekosten bezuschusst bzw. übernommen werden können. Hintergrund dieser konzeptionellen Entscheidung war die Einschätzung, dass wohnungslose Menschen häufig mittellos bzw. extrem arm sind und dass das Aufbringen von Fahrkosten bzw. die Erhebung von Teilnahmekosten eine Hürde darstellen würde, die sehr viele von einer Teilnahme abhalten würde. Allein schon die Vorfinanzierung der Fahrtkosten wurde als Problem eingeschätzt, so dass wir die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und andere Anlaufstellen explizit darum baten, an dem Treffen interessierte Menschen dabei zu unterstützen und ggf. die Fahrkarte vorzufinanzieren.

Konkret wurde eine email mit dem Plakat an alle Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Niedersachsen versendet, dazu eine email an alle Bahnhofsmissionen in der Bundesrepublik Deutschland, die gleiche Email wurde über den Email-Verteiler der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sowie den Evangelischen Fachverband sowie den Europäischen Dachverband FEANTSA versendet. Weitere emails wurden an ausgewählte Projekte und Einzelpersonen (z.B. Strassenzeitungen) versendet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in Freistatt, Niedersachsen organisieren wir (Bethel im Norden in Kooperation mit dem Armutzsnetzwerk e.V.) von Sonntag, dem 24. - Sonntag, den 31. Juli ein großes Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016.
Dieses Treffen soll dem gegenseitigen Austausch, Kennenlernen und Vernetzen dienen und die Teilhabe und Selbstorganisation Wohnungsloser verbessern helfen. Aber auch Freizeit und Kultur sollen nicht zu kurz kommen.
Es gibt eine offizielle Homepage http://www.wohnungslosentreffen.de
Wir möchten alle wohnungslosen und ehemals wohnungslosen Menschen, die mit Eurer Einrichtung in Kontakt stehen, ganz herzlich einladen, an diesem Treffen teilzunehmen.
Damit verbunden haben wir drei Bitten:
Das Plakat findet Ihr im Anhang, es wäre schön, wenn Ihr es ausdrucken und aushängen könntet.
Auch möchten wir darum bitten, dass Ihr Menschen, von denen Ihr denkt, dass sie Interesse haben, nach Möglichkeit persönlich ansprecht.
Falls sich eine Gruppe interessierter Menschen findet, wären wir ausgesprochen dankbar, wenn  Ihr diese Gruppe dabei unterstützen könntet, an dem Treffen teilzunehmen. Fahrtkosten können von unserem Projekt bezuschusst bzw. übernommen werden.
Sehr gerne würde ich (oder Jürgen Schneider vom Armutsnetzwerk) auch persönlich in Eure Einrichtung kommen und über das Vorhaben informieren. Dazu können wir gerne einen Termin abstimmen.
Weitere Plakate und Handzettel können wir bei Bedarf gerne zuschicken. Die Anmeldung kann Online erfolgen.
Über eine Rückmeldung würden wir uns sehr freuen.
Herzliche Grüße

Stefan Schneider, Koordination
Jürgen Schneider, Armutsnetzwerk e.V.

PS: Diese Nachricht darf ausdrücklich weiter verbreitet werden!

In einer Versandaktion wurden daran anschließend nochmals mit einem Anschreiben Plakate und Flyer an die Wohnungslosenhilfe in Niedersachsen sowie an alle Bahnhofsmissionen in der Bundesrepublik Deutschland geschickt. Es gab weiterhin persönliche Besuche von (ausgewählten) Einrichtungen und Gruppen sowie vereinzelt die Ansprache von wohnungslosen Menschen auf Straßen, Plätzen, Bahnhöfen.

Wochen- und Tagesstruktur

Die Frage, wie lange die Wohnungslosentreffen dauern sollten, war Teil der Konzeptentwicklung. Die Erfahrung von Konferenzen und Tagungen, die in der Regel auf wenige Tage beschränkt waren, zeigten, dass diese knappe Zeit für ein intensives Kennenlernen nicht ausreicht. In den ersten Diskussionen war von zehn Tagen die Rede, und schließlich wurde ein Übereinstimmung dahingehend erreicht, dass die Dauer von einer Woche ein vernünftiges Maß sein könnte. Eine einwöchige Arbeitseinheit einer größeren folgt ebenfalls einer spezifischen inneren Logik: Nach der Anreise besteht zunächst ein Bedürfnis nach Orientierung und dem Kennenlernen der anderen. Auf dieser Grundlage entstehen erste Strukturen der Kommunikation und eine Praxis des gemeinschaftlichen Arrangements. Nach der Aufregung folgt der Koller. Alles wird zu Viel, ein Bedürfnis nach Ruhe und Ausgleich breitet sich aus und der Wunsch, Abstand zu gewinnen. Was wäre, wenn ich nicht hier wäre? Muss ich das alles hinnehmen, was ich hier erlebe? Die dritte und letzte Phase ist schon auf das Ende hin orientiert. In wenigen Tagen werde ich wieder in gewohnten Kontexten sein. Die bisher vergangene Zeit wird positiv bewertet, Konflikte wurden erfolgreich gelöst, Kontakte und Beziehungen sind entstanden, die neue Situation stellt sich als vertrautes Muster dar und das bevorstehende Ende der schönen Zeit wirkt plötzlich euphorisierend auf fast alle.

Diese nahezu typischen Muster einer Gruppendynamik wurden bei der Wochenplanung weitgehend berücksichtigt. Nach der Begrüßung am Anreisetag waren die Veranstaltungen der ersten Tage darauf orientiert, in Themen und Debatten hinein zu führen. Der Mittwoch wurde bewusst als Pausentag mit Sport und Freizeitangeboten geplant (auch wenn das nicht durchgehalten werden konnte), am Donnerstag und Freitag waren teilweise öffentliche, teilweise interne Versammlungen der Kooperationspartner Armutsnetzwerk e.V. und HOPE avisiert, und der Freitag Nachmittag stand im Zeichen der Erarbeitung einer gemeinsamen Abschlusserklärung, die am folgenden Tag final abgestimmt und dann der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Eine Runde zu Perspektiven der Weiterarbeit bestimmte dann den letzten Nachmittag vor dem Abschlussfest am Samstagabend. Eine Andacht am Abreisetag sollte dann den Abschluss darstellen.

Die Struktur der einzelnen Tage wurde im wesentlichen durch die Mahlzeiten bestimmt. Frühstück, Mittagessen mit Pause und Abendessen zu festgesetzten Zeitfenstern bestimmten die Tagesstruktur. Arbeitseinheiten fanden daher entweder am Vormittag, am Nachmittag oder nach der Abendpause ab 20:00 Uhr statt. Aufgrund der Fülle der Programmpunkte gab es zum Teil Parallelveranstaltungen.

Programmstruktur

Insgesamt wurden während des Wohnungslosentreffens 2016 in Freistatt dreiunddreißig Programmpunkte an acht Tagen angeboten. Unter Berücksichtigung, dass am Anreise- und am Abreisetag jeweils nur eine Veranstaltung statt fand (Eröffnung bzw. Abschlussandacht), wurden jeden Tag durchschnittlich mehr als fünf Programmpunkte angeboten. Bei den Programmpunkten wurde inhaltlich nicht unterschieden zwischen Angeboten, die klassischen Freizeitcharakter hatten (Moorbahnfahrt, Fussballspiel bzw. -turnier) und thematischen Punkten.

Neben der Eröffnung und Begrüssung war Thema die Geschichte der Wohnungslosentreffen, die Berber-App, Hartz IV Themen, Workshops zu Sucht und Suchtselbsthilfe sowie Interessen erkennen und artikulieren, eine Bibelarbeit zu Armut, das Thema Tafeln im gesellschaftspolitischen Kontext, Gewalterfahrungen, Geschichte der Heimerziehung, Umgang mit Institutionen und Behörden, organisiert wurde ein Dialog der Vorbereitungsgruppe mit den Teilnehmenden, die Pressegruppe hat sich konstituiert und Arbeitsformen gefunden. Stattgefunden haben Mitgliederversammlungen von HOPE und dem Armutsnetzwerk. Die Kooperationspartner stellten Beteiligungsstrukturen vor und erläuterten Modellvorhaben der Beteiligung (Best Practice of Participation). Programmpunkte wie die Vorbereitung einer Abschlusserklärung, die Vorbereitung einer Andacht, sowie der Workshop zur Erarbeitung von Ideen und Perspektiven nach dem Wohnungslosentreffen hatten einen bewusst ergebnisoffenen Charakter.
Weitere Programmpunkte orientierten sich am Standort bzw. den Gegebenheiten, z.B. die Freistatt-Erkundung, die Moorbahnfahrt oder der Besuch der Freistatt-Ausstellung zur Heimerziehung. Andere Programmpunkte hatten bewusst den Anspruch von gemeinsamer Kultur- und Freizeiterfahrung, wie Konzerte, Grillen, Lagerfeuer,  eine Siebdruckwerkstatt und die Abschlussparty.
Sowohl die Bibelarbeit als auch die Abschlussandacht waren eine Referenz an die religiöse Orientierung des Projektantragstellers, entsprach aber auch den Wünschen einiger Teilnehmender.

Diese hier vorgestellte Programmstruktur entstand im Zuge der Vorbereitung. Insbesondere die Kooperationspartner Armutsnetzwerk e.V. und HOPE wurden eingeladen, ihre Vorstellungen zu benennen und Vorschläge einzureichen, die dann in der Regel auch im Programm aufgenommen bzw. organisatorisch umgesetzt worden sind. Wenige Tage vor Beginn des Treffens wurde daraus – ergänzt durch einige wenige organisatorische Hinweise – ein Programmheft erstellt, das allen Teilnehmenden ausgehändigt worden ist.

Teilnehmende

Die Auswertung der auf dem Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016 registrierten Teilnehmenden zeigt: An dem Treffen nahmen 80 wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen teil. Von den 80 Teilnehmenden waren 70 aus Deutschland (88%) 2 aus Österreich (3%), 3 aus Dänemark (4%) 2 aus den Niederlanden (3%), 2 aus Finnland (3%), 1 aus Irland (1%). Diese Verteilung ergibt sich aus dem Umstand, dass Vertreter des Europäischen Netzwerkes HOPE gezielt zu dem Wohnungslosentreffen Freistatt eingeladen worden sind.
Die 70 Teilnehmenden aus Deutschland verteilten sich wie folgt: 42 Menschen aus Niedersachsen (60%), 15 aus Nordrhein-Westfalen (21%), 6 aus Berlin (9%), 2 aus Brandenburg (3%), jeweils ein Teilnehmender aus  Hamburg (1%), Baden-Württemberg (1%), Hessen (1%), Sachsen (1%).
Zu den Teilnehmenden gehörten sowohl Menschen, die auf der Straße leben als auch Menschen, die  Kontakt zu Wohnungslosentagesstätten haben, aber auch Menschen, die in der Wohnungslosenhilfe untergebracht sind sowie ehemals wohnungslose Menschen.

In Bezug auf die Gesamtgruppe der Teilnehmenden kann eingeschätzt werden, dass etwa ein Drittel der Teilnehmenden motiviert war, inhaltlich am Thema Teilhabe, Selbstorganisation und Vernetzung zu arbeiten. Ein weiteres Drittel der Teilnehmer zeigt sich diesem Anliegen gegenüber interessiert und ein weiteres Drittel nutzte das Angebot mehr oder weniger zur Erholung.
Die durchgehend positiven Erfahrungen der Teilnehmer auf dem Wohnungslosentreffen wird voraussichtlich zu einem Schneeballeffekt führen, so dass für 2017 mit einer deutlich höheren Zahl von interessierten Menschen gerechnet werden muss. Und nahezu alle, die auf dem Treffen 2016 dabei waren, haben schon signalisiert, dass sie 2017 „auf jeden Fall“ dabei sein wollen.

Ergebnisse/ Abschlusserklärung

Ein zentraler inhaltlicher Meilenstein auf dem Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 war die gemeinsame Erarbeitung einer Abschlusserklärung. Mehr als 20 Teilnehmende beteiligten sich am Freitag nachmittag an dieser Arbeit. Eine auf einem Computer geöffnetes, vollkommen leeres Word-Dokument wurde mit Hilfe eines Beamers an die Wand projiziert und auf Zuruf wurden Formulierungen und Stichworte aufnotiert, sortiert und verändert. Satz für Satz wurde um Formulierungen gerungen, und das leitende Kriterium dabei war, ob die Formulierung mit dem Erlebten und seiner Wahrnehmung übereinstimmt. Ein Entwurf lag nach gut anderthalb Stunden gemeinsamer Arbeit vor dem Abendessen vor und wurde während der Abendstunden gedruckt und ausgeteilt und am nächsten Vormittag nochmals in der offenen Arbeitsgruppe Abschlusserklärung gemeinsam durchgesprochen und mit wenigen Änderungen verabschiedet.

Die Vorstellung der Abschlusserklärung erfolgte dann am Samstag Mittag in einer vorab im Programm vorgesehenen Presseerklärung durch 3 Teilnehmende. In dem daran anschließenden Pressegespräch griffen einige Teilnehmer zum Mikrofon und gaben zum Teil sehr persönliche und berührende Statements zu ihren Erfahrungen auf dem Treffen ab. Aufgrund seiner Bedeutung sei dieses Dokument hier vollständig dokumentiert:
 

ABSCHLUSSERKLÄRUNG DES WOHNUNGLOSENTREFFENS 2016 in Freistatt:    

Wir als Teilnehmer möchten folgendes festhalten:

1. Wir wurden respektvoll und freundlich aufgenommen. Das war ein anderer Umgang im Vergleich zu dem, was wir sonst üblicherweise erleben.
2. Wir kannten uns vorher nicht oder nur wenig und konnten uns hier in Freistatt erstmals auf einer anderen Ebene begegnen, austauschen und gemeinsame Anknüpfungspunkte finden. Ein Gemeinschaftsgefühl ist entstanden und verbindet für die Zukunft. Wir konnten feststellen, dass wir untereinander auftretende Konflikte aushalten und Gegensätze akzeptieren können.
3. Es war sowohl Zeit für die Teilnahme und Mitarbeit an den umfangreichen Programmangeboten, aber auch genügend Raum für Gespräche, Freizeit, Entspannung und Erholung. Alles gehörte dazu, um ein Miteinander zu finden.
4. Die Workshopinhalte empfanden wir als vielfältig, anregend und anspruchsvoll. Wir haben uns mit Themen befasst, die uns unmittelbar betreffen und mit der Veränderung der Welt. Themen waren u.a. Hartz IV Sanktionen, Wohnungslosenhilfe, Selbsthilfe, Diskriminierung, Sucht, Reichtum und Armut, das Leben mit und ohne Gott, Politik, Europäische Zusammenarbeit und persönliche Situationen.
5. Auf dem Sommercamp haben sich das Armutsnetzwerk e.V. und das europäische Netzwerk HOPE (HOmeless PEople) zu Mitgliederversammlungen getroffen.    
Das Armutsnetzwerk informierte über seine Arbeitsweise, stellte die App „Pro-Berber“ vor, und wählte einen neuen Vorstand. Das internationale Gremium von HOPE befasste sich in ihrer General Assembly mit ihren Statuten, in HotSpots mit BestPractices der Teilhabe und dem Gegensatz und der individuellen Definition von Armut und Reichtum.
6. Der plötzliche Tod des Teilnehmers Thomas Schmidt durch einen Herzinfarkt hat sehr viel Betroffenheit unter uns ausgelöst. Bei der Trauerandacht in der Moorkirche fand Pastor Sundermann passende Worte für unsere Gefühlslage.
7. Das Sommercamp bot uns teilnehmenden Frauen und Männern einen geschützten Rahmen. Wir haben Gemeinschaft gelebt. Gruppen haben sich gefunden, um eigene Interessen zu erkennen und zu formulieren.
8. Wir wollen uns in einem kleineren Rahmen Anfang November 2016 erneut in Freistatt treffen, um das diesjährige Sommercamp und die erste Arbeitsphase der Gruppen auszuwerten.
9. Wir werden die Idee von Teilhabe und Selbstorganisation aufgreifen und zu unserer eigenen machen. Wir wollen die weiteren Planungen in unsere eigenen Hände nehmen.
10. Wir laden deutschland- und europaweit alle unbedachten und besitzlosen Frauen und Männer ein, beim nächsten Wohnungslosentreffen im Sommer 2017 teilzunehmen.
Wir machen einen Anfang.
Wir wollen der Würde eine Stimme geben.    

Freistatt, Niedersachsen, 30. Juli 2016

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wohnungslosentreffens Sommercamp Freistatt 2016

Weitere Ergebnisse und Ausblick

Darüber hinaus kann folgendes an Ergebnissen festgehalten werden: Es ist gelungen, durch das Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016 insgesamt 80 Menschen zu erreichen. Es war möglich, daraus einen Kreis von mehr als 25 Personen zu mobilisieren, die an einer Weiterarbeit interessiert sind. Die erreichten Teilnehmer repräsentieren zum einen Teil auch Gruppen bzw. die Möglichkeit einer Gruppenbildung, allerdings ist dieser Prozess nicht abgeschlossen, neue Einzelpersonen sind bereits hinzugekommen, weitere könnten und sollen angesprochen werden.

Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sind hierbei wichtige Multiplikatoren und tatsächlich kamen viele Kontakte zu den Projektteilnehmenden über Einrichtungen zu Stande, die in einzelnen Fällen auch telefonisch Kontakt aufnahmen oder aber wohnungslose Menschen durch Vorfinanzierung einer Fahrkarte die Teilnahme am Treffen in Freistatt ermöglichten. Auf der anderen Seite verhindern Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe als Filter den direkten Kontakt zu Wohnungslosen, etwa wenn zugesandte Plakate nicht aufgehängt oder emails mit der Bitte un Weiterleitung an wohnungslose Gäste der Einrichtung schlichtweg nicht weiter geleitet werden. Nur in den seltensten Fällen war im Kontext der Mobilisierung ein direkter Kontakt zu wohnungslosen Menschen möglich. Auch die Homepage der Einrichtungen weisen in der Regel nicht auf eine Besucher- oder Bewohnervertretung hin, selbst wenn eine solche vorhanden ist.

Im Rahmen der Zielstellung, einen repräsentativen Anteil von Frauen zu erreichen, wurde auch versucht, über die AG Frauen in der BAG-Wohnungslosenhilfe Informationen über das Sommercamp zu verbreiten. Die Rückmeldung war, dass dieses Anliegen in der AG Frauen besprochen und beschlossen wurde, wohnungslose Frauen nicht zu informieren, da die Veranstaltung nicht für Frauen geeignet sei. Auch sei die AG Frauen nicht in die Vorbereitung des Sommercamps einbezogen worden. Diese Rückmeldung hat für einiges Unverständnis gesorgt. Immerhin haben 14 Frauen an dem Sommercamp teilgenommen, was einem Anteil von 18% an der Gesamtgruppe entspricht. Die teilnehmenden Frauen teilten offenbar nicht die Auffassung, dass das Wohnungslosentreffen für sie nicht geeignet sei. Auch fanden sie die Reaktion der AG Frauen unverständlich.

Es gibt ein offensichtliches Bedürfnis nach einem vertieften gegenseitigen Kennenlernen, wobei hier Teilnehmende, die aus Einrichtungen kommen bzw. sich in Einrichtungen treffen, Vorteile haben gegenüber Teilnehmern, die diesen institutionellen Rückhalt nicht haben. Damit kann angenommen werden, dass ein Bewusstsein über die Vielfalt der Lebenslagen in der Wohnungslosigkeit am entstehen ist.
Die Idee, dass Wohnungslose zunehmend Verantwortung für das Projekt übernehmen, ist verstanden worden. Das wird deutlich an der engagierten Auswertung, die in Sondierungen mündet, die Fragen der Vorbereitung und der Organisation des nächsten Treffens betreffen sowie den Prozess allgemein. Die Gruppe befindet sich noch mitten im Selbstfindungsprozess, die Fragen: Wer sind wir? Was wollen wir? Wem erzählen wir was? Welche Botschaft haben wir? stehen noch im Mittelpunkt der Suchbewegung.

Das Projekt ist seit dem Wohnungslosentreffen Freistatt 2016 in einigen Veranstaltungen und in unterschiedlichen Konstellationen kommuniziert worden, weitere Termine sind in Vorbereitung bzw. sind in Planung. Damit verbreitert sich die öffentliche Wahrnehmung für den Prozess, der mit dem Projekt angestoßen wird. Aus dem großen Erfolg des Wohnungslosentreffens Freistatt 2016 resultiert das Problem der Mengenbegrenzung. Diskutiert wird, nach welchen Kriterien die Teilnehmer für 2017 ausgewählt werden sollen und damit verbunden perspektivische Fragen von Struktur und Organisationsform. Die Bildung von thematischen und regionalen Gruppen wird erstmals diskutiert.

Dringlich erscheinen weitere Qualifizierungen. Angebote von außen werden kritisch diskutiert und angenommen („design thinking“), aber auch aus der Gruppe heraus entstehen Ideen, die konkretisiert werden (Workshop Öffentlichkeitsarbeit). Pointiert diskutiert wird der Umstand, dass ein offensives „In-die-Öffentlichkeit-gehen“ bzw. ein Dialog mit der Politik erst auf Grundlage eines geklärten Selbstverständnisses und einer bestehenden Programmatik sinnvoll erfolgen kann. Wie lange dieser Prozess dauert, ist gegenwärtig noch nicht absehbar. In einer optimistischen Betrachtung könnte der Prozess der Selbstfindung auf dem nächsten Wohnungslosentreffen Freistatt 2017 vorläufig abgeschlossen werden und zugleich der Prozess der Entwicklung einer eigenen Programmatik erstmals ausführlicher diskutiert werden.
Dann wäre eine hinreichende Basis dafür gegründet, im weiteren Prozeßverlauf Strukturen und Strategien zu besprechen.

Kontakt und weitere Informationen

www.wohnungslosentreffen.de

Materialien

Webseite: www.wohnungslosentreffen.de
Konzept: Projekt Förderung von Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen in Niedersachsen (Empowerment, Community Organizing, Sommercamps, Verstetigung)
www.wohnungslosentreffen.de/projekt/26-projektantrag.html
Abschlusserklärung Wohnungslosentreffen Freistatt 2016    
http://www.wohnungslosentreffen.de/images/pdf/2016_Sommercamp_Abschlusserklaerung_Final.pdf
NDR-Dokumentation: Ein Sommercamp für Wohnungslose    
https://www.youtube.com/watch?v=av68yuGS-io
Dokumentation von Frank Kruse: Wohnungslosentreffen Sommercamp Freistatt 2016 Doku https://www.youtube.com/watch?v=jYdWjFy82Vk&t=12s

Original-Präsentation

2016 Wohnungslosentreffen Ebet.pdf

Anmerkung

Die Fokussierung auf den Begriff „Sommercamps“ erfolgte in der Absicht, das abstrakte Thema Beteiligung und Selbstorganisation mit einem bildlichen, attraktiven Begriff für die Adressaten interessant darzustellen und somit einen niedrigschwelligen Zugang zum Anliegen von Teilhabe und Selbstorganisation herzustellen. Aus methodischen Überlegungen heraus ist es von zentraler Bedeutung, eine „kritische Masse“ an Beteiligten sichtbar und erfahrbar werden zu lassen. Ganz offensichtlich haben wir bei der Planung des Projekts nicht hinreichend klar vorhergesehen, welche Irritationen diese Begrifflichkeit auslöst, da mit dem Begriff „Sommercamps“ auch assoziiert werden kann, es würde darum gehen, eine Urlaubsveranstaltung für Wohnungslose zu organisieren. Deshalb wird der Begriff „Sommercamps“ innerhalb des Projekts nicht mehr bzw. nur noch sehr zurückhaltend verwendet.

Stellungnahme zur Empfehlung der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. „Mehr Partizipation wagen – Förderung und Unterstützung von Partizipation in der Wohnungslosigkeit“ vom Mai 2015

Karin Powser Kongress Uelzen 1991Zusammenfassung. Der Empfehlung fehlt es maßgeblich an Verbindlichkeit und damit an Glaubwürdigkeit. Es gibt für die Auftraggeber der Wohnungslosenhilfe keine Rechtssicherheit in Bezug auf ihre Möglichkeiten zur Teilhabe, es fehlen abrechenbare konkrete Projekte mit Mehrwert für wohnungslose Menschen. Darüber hinaus ist der Empfehlung eine falsche, irreführende Definition zu Grunde gelegt, Teilhabe sei vorrangig ein „institutionelles Arrangement“.

Voraussetzungen. Kein Zweifel: Eine Soziale Arbeit mit wohnungslosen Menschen, die ausdrücklich und nachhaltig Teilhabe und Selbsthilfe fördern will, ist eine extrem anspruchsvolle, belastende, mühevolle und oftmals enttäuschende Angelegenheit. Denn die „besonderen sozialen Schwierigkeiten“ wohnungsloser Menschen hemmen eben auch denkbare Potentiale und Ansätze von Teilhabe und Selbstorganisation in besonderer Weise. Mangelnde Kontinuität, Selbstzweifel, unrealistische Erwartungen, quälende und immer wiederkehrende Selbstverständnisdebatten, geringe Beteiligung und vor allem die ständig prekäre Ausstattung: ein ständiger Mangel an Geld, alte und langsame Computer, reparaturbedürftige alte Autos, das Angewiesensein auf Spenden und Unterstützung – all das macht die Arbeit schon unter normalen Umständen schwierig und erst recht bei Menschen, die aufgrund ihrer erzwungenen Armut und Ausgrenzung noch weitere Probleme mitbringen.

Bedeutung. Gleichzeitig ist die Beteiligung und Teilhabe wohnungsloser Menschen am gesellschaftlichen Leben von zentraler Dringlichkeit, denn sie sind die eigentlichen Experten zum Thema. Aber die Wohnungslosenhilfe neigt dazu, in lobbyistischer Selbstermächtigung für die wohnungslosen Menschen zu sprechen, statt den mühevolleren Weg einzuschlagen, geduldig die Auftraggeber der Arbeit zu befähigen, ihre Anliegen, Ziele und Vorstellungen selbst vorzutragen. Potentiale oder Ansätze wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen werden oft übersehen, beiseite geschoben oder sogar unterdrückt. Insofern ist es gut und wichtig, dass die Wohnungslosenhilfe sich endlich um dieses Anliegen kümmert und ein Papier mit dem Titel „Mehr Partizipation wagen – Förderung und Unterstützung von Partizipation in der Wohnungslosigkeit“ vorlegt. Das aber ist auch schon fast alles, was es an Positivem über dieses Papier zu berichten gibt.

Verbindlichkeit. Das zentrale Problem der von der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. beschlossenen Empfehlung wird bereits im ersten Satz mehr als deutlich sichtbar: „Partizipation und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen sind wichtige Themen, die in vielen fachpolitischen Debatten der Wohnungslosenhilfe von großer Bedeutung sind.“ In einfache Sprache übersetzt ist gemeint: „Alle reden über Teilhabe, wir jetzt auch!“ Statt dessen wäre ein Eingangssatz nötig gewesen, der da lauten könnte: „In keinem anderen sozialpolitischen Arbeitsfeld sind Beteiligungsstrukturen so wenig entwickelt wie in der Wohnungslosenhilfe, das ist ein erheblicher Missstand – diesen wollen wir nachhaltig abstellen und stellen im Folgenden dazu einige sehr konkrete Vorschläge und Maßnahmen vor.“ Oder, um es aus einer anderen Perspektive zu beleuchten: Stellen wir uns für einen Moment lang vor, einige hundert Exemplare dieser Handreichung würden an wohnungslose Menschen auf der Straße verteilt werden. Die erste Frage wäre wahrscheinlich: „Was ist das denn, Partizipation?“ Und als Zweites käme wohl recht bald die Nachfrage: „Was habe ich jetzt genau davon?“ Und selbst wenn sich der eine oder der andere angesprochen fühlt und eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe aufsuchen und seine Beteiligung einfordern würde, wäre damit zu rechnen, dass er mit dem Verweis auf fehlende Mittel, fehlendes Personal, fehlende Zuständigkeit, fehlende Notwendigkeit, mangelnde Qualifikation, bestehende Regeln oder ähnliches, abgewimmelt würde. Mit anderen Worten: Nichts von dem, was in der Empfehlung angesprochen worden ist, ist konkret abrechenbar. Alles verbleibt im Ungefähren, auf der Ebene des Hätte, Könnte, Sollte. Teilhabe kann nur entwickelt werden, wenn damit konkrete, einforderbare – im Zweifel auch einklagbare – Rechte verbunden sind. Insofern ist auch schon der Titel der Empfehlung irreführend: Gewagt wird hier gar nichts.

Kriterien und Maßstäbe. Ein einfacher Blick in ein benachbartes sozialpolitisches Arbeitsfeld, der Behindertenhilfe, hätte hier befruchtend wirken können: „Nicht ohne uns über uns“ lautet der zentrale Grundsatz der UN – Konvention über „Die Rechte der Menschen mit Behinderungen“ (Vereinte Nationen 2008). Der Bundesverband Evangelische Behindertenhilfe beispielsweise entwickelte dazu ein Aktionsprogramm „Beteiligung verändert“ (Bundesverband evangelische Behindertenhilfe 2013). Schon der Titel signalisiert, dass die Behindertenhilfe sich auf einen Prozess eingelassen hat, dessen Dynamik eben nicht zwingend planbar und vorhersehbar ist und auch den Verband selbst verändern wird. Auf allen Ebenen des Verbandes sind Behindertenbeiräte eingerichtet, die regelmäßig gewählt werden und erhebliche Mitspracherechte haben. „Einmischen – mitmischen – selbstmachen“ ist darüber hinaus das Motto regelmässiger Teilhabekongresse mit mehreren hundert Teilnehmenden.
Was in der Behindertenhilfe gelebte Praxis ist, wird in der Wohnungslosenhilfe und insbesondere in der vorgelegten Empfehlung noch nicht einmal zur Kenntnis genommen. Dabei wären wären viele Elemente es wert, in einer Vision von Teilhabe in der Wohnungslosenhilfe zumindest diskutiert zu werden.

Fachlichkeit. Zudem ist das Dokument auch fachlich zu beanstanden. Die vorgelegte Definition „Partizipation bezeichnet (...) ein in erster Linie institutionelles Arrangement“ ist m.E. nicht nur völlig falsch, sondern auch vollkommen unbelegt. Der Grundgedanke von Teilhabe wurde nicht verstanden. Partizipation ist in aller erster Linie eine Haltung, eine Überzeugung, eine Einstellung, ein Ansatz, eine Methode, ein Konzept, eine Idee, ein Wert, ein Orientierung, eine Vision – was auch immer – aber nicht zuerst ein institutionelles Arrangement. Ein institutionelles Arrangement kann und sollte sich daraus ergeben – aber selbst das wäre, folgt man der Intention dieses Ansatzes, niemals statisch, sondern immer nur die jeweils bestmögliche Entsprechung des aktuellen Entwicklungsstandes eines Prozesses.

Scheinbeteiligung. Die hier vorgestellte Handreichung wurde bereits vom Vorstand der BAG-W am 19.05.2015 – mutmaßlich in nichtöffentlicher Sitzung – beschlossen und auf der Bundestagung 2015 einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gegeben. Gemäß dem auch in der Handreichung zitierten Stufenmodell der Partizipation (vgl. SCHNURR 2011), in dem zwischen Beteiligung, Schein-Beteiligung und Nicht-Beteiligung unterschieden wird, ist diese Handreichung ein gutes Beispiel für Nicht- und Schein-Beteiligung. Angemessen wäre gewesen, einen Entwurf etwa auf dieser Bundestagung vorzustellen, diesen auf breiter Basis und vor allem mit Wohnungslosen zu diskutieren und dann auf der kommenden Bundestagung als gemeinsames Prozessergebnis zu verabschieden. Dass dies nicht passiert ist, zeigt, dass einmal mehr die wohnungslosen Menschen, um die es im Kern gehen sollte, von der Wohnungslosenhilfe bewusst oder unbewusst instrumentalisiert werden.

Perspektiven. Es ist nicht so, dass mit einer Beteiligung wohnungsloser in der Wohnungslosenhilfe bei null angefangen werden müsste. Es existieren eine ganze Reihe von Ansätzen und Erfahrungen, die vor allem zeigen, dass Beteiligung aktiver Unterstützung, Förderung und Assistenz bedarf, damit sie überhaupt zu Stande kommt, erhalten bleibt und wirken kann. Auch sind sieben wesentliche Kriterien und Prinzipien für eine funktionierender Teilhabe – wenn auch skizzenhaft - bereits formuliert worden: 1. Teilhabe braucht Strukturen, 2. Teilhabe kostet Geld. 3. Teilhabe erfordert Kommunikation. 4. Teilhabe erfordert Information. 5. Teilhabe erfordert Foren. 6. Teilhabe ist Vielfalt. 7. Teilhabe ist politisch (vgl. SCHNEIDER 2010).

In strategischer Hinsicht hätte die Wohnungslosenhilfe zur Erreichung ihrer sozial- und wohnungspolitischen Ziele die Chance, gemeinsam mit wohnungslosen und ehemals wohnungslosen Menschen aus ihrer gesellschaftspolitischen Defensive herauszukommen und gestaltend – Stichwort Wohnungsbau, soziale Gerechtigkeit, Grundversorgung und Menschenrechte – auf die Gesellschaft einzuwirken. Die offensive Förderung von Beteiligung und Teilhabe wohnungsloser Menschen wäre hierfür ein Schlüssel. Zu befürchten aber ist, dass mit der missratenen Empfehlung – die ja auch die politische Haltung der BAG-Wohnungslosenhilfe zu dieser Frage ausdrückt – diese Gelegenheit über Jahre hinweg vertan ist. Statt eine Vision oder wenigstens ein Leitbild zu entwickeln und in den nächsten Jahren ein zu wählendes Selbstvertretungsorgan wohnungsloser Menschen mit Etat, Personalstelle und definierten Mitspracherechten im Bundesverband zu installieren, ist mal wieder nur über das Thema geredet worden.

Berlin/ Freistatt 19.04.2017

Stefan Schneider

Literatur/ Medien:

Stefan Schneider, Berlin, Februar 2017

Kaffee Bankrott. Suppe, Beratung, Politik. Anforderungen für Soziale Teilhabe

Guten Tag,

Sie haben mich gebeten, bei Ihrer Veranstaltung „Erfolgreiche Verstörung – Teilhabe durch Armenspeisung“ einen kurzen Impuls zu geben und haben mir dafür den Titel „Kaffee Bankrott. Suppe, Beratung, Politik. Anforderungen für Soziale Teilhabe“ vorgegeben.

Ich habe diese Aufgabe gerne angenommen, denn sie gibt mir die Möglichkeit, Ihnen einige Geschichten und Episoden zu erzählen, die davon handeln, wie das alles entstanden ist und wie es sich in den ersten Jahren entwickelt hat. Am Ende möchte ich das kurz reflektieren mit Blick darauf, was daran verallgemeinerbar sein könnte.

Strasssenzeitungen

Im Anfang ging es überhaupt nicht um einen Treffpunkt. Wir schreiben den Winter 1993/1994 und an vielen Orten in Deutschland wird die Idee einer Straßenzeitung diskutiert. Berichte von der Street News aus Los Angeles und der Big Issue aus London erreichten den Kontinent und die Frage gärte in den Köpfen, ob man das nicht in Deutschland auch machen könnte. In vielen Orten gründeten sich Zeitungen – in München, Hamburg und einige Monate später auch in Berlin. Was viele nicht wußten: Bereits 1929 gründete Bruno Bürgel eine erste Straßenzeitung – und Gregor Gog übernahm ab der zweiten Ausgabe und führte seine Idee einer Bruderschaft der Vagabunden – nicht zuletzt mit diesem Instrument – zu einem gewissen Erfolg – bis dann die Faschisten 1933 diese Bewegung zerschlugen und ihre Mitglieder verfolgten.

Und in der 1980er Jahren griff ein gewisser Hans Klunkelfuss die Idee wieder auf, und gab die Berberbriefe heraus, die ebenfalls eine gewisse Beachtung fanden und als vorläufer der heutigen, modernen Straßenzeitungen galten, ebenso wie der von der Kölner Benedikt-Labre-Hilfe verlegte Bank-Express, der später seinen Namen in Bank-Extra umbenennen musste. In Berlin – und das ist nicht ganz untypisch für die Metropole - starteten im Frühjahr 1994 jedenfalls gleich zwei Straßenzeitungsprojekte, die voneinander zunächst auch gar nicht wussten und unabhängig voneinander starteten. Was insgesamt zu den Zeitungen festzuhalten ist, ist der Umstand, das diese Projekte im weitesten Sinne wohnungslose und arme Menschen zusammen bringen. In unterschiedlicher Intensität, und natürlich tummeln sich in diesen Projekten ganz andere Menschen aus sehr unterschiedlichen Motiven, aber das ist hier nicht das Thema.

Mob - Magazin

Das mob – magazin, ein von Sozialarbeiter*innen initiiertes Zeitungsprojekt, war innerhalb von wenigen Monaten am Ende. Finanziell aber auch, weil es kein schlüssiges Konzept der Zusammenarbeit mit den Verkaufenden gab. Unruhe, Frust, Wut, Resignation kamen hoch, und viel Geld verschwand in einem administrativen Wasserkopf. Obdachlose Verkäufer, Unterstützer und Sympathisanten übernahmen dieses bankrotte Projekt, weil sie an die Idee glaubten: Wohnungslose können sich zu Wort melden, ihre eigenen Interessen vertreten. Zur Konkursmasse – oder wenn Sie so wollen – zum Startkapital - gehörten im wesentlichen ein Mietvertrag für drei Räume in Berlin Mitte, 2 halbwegs funktionierende Mac-Rechner mit Drucker, ein bisschen altes Büromobiliar und ein paar Stapel der ersten Ausgaben. Hinzu kamen jede Menge Euphorie und Optimismus. Kein Wunder, denn mit der Vereinsgründung und der Absicht der Weiterführung der Zeitung waren auch Ideen von Selbstbestimmung und Autonomie verbunden. Wo in der Wohnungslosenhilfe gab es das schon?

"... nachts arbeitet die Redaktion doch nicht ..."

Die Schlüsselszene, die ein paar Jahre später zur Gründung des Kaffee Bankrott führen sollte, war folgende. Wir saßen auf einer Redaktions- oder Vereinssitzung in den Redaktionsräumen in der Kleinen Hamburger Str. 2 zusammen, rauchten, tranken Bier und Kaffee und besprachen alle möglichen Fragen. Wie heiterem Himmel kam plötzlich folgender Dialog auf:

„Sag mal, das sind doch jetzt hier unsere Räume?“
- „Ja!“
„Und die werden doch als Redaktionsräume genutzt?“
- „Ja, genau!“
„Aber nachts arbeitet die Redaktion doch nicht!“
- „Nö!“
„Also stehen die Räume dann doch leer!“
- „Ja, genau!“
„Also wenn das jetzt unsere Räume sind, die nachts aber nicht genutzt werden, und wir sind obdachlos, und das Projekt soll ja für uns sein, dann könnten wir ja in den Räumen übernachten ….?“
- „Äh – ja, also …. Ja!“

So oder so ähnlich spielte sich der Dialog ab und ab sofort wohnten, lebten und übernachteten etwa drei bis sieben Leute in den Räumen der Redaktion.

Im Unterschied zu vorher führte es dazu, dass die Räume noch verrauchter waren, dass die Aschenbecher noch voller waren, dass Matratzen, Decken und eine Couch auftauchten und dass überall in den Ecken Plastiktüten herumlagen. Bisweilen roch es übel nach Käsefüssen, die Tastaturen waren verschmiert und verklebt und auf den Schreibtischen stapelten sich neben den Papieren auch die Essens- und Tabakreste. Aber immerhin war die Redaktion jetzt rund um die Uhr besetzt und telefonisch erreichbar. Denn wenigstens einer musste ja immer im Büro bleiben – weil das Büro auch als Zeitungsausgabestelle dient. So sparten wir uns die Kosten für Schlüssel. Und die Tageseinnahmen aus dem Zeitungsverkauf wurden nun auch für Brötchen, Butter und Toilettenpapier – und sicher auch für den einen oder anderen Sechserträger Bier ausgegeben.

Im Grunde war dies der Anfang von Kaffee Bankrott, wir wussten es damals nur noch nicht. Und es war auch ein untragbarer Zustand – weniger für die Verkaufenden, die hatten ja einen vergleichsweise luxuriösen dauerhaften Winteraufenthalt – als für die nicht obdachlosen Menschen aus der Redaktion, denen diese Arbeitsumgebung eigentlich nicht zuzumuten ist.

Verbesserung der Lebensumstände

Anlässlich unseres nächsten Umzugs trennen wir das dann wieder tendenziell. Es gab nun in einer Wohngemeinschaft in Berlin – Schöneberg ein Vereinsbüro mit der Möglichkeit der redaktionellen Arbeit, und zusätzlich in Berlin Friedrichshain eine Notübernachtung, in der auch redaktionell gearbeitet werden konnte. Auf den 54qm der Notübernachtung (ein Zimmer, Küche, Flur, Bad) übernachteten bis zu 12 Leute  In dieser Notübernachtung stellte sich nun gerade im Winter die Frage: Wohin dann tagsüber? Diese Frage wurde ganz pragmatisch so beantwortet, dass die Strassenzeitungsverkäufer, die nicht verkaufen wollen und konnten, einfach tagsüber in der Notübernachtung bleiben. Jeden Morgen mussten die Matratzen zurückgebaut werden, und irgendjemand hat dann für alle das gemeinsame Kochen erledigt. Wir haben den Leuten einfach gesagt, dass müssen sie unter sich regeln.

Das Redaktionstelefon wurde auch für andere Zwecke genutzt. Eines Tages wurden wir mit einer Rechnung von über 800 DM konfrontiert. Hier wurden über einen längeren Zeitraum Dienste von einer Sex-Hotline in Anspruch genommen. Der oder die Verursacher waren nicht eindeutig zu ermitteln und hätten auch nicht das Geld gehabt, die Rechnung zu begleichen.  Die Mitgliederversammlung, die das zu klären hatte, besann sich dann auf den § 2 der Vereinssatzung:

„Ziel des Vereins ist die Verbesserung der Lebensumstände von gesellschaftlich Benachteiligten und Ausgegrenzten, insbesondere Obdachlosen bzw. von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen. Ihnen soll ermöglicht werden, sich für ihre eigenen Belange und Interessen einzusetzen, eigenverantwortlich Initiativen und Projekte aufzubauen und durchzuführen und so selbst eine Veränderung und Verbesserung ihrer Lebenslage herbeizuführen.“

Das war, so entschied die Mitgliederversammlung, eindeutig der Fall bei dieser Rechnung. Deswegen könne und müsse der Verein die Kosten übernehmen. Andererseits wurden dann umgehend die 0180-er Nummern gesperrt.

Ladenwohnung am Helmholtzplatz

Der Umzug in eine 100qm Ladenwohnung in Berlin-Prenzlauer Berg (am Helmholtzplatz) im Jahr 1998 wurde dann als purer Luxus wahr genommen. Plötzlich gab es dann nach hinten raus eine separate Notübernachtung mit 12 Plätzen, nach vorne hin zur Straße gab es einen großen Treffpunktraum, in den wir eine Theke hinein bauten, daneben war noch Platz für ein kleines Büro. Eine Toilette und eine Küche waren ebenfalls vorhanden und irgendwo haben wir noch eine Dusche eingebaut.

Als wir – unter einigen Mühen – die Räume unter Vertrag nahmen und einzurichten begannen, musste natürlich auch ein Name her. Ein Kaffee sollte es sein – da wir mit dem neuen Räumen auch vom Alkoholkonsum im Projekt Abstand nehmen wollten – und Bankrott widerspiegelte einfach die Lebensverhältnisse der meisten Nutzer. Kaffee Bankrott also – das fanden wir ansprechend, weil es doch auch gut zu unseren damaligen redaktionellen Überzeugungen passte: Wir wollen Täter sein und nicht Opfer.

Die Räume des Kaffee Bankrott waren die wahrscheinlich am effektivsten ausgelasteten 100qm in ganz Europa. Tagsüber was das Kaffee auf, und Menschen vom Helmholtzplatz, verarmte Nachbarn, Verkaufende von der Straßenzeitung sowie Notübernachter (in erster Linie Zeitungsverkäufer) hielten sich auf und tranken Kaffee oder Tee, und in der Regel wurde eine Mahlzeit gekocht.

Ab 18:00 Uhr kamen die Schläfer, wie die Nutzer der Notübernachtung in der Regel genannt wurden. Im Keller brummten die Tiefkühlschränke, im Aufenthaltsraum bullerte im Winter der große Kachelofen, die Waschmaschine lief ununterbrochen und der Boiler in der Dusche war in Dauerbetrieb. Neben diesem alltäglichen Betrieb wurde gekocht, abgewaschen, es gab Redaktions- und Vereinssitzungen und irgend jemand tauchte auf und bot zwei mal pro Woche eine Sozialberatung an.

"... nach dem Prinzip der Tafel ..."

Das mit der Essensversorgung war schwierig. Wenn die inzwischen seit einigen Jahren existierende Tafel ankam, war das wie eine Lotto-Ziehung. Was würden sie diesmal bringen: Zwei große Kisten Fenchel oder eine Stiege brauner Bananen oder 75 beschädigte Weihnachtsmänner a 150 Gramm? Einen verlässlichen Speiseplan für die Woche jedenfalls ließ sich daraus nicht bauen. Nach harten Verhandlungen wies uns die Berliner Tafel einen Supermarkt in Berlin – Steglitz zu, den wir am Dienstag, Donnerstag und Sonntag anfahren durfen. Ein Vereinsmitglied fuhr also mit seinem Privatauto eine Stunde während der Rush-Hour quer durch die Stadt, lud Lebensmittel ein, fuhr eine Stunde während der Rush-Hour wieder zurück und lud dann bei uns aus. Das verbesserte die Versorgungssituation erheblich, war aber immer noch unbefriedigend.

Nach gut einem halben Jahr kam jemand auf die Idee, es einmal auf eigene Faust bei den Supermärkten in unserer Umgebung zu versuchen. Und siehe da, es klappte. Das war so ziemlich an der Berliner Tafel vorbei, aber die hatte ohnehin andere Sorgen und außerdem: Es war ja fast wie Tafel. Und einige von unseren Leuten hatten ja auch sporadisch schon für die Tafel gearbeitet. Es war also ziemlich genau so wie bei der Tafel. Und in den Präsentationen der damaligen Zeit formulierte ich dann dementsprechend präzise: Wir arbeiten nach dem Prinzip der Tafel. Was ja auch stimmte. Im Grunde waren alle zufrieden: Wir, weil wir jetzt eine stabile Lebensmittelversorgung hatten, die Lebensmittelmärkte, die weniger wegwerfen mussten und auch die Tafel, weil sie nicht durch weitere Anfragen überhäuft wurden.

Ein Problem gab es aber auch. Das waren die Öffnungszeiten. Diese waren theoretisch von 9 – 17 Uhr. Praktisch aber wurde meistens um halb 10 aufgemacht, oder um 11, manchmal auch erst um 13 oder 14 Uhr. So genau wußte das keiner. Den Notübernachtern war das egal. Die früh los mussten, waren eh schon weg, und die anderen konnten in Ruhe ausschlafen. Die Nachbarn sahen ja im Vorbeigehen, ob die Rolladen hoch waren oder nicht, und Zeitungsverkäufer, die Nachschub brauchten, versuchten es einfach über den Hintereingang.

Spätestens, als dann Leute professionell in das Trödel- bzw. Gebrauchtwarengeschäft einstiegen und die Spenden dann auch noch im Keller des Kaffee Bankrott lagern wollten, war klar, dass wieder neue und größere Räume gebraucht wurden.  Der Umzug im Jahr 2002 in die nahe gelegene Prenzlauer Allee bedeutete einen enormen Flächenzuwachs. Von 100qm auf mehr als 650qm auf drei Ebenen. Und es war auch absehbar, dass aus hygienepolitischen Gründen der alte Standort nicht mehr haltbar sein würde.

Chaotische Professionalität

Der Standort in der Prenzlauer Allee war eine ehemalige Tischlerei und darüber hinaus eine einzige Baustelle in einem sanierungsbedürftigen Altbau. Die Vermieter gaben uns freie Hand, in diese Fläche all das hinein zu bauen, was wir haben wollten. Eine professionelle Küche, Redaktionsräume, Lagerräume, Kühlräume, eine Notübernachtung, einen zusätzlichen Frauenraum in der Notübernachtung, einen Serverraum, ein Gebrauchtwarenkaufhaus, usw. usw. usw.

Was hier so locker flockig als Aufzählung daher kommt, war in Wirklichkeit ein sehr mühevoller Prozess. Von der Idee zur Finanzierung ein paar Konzepte zu schreiben und Anträge zu stellen war das eine. Manchmal gab es eine Förderung, in anderen Fällen mussten wir mit Spenden und aus bestehenden Einnahmen versuchen, voran zu kommen. Es mussten preisgünstig Materialien aufgetrieben werden, ein Bauleiter musste gefunden werden, ebenso Mitarbeiter mit entsprechenden Kompetenzen, und dann ging es Stück für Stück voran. Vielleicht. Die Mitarbeiter, das war inzwischen ein vergleichsweise großer Apparat. Verkaufende und ehemalige Verkaufende waren dabei, aber auch Menschen, die Arbeitsstunden vom Sozialamt abzuleisten hatten oder sogar vom Gericht kamen, weil sie zu Tagessätzen verurteilt waren. Dazu kamen Integrationsmaßnahmen vom Arbeits- oder Sozialamt, Ehrenamtliche, Freiwillige und Praktikanten von Schulen oder Hochschulen.

Natürlich waren auch Schwätzer dabei und Blender, oder Leute mit Rücken oder zwei linken Händen. Oder Menschen, bei denen man dankbar sein konnte, wenn sie überhaupt erschienen. Alle waren irgendwie dabei, viele Menschen konnten produktiv in die Arbeit mit einbezogen werden, es gab immer was zu bereden und über die Wochen waren doch deutliche Fortschritte erkennbar. Die Vielfalt der Menschen und die Fülle der Aufgaben – zwei wichtige Bausteine des Projekterfolgs aus meiner Sicht.

Einmal hatten wir Geld für eine neue Profi-Waschmaschine inklusive Trockner. Ich hatte das besorgt, weil wir die Schnauze voll hatten von den gebrauchten Waschmaschinen. Sie sollte oben neben der Notübernachtung angeschlossen werden. Zunächst mussten wir die Tür aufstemmen, weil niemand daran dachte, dass die Maße der Waschmaschine nicht passten. Dann mussten wir feststellen, dass in dem vorgesehenen Raum kein Starkstrom vorhanden war, den wir aber brauchten. Beim Bohren eines neuen Kabelweges wurde dann feststellt, dass die Ziegelbalkendecke schon porös war, daß an dieser Stelle die  Profi-Waschmaschine gar nicht installiert werden konnte. Wir mussten also umplanen und im Erdgeschoss neben der Redaktion einen neuen Wascheraum herstellen. Rigipsplatten, Ständerwerk, Türen, Fenster, all das musste zusätzlich besorgt und gebaut werden, dazu die Anschlüsse für Starkstrom und Wasser. Ich hatte meinen Schlussbericht und den Verwendungsnachweis wegen der Fristen schon lange abgegeben und betete inständig, dass niemand kommen und das kontrollieren würde. Erst ein Dreivierteiljahr später und mit erheblichen Zusatzkosten konnten wir das Ding überhaupt erst in Betrieb nehmen.

Dennoch bedeuteten diese neuen Räume einen Durchbruch in Richtung selbstorganisierte Professionalität. Ich fragte anlässlich des Umzugs das alte Kaffeeteam, welche Öffnungszeiten sie anbieten würden. Ich gab ihnen freie Hand, stellte aber eine Bedingung: Egal, für welche Öffnungszeiten sie sich entscheiden würden, ich würde von ihnen verlangen, dass diese Öffnungszeiten auch garantiert würden. Egal wie dünn die Personaldecke in Zeiten von Urlaub oder Krankheit auch immer sein mögen. Ich gab dem Team drei Tage Zeit, das in Ruhe zu diskutieren.

Bereits am nächsten Tag kam der Projektleiter und teilte mir das Ergebnis mit:
- „Von acht bis acht!“
„Von acht bis acht?“, fragte ich zurück?
- Von acht bis acht!“
„Auch Samstag, Sonntag und an den Feiertagen?“
- „Auch Samstag, Sonntag und an den Feiertagen!“

Was mich zunächst verwunderte, erwies sich immer mehr als logisch. Das Team war wirklich in der Lage, diese Öffnungszeiten zu garantieren, und irgendwann war es selbstverständlich, dass das Kaffee Bankrott ständig geöffnet hatte. Stoßzeiten gab es immer zum Frühstück und während der Mittagszeit, dann noch mal am Nachmittag. Am Abend und an den Wochenenden ging es ruhiger zu.

Ein weiterer Punkt, der mir wichtig war, betraf die Qualität des Kaffees. Jeder der hier kommt, soll wissen, dass der Kaffee gut und stark ist – das muss unser Markenzeichen werden. Es war klar, dass viele Gäste darauf großen Wert legen würden. Verdünnen kann man den Kaffee immer noch, so die Argumentation. Zu dünnen Kaffee hingegen kann man nur noch weg kippen. Trotzdem waren die Preise sehr sehr knapp kalkuliert.

Jobs, Anschreiben und Guthaben

Ein immer wieder diskutiertes Problem war das mit den Finanzen. So kam regelmäßig die Idee auf, man könne doch einen Koch anstellen. Die dem entgegenstehende Modellrechnung war recht einfach. Wenn ein Koch oder eine Köchin 3.000 € im Monat Brutto kostet, müsse an jedem der 30 Öffnungstage im Monat 100 Euro mehr eingenommen werden. Das wiederum hätte bedeutet, dass das Mittagessen mindestens einen Euro mehr kosten würde. Damit war das Thema dann in der Regel vom Tisch.

Manchmal gab es geförderte Stellen von Sozialamt, Arbeitsamt oder später JobCenter, dann Ehrenamts- und Übungsleiterpauschalen, 1-Euro-Jobs, Arbeit statt Strafe oder eben die Mitarbeit aus purer Freiwiligkeit. Niemand vom Kaffeeteam war im Grunde in der Lage, davon (dauerhaft) Leben zu können, aber allen gemeinsam war: Sie hatten eine Aufgabe, wurden gebraucht, auf sie kam es kann und sie erfüllten eine wichtige Mission. Das wurde auf Team- und Vereinssitzungen, Mitarbeiterfesten und nicht zuletzt in Berichten in unserer Zeitung immer und immer wieder betont.

Bei den Gästen des Treffpunkts war es so, dass sie in der ersten Hälfte des Monats immer gute Kunden waren, und am Ende des Monats anschreiben ließen. Das war ein Problem, dass im Verlauf der Jahre immer massiver wurde. Es gab dicke Schuldnerordner mit langen Schuldenlisten. Ein Durchbruch wurde hier erzielt mit der Einführung von Guthabenkonten. Wer 10 Euro einzahlte, bekam 12 Euro gut geschrieben und konnte dann so lange essen und trinken, bis der Betrag aufgebraucht war. Diese Idee schlug ein wie eine Bombe und ein großer Teil der regelmäßigen Gäste kam dann immer gleich zu Monatsbeginn und gab uns freiwillig das gerade erhaltene Geld - und nur noch in wenigen Fällen gab es diese lästigen Diskussionen mit den Schuldnern.

Im Verlauf der Jahre wurden weitere Angebote hinzugefügt. Einmal in der Woche gab es die kostenlose Hartz IV-Beratung von Jette Stockfisch, die auch in der Straßenzeitung eine entsprechende Kolumne mit Rechtshinweisen hatte. Dieses Angebot wurde dankbar angenommen. Später konnten wir die Kiezanwältin Simone Krauskopf gewinnen, ebenfalls einmal in der Woche (ausser in den Ferien) eine Rechtsberatung anzunehmen. Manchmal war es nur eine unverbindliche Beratung, aber gelegentlich  wurde daraus eine Beratungshilfe oder sogar ein gerichtliches Verfahren. Das war eine Win-Win-Situation für die Gäste und für die Rechtsanwältin. Angebote wie die einer Schuldnerberatung oder die Anwesenheit des Arztmobils wurden nicht so gut angenommen und von daher bald wieder eingestellt.

Es gab gelegentlich Ausstellungen von Fotografen, Malern und Grafikern, die die Räume verschönerten, und es gab ab 2004 zwei kostenlos zugängliche Internet-Rechner, die auch zeitweise intensiv genutzt wurden. Bei größerem Andrang gab es die Regel: Maximal eine Stunde am Rechner arbeiten und dann Platz machen für den nächsten. Das funktionierte reibungslos. Einmal kam die Kriminalpolizei vorbei. Es gab eine Kaufhauserpressung, und die digitalen Spuren führten im Fall einer Email zu einem von unseren Rechnern. Das hatte aber für uns keine weiteren Folgen. Es muss wohl einer der sporadischen Gäste gewesen sein.

Schmuggler, Drogen und Regeln

Schlimmer war die Geschichte mit dem korrupten Küchenpersonal. Es wurden immer hochwertige Lebensmittel geliefert von unseren Fahrern, aber die Gäste beschwerten sich über schlechtes Essen. Das konnte eigentlich nicht sein. Es dauerte ganze drei Monate, bis wir heraus bekamen: Die hochwertigen Lebensmittel wurden in Tüten verpackt und nach Feierabend eingetauscht gegen Zigaretten. Als wir das herausfanden und auch nachweisen konnten, mussten wir uns leider von Teilen des Küchenpersonals trennen – aber schlagartig wurde das Essen besser. Einmal hatten wir einen Tresenmitarbeiter, der seinen Arbeitsplatz für kleine Drogengeschäfte nutzte. Auffällig war, dass es plötzlich neue Gäste gab, die nur dann da waren, wenn der Mitarbeiter auch Dienst hatte. Und der Mitarbeiter musste auch oft nach draußen an die frische Luft. Losgeworden sind wir den Mann durch einen Trick: Wir bestanden einfach darauf, dass er seinen Hund an der Leine zu führen hatte, was er prinzipiell aber nicht tat. Nach zwei drei Abmahnungen konnte dem Mann schließlich die Kündigung überreicht werden und damit war das Dealer-Thema vom Tisch.

Die Regelung mit dem Alkohol- und Drogenverbot war im Grunde ganz einfach. Natürlich war bekannt, dass viele Verkäufer und Gäste konsumieren. Niemand wurde abgewiesen, bloß weil er oder sie unter Drogen stand oder alkoholisiert war. Sondern es ging darum, dass der Konsum ausserhalb der Rämlichkeiten stattfinden sollte. Das haben die meisten begriffen. Es ging ja auch um das Bild nach aussen.

Die Regeln im Kaffee waren ganz einfach: Keine Drogen, keine Gewalt, keine Belästigung. Nur selten haben wir von der Möglichkeit des Hausverbots Gebrauch gemacht, und beinahe nie mussten wir die Polizei verständigen. Das Team vom Kaffee trat da immer sehr geschlossen und gemeinschaftlich auf und zeigte Menschen, die gegen die Regeln verstoßen haben, wo die Tür ist. Grundlage dafür waren wöchentliche Teamsitzungen.

Die Leute vom Kaffee-Team hatten im Treffpunkt auch einen eigenen Tisch, den sie den Stammtisch nannten. Dass es im Team aber auch immer wieder Tendenzen gab, den Gästen die eigene Macht spüren zu lassen, war ein dauerndes Problem. Gäste wurden angeschrien statt freundlich angesprochen, Auskünfte wurden verweigert, „Freunde“ wurden gegenüber „Fremden“ bevorzugt behandelt, es gab auch ausländerfeindliche Aussagen. Wie gesagt, Einzelfälle, aber eben latente Einzelfälle. Gegen die Versuchung, arme Menschen gegeneinander auszuspielen, entwickelten wir eines Tages den Slogan „Armut kennt keine Grenzen“. Das hat den meisten Leuten dann doch eingeleuchtet. Überhaupt war die interkulturelle Öffnung des Treffpunktes eine der letzten Aufgaben, bevor ich mich 2007 aus diesem Projekt verabschiedete.

Reflexion

Zum Schluß ein paar Worte zur theoretischen Reflexion: Es ging nie darum, spezifische Angebote für Obdachlose und Arme zu entwickeln. Sondern darum, dass eine Zeitung, eine Notübernachtung, ein Treffpunkt das „gemeinsame Dritte“ darstellten, also der Gegenstand, mit dem es möglich war, mit wohnungslosen und armen Menschen zuerst einen Kontakt herzustellen und dann darüber in das Handeln zu kommen.

Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, beantworte in seinem Aufsatz von 1902 die Frage: Was tun? mit der Antwort: Zeitung machen! Das Argument war, eine Zeitung sei ein kollektiver Organisator, der die Menschen zwinge, sich zueinander zu verhalten. In diesem Sinne möchte ich fortführen: Auch eine Notübernachtung, auch eine Essensausgabestelle, auch ein Tagestreffpunkt kann als kollektiver Organisator funktionieren. Und zwar immer dann, wenn man die anderen nicht also Objekte oder Adressaten des Angebots, sondern als Partner ansieht und mit ihnen partnerschaftlich, gleichberechtigt und solidarisch, also auf Augenhöhe zusammen arbeitet.

Die aufgeführten Episoden und Ereignisse zeigen Ebenen und Dimensionen des Aushandelns von Möglichkeiten in offenen Räumen. Der Schlüssel für Integration und Partizipation ist das bewusste Herstellen und Öffnen von Handlungsräumen. Das beinhaltet, setzt voraus und erfordert das Zulassen von ungeordneten Verhältnissen – von anarchischen Zuständen.

Wir wissen aus der Institutionen- und Organisationsforschung, dass es immer neue, unkonventionelle und innovative und zunächst abgelehnte oder skeptisch beäugte Konzepte und Projekte sind, die in der Lage sind, Probleme zu lösen. Im Verlauf der Zeit entsteht daraus ein State-Of-The-Art, ein gesellschaftlicher Standard, bis sie eines Tages zum Establishment gehören – aber das ist ein anderes Thema.

Auch in pädagogischer und psychologischer Hinsicht ist Handlungsfähigkeit und die Förderung von Handlungsfähigkeit die entscheidende Kategorie bei der Überwindung von sozialen Schwierigkeiten. Die Förderung von Handlungsfähigkeit beinhaltet selbstredend die Veränderung von Strukturen:

Hilfe für Wohnungslose erfordert neben Tagestreffpunkten und Essensversorgung auch das Engagement

  • für sozialen Wohnungsbau,
  • für ein Grundrecht auf Wohnen,
  • für ein bedingungsloses Grundeinkommen und weiteres mehr.

Tagestreffpunkte in diesem Sinne können soziale Kraftwerke, soziale Motoren eines solchen Veränderungsprozesses sein.

Die theoretische Reflexion eines solchen emanzipatorischen Projekts kann - angesichts der aufscheinenden Chancen und Potentiale – jede Menge Euphorie aufkommen lassen. In pragmatischer Perspektive sind aber Geduld und langer Atem angesagt, und zwar aus drei Gründen:

  1. Menschliche Lern- und Entwicklungsprozesse vollziehen sich in der Regel langsam
  2. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse vollziehen sich ebenfalls in der Regel langsam, bisweilen in Wellen
  3. Gegenwärtig werden scheinbar weltweit Konzepte zur Lösung globaler Probleme präferiert, die auf Egoismus, Nationalismus und Rassismus beruhen. Das ist mindestens frustrierend und bisweilen beängstigend, darf uns aber nicht entmutigen.

Ich komme zum Schluss und möchte zusammenfassen: Zentrale Anforderungen für  Soziale Teilhabe sind – aus meiner Sicht – Gerechtigkeit, Menschenrechte und Solidarität oder anders gesagt „Suppe, Beratung, Politik“, und zwar zusammen gedacht. Suppe, Beratung und Politik.

Vielen Dank.

Daß man mir die Aufgabe gestellt hat, Fotodokumentationen über die Problematiken der Obdachlosen zu erstellen, hat wohl den Grund, daß ich schon früher, auch während meiner Obdachlosigkeit und Sauferei, viel fotografiert habe und auch mit einer einfachen Pocketkamera einige gute Aufnahmen gemacht habe. (...) Die Obdachlosen haben zu mir Vertrauen, sie wissen, daß ich keine Sensationsbilder für die Presse mache und auch kein Bulle Fotos von mir zu sehen bekommt.   

Karin Powser 1989

[Aufbruch] Mit der friedlichen Revolution im Jahr 1989, dem Fall der Mauer und der deutschen Einheit ändern sich auch Bild und Struktur der Wohnungslosigkeit. Berlin ist Anfang der 1990er Jahre Hauptstadt der Obdachlosen - so eine Nachrichtenzeile aus diesen Jahren. Die Zahl der wohnungslosen Menschen schießt rapide in die Höhe, eine bisher kaum geahnte große Spannbreite von Problemlagen in der Wohnungslosigkeit wird sichtbar: Wendeverlierer, Straßenjugendliche, Suchterkrankte und psychisch kranke Menschen, Frauen mit Gewalterfahrungen, Migranten und Menschen aus ländlichen Regionen, die ihr Glück in der Anonymität der Großstadt suchen, Entlassene aus abgewickelten DDR-Kombinaten, Punks, Aussteiger aus Drückerkolonnen und viele andere. Im Zuge der öffentlichen Verhandlung des Problems gibt es in jenen Tagen immer wieder Kundgebungen, Kampagnen, Hausbesetzungen, Straßentheater, lange Nächte der Wohnungslosen und weitere Solidaritätsaktionen dieser Art. Neue Initiativen wie Theatergruppen, Straßenzeitungen, Tafeln, Selbsthilfegruppen, Arztmobile usw. entstehen und eine Kältehilfe mit Notübernachtungen und Nachtcafés wird eingerichtet. Diese sind jedoch nur als Provisorium gedacht. Gleichzeitig eignet sich das Thema Wohnungslosigkeit bestens dazu, Kritik an Deutschland zu üben und an diesem Weg der Einheit in Form eines Beitritts zur Bundesrepublik. Sollte es nicht allen Menschen besser gehen?

[Vermittlung] Im Zeitraum von 1990 bis 1993 habe ich das Glück, an einem Forschungsprojekt zu Biografie, Lebenslage und Perspektiven wohnungsloser Menschen in Berlin arbeiten zu dürfen. Kern der Untersuchung ist eine intensive Feldforschung auf Berlins Straßen. In der Hauptsache führe ich biografisch orientierte Gespräche mit 15 ganz unterschiedlichen Wohnungslosen, die ich im Verlauf dieser Forschung kennen lernen darf. Dennoch habe ich den Eindruck, dass dies nicht genügen wird, um Außenstehenden einen plastischen Eindruck meiner Erfahrungen zu vermitteln. Die meisten Menschen, mit denen ich über Wohnungslosigkeit spreche und die nicht gerade in der Wohnungslosenhilfe tätig sind, kennen persönlich niemanden, der von der Problematik betroffen ist. Sie bilden sich ihre Meinung durch die Medien oder machen sich so ihre eigenen Gedanken. Eine weitere sinnliche Ebene, so mein Eindruck, kann hilfreich sein, um begreiflich zu machen, was ich erlebe. Fotos können ein geeignetes Mittel sein und wären auch gut in eine schriftliche Arbeit zu integrieren. Aber ich fühle mich nicht in der Lage, selbst zu fotografieren und so kommt mir die Idee, Karin Powser anzufragen.

[Zugang] Von Karin Powser weiß ich aufgrund des Buches Das trostlose Leben der Karin P., das im Jahr 1986 erschienen ist. Wenig später gab Hannes Kiebel die ersten Hefte mit ihren Fotoarbeiten und kurzen Texten dazu heraus. Persönlich lerne ich Karin kennen auf dem von Willy Drucker organisierten Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. Eines Tages, im Mai 1992, rufe ich sie in Hannover im Mecki an. Der Kontaktladen Mecki ist eine Anlaufstelle für Wohnungslose in der unterirdischen Fußgängerzone Passerelle unter dem Hauptbahnhof in Hannover, geöffnet für jeweils zwei Stunden. Karin besitzt wie die Sozialarbeiter einen Schlüssel und öffnet den Laden oft genug schon vor den offiziellen Öffnungszeiten auf eigene Verantwortung - Gäste und Besucher finden sich fast immer. Ich erzähle ihr von meiner Projektarbeit und dass ich sie nach Berlin einladen wolle, um für mich Fotos zu machen. Karin erklärt sich spontan dazu bereit, obwohl ich ihr, abgesehen von der Erstattung ihrer Kosten aus meinen Projektmitteln, nur ein eher symbolisch zu nennendes Honorar zahlen kann.

[Bekanntschaft] Meine Sorge, was da wohl alles auf mich zukommen würde, wenn eine ehemalige Pennerin in meiner Wohnung wohnen würde, lösen sich bald in Wohlgefallen auf. Ihr Besuch in Berlin war für mich eine großartige Zeit und der Beginn einer wichtigen Bekanntschaft. Die Erarbeitung der Fotos ist nicht einfach bloßes Abfotografieren, sondern gleichsam eine neue Untersuchung, ein eigenes Projekt. Ausgehend von gemeinsamen Bekannten vom Kongress in Uelzen, die wir besuchen, fahren wir in den folgenden Tagen kreuz und quer in der Stadt umher, besuchen Einrichtungen, Projekte und Angebote für Wohnungslose, gehen Straßen und Plätze auf und ab auf der Suche nach GesprächspartnerInnen, treffen liebe alte Bekannte wieder, lernen neue und liebenswerte Menschen kennen. Wir reden, sprechen, fragen, diskutieren, bis uns der Mund trocken wird, wir verweilen, trinken Kaffee und rauchen die eine oder andere Zigarette, und Karin fotografiert zudem noch unermüdlich. Zwischendurch holen wir im Fotoladen die ersten Kontaktabzüge ihrer Filme vom Tag zuvor ab, die wir dann sofort im Café oder abends zu Hause mit Lupe in Augenschein nehmen, um abschätzen zu können, wie die Fotos geworden sind. Die Fotos, die für eine Veröffentlichung im Frage kommen, suchen wir später in Hannover gemeinsam aus. Nahezu 200 Fotos sind verwendbar, und daraus eine übersichtliche Auswahl für meine Dissertation zu treffen, ist keine leichte Aufgabe. Karin lässt mir dabei weitgehend freie Hand.

[Abbild] Zur Erläuterung schreibe ich: „Nicht alle auf den Fotos abgebildeten Personen sind wohnungslos, sie könnten es sein. Die Zuordnung der Fotos zum Text folgt systematischen Kriterien, die Fotos dienen der Erläuterung des Gesagten, sie sind gemeint als Zitat und nicht als Illustration, die darauf abgebildeten Personen sind nahezu durchgängig nicht identisch mit den Personen, die in meinen Falldarstellungen in dieser Arbeit zu Wort kommen. Alle Fotos in dieser Arbeit wurden von Karin Powser während ihres Besuchs in Berlin in der Zeit vom 6. - 16. Juli 1992 erstellt. Ein kleiner Teil dieser Fotos wurde bereits in ihrem Fotoheft „obdachlos - keine Gnade auf der Straße“ (Powser 1993) abgedruckt. Mit der Fertigstellung der Arbeit dauert es seine Zeit. Es ist unter anderem Karin, die immer wieder nachfragt und drängelt, wann ich denn soweit sei mit meiner Arbeit. Ich muss sie immer wieder vertrösten. Im Jahr 1998 ist die Arbeit dann endlich fertig und wird im Internet unter dem Titel Wohnungslosigkeit und Subjektentwicklung. Biografien, Lebenslagen und Perspektiven Wohnungsloser in Berlin. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Mit Fotos von Karin Powser veröffentlicht.

[Zeit] 2014. Ich hatte längere Zeit nichts mehr von Karin gehört und will mich vergewissern. Ihr letzter Besuch in Berlin, so erinnere ich mich, war 2004. Ja, trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit würde sie gerne mal wieder nach Berlin kommen. Stück für Stück entwickelt sich die Idee, dass sie bei dieser Gelegenheit auch wieder Fotos machen könnte. Langsam wird mir klar, welch langer Zeitraum seit ihrem ersten Fotobesuch 1992 vergangen ist und was eine erneute Recherche bedeuten würde.
Ich habe eine Idee: Jetzt noch einmal Fotos zu machen, nicht irgendwelche Fotos, sondern Aufnahmen an den gleichen Schauplätzen von der selben Fotografin in einem Abstand von 23 Jahren -  das wäre schon etwas ganz Besonderes. Ich skizziere ein kurzes Konzept, Sponsoren können gewonnen werden, wir treffen uns in Hannover, um letzte Details miteinander zu besprechen. Termine werden festgelegt,

[Tragik] Karin Powser ist seit fast zwei Jahrzehnten freie Mitarbeiterin Kolumnisten und Fotografin bei der hannoverschen Straßenzeitung Asphalt, kann auf die eine oder andere Ausstellung zurückblicken und hat auch eine internationale Auszeichnung erhalten. Ich war bis 2007 geschäftsführender Vorsitzender bei dem von mir mitgegründeten Selbsthilfeverein mob – obdachlose machen mobil e.V. und kümmerte mich neben der vom Verein herausgegebenen Straßenzeitung strassenfeger um die Vereinsprojekte Notübernachtung, Tagestreffpunkt Kaffee Bankrott, Selbsthilfehaus und Gebrauchtwarenkaufhaus. Neben diesen beruflichen Erfolgen aber steht im Jahr 2014 die demütigende Tatsache, dass es um die Wohnungslosen insgesamt schlecht bestellt ist. Seit Mitte der 90er Jahre war es zwar gelungen, die Zahl der Wohnungslosen Jahr für Jahr um ein kleines Stück zu verringern, was nicht zuletzt auch ein Resultat der vielen Initiativen war, die in der Zeit entstanden sind und der damit verbundenen Aufmerksamkeit für die Problematik. Das änderte sich in Berlin nach dem Jahr 2006 und auch im Bundesgebiet steigt die Zahl der Wohnungslosen ab etwa 2008 kontinuierlich an, Prognosen zufolge ist ein Ende noch nicht in Sicht. Auch die Haltung gegenüber Wohnungslosen ändert sich. Immer mehr Menschen folgen dem neoliberalen Mantra, dass Wohnungslose selbst für ihre Situation verantwortlich sind, gesellschaftliche Ursachen werden häufiger ausgeblendet und die Auffassung, dass Wohnungslose in den Innenstädten nichts zu suchen haben, findet immer mehr Anhänger.

[Beobachtung] Karin kommt im April 2015 nach Berlin und bleibt fünf Tage. Wir haben ein anspruchsvolles Programm, wollen die Einrichtungen und Orte von 1992 wieder aufsuchen, aber auch offen sein für neue Realitäten. Der Seelingtreff, ein Tagestreffpunkt in Charlottenburg, ist noch am selben Ort wie damals, aber fotografieren dürfen wir nicht: Müssen wir erst im Team besprechen. - war die Antwort der Mitarbeitenden. Der Warme Otto in Moabit, ebenfalls ein Tagestreffpunkt, ist umgezogen, dreimal größer als damals und bis auf den letzten Platz besetzt. Der Kleine Tiergarten ist voll mit Menschen, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist. Die Stimmung wirkt gereizt, Karin hat keinen Nerv zu fotografieren. Sie will die Stimmung nicht weiter anheizen.
Suppenstuben, wie die der Franziskaner in der Wollankstraße, gab es damals noch nicht. Hier stehen täglich mehrere hundert Leute für eine Mittagsmahlzeit an. In der Zentralen Beratungsstelle in der Franklinstraße treffen wir auf eine Sinti-Familie mit kleinen Kindern, aber auch schon 1992 sind wir vereinzelt Zigeunern, so der damalige Sprachgebrauch, begegnet. Die selbsthilfeorientierte Einrichtung Unter Druck – Kultur von der Straße ist mehrfach umgezogen, konnte aber ihren offenen Charakter bewahren und wir fühlen uns dort ausnahmsweise mal wirklich willkommen. Der Plattengruppe Köpenick, im Ursprung ein besetztes Haus, jetzt eine Einrichtung des betreuten Gruppenwohnens, ist durch die Streichung der Mittel für ihr Arbeitsprojekt einiges an Identität abhanden gekommen. Dass auf dem Gelände einer Wagenburg obdachlose Menschen eine langfristige Unterkunft fanden, wussten wir, dass über die Jahre dahinter im Niemandsland zu den Gleisen hin eine Art Slum entstanden ist, der mit einem einzigen Wasserhahn auskommen muss, hat uns ziemlich irritiert.
Auch im Tiergarten hinter dem Bahnhof Zoo ist eine kleines Zeltdorf entstanden. Menschen wohnen teilweise seit Jahren hier. Einen Akteur, den wir seit 1992 kennen, treffen wir während einer Textprobe zu einem Theaterstück persönlich wieder: Heinz Kreitzen, damals bei Unter Druck, inzwischen Symbolfigur bei der Obdachlosentheatergruppe Ratten 07. Die Freude ist groß auf allen Seiten. Auf Einzelpersonen mit ihren Tüten und Gepäckstücken treffen wir damals wie heute, damals wie heute wollen sie nichts von uns wissen. Die Berliner Tafel, die es 1992 ebenfalls noch nicht gab, bewegt mehrere Tonnen Lebensmittel jeden Tag, meterweise Brot, Obst, Gemüse stapeln sich in den Gängen der Lagerhalle des Großmarktes .
Straßenzeitungsverkäufer hetzen oder schleichen in U- und S-Bahnen von Waggon zu Waggon, die meisten sind genervt, wenn sie in Gespräche verwickelt werden. Dies und vieles mehr gäbe es zu erzählen von unseren täglichen Ausflügen. Erschöpft kehren wir jeden Abend heim und sichten am Laptop die gemachten Aufnahmen.

[Frust] Es drängt sich auf, Vergleiche zu ziehen zwischen 1992 und 2015. Drei Aspekte fallen ins Auge: Erstens: Es sind deutlich mehr Menschen, die wir als wohnungslos oder arm wahrnehmen. Die Anzahl dieser Menschen auf öffentlichen Straßen und Plätzen hat deutlich zugenommen. Die Einrichtungen haben sich vergrößert und sind allesamt gut gefüllt. Vor allem fallen uns die Slums an einigen besonderen Orten in der Stadt auf. Darüber hinaus entdecken wir überall Spuren und Hinweise, die uns sagen, dass hier offensichtlich Menschen auf der Straße übernachten. Uns fehlte die Kraft, dem im Einzelnen immer nachzugehen. Aber nicht alles ist neu, das zeigt der Vergleich des Fotomaterials 1992 und 2015: Kinder fotografierte Karin schon damals, ebenso kranke und alte Wohnungslose, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Zweitens: Wo uns 1992 noch mit Neugier und Interesse begegnet wurde, herrscht inzwischen überwiegend Misstrauen und Ablehnung. Das kann nicht nur an uns liegen. Während die Kamera 1992 noch ein persönliches, exklusives Arbeitsmittel darstellte – Wir interessieren uns für Dich! - und wir argumentieren konnten, dass wir mit einzigartigen Fotos etwas über das Thema erzählen wollten, ist im digitalen Jahrhundert die Kamera ein unkontrolliertes, unkontrollierbares Denuntiationswerkzeug geworden: Deine missliche Lage machen wir mit dem im Internet geposteten Foto für alle Welt und für alle Zeiten sichtbar. Ein Fluch, der dich tausendfach verfolgen wird, denn das Internet vergisst nicht!, so die Wahrnehmung vieler Wohnungsloser. Schon die Möglichkeit einer Aufnahme wird zum Dämon, die Kamera zum Problem.
Drittens: wir spüren oftmals eine angespannte, aggressive Stimmung. Sie ist sofort da, wenn wir uns mit Fotoapparat nähern, die aber auch ganz unabhängig von uns den Raum füllt. Es ist nicht leicht, den Ursachen dafür auf die Spur zu kommen. Aussicht auf eine Wohnung? Aussicht auf einen Job? Aussicht auf eine Therapie? Experten, die wie wir seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet arbeiten, bestätigen uns, dass die Gesellschaft insgesamt weniger durchlässig, weniger offen, weniger empathisch, weniger solidarisch geworden ist. Wer seine Armut öffentlich thematisiert oder sogar zur Schau stellen muss, kann immer weniger auf Verständnis hoffen, sondern muss mit Ablehnung, Beschimpfung oder Vertreibung rechnen. Die Straße ist für immer mehr Menschen die Endstation und als einziger Ausweg erscheint die Flucht in die Droge, in den Wahn. Was bleibt, ist Frust. Und den spüren wir in all seinen Facetten.

[Gestaltung] Karin ist in Berlin, es entstehen neue und, wie ich finde, teils spektakuläre Fotos, aber ich habe noch keine Idee, wie das Ganze präsentiert werden kann. Die Fotos  einzurahmen und aufzuhängen, wäre langweilig und erwartbar. Die Fotos aus dem Jahr 1992 sind in schwarzweiß erstellt, die aus dem Jahr 2015 farbig. Können wir damit arbeiten? Schon in meiner Zeit beim strassenfeger habe ich auf große Fotos gesetzt, weil Fotos mehr leisten können als nur einen Text zu illustrieren. Ein Foto ist eine Aussage. Schon beim Sichten der Fotos am Computer arbeiten wir mit dem Zoom. Was passiert, wenn wir uns auf Ausschnitte konzentrieren? Wie verändert sich die Wirkung durch Vergrößerung? Wäre es ein Weg, die Fotos möglichst groß zu machen?
Wir treffen uns mit Ryn Shaparenko, einem Grafiker und Künstler, der jahrelang den strassenfeger gestaltet hat. Moderne digitale Drucktechniken erlauben heutzutage großflächige Formate und die kosten gar nicht mal viel Geld. Nach einigem hin und her kommen wir auf die Idee, dass wir großformatige Folien an Bauzäunen befestigen könnten. Diese sind einfach zu beschaffen und symbolisieren ebenso ein Draußen, etwas Vorläufiges, Prekäres. Mit Bauzäunen wäre die Ausstellung auch draußen zeigbar. Es sollte aber nicht nur ein Zaun sein. Auf dem Papier entstehen Skizzen, und plötzlich steht ein Konzept für eine Installation aus fünf Bauzaunelementen. Später baut Ryn ein Modell und aus der Idee wird eine Gewissheit: So können wir die Aussagen der Fotos anspruchsvoll transportieren und dem Thema angemessen strukturieren. Außenansichten, die schnell erfassbar sind und die Öffentlichkeit des Straßenlebens in seiner ganzen Verletzlichkeit zeigen und zugleich umrissene provisorische Raumstrukturen, die ein vorläufiges, fragiles Innen andeuten: Die nur halbwegs geschützte Platte, der aufgesuchte unsichere Notschlafplatz, die für wenige Stunden geöffnete Suppenküche. Die schwierigen Lebensumstände werden in ihrer ganzen Komplexität erfassbar.

[Sprache] Parallel dazu erfolgt die Sichtung und Sortierung der Fotos in unterschiedlichen Konstellationen mit mehreren Beteiligten. Welche Fotos sind herausragend und sollten unbedingt gezeigt werden, weil sie einen wichtigen Sachverhalt repräsentieren? Welche Fotos gehören inhaltlich zusammen? Welche Themen sind abzubilden? Wo genau werden die einzelnen Fotos positioniert? Es sind einzelne Fotos, die herausragend sind. Andere gruppieren sich dazu weil sie weitere Umstände offenlegen oder neue erschließen. Ryn erhält von mir mehrere kleine Stapel vorsortierter Fotos, vielleicht ein Fünftel aller entstandenen Bilder. Es ist noch immer viel zu viele. Bestenfalls die Hälfte wird er verwenden. Ich vertraue seinem Urteilsvermögen. Ab jetzt entscheidet er. Schon wenige Tage später legt er die Entwürfe vor, es sind nur wenige kleine Korrekturen erforderlich. Schon vorher hatten wir eine Ahnung, die nun zur Gewissheit wird: Auf lange, erklärende Texte können wir verzichten. Die Fotos sprechen für sich. Nur in ganz wenigen Fällen sind knappe Erläuterungen erforderlich.

[Geschäft] Gibt es Gnade auf der Straße? Die gab es wohl nie. Gerade weil das Leben auf der Straße so unbarmherzig ist, haben Menschen schon immer Behausungen gebraucht und gebaut. Aber selbst diese können letztlich kein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Leben auf der Straße ist immer gefährdet. Innergesellschaftlich verhandelt wird immer wieder neu die Frage, wie damit umgegangen werden soll. Wir errichten Zäune und Mauern, schließen die Türen ab, dass die, die drin sind, geschützt werden und die, die draußen leben, auch dort bleiben. Das ist der gegenwärtig vorherrschende Trend. Oder sind wir solidarisch und teilen das, was wir haben? Dann müssen wir lernen, unsere Türen wieder zu öffnen und die Menschen, die bisher draußen waren, einzuladen, herein zu kommen.
Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 stieg die Zahl der Wohnungslosen in den darauf folgenden Jahren enorm an. Das war aber auch eine Zeit, die viele innovative Ansätze und Hilfeangebote hervorgebracht hat. Und wie ist es heute? Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Zerstörung und Terror kommen nach Europa, und es werden Zäune und Mauern errichtet, mit Schießbefehl und Zwangsdeportation gedroht. Wohnraum wird nach wie vor als Ware gehandelt und ist unzugänglicher als jemals zuvor. Selbst der Bau und der Betrieb von provisorischen Containersiedlungen für Flüchtlinge wird zum profitablen Geschäft. Das war und ist in der Wohnungslosenhilfe nicht grundsätzlich anders.  Angesichts dieser Beispiele stellt sich die Frage, ob Solidarität und Nächstenliebe nur noch zu Marketingzwecken taugen.

[Teilen] Gibt es Hoffnung? In den großen Städten der globalisierten Welt lebt eine kleine kaum wahrnehmbare Minderheit, die sich nicht mehr einschließen will, die nicht mehr denkt my home is my castle. Räume und Wohnungen werden nicht mehr nur besessen und bewohnt, sondern zunehmend auch geteilt, getauscht, verliehen, nomadisch genutzt. Die Wohnung wird zum Transitraum. Sind das die Vorboten einer neuen gesellschaftlichen Transparenz, die letztlich auch wohnungslosen Menschen neue Räume eröffnen wird? Oder ist das fluide Wohnen nur eine reflexartige Adaption, eine optimierte Anpassung an alternativlose globale Ausbeutungssachzwänge? Hat die Erfahrung, dass wir alle mehr haben, wenn wir teilen, noch eine Chance?

[Gnade] Die Ausstellung von Karin Powser zeigt die Menschen an sich, ihre Lebensbedürfnisse, Schlafplätze, die Straße als ihren Lebensort, dazu einige Hilfeeinrichtungen. Hilft die Hilfe? Eröffnet sie neue Wege? Karins Fotos folgen eben nicht der stereotypen und nahezu immer asymetrischen Bildbotschaft zum Thema Obdachlosigkeit: Links eine beliebige Helferin mit der Suppenkelle, rechts in dankbarer, demütiger Pose, den Teller haltend, ein beliebiger abgerutschter Wohnungsloser. Karins Ausstellung hingegen transportiert eine Ahnung davon, was es heißt, auf der Straße überleben zu müssen. Nein, es gibt keine Gnade auf der Straße. Nur die eigene, den gegenwärtigen Standards entsprechende, rechtlich gesicherte Wohnung kann Abhilfe schaffen.

Berlin, 12.04.2016

Stefan Schneider
www.drstefanschneider.de

[Technische Hinweise zur Ausstellung]
Für die Ausstellung wird mindestens eine Fläche von etwa 8 x 8 Metern benötigt. Eine bessere Wirkung wird erzielt, wenn mehr Fläche zur Verfügung steht. Sie kann auch im Außenbereich gezeigt werden, hier sind ggf. entsprechende Genehmigungen einzuholen.
Die Ausstellung besteht aus 10 querformatigen Bauzaunplanen in den Maßen 340 x 175 cm, die an den Rändern mit Ösen versehen sind. Die Bauzaunplanen sind abrollbar und können beispielsweise in einem PKW transportiert werden. Benötigt werden weiterhin 5 Bauzaunelemente mit den Maßen 375 x 200 cm sowie 7 Bauzaunfüße sowie etwa 200 Kabelbinder. Die standardisierten Bauzaunelemente sowie die Bauzaunfüße sollten vor Ort bei entsprechenden Bauunternehmen ausleihbar sein, können aber auch von den Ausstellungsmachern organisiert und zusammen mit der Ausstellung angeliefert werden. Zunächst sind die Bauzaunelemente mit Hilfe der Bauzaunfüße entsprechend der Skizze aufzubauen. Dort, wo zwei Bauzäune aufeinander stoßen, sollten diese mit mehreren Kabelbindern verbunden werden. Im zweiten Schritt werden dann die Bauzaunplanen mit Hilfe der Kabelbinder an den Bauzaunelementen an Vorder- und Rückseite befestigt.
Die Ausstellung wird um eine Installation ergänzt, die einen Schlafplatz darstellt. Dazu gehören eine Decke, ein Schlafsack, ein Sweatshirt, ein paar Schuhe, Zeitschriften, ein Pappbecher sowie eine faltbare Sackkarre und ein Rucksack. Zunächst werden die 4 Euro-Paletten, jeweils zwei übereinander, längsseitig angeordnet, so dass eine Fläche von 1 x 2 Metern entsteht. Decke und Schlafsack werden auf dieser Fläche ausgebreitet, die übrigen Gegenstände der Installtion dazu passend drappiert, damit der Eindruck entsteht, hier hätte gerade ein Mensch übernachtet.
Der Aufbau der Ausstellung kann von 2 Personen bewältigt werden. Es sind etwa 4 Stunden Zeit dafür einzuplanen. Insofern einzelne Bauzaunplanen z.B. durch Vandalismus beschädigt werden, können sie jederzeit neu gedruckt werden. Die Gebrauchsgegenstände der Schlafplatzinstallation können ersetzt werden. Es ist ratsam, die Ausstellung zu versichern. Der Neudruck aller Planen würde 700-800 Euro kosten.
Es bietet sich an, um die Ausstellung herum ein Begleitprogramm zu organisieren. Dieses könnte bestehen z.B. aus einer Diskussionsveranstaltung mit Wohnungslosen und anderen Experten, aus Fachvorträgen oder Filmen bzw. Dokumentationen. Die Ausstellungsmacher sind gerne bereit, das Begleitprogramm zu kuratieren oder zu beraten.

Vagabundenkongress 1939 Stuttgart, Gusto Gräser sprichtby taking the example of large group meetings of homeless people in germany 1929, 1991 and 2016.

ABSTRACT European Research Conference on Homelessness and Social Work in Europe Copenhagen, 23rd September 2016

In the last hundred years, two remarkable congresses of homeless people are reported in Germany, and a third big meeting will take place in summer 2016.

In Mai 21th−23rd in 1929 an „Internationaler Vagabundenkongress“ (International Congress of Vagabounds) took place in Stuttgart, Württhemberg, Germany, organized by the „Bruderschaft der Vagabunden“ (Brotherhood of Vagabounds), headed by Gregor Gog, the „König der Vagabunden“ (King of Vagabounds) with approximately 500 participants (Künstlerhaus 1982, Trappmann 1980).

In June 19th-22nd in 1991 a „Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen“ (Congress of Hobos, Tramps, Homeless and Have-Nots) took place in and around the Hans-Hergot-Tower in Uelzen, Lower Saxony, Germany, organized by Willy Drucker (Willy the Printer) with approximateley 200 participants (Powser 1993, Schneider 1991)

And last but not least, in July 24th-31st in 2016 a „Sommercamp wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen“ (Summer camp of homeless and former homeless people) will take place in Freistatt, Lower Saxony, a former labor colony, organized by Bethel im Norden, a provider of social services for homeless (Kruse/ Schneider 2016).

While the conferences of 1929 and 1991 are halfway documented (and the meeting of 2016 is halfway prepared), we have almost no research work about the effects of this meetings to the social work with homeless people. On the other hand topics like empowerment and participation will become more and more influence in the current debates of social work with homeless (Schlembach 2012).

In a comparative analysis we will ask for the social occasions, the motivations, the aims, the effects, the perception in the public and the impacts and influence of those meetings on social work with homeless.

Can we find some impacts on social work from these events and what are the conclusions regarding the support of self-organization, empowerment and partizipation of homeless people by the social work (Scheu/Autrata 2013, Schneider 2010)?

The author was participant at the congress of 1991 and organizer of the meeting of 2016. It will be the first presentation of the results of the 2016 summer camp of homeless people on an international research conference

References:

  • Künstlerhaus Bethanien (Hrsg) 1982: Wohnsitz: Nirgendwo – Vom Leben und vom Überleben auf der Strasse, Verlag Fröhlich und Kaufmann, Berlin.
  • Fähnders, Walter, Zimpel, Henning (Hrsg.) 2009: Die Epoche der Vagabunden. Texte und Bilder 1900–1945. Klartext Verlag, Essen (Schriften des Fritz-Hüser-Instituts 19).
  • Powser, Karin 1993: Obdachlos – keine Gnade auf der Straße. Fotografien. Texte Drinnen & Draußen, Heft 6, 1993. Hrsg.: Hannes Kiebel.
  • Schneider, Stefan 1991: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XII vom August 1991, S.14. Berlin 1991a
  • Schneider, Stefan 2010: Wohnungslose: Partizipation, Selbsthilfe und Selbstorganisation. Neue Wege zur Teilhabe von Betroffenen. Berlin
  • Scheu, Bringfriede/ Autrata, Otger 2013. Partizipation und Soziale Arbeit: Einflussnahme auf das subjektiv Ganze. Forschung, Innovation und Soziale Arbeit. Wiesbaden: Springer VS.
  • Schlembach, Julia 2012: Partizipation wohnungsloser Menschen: Eine qualitative Untersuchung der Betroffenenperspektive Esslingen 2012.
  • Trappmann, Klaus (Hrsg) 1980: Landstraße, Kunden, Vagabunden. Gregor Gogs Liga der Heimatlosen, Gerhardt Verlag, Berlin

Wann wird aus Vergewisserung antisoziales Misstrauen?

1. Normalität und Abweichung

Die Begriffe Norm und Normalität sind eng miteinander verflochten. Dabei ist vor allem der Begriff  der Normalität oder das, was wir dafür halten, Teil unseres Alltagsbewusstseins und wenig hinterfragt. Mit Blick auf die Position des Anderen wird offensichtlich, dass unsere Vorstellungen von Abweichung stark bestimmt sind von dem, was wir für normal halten. Das spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Konzepten von abweichendem Verhalten weder, wie sie etwa LAMNEK in seinen Theorien abweichenden Verhaltens und in den Neuen Theorien abweichenden Verhaltens vorstellt. Tatsächlich sind Normalität und Abweichung ein aufeinander bezogenes Begriffsfeld. Und es ist nicht nur etwa so, dass es immer wieder neu analysiert, interpretiert und mit neuen Konzepten erklärt werden muss. Es scheint vielmehr so zu sein, dass das, was mit den Begriffen gemeint ist, auf ein tatsächliches innergesellschaftliches Konfliktfeld verweist. Also dass das, was als normal gilt und das, was als abweichend gilt, immer wieder neu verhandelt wird. "Damit wird eine soziale Ordnung, die zwischen Normbrechern und Gesetzestreuen unterscheidet, ständig neu reproduziert. Kriminalität ist kein Verhalten, sondern es wird aufgrund der beschriebenen Prozesse zu einem negativen Gut, das im weiteren den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen beschneidet." (LAMNEK 1997, S. 47f). Dabei scheint es sich so zu verhalten, dass Normalität das Etikett für die durchgesetzte Mehrheitsposition sein könnte, und demnach Abweichung bzw. Kriminalität das Label für Minderheitenpositionen wäre, die nicht mehr oder noch nicht auf Akzeptanz stoßen. "Die Fragen nach ungleichen Einflussmöglichkeiten gesellschaftlicher Gruppen auf die Neuformulierung, Aufrechterhaltung und Durchsetzung von Normen sind insbesondere Gegenstand einer konflikttheoretisch orientierten Kriminologie. Jene Konzepte, die das Recht als Produkt von Konflikten begreifen, stellen einen wichtigen Schritt in der Kritik an einer ätiologisch ausgerichteten Kriminologie dar, die das Recht als die Kodifizierung universaler Normen begreift. (LAMNEK 1997, S. 49f). Normen und Normalität sind also – aus der Sicht von LAMNEK – positiv konnotiert, während demgegenüber Abweichung und Kriminalität als negatives Gut angesehen werden. Aber ist das wirklich so? Oder muss nicht auch diese Position kritisch hinterfragt werden?

2 Die Macht der Normalität

Mit Blick auf den französischen Soziologen und Historiker Michel FOUCAULT kann das Verhältnis von Normalität und Abweichung nochmals genauer akzentuiert werden: Wenn wir annehmen, dass Macht vor allem in normativen Dispositiven durchgesetzt wird, verweist der Begriff Normalität auf etablierte Macht- und Kontrollverhältnisse, und Abweichung wäre das Terrain, das sich mehr oder weniger der Kontrolle der Macht entzieht. FOUCAULT formuliert die These, "dass seit dem 18. Jahrhundert die Macht der Norm zu anderen Mächten hinzutritt und neue Grenzziehungen erzwingt: zur Macht des Gesetzes, zur Macht des Wortes und des Textes, zur Macht der Tradition. Das Normale etabliert sich als Zwangsprinzip [...]; es etabliert sich in der  Regulierung und Reglementierung der industriellen Verfahren und Produkte. Zusammen mit der Überwachung wird am Ende des klassischen Zeitalters die Normalisierung zu einem der großen Machtinstrumente. [...] Einerseits zwingt die Normalisierungsmacht zur Homogenität, andererseits wirkt sie individualisierend, da sie Abstände misst, Niveaus bestimmt, Besonderheiten fixiert und die Unterschiede nutzbringend aufeinander abstimmt. Die Macht der Norm hat innerhalb eines Systems der formellen Gleichheit so ein leichtes Spiel, da sie die Homogenität, welche die Regel ist, als nützliches Imperativ und präzises Messergebnis die gesamte Abstufung der individuellen Unterschiede einbringen kann." (FOUCAULT 1997, S. 237).

Normalität ist für FOUCAULT vor allem Disziplinierung. Mit dieser Interpretation wird möglich, zum einen unserer Verständnis von Normalität einer Kritik zu unterziehen und die problematische Spur der Herrschaft der Normalität sichtbar zu machen. Die Herstellung von Normalität wird aus dieser Perspektive zur zentralen Voraussetzung für Kriegsführung, Umweltzerstörung, Ausbeutung von Mensch und Natur. Aus dieser Perspektive von Normalität können die Konzepte von Abweichung und Kriminalität, wie sie LAMNEK vorstellt, nicht mehr als Erklärungsmodelle gesehen werden, sie sind vielmehr zu verstehen als Instrumente mit denen Herrschaft und Kontrolle ausgeübt wird über unangepasste Menschen und nicht konforme Lebensweisen: "Das Kerkernetz verstößt den Unanpassbaren nicht in eine vage Hölle; es hat kein Außen. Wen es auf der einen Seite auszuschließen scheint, dessen nimmt es sich auf der andern Seite wieder an. Es geht mit allem haushälterisch um, auch mit seinem Sträfling. Und es will auch den nicht verlieren, den es disqualifiziert hat. In dieser panoptischen Gesellschaft, deren allgegenwärtige Strategie die Einkerkerung ist, ist der Delinquent kein 'Gesetzloser'. Vielmehr steckt er von Anfang an mitten im Gesetz: mitten in den Mechanismen, die unmerklich zwischen Zucht und Gesetz, zwischen Abweichung und Rechtsbruch vermitteln." (FOUCAULT 1997, S. 388f). Mitte und Rand der Gesellschaft, Normalität im Zentrum, Abweichung außen oder draußen – mit dieser Vorstellung räumt FOUCAULT gründlich auf. Der Herstellung von Abweichung ist ein Kernprozess in der Mitte der Gesellschaft – Normalität ist das Instrument.

3 Digitales Panoptikum oder Kontrollverlust und Post-Privacy?

Die von FOUCAULT vorgestellte panoptische Gesellschaft, in der von zentraler Stelle alles überwacht werden kann, bekommt in den Zeiten des globalen Internets eine neue Bedeutung. Das wird deutlich an der Debatte um Facebook. Eine kurze Zeit lang wurde dieses Portal gefeiert als Beispiel für eine neue, interaktive Qualität im Netz, als Paradigma für das sogenannte Web 2.0, als Inbegriff von Social Media. Es war zunächst toll und aufregend, bekannte Menschen aus Schule, Uni, Job und Freizeit im Web wiederzufinden – mit Foto und der Möglichkeit, sie als Freunde per Mausklick seiner eigenen Facebookseite hinzufügen zu können. Aber etwa parallel mit der Ankündigung, an die Börse zu gehen, mehrten sich die Stimmen, die auf Grundlage von Untersuchungen ein ganz anderes Bild dieser Plattformen zeichneten:  "Soziale Netzwerkseiten sorgen nicht für Gleichheit auf dem Spielfeld der Kontrolle: Sie erzeugen eine grundlegende Asymmetrie, in der diejenigen, die die Gemeinschaft produzierenden Ressourcen besitzen und verwalten, einen Reichtum an Informationen gewinnen, und zwar nicht bloß, um Konsumbedürfnisse zu befriedigen, sondern um Ängste und Unsicherheiten zu nutzen wie Hoffnungen und Träume zu manipulieren. Die Nutzer hingegen haben nur eine ganz vage Vorstellung davon, welche Arten von Informationen gesammelt und wie sie verwendet werden." (ANDREJEVIC 2011, S. 46f).

Dennoch gibt es andere Stimmen, die das Internet nicht als Fortführung des FOUCAULTschen Panoptikums, sonder eher als ein Instrument der Emanzipation, Selbst- und Gesellschaftsveränderung betrachten. Sie tun dies bisweilen mit zunächst verstörenden Begrifflichkeiten. Einer der führenden Internettheoretiker, Michael SEEMANN, thematisiert bezeichnenderweise nicht eine Zunahme der Überwachung (obgleich er solche Tendenzen durchaus beobachtet und problematisiert). Für ihn ist vielmehr der umfassende Kontrollverlust eine positive und notwendige, ja wünschenswerte Wirkung des Internets: "Ein Großteil meines Lebens spielt sich im Internet ab. Und ich verliere täglich die Kontrolle darüber. Über jedes Wort, das ich schreibe, jedes Bild, das ich hochlade, jeden Gedanken, den ich äußere. Über mich und mein Selbst- und Fremdbild. Denn alles was ich tue, sage und von mir preisgebe, arbeitet in mir fremden Datenbanken und Gehirnen und entwickelt ein gespenstisches Eigenleben. Ich habe mich daran gewöhnt, die Kontrolle zu verlieren, denn das, was ich im Austausch bekomme, ist viel besser. Ich bin zwar nur noch ein Teil von mir, aber das mentale Modell meines Geistes endet schon lange nicht mehr an meinem Bewusstsein. Ich bin heute größer als ich. Ich bin ich und ein gigantischer Resonanzkörper aus verschalteten Gehirnen und Algorithmen. Sie wissen, was ich wissen muss, sie erinnern meine Erinnerung und stören jederzeit meine Konzentration – wie Geistesblitze. (SEEMANN 2010).  

Beständig teilen Menschen sich im und über das Internet mit, sie geben (bereitwillig und ungezwungen, anonym oder mit vollem Klarnamen) Auskünfte über sich selbst in Form von veröffentlichten Texten, hochgeladenen Files, Partybildern, Verlinkungen und weiterem mehr. Die so generierte Öffentlichkeit von im Netz erkennbaren individuellen Spuren ist schwer rückholbar, und vor allem steht sie im Gegensatz zu ebenfalls berechtigten Forderungen nach Privatheit und Datenschutz. In diesem Kontext entwickelt ein anderer Webtheoretiker – Christian HELLER – die These, dass das Ende der Privatsphäre mit dem Internet längst gekommen ist. Der Abwehrkampf um Privatsphäre ist längst verloren, weil eine große Mehrheit  in stundenlanger immaterieller Datenarbeit auf großen Plattformen wie Facebook, Google, Pinterest, Twitter, MySpace usw. persönliche Informationen zur Verfügung zu stellen. Dieser verwertbare Datenstrom ist weitaus wirkungsmächtiger ist als jene Skeptiker, die versuchen, den Datenfluss zu regulieren, zu begrenzen oder sogar abzuschotten.  HELLER sieht für das Individuum mit den Sozialen Netzwerken die Epoche der Post-Privacy angebrochen. Für ihn ist Privatheit letztlich auch ein Hinderungsgrund für die Weiterentwicklung unserer Persönlichkeit selbst, denn das Internet gibt uns die Möglichkeit, unsere Geschichte(n), Vorlieben, Wünsche, Sehnsüchte, Triebe, Abgründe aber auch Widerwärtigkeiten neu zu organisieren. Das Netz ist ein mögliches universales Instrument für neue, uns erweiternde und bereichernde Techniken des Selbst.  

Beide, HELLER wie SEEMANN, wenden ihre zunächst auf der persönlichen Ebene formulierten Erfahrungen in die gesellschaftliche Dimension und skizzieren ein politisches Szenario – für das es ebenfalls Indizien gibt.
Eine vollständige gegenseitige Offenheit, die im übrigen deutlich abgrenzt wird von der totalen Kontrolle eines ORWELLschen 1984, sei eine wichtige Voraussetzung für eine transparente, sich selbst steuernde Gesellschaft. Beide Effekte, Kontrollverlust und Post-Privacy stellen bisherige gesellschaftliche Konzepte von Normalität radikal in Frage, und das wird auch in neuen Formen menschlicher Gesellschaftlichkeit sichtbar: p2p Tauschbörsen stürzen die Musikindustrie in die Krise, Twitter & Co setzen Zeitungsimperien und Regimes unter Druck, Couchsurfing bedrängt die Tourismusbranche, mybus etabliert sich als Alternative zu Bahn, wikileaks bedrängt intransparentes Regierungshandeln und weiteres mehr.

Auf der anderen Seite ist den formulierten Visionen von einer besseren Welt entgegenzuhalten: Die digitale Organisation war von Anfang an ein Instrument der Optimierung von unternehmerischen Profiten – es sind eben nicht nur die Lochkarten für die Volkszählung, sondern auch die Magnetstreifen der Geld- und Spekulationsgeschäfte. Es ist nicht nur die digitale Verabredung zur Party sondern auch die optimale Disposition von Flugbuchungen und sonstigen Verkehren und öffentlichen und privaten Verkehrsgesellschaften. Es ist nicht nur die digitale Schnäppchenjagd, sondern eben auch die effektive Lager- und Transportlogistik der Food-Companies und aller anderen Unternehmen. Die Hypothese dazu wäre: Wer als Unternehmer seine Daten digital organisieren kann, schafft sich einen Wettbewerbsvorteil, weil er damit einen Zuwachs von Geschwindigkeit, Effizienz, Disponibilität und Variabilität erreichen kann. Je größer der Anteil der Digitalisierung an der Gesamtproduktion, desto großer die Profitrate. Mit der Digitalisierung verschieben sich grundlegend die Grenzen zwischen fixem und flexiblem Kapital, eine wesentliche Voraussetzung, um immer neue Tatbestände menschlicher Existenz einzuhegen und einer fiskalischen Verwertungskette zuzuführen. Die Normalität des globalen Kapitalismus eben.

4 Umkämpfte Normalität

Der Kampf um Macht, Herrschaft und Normalität – und das, was als abweichend gilt - wird auch im digitalen Zeitalter geführt, auch wenn dies, wie die Webtheoretikerin Mercedes BUNZ darlegt, nicht immer zwingend offensichtlich ist. "Wenn die Technologie uns Handlungen abnimmt und die entsprechenden Prozesse in Struktur gießt, finden wir uns unserer Handlungspositionen beraubt. Denn indem Technologie menschliches Handeln automatisiert, schränkt sie es auch ein. Damit sind wir exakt an einem Punkt angelangt, der schon Platon beunruhigte: Technologie kann zu Verarmung führen." (BUNZ 2012, S. 80) Diese Verarmung kann potenziert werden, wenn Konzerne in er Lage sind, darüber zu bestimmen, welche Technologie auf den Markt gebracht wird: Proprioritäre Software etwa, die unbemerkt vom Nutzer, unterschiedlichste Daten von Nutzern an die Hersteller zurücksenden – um nur ein Beispiel zu nennen. Das Internet selbst ist beides – Instrument der Emanzipation von bestehenden Herrschaftsverhältnissen und Vehikel von Kontrolle und Überwachung. "Zum einen konfrontieren uns die in den Maschinen fixierten Handlungsabfolgen zwar mit einer gewissen Logik, aber diese Logik ist kein Alleinherrscher oder Diktator. Maschinen haben keine Interessen, sie haben keinen Willen. Sie sind letztlich immer irgendwie unbestimmt. Zum anderen ist Technologie nie geschlossen. Apparate müssen offen sein, um überhaupt angewandt werden zu können, und damit sind sie zugleich offen für Veränderungen." (BUNZ 2012, S. 81f).

In einer normalen Gesellschaft wird immer kontrolliert und überwacht. Je stärker die im Raum der Abweichung sich abzeichnenden Alternativen sind, desto offensichtlicher und offener die antisoziale Repression. Die Zahl der Kameras im öffentlichen Raum, die Vorratsdatenspeicherung, die Videoüberwachung, die Debatte um Staatstrojaner, die Möglichkeit des Datenabgleiches zwischen Ermittlungsbehörden und die Funkzellenortung von Personen, die Bildung von staatlichen Einheiten gegen Cyberkriminalität – Maßnahmen wie diese dienen nicht oder oder nicht nur, wie behauptet wird, zu Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit. Sie sind auch ein Drohpotential gegenüber unangepassten, nicht konformen Menschen und ihren Ideen. Auf der anderen Seite ist aber in zentralen Lebensbereichen eine Tendenz erkennbar, dass Prinzipien, die sich im Netz etabliert haben, auch in das reale Leben zurückwirken. Die Erwartung einer freien Verfügung über Daten wird ausgedehnt auf den Anspruch, auch über Naturprodukte und produzierte Waren frei verfügen zu wollen. Die Idee des Gemeineigentums wird erneut aufgegriffen und zunehmend breiter diskutiert. Welche neuen gesellschaftlichen Strukturen sich im Verlauf dieses Prozesses etablieren werden, vermag bislang noch niemand im Entwurf in einer ganzheitlichen Zukunftsprognose verlässlich zu sagen.

Ein kritischer Blick auf das, was in den milliardenfachen Klicks an den Rechnern dieser Welt in Form von immaterieller Arbeit zum Ausdruck kommt, zeigt, dass sich unsere Lebens- und Gesellschaftswirklichkeit so dramatisch verändern wird, dass unser gegenwärtiger Vorstellungshorizont zur Zeit nicht ausreicht, um dies zu erfassen. Es ist ein Prozess, der ähnlich dramatisch ist wie die gesellschaftlichen Umwälzungen nach der (Wieder-)Entdeckung des Buchdrucks durch Gutenberg in den Jahren nach 1448. Es kommt darauf an, diesen Konflikt um Normalität und Herrschaft auszutragen, da bisher noch alle Errungenschaften menschlicher Zivilisation zuerst eine Abweichung waren von dem, was irgendwann später als normal angesehen wurde. Wenn also noch nicht entschieden ist, wie die Zukunft sein wird, kommt es umso mehr auf uns an. Wir haben zu entscheiden, denn die Vernetzungskultur ist zunächst nicht viel mehr als das halbwegs Soziale: "Was wird geschehen, wenn wir einmal die Angst vor Überwachung und Kontrolle verlieren? Wird anonymes Handeln, wie das Abstimmen bei öffentlichen Wahlen, nicht mehr nötig sein, weil diese Information durch andere Mittel öffentlich zur Verfügung gestellt werden? Oder sollten wir vorsichtig bleiben und den Maskenball als vorübergehenden Ausnahmezustand betrachten?" (LOVINK 2012, S. 67)

Literatur

  • Andrejevic, Mark: Facebook als neue Produktionsweise. In: Leistert, Röhle 2011, S. 31 – 49.
  • Bunz, Mercedes, Die Stille Revolution (Berlin: Suhrkamp, 2012)
  • Foucault, Michel, Überwachen Und Strafen, 3. Aufl. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997)
  • Heller, Christian, Post Privacy : Prima Leben Ohne Privatsphäre, 1. Aufl. (München: Beck, 2011)
  • Lamnek, Siegfried, Neue Theorien abweichenden Verhaltens., 2. Auflage (München: UTB, 1997)
  • Lamnek, Siegfried, Theorien abweichenden Verhaltens (München: UTB, 2001)
  • Leistert, Oliver; Röhle, Theo (Hrsg.), Generation Facebook : Über Das Leben Im Social Net., 1., Aufl. (Bielefeld: transcript, 2011)
  • Lovink, Geert, Das halbwegs Soziale : Eine Kritik der Vernetzungskultur (übersetzt aus dem Englischen von Andreas Kallfelz) (Bielefeld: Transcript, 2012)
  • Seemann, Michael, Demokratisch in Die Kontrollgesellschaft | Ctrl+verlust’, 2012 <http://www.ctrl-verlust.net/demokratisch-in-die-kontrollgesellschaft/> [accessed 25 May 2012]
  • Seemann, Michael: Über dieses Blog. 2010. URL: http://www.ctrl-verlust.net/uber-dieses-blog/
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