| Schneider, Stefan: Dichtungen 007. Alltag. Mai 1984 | | Drucken | |
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Alltag
Es ist irgendein Sommerabend, und weil es Sommer ist, ist es kalt draußen, und weil es kalt ist, regnet es und weil es regnet, ist es dunkel und ich habe nasse Füße. Ich sitze im Zimmer, vor mir 'ne leere Flasche Bier, ne Tasse kalter Kaffee, eine Kerze brennt, der Plattenspieler tönt Bukowski unterlegt mit Musik für halb drei. Im Aschenbecher liegt noch eine halbe Zigarette, und im Zimmer verteilt die Stapel Papier. Ein Koffer, halb leer, die Lederjacke auf dem Bett. Im Blumentopfuntersetzer steht das Wasser und auf dem Fensterbrett befindet sich eine Dreckschicht.
Alles in allem hab' ich nicht viel geschafft heute, aber was noch aussteht, kann auch morgen erledigt werden. Wenn ich heute um halb drei nach Hause komme, werde ich den Wecker auf sieben stellen, und gleich einschlafen. Und wenn ich morgen um sieben geweckt werde, werde ich den Wecker auf acht stellen und weiterschlafen und dann noch mal auf neun und dann auf halb zehn. Nur leider werde ich die Weckautomatik vergessen und trostlos weiterpennen. Auch egal.
Auf jeden Fall ist jetzt die Platte zuende, ich stelle 'ne Cassette an, irgendeine, und schalte den Fernseher ein. Das Fünfte ist im Vergleich zur Cassette deutlich besser, greife zum Buch, das ich bis Seite zweihundertdreiundsiebzig gelesen hatte und dann aus irgendeinen - weiß der Teufel welchen - Grund beiseite gelegt habe, jedenfalls stelle ich nach zwei Seiten lesen fest, daß ich noch 'n Bier brauche. Auf dem Weg vom Kühlschrank bringe ich gleich noch 'n Apfel mit. Fernseher: Fünftes, Erstes, Zweites, Drittes, Viertes, Fünftes, Zweites, Aus. Geburtstag ist heute angesagt, scheiße, die Geschäfte sind schon zu, aber ich hab' ja auch kein Geld mehr, kein Bock, irgendetwas aus dem Zimmer zusammenzuklauben, muß noch mal auf Klo. Was heißt kein Geld mehr, ich hab' nie Geld. Wenn der Geburtstag heut' nicht war', Wär's 'ne Sitzung oder irgendwas anderes ... Jeder Haufen Scheiße ist größer als ich, das ist schon mal klar in diesem Moment, hemmungslos trostlos, aber in Oberhemd, Weste und 'ne Büroklammer zwischen den Lippen bin ich der coolste von der Welt.
Stefan Schneider Mai 1984
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