Stefan Schneider - Wohnungslosigkeit und Subjektentwicklung

PAULA

Interpretation

Bereits in ihrer Kindheit lernt PAULA eine unstete Lebensweise in Form von zahlreichen Umzügen und Schulwechsel kennen. Sehr drastisch schildert sie am Beispiel ihrer plötzlichen Einweisung in ein Internat die Vernachlässigung durch ihre Mutter, die sich emanzipieren will: Für PAULAS Mutter stand zu diesem Zeitpunkt die berufliche Karriere und die finanzielle Eigenständigkeit gegenüber ihren Männern im Mittelpunkt. Gleichzeitig interessiert sie sich nicht für die Bedürfnisse ihrer Tochter, sondern regelt alles despotisch: So kommt PAULA nach der Internatszeit erneut in ein Wohnheim, PAULA muß eine kaufmännische Ausbildung machen, die gar nicht ihren Interessen entspricht. Mit ihrer Volljährigkeit steht PAULA dann "quasi auf der Straße", ist aber gleichzeitig auch froh darüber, daß die Zeit der Bevormundung vorbei ist. Seit dieser Zeit hat sie keinerlei Kontakt mehr zu ihrer Familie. Nach einer Zeit des Pendelns zwischen Jobs - wo sie es nie lange aushält - und Arbeitslosigkeit knüpft sie an ihre jugendlichen Ausreißversuche an. Als Freunde von ihr nach Italien aufbrechen, fährt sie ihnen Tage später hinterher. In Italien entdeckt sie ihr Talent zur Pflastermalerei, eine Tätigkeit, in der sie noch am ehesten ihre persönlichen Ansprüche an eine Arbeit mit der Notwendigkeit des Gelderwerbs in Verbindung bringen kann. Nach einigen Jahren des Herumziehens in Italien finden sie und ihre Freunde in ein baufälliges Haus, ziehen dort ein und setzen es instand: Die einzige Phase in PAULAS Leben nach ihrer Volljährigkeit, in der sie längere Zeit - über drei Jahre - eine Unterkunft hat, die für sie eine Art Heimat wird. Diese Phase ist für PAULA nicht problemfrei, was in ihren Aussagen über den Alkoholkonsum in dieser Zeit, die Reproduktion der Gruppe durch den Wiederverkauf von aufbereitetem Second-Hand-Material und Abfällen, ihr wetter- und finanzlagenabhängiges Malen oder Schnorren in Mailand zum Ausdruck kommt.

Ihre Wohnsituation ist auf Zeit toleriert, rechtlich keineswegs abgesichert, eine Tatsache, die im Prozeß der sich festsetzenden Gewohnheiten rasch in Vergessenheit gerät. Angesichts des drohenden Abrißes ihres Hauses faßt sie den Entschluß, sich das nicht mit anzusehen und geht stattdessen wieder auf Trebe. Alles, was seit dem Zeitpunkt des Verlassen des Hauses passiert, faßt PAULA selbst treffend zusammen mit der Formulierung: "Ich werde immer ein bißchen dämlich, wenn es nicht so geht, wie ich mir das vorgestellt habe." Als ihr bald darauf der Hund gestohlen wird, hat sie "kein Leben mehr." Noch in Italien wird sie ohne Hund wiederholt bestohlen, hat mit ihrer Pflastermalerei wenig Erfolg, eine neue Beziehung scheitert an den 'katholischen' Hindernissen, sie erkrankt, versucht in München ein Alkoholtherapie zu machen, die sie aber abbricht und kehrt nach Italien zurück. Dort wird sie wegen Schwarzfahren für drei Jahre des Landes verwiesen. Sie hält Berlin für eine Alternative zu Italien, bleibt aber mit ihrer Pflastermalerei erfolglos. Sie verläßt ihre Unterkunft, in der sie belästigt wird, versucht zum zweiten Mal erfolglos eine Therapie zu beginnen, ist auf der Straße und wartet nur noch auf ihre Papiere, um in Stuttgart oder irgendwo anders einen für sie geeigneten Therapieplatz zu finden, um dann langfristig in den Süden zu fahren.

"Auf Trebe zu gehen" ist für PAULA zunächst eine Trotzreaktion auf eine streßvolle, angespannte häusliche Situation, eine Reaktion auf den Streß ihrer ständig alkoholisierten Schwiegerväter und auf eine despotische Mutter, die sich nicht um die Interessen und Bedürfnisse ihrer Kinder kümmert, sondern ihre berufliche Freiheit und Selbstverwirklichung sucht. Sie übernimmt damit Handlungsmuster, die sie seit ihrer Kindheit durch zahlreiche Umzüge mit ihrer Mutter kennt, und nutzt sie als eigenes Mittel, sich gegen ihre Mutter zu behaupten. Die häusliche Situation ist derart angespannt und verschlechtert sich zunehmend, das sie zur notorischen Ausreißerin wird. Nach ihrer Volljährigkeit sieht sie keinen Grund mehr, überhaupt noch einen Bezug zu ihrer Familie zu suchen Der äußeren Form nach behält PAULA während ihrer gesamten Biografie diese unstete Lebensweise aufrecht.

PAULA entwickelt während der Ausbildung und in der Folgezeit ein hohes Maß an Bewußtheit gegenüber ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten in Bezug auf ihre Interessen. Die erzwungene Ausbildung will sie nicht durchhalten, sie sperrt sich gegen die Aneignung der mathematischen Inhalte, weil ihr der Beruf "verquer" ist. Sie beklagt sich über die entfremdete, anregungsarme Arbeit ("langweilig") und Vorgesetzte. Sie kann vermag auch ihre Defizite richtig einzuschätzen: Daß sie nie gelernt hat, mit Geld umzugehen und etwas durchzuhalten (was sie nicht will), und daß sie mit der bestehenden Situation nicht klarkommt. In Italien dagegen findet sie die notwendigen Anregungen, das "wilde Ambiente" "Auf Trebe sein" wird dort für sie zu einer inhaltlich gefüllten Lebensperspektive, in der es ihr in Ansätzen gelingt, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Sie eignet sich die Fähigkeit der Pflastermalerei (Kopien alter Meister) an und lernt mit wachsender Erfahrung die Tricks und Schliche kennen. Sie vergleicht diese Tätigkeit mit dem Schreibenlernen. Die Pflastermalerei ermöglicht ihr, damit innerhalb sehr enger Grenzen (Wetter, Gewöhnungseffekt) unabhängig und eigenständig zu werden. Später, als ihre Kumpels ein Haus finden, mit dem sich alle große Mühe machen, es instandzusetzen, kann sie mit ihren Einkünften aus der Pflastermalerei einen Beitrag zum Überleben der Gruppe leisten. Wenn Pflastermalerei nicht möglich ist, muß sie schnorren. Trotzdem ist sie in dieser Phase ihren Vorstellungen vom Leben am nähesten: "Wir hatten ja so alles." Die emotionale Färbung, mit der sie ihre Enttäuschung über den bevorstehenden Abriß zum Ausdruck bringt, belegt die zentrale Bedeutung dieses Zeitabschnitts.

Als diese Realität in die Brüche zu gehen droht, kämpft sie nicht um das Erreichte, sondern greift zu bewährten Handlungsmustern zurück: Trebe aus Trotz. Hier wird eine weitere Grenze ihrer Handlungsfähigkeit sichtbar. Tatsächlich klappt in der Folgezeit nur weniges von dem, was sie sich vornimmt. In dieser Zeit wird die Beziehung zu einem Hund für PAULA zu einem stabilisierenden Element. Er wird zum Begleiter, zum Freund, sie geht eine verbindliche Verpflichtung und Verantwortung für sein Wohlergehen ein. Der Hund provoziert zusätzliche Aufmerksamkeit und Zuwendung bei ihrer Pflastermalerei, paßt auf sie und ihre Sache auf. Er vermittelt Schutz und Wärme. Er ist der Haltepunkt, der ihr hilft, die maßlose Enttäuschung über den Verlust des Hauses in Norditalien zu überstehen, und das Leben auf Trebe mit ihm wieder aufzunehmen. Er ist die einzige halbwegs verläßliche und stabile Beziehung, die sie in der Zeit hat. Mit dem Hund hatte sich sich das alles "so leicht vorgestellt." Der zentrale Sinn dieser Beziehung für PAULA offenbart sich in dem Moment, wo ihr der Hund geklaut wird: "Als der Hund weg war, hatte ich kein Leben mehr gehabt. (...) Ich wußte nicht richtig, wohin mit mir!" Ohne den Hund ist ihr Leben gewissermaßen sinnlos geworden, fortan gelingt ihr nichts mehr richtig, sie läßt sich weitestgehend gehen. Es sind Grenzsituationen, die sie zum Handeln veranlassen. Eine solche Grenzsituation ist ein drohender Haftaufenthalt in Italien, der sie veranlaßt, die Ausweisung und das Landesverbot zu akzeptieren, eine zweite Grenzsituation ist ihr kritischer Gesundheitszustand, sie ist, mehr aus Dummheit, wie sie sagt, wegen der Kälte und um sich aus ihrem sozialen Zusammenhang nicht zu entfernen, zur Alkoholikerin geworden und will dagegen vorgehen. Zu kämpfen hat sie vor allem mit ihrer Lustlosigkeit, mit ihrer Tendenz, sich gehen zu lassen, wenn etwas nicht so läuft, wie sie sich das vorstellt. PAULA ist sich darüber bewußt, daß in diesem Fall ihre Handlungsfähigkeit phasenweise einzubrechen droht.

Dennoch hat PAULA, und darin ist sie kein Einzelfall, in engen Grenzen mit ihren Fähigkeiten und Qualifikationen eine gewisse Autonomie in ihrer Situation und in der Nutzung institutioneller Angebote erreicht. Sie kommt nach Berlin, um die sich ihr hier bietenden Möglichkeiten für ihre Zwecke zu nutzen. Mit Berlin verbindet sie die Hoffnung, in der, wie sie denkt, toleranten Stadt, sich als Pflastermalerin zu betätigen und ihren Alkoholkonsum zu therapieren In beiden Fällen wird sie enttäuscht und will nun wieder weg.

Was braucht PAULA? Im Umgang mit dem Hilfesystem und Behörden ist PAULA einigermaßen souverän, gleichwohl wird in ihren Aussagen deutlich, daß das, was die Institutionen ihr zu bieten haben, bei weitem nicht ihren Intentionen und Bedürfnissen entsprechen und sie eher behindern als fördern. Für PAULA sind diese Einrichtungen Mittel, die sie in Anspruch nimmt, das entscheidende Kriterium ist ihre Tauglichkeit hinsichtlicher ihrer langfristigen Motive eines selbstbestimmten Lebens im Süden.

Die zwangsgemeinschaftliche Unterbringung ist für sie mit unerträglichen, auch sexuellen Belästigungen verbunden, auch die Notübernachtungen empfindet sie als Bevormundung und zieht es deshalb vor, auf der Straße zu übernachten. Die Ausgaberegeln in einem Kleiderfundus einer Hilfeeinrichtung sind kleinkariert, schikanierend und schränken ihre Autonomie ein. Die Zustände in der Therapieeinrichtung beschreibt sie als skandalös und für ihre Situation nicht adäquat zur Lösung ihres Alkoholproblems. Die Bearbeitungsprozeduren auf dem Einwohnermeldeamt zur Wiederbeschaffung von Personaldokumenten sind unverhältnismäßig aufwendig, zeitdauernd, halten sie nur in Berlin fest und hindern sie an der Möglichkeit, sich in Stuttgart oder anderswo nach geeigneteren Therapieplätzen umzusehen. Positiv beurteilt sie dagegen die Levetzowstraße, weil sie sich von der Beratungsstelle eine Beschleunigung der Paßformalitäten erhoffen kann.

Ihre wiederholten Versuche in München und Berlin, sowie ihre Orientierung auf Stuttgart machen deutlich, daß eine erfolgreiche und angemessene Alkoholtherapie in Verbindung mit einer ärztlichen Behandlung ihr nächstes bedeutsames Ziel darstellt. Die ihr wichtigen Kriterien sind: Fachärztliche Betreuung, eine ähnliche Altersgruppe und Offenheit der Gruppe untereinander.

Die von ihr favorisierte und angestrebte Lebensweise im sozialen Zusammenhang einer Straßen- Kleinkunst- und Second-Hand-Ökonomie in südlichen Ländern hat keine Basis, auf die sich PAULA verlassen könnte. Sie ist und muß brüchig bleiben. Sie ist gesundheitlich im höchsten Maße belastend und auszehrend. In den Schilderungen ihres Gesundheitszustandes macht sie deutlich, daß ihre Lebensweise alles andere als ein romantisches, unbeschwertes Umherziehen war: Mit massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen hat sie einen hohen Preis zahlen müssen, sie weiß, das es ewig so nicht weitergehen kann. Darauf Bezug nehmend artikuliert sie die Hoffnung, irgendwo - im Rahmen von für sie akzeptablen Lebens- und Überlebensverhältnissen - Fuß zu fassen: "Ich werde ja auch älter ... das muß alles mit einkalkuliert werden. Ich bin nicht so stabil". Sie vertraut dabei auf ihre Fähigkeiten, über die sie sich weitgehend im klaren ist, auf ihre Bereitschaft, sich neue Kompetenzen und Qualifikationen anzueignen. Ein zweites Element ist ihre Offenheit gegenüber anderen Menschen, die sie kennenzulernen hofft. Sie will in den Süden. "Süden" ist dabei nur eine Chiffre für die Motive, die sie mit diesem Wort verbindet. Weil sie in Deutschland nicht klarkommt, gefällt es ihr im Ausland besser. Es ist dort wärmer, schöner, sie hofft, daß sie dort etwas findet, vielleicht eine alternative Kommune, vielleicht Leute, mit denen sie etwas machen kann, die sie interessieren und mit denen sie sich gut versteht. Sie vertraut dabei auf ihre "unheimliche Menschenkenntnis", die sie mit der Zeit erworben hat. Sie hofft, eine Umgebung zu finden, wo sie ihren Frieden hat und die tolerant, freundlich ihr gegenüber ist. Sie glaubt, im Süden ein Stück weit ihre eigenen Träume einlösen zu können.

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© Text und Gestaltung: Stefan Schneider (zosch@zedat.fu-berlin.de)
Fotos: Karin Powser - Logo: Willly Drucker
Letzte Änderung: 08.12.97