| Schneider, Stefan: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen 1991 in Uelzen. Berlin 1991 | | Drucken | |
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Der Kongress verdankt sein Zustandekommen den Aktivitäten von Willy Drucker, der nicht nur seinen Hans-Hergot-Turm in Uelzen zur Verfügung stellte und Gelder zur Finanzierung auftrieb, sondern auch in wochenlanger Kleinarbeit durch die Bundesrepublik gereist ist, um Obdach- und Besitzlose auf der Straße anzusprechen sowie um in Einrichtungen Einladungen zu verbreiten. Insgesamt kamen im Verlauf der vier Tage etwa 150 -200 Teilnehmer nach Uelzen, teils in Gruppen, teils einzeln, einige davon, nachdem sie durch die aktuelle Berichterstattung davon erfahren haben. Gerüchteweise sollten noch ganze Busse eintreffen aus dem Ruhrgebiet, Frankfurt, Hannover. Ob diese Busreisen wirklich geplant waren oder ob hier nur Wunschdenken zum Ausdruck kam, ließ sich aber nicht ermitteln. Der imposante Turm, der etwas abseits der Innenstadt liegt, ein ehemaliger Speicher, jetzt Willy's Druckerei, ist Zentrum des Kongresses, im zweiten Stock ist der große Tagungsraum, hier wird gekocht, gegessen, diskutiert, gefeiert, musiziert, werden Interviews gegeben, der dritte Stock ist Kinoraum für den historischen Film "Vagabunden" von 1929 und sonst Schlafsaal, die anderen wohnen in Zelten um den Turm herum. Vormittags nach dem Frühstück geht es zum Sozialamt, inoffizieller Tagesordnungspunkt: Tagessatz abholen, am Freitag für's ganze Wochenende, das ging verhältnismäßig schnell und unbürokratisch. Die Stadt, die mit mehr Teilnehmern gerechnet hatte, war wohl froh, daß sie so "billig" davonkam. Donnerstag Mittag die Kundgebung in der Stadt, vorher Eintopf vom Laster, der anschließend Rednertribüne ist: Willy Drucker spricht vom Recht auf Wohnung, Hannes Kiebel über den Begriff Berber, danach kurze spontane Statements einiger Teilnehmer, die auch was sagen wollen. Volker auf der Gitarre gestaltet das Rahmenprogramm. Medienberichterstattung begleitet den Kongress von Anfang an, mehrere Fernsehteams, Reporter, Journalisten. Parallel in der Innenstadt ein Weinfest, die 200 Kongressteilnehmer dagegen fallen kaum auf, selbst in einer so kleinen Stadt wie Uelzen, auch wenn der Kongressanhänger, der von vielen an der Kleidung getragen wird, den Teilnehmern ein offizielles Outfit verleiht. Eine Galerie in der Rosenmauer zeigt Werke von Sebastian Blei, der lange Jahre seines Lebens auf der Straße lebte und auch auf dem Kongress dabei war. Eine Teil-Gruppe der Berliner Obdachlosen GmbH & Co. KG organisierte Lesungen eigener Texte in einer Schule und in der Stadtbücherei. Spannungsvoll waren die Erwartungen bereits am Tag des Eintreffens: Einige nährten die Euphorie, konkrete Forderungen aufstellen und auf dem Kongress etwas erreichen zu können (einheitliche Auszahlung von Sozialhilfe, Einrichtung unabhängiger Kommissionen zur Untersuchung von Pennen und sonstigen Unterbringungsformen, Medienaufmerksamkeit und positive Folgen einer fairen Berichterstattung) andere wiederum führten neugierig aufeinander erste Gespräche, übten sich in Selbstdarstellungen, versuchten Orientierung zu gewinnen oder warteten erstmal ab. Inmitten des ganzen Geschehens das gleichzeitige geschäftigen Treiben von mehreren Fernsehteams - obwohl noch gar nichts passiert war. Schon der erste Abend zeigte, daß es schwierig genug war, die unterschiedlichen Absichten, Vorstellungen, Positionen konzentriert und gemeinsam im Plenum zu besprechen. Sollte es über alle Gemeinsamkeiten, die das Leben auf der Straße und die Konfrontation mit einem eigens dafür geschaffenen Hilfesystem mit sich bringt - doch nichts wirklich verbindendes geben? Versammelt waren Obdach- und Besitzlose mit denkbar unterschiedlichsten Lebensgeschichten und Erfahrungen; Einzelpersonen oder bewußte Einzelgänger darunter, aber auch "Fraktionen": Gruppen, die die "Straße" zusammengeführt hat und andere Zweckgemeinschaften aus ambulanten Einrichtungen, Initiativen usw. Wie auch immer, das erste Plenum, das schon bald zerbrach und sich dann aber doch noch in ein Fest auflöste, dämpfte die Erwartungen vieler Teilnehmer. Die Geister, die der Veranstalter rief, entwickelten eine eigene Dynamik. Außer einem groben Rahmen, das wurde bald deutlich, würde es in diesem Sinne keinen "Fahrplan" geben. Mit Sicherheit hätten viele Teilnehmer sich solchen Vorgaben auch entzogen: Was einige auch taten, sei es aufgrund zeitweiliger schlechter Stimmung, oder anderweitiger Pläne. In diesem Sinne war es ein Kongress in bester basisdemokratischer Tradition, die Teilnehmer auf diesem Kongress vertreten niemanden, außer sich selbst, es war ein Kongress der Teilnehmer und nicht für sie. Wen wundert's, wenn die bestimmende Lebensrealität der Teilnehmer auch auf diesen Kongress zurückwirkt und immer wieder durchscheint und aufbricht. Auch in extremen Situationen müssen gemeinsame Interessen erst hergestellt, erarbeitet werden. Eine der Voraussetzungen dafür ist ein Mindestmaß an selbstbestimmtem Verfügen über Ressourcen. Erswäre überspannt, zu erwarten, daß mit diesem Kongress bereits die Voraussetzungen für den Beginn einer "Bewegung" (taz 25.6.) gegeben wären. Stefan Schneider aus: Schneider, Stefan: Kongress der Kunden, Berber, Obdach- und Besitzlosen vom 19. - 22. Juni 1991 in Uelzen. In: "Binfo" - Informationsdienst der Berliner Initiative für Nichtseßhaftenhilfe - Nr. XII vom August 1991, S.14. Berlin 1991a
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| Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 05. Februar 2012 um 11:03 Uhr |


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