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Den Monat November habe ich dann einigermaßen überstanden, vor allem wegen der Selbstmordrate. Also das mache ich grundsätzlich nicht. Das ist ja allgemeinhin bekannt, daß im Monat November die Selbstmordrate am höchsten ist, aber nur deswegen das jetzt mitzumachen - obwohl ich schon manchmal darüber nachdenke, mich umzubringen. Meistens eigentlich nur deswegen, um es irgendwelchen Idioten einmal so richtig zu zeigen. Aber dann denke ich doch, daß es ein bißchen blöd ist, dann danach für die ganze Zeit tot zu sein - so in Wirklichkeit. Und dann belasse ich es meistens bei der Vorstellung davon, wie es sein könnte. Im Dezember wurde es dann wirklich kritisch. Die erste Weihnachtsfeier ging dann los Ende November, ich glaube am 25. November. Noch hat bisher keiner darüber nachgedacht, wie ungesund und teuer Weihnachten eigentlich ist. Alles geht damit los, daß die Räume viel zu überheizt sind wegen der vielen Leute und dem ganzen Braten von den Gänsen in der Röhre. Und wenn man dann immer wieder raus und rein geht, sei es, um mal kurz einen Schluck zu nehmen oder eine zu rauchen, dann hat man ratz-fatz eine Erkältung weg. Und dann soll mir mal noch einer erzählen, daß die Ernährung von Dominosteinen, fettem Gänsefleisch und Bier auf die Dauer gesund ist. Das ging ja schon am 17. September los. An diesem besagten Tage sichtete ich die ersten Spekulatius bei ALDI. Ich weiß das deswegen so ganz genau, weil an diesem Tage gab es dort Hansa-Pils im Sonderangebot für nur 49 Pfennig eine ganze Woche lang. Jedenfalls jetzt am Ende der Weihnachtszeit hatte ich 17 Paar Socken, 5 Paar Handschuhe und drei Tüten voller Süssigkeiten, und mußte jeden Tag zwei Mark ins Schließfach werfen, wo das alles und weitere Habseligkeiten von mir verstaut sind. Und die Sachen, die man wirklich brauchen kann, kriegt man in der Regel nie, zum Beispiel gute Unterhosen aus Feinripp, die beim Tragen auch nicht in die Spalte rutschen. Jedenfalls saßen mein Kumpel Manne und ich an einem Abend kurz vor Weihnachten, an dem gerade ausnahmsweise mal keine Weihnachtsfeier von irgendeiner Wärmestube war, frustriert in der Kneipe rum und wir waren uns einig, daß das so nicht weitergehen könne. Manne hatte eine 15 Uhr aktuell dabei, diese Zeitung, die er auch manchmal verkauft, wenn die strassenzeitung alle ist, obwohl die ja eigentlich für umsonst sein soll. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch. Wir lasen unser Horoskop für morgen, und bei mir stand was drin von wegen: „Sie sollten endlich Initiative ergreifen!“ und bei Manne, der ja bekanntlich Stier ist, war die Rede von „Höchste Zeit für eine Ortsveränderung!“ - Das ist es, sagte Manne. Wer sagt denn, daß wir den Winter hier in Berlin verbringen müssen. Garmisch-Patenkirchen ist doch viel schöner. Oder Oberammergau. Glücklicherweise fanden wir nach fünf weiteren Bierchen noch den internationalen Wetterbericht in der Zeitung und waren deswegen gut informiert über den Winter weltweit. Ein paar Orte haben wir dann gleich ausgeschlossen wegen der Kälte. Richtig gestritten haben wir uns dann über Rio de Janeiro (30 Grad, aber bedeckt), Kapstadt (33 Grad, also fast schon zu heiß) und Sydney (31 Grad, wolkenlos). Sydney bekam schließlich den Zuschlag, weil am weitesten weg und wegen der Olympischen Spiele. Und wenn wir schon mal da sind, dann können wir auch teilnehmen, so im Leistungsbetteln als Olympische Disziplin, haben wir uns vorgestellt. Weil als ordinärer Bettler wird man ja einfach weggeschickt. Und eine Straßenzeitung soll es da auch geben, sagte mir Manne: Also Leistungsbetteln, Marathonbetteln, Free-Style. Auf einem Bierdeckel schrieben wir dann alle Wettbewerbsregeln auf, mit Schiedrichter, Ausschluß wegen unsportlichem Verhalten und Dopingkontrolle. Jeder muss ja eine faire Chance haben. Was wir noch nicht abschließend klären konnten war die Frage, wie wir denn jetzt noch nach Sydney kommen. Wahrscheinlich werden wir nur in Unterhosen bekleidet uns an die australische Botschaft ketten und gegen die Minustemperaturen in Berlin protestieren. Entweder wir kriegen dann sofort Asyl oder aber wir werden ausgeflogen. Und dann verbringen wir den Winter am Strand von Sydney. Schöner Frieren? Wäre ja gelacht. Nicht mit uns. Nicht in diesem Winter. Nie mehr. Hajo T. Editorische Notiz 2010: Diesen Text fand ich auf meinem Rechner. Er ist aus dem Jahr 2000. Wahrscheinlich haben wir ihm im Strassenfeger veröffentlicht. Muss ich mal nachsehen. Ich weiss nicht, ob ich ihn geschrieben habe. Ich kann mich nicht daran erinnern. Ja, ein paar Ideen sind klar und eindeutig von mir. Aber der Stil kommt mir so fremd vor. Kann sein, dass ich beim Schreiben ziemlich besoffen war. Anyway. Die Story ist gut. Egal ob von mir oder irgend einem Geistesverwandten. Lustig ist, 10 Jahre später alles nochmal lustig zu verlinken.
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| Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 08. Dezember 2010 um 23:03 Uhr |

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