| Schneider, Stefan: Dichtungen 027. Gebet. 28.08.1985 | | Drucken | |
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GEBET
Mitten in der Nacht gottverlassen in einer gottverlassenen Zeit bin ich unvernünftig vernünftig und schreie - trotz alledem und alledem - zu dir. Was quälst du mich, schlägst mich mit der lange nicht gekannten Schlaflosigkeit, Schlaflosigkeit ob meines eigenen Lebens. Ich bin ins Nachdenken gekommen - wieder -, über mich und kann angesichts der Situation nicht einschlafen vor mir. Mich quält die Machtlosigkeit gegenüber der politischen Wahnwirklichkeit, mich quält die momentane Stimmung in der Gruppe mich quält die Ohnmacht gegenüber meinem eigenen, lauten, aufdringlichen, machtbesessenen, launischen, arroganten, gefühllosen, egoistischen Gehabe. Ich, der ich doch so gern ein anderes Bild von mir hätte.
Ich wünschte, du würdest mir das Rückrat brechen, damit ich lernte - und ich nehme das große alte Wort sehr bewußt in den Mund - damit ich lernte demütig zu sein, leise, liebevoll, zärtlich, gefühlvoll, liebend, ja voller Liebe - selbstlos - und wenn auch nur für einen einzigen Menschen! Jedoch: Auch Niederlagen, weiterbringende Niederlagen werden nicht verschenkt. Ich beginne zu glauben: Ich beginne zu glauben, daß meine Armut in meinem Reichtum liegt und daß mein Reichtum in der Armut liegen könnte. Dom Helder, mein Gefährte in dieser Nacht
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