"Brauchste die Flasche noch? Und den Pappbecher? Und überhaupt, wie sieht das hier aus?" - Etwas verstört geistert Inge mit der Mülltüte durch die Menge der Sitzenden. "So dreckig kann man das doch nicht hinterlassen ..." - Sie hat Angst. Einen Moment zuvor gab der Bundesgrenzschutz (BGS) die letzte Warnung durch. Dienstagmorgen, Bahnhof Zoo, 1 Uhr 30: Es wird geräumt. Auch Inge mit ihrem Müllsack, den sie nicht aus der Hand gibt ...

Die Obdachlosenzeitung "Strassenfeger" und Jungdemokraten hatten für die Nacht vom 9. zum 10. Februar zur Sleep-IN-Party am Bahnhof Zoo geladen. "Es wird Zeit, daß wir der Öffentlichkeit zeigen, wie Berlin wirklich ist", lautete der gemeinsame Aufruf, dem über hundert Leute gefolgt sind. Darunter neben etlichen Arbeitslosen vom Aktionsbündnis, etwa siebzig Unbehauste - Stricher, Junkies, Punks und Schnorrer. Viele konnten sich die Anfahrt sparen, der Bahnhof - Metropolenanschluß und "Stätte der Begegnung" (Bahn AG) - ist ihr Zoohause. "Es ist eine verdammte Schweinerei, daß Menschen ohne Arbeit und ohne Wohnung auch noch von öffentlichen Räumen vertrieben werden", so Stefan Schneider vom "Strassenfeger". Nach und nach ergreifen die Obdachlosen selbst das Wort und fordern ihr Recht auf Wohnraum ein, während der Zoo immer grüner wird. Unterdessen wird Nahrhaftes rumgereicht: belegte Brote, Würstchen, Negerküsse, Kaffee und natürlich Bier. Das für Berliner Verhältnisse Innovative an dieser Besetzung: die Eier sind gekocht.

Am Ende, nach nur anderthalb Stunden, glich die Halle dem Tiergarten kurz nach der Love Parade. Nur war die Musik besser. Das Streikorchester der Humboldt-Uni spielte auf (Kammervariante), genauso Bettina Wegner und Igor, ein Straßenmusiker. Doch zur gemeinsamen Session sollte es nicht mehr kommen ...

Die Zahl der in Berlin gemeldeten Obdachlosen beläuft sich auf ca. 12000. Im Senatsjargon ausgedrückt, versteht man darunter all jene Personen und Haushalte, für die sich die Bezirke zur Unterbringung verpflichtet fühlen. Nicht jedoch die, die aus verschiedenen Gründen eine nichtseßhafte Lebensweise führen, eben die "Ratten" (Landowsky). Statt in Männerwohnheimen und Läusepensionen schlafen sie auf Dachböden, in Kellern, Nachtbussen usw. Das eigens für diese Menschen eingerichtete Übernachtungsangebot gleicht einem Tropfen in einem mickrigen Tümpel: nicht mehr als 460 Betten in kirchlichen Notübernachtungen. Den Segnungen dieser von den Bezirksämtern bezahlten Nächstenliebe kann nun weiß Gott nicht jeder teilhaftig werden. Neun von zehn Obdachlosen sind süchtig, oft sogar polytoxisch (Alkohol & Drogen). Doch in den meisten Einrichtungen herrscht Alkoholverbot, das glücklicherweise zunehmend liberal gehandhabt wird. Ein exzessiver Alkoholiker jedoch, der vielleicht auch noch Hundebesitzer ist, hat keine Chance auf Einlaß.

Besonders für diese Personengruppe stellt die nächtliche Schließung der Bahnhöfe eine akute Lebensbedrohung dar. Daher auch die Forderung der Organisatoren nach selbstbestimmten Übernachtungsmöglichkeiten.

Doch mehr als die Programmatik zählt die Aktion, die bundesweit einmalig ist. Nie zuvor haben sich "Unbedachte", und dann auch noch in dieser Anzahl, derart auf einen Regelverstoß geeinigt. Gerade in der Räumung - die nicht ohne Festnahmen verlief, eine Scheibe ging zu Bruch, auch mußte ein Rettungswagen gerufen werden - zeigt sich der Erfolg. Erstmalig ist der BGS gewaltsam gegen Obdachlose vorgegangen, nicht weil sie angeblich kriminell waren oder Schwarzfahrer, sondern in Folge einer gemeinsamen politischen Kundgebung. Von Scheitern kann also keine Rede sein - das war Premiere.

Karsten Krampitz
Der Autor ist Mitarbeiter der Obdachlosenzeitung "Strassenfeger".

http://www.scheinschlag.de/archiv/1998/04_1998/texte/news04.html 

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