ALBERT VON SCHIRNDING

Triumph des Scheiterns

Von der Leidenschaft des Erziehens:
zum 250. Geburtstag Johann Heinrich Pestalozzis


Der 28jährige Pestalozzi, seit drei Jahren Bauer auf dem von ihm erworbenen 'Neuhof' auf dem Birrfeld bei Brugg, führte ein Tagebuch über die Erziehung seines dreijährigen Sohnes Hans Jakob, genannt Jacqueli. Hier ist alles Anfangszauber, pädagogische Morgenfrühe, rousseauhaftes Glücksversprechen. 'Ich zeigte ihme Wasser, wie es licht vom Berg hinunterrieselte; es vergnügte ihn. Ich ginge einige Steinwürfe weiter hinunter; er folgte mir und sagte zum Wasser: ,Warte mir, Wasser, ich komme gleich wieder.' (. . .) Wir folgten dem Wasser, und ich sagte ihm etlichemal vor: Das Wasser lauft den Berg hinunter.'

Dreimal Rousseau: Der Name des Sohnes huldigt dem Verfasser des 'Emile', dessen Lektüre in Pestalozzis pädagogischem Tagebuch (es sind Aufzeichnungen über drei Wochen erhalten) seine überdeutlichen Spuren hinterlassen hat. 'Im freien Hörsaal der ganzen Natur wirst du deinen Sohn an deiner Hand führen, im Berg und Tal wirst du ihn lehren.' Der Einfluß Rousseaus hatte auch zum Abbruch von Pestalozzis philosophischem Studium am Collegium Carolinum seiner Vaterstadt Zürich und zum Entschluß, Landwirt zu werden, geführt. Gegen die 'gekünstelte', selbstentfremdete Existenz des Städters wird die Natürlichkeit des einfachen 'Wald- oder Landlebens' eingetauscht. 'Seht ihr's, Menschen, fühlt ihr's nicht, Söhne der Erde, wie euere obern Stände in ihrer Bildung ihre inneren Kräfte verlieren?' heißt es noch 1780 in der 'Abendstunde eines Einsiedlers', Pestalozzis erster programmatischer Schrift, der 'Vorred zu allem, was ich schreiben werde'.

Der am 12. Januar geborene Pestalozzi schrieb noch unendlich viel; die 1927 begonnene kritische Ausgabe seiner Werke umfaßt 28 Bände, die mehr als 6000 Briefe liegen in 13 Bänden vor. Dabei war das Schreiben eigentlich ein Notbehelf, Surrogat für vereitelte Praxis. Der gescheiterte Gründer einer Erziehungsanstalt für arme Kinder auf dem Neuhof, die ihrerseits aus dem Scheitern des landwirtschaftlichen Unternehmens hervorgegangen war, griff zur Feder. In seinem 800 Seiten starken 'Buch für das Volk', dem vierteiligen Roman 'Lienhard und Gertrud', dessen erster, erfolgreichster Teil 1781 erschien, wollte er sein Projekt der Armenerziehung wenigstens auf dem Papier in die Tat umsetzen. Da der Niederschrift eine mehrjährige Erfahrung vorauslag (zeitweilig lebten auf dem Neuhof fast 40 Kinder, deren Versorgung dem Hausvater weit größere Schwierigkeiten bereitete als ihre Betreuung), verliert der Autor dieser pädagogischen und gesellschaftlichen Utopie bei aller Modellhaftigkeit des Schauplatzes - des (fiktiven) Dorfes Bonnal - nie den Boden der Realität unter den Füßen.

Dieses realistische Element in fast allen erzählenden und theoretischen Schriften Pestalozzis und der originale 'Volkston' ihrer Sprache machen die Eigenart des Schriftstellers Pestalozzi aus und erklären die europäische Resonanz, die der Roman fand. 'Diese Bogen', heißt es in der Vorrede, 'sind die historische Grundlage eines Versuchs, dem Volk einige ihm wichtige Wahrheiten auf eine Art zu sagen, die ihm in Kopf und ans Herz gehen sollte.' Von Rousseaus 'Emile' (1762) unterscheidet sich 'Lienhard und Gertrud' nicht nur durch größere Wirklichkeitsnähe, sondern auch dadurch, daß an die Stelle des einzelnen die Entwicklung der das menschliche Gruppendasein repräsentierenden Dorfgemeinschaft getreten ist.

In der nach Pestalozzischem Muster eingerichteten Armenschule, die der junge Held des bedeutendsten Entwicklungsromans in Wilhelm Meisters Nachfolge, Heinrich Lee, besucht, hätten sie keinen Platz gehabt. Gottfried Keller gab dem betreffenden Kapitel seines 'Grünen Heinrich' den nicht nur individuell gemeinten Titel 'Schuldämmerung'. Knaben und Mädchen von Holzhackern, Tagelöhnern, Schneidern, Schustern und 'almosengenössigen' Leuten werden gruppenweise in einem Saal von älteren Schülern unter Aufsicht eines Oberlehrers unterrichtet; die 'Pestalozzische Unterrichtsweise wurde angewendet, und zwar mit einem Eifer und einer Hingebung, welche gewöhnlich nur Eigenschaften von leidenschaftlichen Privatschulmännern zu sein pflegen'.

Mit der 'Pestalozzischen Unterrichtsweise' ist das gemeint, was ihr Erfinder kurz 'die Methode' genannt und in unzähligen Programmschriften (vor allem in 'Wie Gertrud ihre Kinder lehrt'), in Rechenschaftsberichten, Zirkularschreiben und Selbstinterpretationen dargestellt hat. In der 'Denkschrift an die Pariser Freunde' von 1802 ist die Rede von einem 'Alphabet der Anschauung', das die Methode 'organisiert' habe. Damit sind die zwei wesentlichen Gedanken von Pestalozzis pädagogischem Konzept auf die kürzeste Formel gebracht: Die Anschauung muß aller Bildung zugrunde liegen, weshalb die unmittelbar sinnfällige Atmosphäre der 'Wohnstube', der 'häuslichen Verhältnisse' und die Urbeziehung von Mutter und Kind das Paradigma jeder Erziehungsgemeinschaft bilden. Der 'Büchersprache' muß die 'Menschensprache' vorausgehen. 'Kurz, Zeitalter, die Erfahrung sagt dir es laut, und ich sage es dir mit dem Wonnegefühl der vollendeten Erfahrung des Gegenteils: Du hast mit deinem voreiligen Gebrauch der gebildeten Sprache den Grund der Oberflächlichkeit und der Anmaßung gelegt, dem das Geschlecht unseres Weltteils und unseres Zeitalters so allgemein unterlegen.'

Zur Methode gehört aber auch die Organisation eines Alphabets der Anschauung, die nicht mehr ohne weiteres dem selbstverständlichen Gang der Wohnstubenerziehung überlassen bleiben kann: Es geht um die Elementarisierung der intellektuellen, 'phüsischen' und sittlichen Bildung: die Zurückführung auf ihre einfachsten Bausteine und die der Natur des Kindes angemessene Reihenfolge ihrer Zusammensetzung. 'Es rettet Europa nichts als die Anerkennung der reinen Elemente, von denen die phüsische, intellektuelle und sittliche Bildung meines Geschlechts ausgehen muß.' Mit Rousseau hat dieses Programm nicht mehr viel zu tun: Pestalozzi ist weit abgerückt von der Idealisierung des Wilden, des 'bon sauvage', und der Verunglimpfung der Schule.

Dennoch kann man sagen: Pestalozzi wurde zum Statthalter der von Rousseau entdeckten terra incognita der Kindheit. Aber diese Statthalterschaft verzichtete von vornherein auf Macht, und sie ist nie, auch nicht in der Blütezeit des Lehrerseminars im Burgdorfer Schloß und auf der Erfolgshöhe von Iferten, der Versuchung der Macht erlegen. Ohne die Aufklärung ist Pestalozzi nicht zu denken, und doch ist er nicht der aufgeklärte, über den Kindern stehende Lehrer und Erzieher, der sie aus dem Sumpf der Unwissenheit und Roheit zu sich heraus- und heraufzieht; er läßt sich vielmehr, von Mitleid, Hingabe, Liebe überwältigt, zu ihnen herab, macht sich mit ihnen gemein: 'Meine Tränen flossen mit den ihrigen, und mein Lächeln begleitete das ihrige. Sie waren außer der Welt, sie waren außer Stands, sie waren bei mir, und ich war bei ihnen. Ihre Suppe war die meinige, ihr Trank war der meinige.'

Die Risiken eines solchen radikalen Sicheinlassens auf die Armut liegen auf der Hand. Das Scheitern war programmiert. Nahezu alle Hoffnungen Pestalozzis zerschlugen sich, alle Unternehmen gingen schließlich schief.

Der Sohn war in seiner geistigen Entwicklung zurückgeblieben und starb dreißigjährig; der Vater suchte die Schuld daran in seinem eigenen pädagogischen Enthusiasmus. Die engsten Freunde und Mitstreiter wurden zu erbitterten Gegnern. Sein 'Schwanengesang', seine 'Lebensschicksale' sind voll von Vorwürfen, Selbstanklagen, Rechtfertigungsversuchen. Das in dem durch französische Truppen verwüsteten Kanton Unterwalden gelegene Waisenhaus zu Stanz, das Pestalozzi im Auftrag der Revolutionsregierung (er war seit 1792 Ehrenbürger Frankreichs) übernommen hatte, mußte schon nach wenigen Monaten wieder geschlossen werden. Er wurde mit dem Burgdorfer Schloß entschädigt; der Ruf des dort installierten Lehrerseminars drang bis nach Rußland. Doch als die Schweizer Zentralregierung von Frankreichs Gnaden ihre Macht verlor, bedeutete das die Auflösung des Instituts. Münchenbuchsee und Iferten gingen an internen Spannungen und Auseinandersetzungen zugrunde. Der 81jährige starb über der in furchtbarer Aufregung unternommenen Entgegnung auf das Pamphlet 'Beitrag zur Biographie Pestalozzis', das sein ehemaliger Freund und wichtigster Mitarbeiter Johannes Niederer veranlaßt hatte.

'Ich hörte bis ins graue Alter nicht auf, neben der Gewandtheit aller Menschen, die sich in irgendeiner Art von Routinenbrauchbarkeit auszeichnen, so als ein Heiri Wunderlich von Torliken zu erscheinen.' Den Spottnamen, den seine Mitschüler ihm gegeben hatten, trug er wie einen Ehrentitel. Sein Gott war der Genius des Kindes, er selbst war der Narr dieses Gottes. Kein Pädagoge hat die Nachwelt stärker beeinflußt.

JOHANN HEINRICH PESTALOZZI (1746-1827)

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