Ein Vortrag in der Wärmestube Schöneberg

Endlos ist der Zug der Heimatlosen. Von einer Stadt zur anderen, zwanzig, dreißig, vierzig Kilometer am Tage, heute in einem Stall, morgen bei Mutter Grün, übermorgen in einer verlausten oder verwanzten Penne schlafend, zieht dieses Heer in wachsenden Kolonnen durch das Land.

(Aus dem Tagebuch eines Wohlfahrtsdezernenten, Berlin 1932)

Gerammelt voll war die Wärmestube Schöneberg, Hohenstaufenstraße 22, ein Projekt des Unionhilfswerks in Berlin. Ein interessiertes und gut infor­miertes Publikum hatte sich da versammelt, um den Sozialarbeiter Hannes Kiebel aus Bochum anzuhören, der am Mittwoch, den 15. Februar, einen Vortrag zum Thema: Nachtasyle, Wärmestuben - Obdachlose in den 20er Jahren hielt.

Im Jahre 1958 weilte der damals 22jährige im Rahmen eines sozialen Praktikums für drei Monate in Berlin. Damals nächtigte er im Johanneshaus in der Stresemannstraße, nebenan waren die Pennerzimmer.

Er lernte in der Kneipe Bella Bimba Eddi aus Köln kennen, mit dem er so einiges anstellte. Durch Eddi wurde er zum ersten Mal mit Problemen der Obdachlosigkeit konfrontiert, und seitdem ließ ihn das Thema Armut, Ausgrenzung und Obdachlosigkeit nicht mehr los.

In drei Zeitabschnitte teilt er seinen Vortrag ein: 1918 bis 1924 - Revolution; 1924 bis 1928 - Stabilisierung und Festigung; 1928 bis 1933 - Massenarbeitslosigkeit, Stagnation, Diktatur.

Massenhafte Not

"Berlin trug damals noch den Stempel des verlorenen Krieges," zitiert Kiebel Carl Zuck­mayer über das Berlin der 20er Jahre, "Blindgeschossene und Beinlose prägen das Stadtbild, so wie sie Grosz und Dix gemalt haben."

Demobilmachung und massenhafte Not kennzeichnen nach dem Ersten Weltkrieg die Straßen der Stadt. Acht Millionen Soldaten müssen Arbeit finden. Frauen, die früher Positionen in Männerberufen hatten, müssen diese jetzt wieder räumen.

Schon der außerordentlich kalte Winter 1891/92 lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß die unbemittelten Arbeitslosen der grimmigen Kälte schutzlos preisgegeben sind. So wurde das Komitee der Wärmehallen e.V. in Berlin gegründet, das unter bzw. in den vier S-Bahnbögen nahe dem Bahnhof Alexanderplatz Wärmehallen unterhielt.

Wärmestuben als Meldeadresse

Die Reichsfürsorgepflichtverordnung versucht 1924 die rechtliche Diskriminierung von Hil­fesuchenden aufzuheben. Es wird zum ersten Mal eine Fürsorgepflicht staatlicherseits für diese Menschen anerkannt. Verantwortlichkeit wird aber nach wie vor durch Zuständigkeit bestimmt. Wer nicht polizeilich gemeldet war, bekam keine Unterstützung, keine Lohn­steuerkarte. Hier halfen manchmal die Wärmestuben: Sie fungierten als Meldeadresse.

Seit 1871 ist im damaligen Reichsstrafgesetzbuch Betteln und Landstreicher unter Strafe gestellt. Jeder Mensch mußte nachweisen, daß er sich um eine Unterkunft bemüht hat. Im Kern ist dieses Gesetz erst 1974 aufgehoben worden. Wer zum Beispiel in der Nachtun­terkunft Platz suchte, durfte sich hier fünf Tage aufhalten, bekam eine warme Suppe. Danach wurde er verwarnt, weitere Obdachlosigkeit hatte Haftstrafen zur Folge.

Im Berlin der 20er Jahre gibt es Niedere Herbergen, Wanzen-Herbergen, Kaffeeklappen, Herbergen christlicher Stiftung und Häuser der Heilsarmee. Seit 1908 gab es Kaffeehallen. 1927 zählt man mehr als 60 Wärmehallen.

Im Wedding verpachtete der Berliner Asyl-Verein 1920 die "Wiesenburg" von 1896 an die Jüdische Gemeinde, 1926 an den Berliner Magistrat; 1931 wird diese soziale Einrichtung geschlossen.

Hundert Jahre wird die Wiesenburg nächstes Jahr alt, und dieses Jubiläum soll gefeiert werden. Ein Schild am Beamtenhaus erinnert an die 1931 geschlossene Wiesenburg, deren äußere Erscheinung ein wenig einer Synagoge in Danzig ähnelte.

Auch das Bodelschwingh-Haus wird besonders erwähnt, ein Haus, das 1929 etwa 360 bis 390 Plätze anbot.

Multimedialer Vortrag

Ein Hauch von Romantik zieht durch den Raum, als Dias gezeigt werden, Bilder von Otto Na­gel, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Otto Dix und anderen. Eindrucksvoll beschreiben sie Armut und Obdachlosigkeit.

Auch ein Videofilm mit einem Ausschnitt aus einem Film von 1931 über ein Obdachlosenasyl verdeutlicht, wie es war: Kleider wurden vor dem Schlafengehen desinfiziert, jedes Bett hatte eine Nummer.

"Keenen Sechser in der Tasche" - das Eislersche "Stempellied" fehlte auch nicht in diesem multimedialen Vortrag.

Besonders interessant: Der Begriff "nichtseßhafter Mensch" stammt von dem SA-Standar­tenführer Alarich Seidler (1938) und wird bis heute verwendet. Oder: Wer wußte, warum das "Nasse Dreieck" so heißt? Man geht solange um den dreieckigen Häuserblock, bis man "naß" (betrunken) ist. Der Roman "Das nasse Dreieck oder: Die weiße Taube" von Otto Nagel ist sehr lesenswert und beschreibt nicht nur dessen Stammlokal "Der alte Fritz", sondern auch das Milieu der Menschen im Wedding der 20er, 30er Jahre.

Ein kleines Hörfunkbild schließt den Vortrag ab: Razzia 1933. Systematisch wird Stra­ßenzug für Straßenzug durchsucht. "Warum haben sie keinen Ausweis?" Auf diese harsche Frage stottert die Antwort: "Ich wollte bloß den Paß verlängern, ... wohne schon dreißig Jahre hier... " Ab in die Polizeidienststelle! "Nebeneffekt", laut Sprecher dieser Aktion: Auch Politische konnten so gefunden werden.

Ab 1934 hört jede Fürsorge für Obdachlose auf. "Der Deutsche hungert nicht!" Es gibt na­türlich die Möglichkeit, in die SA zu gehen; hier wurde man versorgt. Häufiges Schicksal für Obdachlose und Hilfsbedürftige ist ansonsten das KZ.

Nachdenklich verläßt man die Räume in der Hohenstaufenstr. Am Ende des Vortrages hat Hannes Kiebel noch Fragen aus dem Publikum beantwortet. Die Wärmestube will wieder solche Abende veranstalten, im April unter anderem mit dem Poeten Heiko André Meyer und dem Schriftsteller H.P. Daniels. Hingehen lohnt sich!
Maren Cronsnest

(erstmals veröffentlicht im Schöneberger Stichel. Stadtteilzeitung für Schöneberg und Friedenau, Ausgabe Nr. 106 vom März 1995, S. 5)

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