| Wohnungslosenselbsthilfe Köln um 2001 | | Drucken | |
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Guten Tag! Vom Verein OfW e.V. in Köln erreichte mich um das Jahr 2001 nachstehend dokumentierte Konzeption zur Wohnungslosenselbsthilfe. Dieses Konzept ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluß, enthält aber doch den einen oder anderen Gedanken, der im Zusammenhang der Diskussion von Selbsthilfe und Wohnungslosigkeit von Wichtigkeit ist. Ob es den Verein noch gibt und was er macht, ist mir nicht bekannt. Berlin 02.04.2007 1. Das alte SystemDie Geschichte der Wohnungslosenhilfe ist die der fortgesetzten Bevormundung, Einschränkung, Beeinflussung und Disziplinierung von Außenseitern und Armen - der Nichtrespektierung und nonkonformer Lebensformen, besser gesagt: Überlebensformen. Im Vordergrund der sozialen Arbeit bzw. der bürgerlichen Fürsorge standen: Kontrolle, Ordnung, Belehrung und ein starkes Bedürfnis nach Systematisierung und Professionalisierung der Sozialarbeit. Der in verschiedenen Erhebungen festgestellte überproportionale lange Verbleib der Betroffenen im Hilfesystem legt den Verdacht nahe, daß Bewahren und Festhalten im weitesten Sinne Vordergründige oder verdeckte "gute Absicht" jedweder Hilfe war und noch ist, statt Verändern, Öffnen und Loslassen. Buchstäblich eine chronische Sisyphusarbeit. Der Stein rollt wieder und wieder. "Der Kampf gegen den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Die Wohnungslosen haben sich über viele Epochen hinweg auf das jeweils gültige Setting im Hilfesystem flexibel eingestellt, ja eingebettet. Wer sich in das gemachte Nest der Voll- und Teilversorgung hineinbegibt, weiß in der Regel, was ihn erwartet; Drei Tage oder drei Jahre, lästige Befragungen zu seiner Biographie, aber ein Dach über dem Kopf, mit dem Preis der Unselbständigkeit und Entmündigung - wenig Platz für Persönlichkeitsbildung.
Entwicklungschancen?
2. OfW e. V. - sozialer Raum für VeränderungAls eine der Grundvorausssetzungen für einen lebendigen sozialen Betrieb ist die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Bestehenden, die Bereitschaft zur selbstkritischen Bestandsaufnahme der sozialen Praxis, da Hinterfragen eigener Ziele und Wünsche. Zielformulierung:
Diese Einzelziele hängen zwar alle miteinander zusammen, sollten aber nicht unvorsichtigerweise als reines Zielbündel betrachtet werden, da selten alle Ziele gleichzeitig zu erreichen sind. Sie sind der Orientierungsrahmen eines lange währenden Prozesses aller Beteiligten Personengruppen. 3. Selbsthilfe - Selbstforderung - VerantwortungDer sukzessive Abbau der Versorgung von oben, das zulassen „wilder“ Tagesabläufe, macht Kräfte der Wohnungslosenhilfe frei für mehr Solidarität untereinander, für Selbstverantwortung und Ideenreichtum.
Selbstversorgung heißt auch, daß man Anerkennung oder Kritik erntet für das was man selbst produziert hat. Der Betroffene ist für das, was er herstellt, verantwortlich, und er weiß das sehr genau. Ein Abschieben von Mängeln und Fehlern auf eine andere Instanz ist letztlich nicht möglich (Abwälzen auf andere). Ein Weg des Erwachsenwerdens. Selbstversorgung ist ein aktiver Prozeß des Einzelnen. Er wird gefordert. Er ist selbst gefordert aus Einsicht in die Notwendigkeit und langfristig aus Lust am eigenen Erfolg. Je mehr Möglichkeiten zur Selbstforderung gegeben sind, desto weniger ist die Gefahr des Abgleitens in die Verwöhnung. Verwöhnung ist „Lust ohne Anstrengung“. Die notwendige Selbstforderung und natürliche Anstrengung statt Verwöhnung führt auch zur Abnahme von aggressiver Langeweile. Lust und Befriedigung ohne Anstrengung erfordert künstliche Anforderungsprogramme und dauerhafte Animateure von außen, wie wir sie zur Genüge in unserer Konsumkultur kennen. Die Sozialarbeit läuft Gefahr, diese verhaltensökologischen „Unbildungen“ zu übernehmen: Versorgung, Bedienung, Service, Programme zum Zeittotschlagen, Abnehmen von Verantwortung des anderen für seine Lebensgestaltung, aus Bequemlichkeit oder aus Ungeduld, weil nichts passiert usw. 3.1. Gemeinsames HandelnSelbstversorgung, die Selbstverantwortung, Selbstorganisation, Eigeninitiative und Selbstregulation beinhaltet, erzeugt ein Mehr an Können bei den Betroffenen. Können, angeeignete Fähigkeiten, Leistungen sind wiederum die Voraussetzungen für gemeinsames Handeln in einer Gemeinschaft. Unterschiedliche individuelle Fähigkeiten und Leistungen innerhalb einer Gemeinschaft machen erst Sinn für Kooperation und Mitverantwortung (beim Prinzip der Versorgung dagegen wird man mit allem Notwendigen versehen, ohne Rücksicht auf eine zuvor erbrachte Gegenleistung). Platt gesagt: Wer nichts kann, kann auch mit niemandem wirklich zusammenarbeiten. Ähnlich verhält es sich mit der Solidarität, eine fast schon verschüttete Tugend im Kampf ums Überleben und um die besseren Plätze. Solidarität unter den Leuten lebt wieder auf, wo die Chancen geboten werden, die eigenen Kräfte aufs Spiel zu setzen, sich auszuprobieren in Konkurrenzsituationen mit selbstentwickelten Spielregeln (Konkurrenz ist eine sehr ursprüngliche und natürliche menschliche Spiel- und Verhaltensform, die keineswegs negative Wirkung haben muß). Selbsthilfe und Selbsthilfeversorgung ist Teil der längst fälligen Demokratisierung der Wohnungslosenhilfe durch:
3.2. Akzeptanz von Unterschiedlichkeit und IndividualitätSelbsthilfe ist die Entscheidung für lebendige (auch schmerzhafte) Prozesse und Entwicklungen und gegen griffige Strategien und schnelle Lösungen. Verzicht auf Strategie heißt, das Wagnis einzugehen, auch mit leeren Händen dazustehen. Selbsthilfe heißt, den/die Betroffene/n an seinen/ ihren Möglichkeiten zu messen und nicht an seiner Norm. Das heißt:
Selbsthilfe ist das konsequente Suchen danach, was die Betroffenen können, ein aufmerksames Eingehen auf das, was von diesen Menschen eingebracht wird, ein Aufgreifen all dessen, was sich an Alltagssituationen aus der Realität ergibt. Selbständigkeit und Autonomie der Wohnungslosen entziehen dem Helfer den Boden, auf dem er gewöhnlich steht, nämlich Programme zu machen, Angebote zu machen, Experte zu sein etc. Neues Überdenken der sogenannten „Aufgaben“ von Sozialarbeit (z.B. weniger ausgefeilte Programme, Hilfeangebote, kompetentes Zurseitestehen: „Wir sind immer für Dich da!“. 3.3. NischensucheNormalisierung ist Arbeit an der Aufhebung des Ausgegrenztseins von Wohnungslosen - damit Integrationsarbeit - und doch jederzeit die Sorge um die mögliche Erfordernis von Gegenmodellen und Nischen zum Schutz der Betroffenen vor der Leistungs- und Überforderungsgesellschaft; in diesem Sinne Erfahrung eines freundlichen und freien Umgangs miteinander, ein Leben, in dem die Menschen in ihrem Eigensinn und ihrer Unberechenbarkeit zählen. Normalisierung und Integration sind ein langer Weg und weit weniger eine Frage von Programmen, Therapien und pädagogischen Techniken; alles andere als Hilfe, die übervorsorgt und entmündigt, die gemeindefern den Hilfesuchenden in Asylen oder Wohnheimen ausgliedert, statt die Teilnahme am kommunalen Leben zu ermöglichen. Eigenverantwortlichkeit, Selbstversorgung und Betroffenenbeteiligung gehören zusammen. Alle diese Elemente, Normalisierung eingeschlossen, sind miteinander verknüpfte Funktionen, deren Wirksamkeit im Abbau der Abhängigkeiten von der Versorgung durch professionelle Helfer, aber auch in der Verringerung (Einschränkung) von inneren Abhängigkeiten (Lebensängste, Sucht etc.) liegen sollen und können. 3.4. Regeln mit eigenem Stempel versehenDie Absichten dieses offenen Konzeptes bestätigen sich in der Praxis, wenn auch immer wieder betont werden muß, daß Denken und Handeln in Prozessen wichtig sind. Zu stark wirken noch die Vorprägungen des konventionellen Systems der Wohnungslosenhilfe auf alle Beteiligten. Es kostet einiges an Disziplin und Praxisbearbietung von allen Mitarbeitern, dem verführerischen Blick der Betroffenen nach oben - damit ihnen in schwierigen Situationen die Entscheidung hoffentlich abgenommen werde - zu begegnen und den Spieß herumzudrehen: „Was würdest Du tun, wenn ich nicht wäre?“ Die Betroffenen müssen sich schon etwas einfallen lassen, sind oft irritiert, und das alte Schema bekommt erste Risse. Die Ergebnisse und Konsequenzen sind in vielerlei Hinsicht interessant und ermutigend, selten endgültiger Natur:
3.5. BetroffenenbeteiligungBetroffenenbeteiligung ist eine Form der sozialen Arbeit, die Wohnungslosen in die Grundüberlegungen, Planungen und Durchführungen miteinzubeziehen. Dabei kommt es zunächst nicht einmal so sehr auf die Dimension des Projektes an, als auf die grundsätzliche Bereitschaft der sozialen Kräfte, die Kompetenzen der Einzelnen ernstzunehmen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Selbstbeteiligung ist langfristig sinn- und identitätsstiftend für Menschen, die gewohnt sind, daß man für und über sie entscheidet; bequem zwar, aber mit dem Preis der dauerhaften Abhängigkeit uns Unselbständigkeit. Selbstbeteiligung und Mitbeteiligung ist ein Teil von verschiedenen Möglichkeiten, sich seinen Lebensraum zu erschließen. Das Erschließen und Aneignen von Territorien ist Integrationshilfe. Die Erfahrung lehrt, daß weder mit Zwang, Verbot, Härte, Reglementierung, Vorschriften, Kontrolle usw., noch über die vielen gutgemeinten Beeinflussungsmethoden, Strategien, Therapien, Absichten der Sozialarbeit wirkliche persönliche Entwicklungen erreicht werden, wenn nicht das Einverständnis der Wohnungslosen vorliegt. 3.6. Erschließen von Lebensraum/Milieu und Akzeptanz von subkultureller LebensformMöglichkeit: Die Erschließung von Lebensraum durch die Betroffenen über die Eigenbeteiligung, Eigenleistung, das Mitspracherecht, die Mitwirkung an Planung und Durchführung von Maßnahmen. Eine Art Aneignung von Territorium und Verantwortung übernehmen. Möglichkeit: Bereits vorhandenes Milieu von seiten der Beteiligten des Hilfesystems ernst nehmen; Respektierung der Lebenswelt und Lebensorganisation der Wohnungslosen; Respekt vor der Autonomie subkultureller Lebenswelten, die unser Bild von Norm, Ideal stören; Akzeptanz von Subkulturen. Respektierung der subalternen Lebenswelt, trägt auch zur Verringerung von Stigmatisierung der Wohnungslosen und ihrer sozialen Isolation bei; Würde und Stolz des anderen, auch in der Schäbigkeit und Entgleisung, zu wahren, macht ein Stück Freiheit auch für Schwächere möglich. Die Lebensqualität subalterner Schichten wahrzunehmen und u.a. sehen, daß manche der Wohnungslosen einen souveränen Eindruck machen, trotz des Ausklinkens, der vielen Jahre Straßenleben. Es erweckt auch den Eindruck, daß manche ihren Weg gefunden haben, Stolz und Würde nicht verloren haben; Erstaunliche Lebensqualitätsformen! (Die Bewältigungsstrukturen der Betroffenen verstehen lernen). 3.7. Öffnung der Rahmenbedingungen - Soziale Experimente zulassen
3.8. Die Betroffenenebene
3.9. Die HelferebeneDas Haupthindernis im Selbsthilfeprozeß liegt in der Person des Helfers. Selbständigkeit und Autonomie der Wohnungslosen entziehen dem Helfer den Boden, auf dem er üblicherweise bzw. wünschenswerterweise stehen will; Einlösung der Erwartungshaltung der Betroffenen, Experte, Ratgeber und Leiter zu sein. 3.10. Die ChancenSelbstversorgung und Selbstorganisation ist auf allen bereits genannten Ebenen des Geschehens Arbeit und die Bereitschaft zur Selbstkontrolle und Selbstkritik, die Fähigkeit Stellung zu beziehen. 3.11. Gesellschaftliche Entwicklungen - AnforderungenDie Selbsthilfe, Selbstversorgung und Selbstverantwortung ist ein Gegengewicht zur flach gewordenen Versorgungshaltung - auch unter den Wohnungslosen; ein Gegengewicht zum rastlosen Aktivierungs"markt", eine selbstfordernde Übung gegen die programmierte Langeweile, eine Möglichkeit für Betroffene, das Heft des häufig ritualisierten Alltags ein Stück weit in die Hand zu nehmen und nicht ständig auf "die Stimme des Herrn" zu warten; ein mögliches Lernfeld gegen die Ungeduld und Programmliebe von Sozialarbeit.
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| Zuletzt aktualisiert am Montag, den 02. August 2010 um 22:57 Uhr |

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