Von Hartmut Seefeld (aus: VorORT JAN 2001)

Das Haus Oderberger Str. 12 im Jahr 2001 vor der Sanierung
Das Haus Oderberger Str. 12 im Jahr 2001 vor der Sanierung
Ein Dach über den Kopf In Selbsthilfe wollen Obdachlose ihr künftiges Zuhause sanieren

 

Laut und wichtig klappert Stefan Schneider mit Schlüsseln und Schlössern. Endlich hat der Vorsitzende des Obdachlosenvereins mob e.V., in Berlin vor allem wegen der Herausgabe des Magazins "Straßenzeitung" bekannt, auch die letzte knarzende Tür ins künftige Paradies geöffnet. Doch die Einblicke in das Hinterhaus der Oderberger Straße 12 sind zurzeit wenig anheimelnd. Schuttberge aus zersägten Dielen und abgerissenen Öfen, vermischt mit ausrangierten Büromöbeln und längst zerfledderten Inventar- und Einkaufslisten aus DDR-Zeiten, machen es schwierig, die Räume zu betreten. Schneider ist trotzdem stolz auf den umbauten Müllhaufen. "In drei Jahren sind das hier Wohnungen für Obdachlose", behauptet er, und wie er dabei so durch seine Brille blinzelt, spürt man: der meint das ernst.

Soziale Adern

"Wir bekommen immer mal wieder irgendwelche, in der Regel verlotterte und schwer verwertbare Immobilien angeboten, so nach dem Motto: für'n Obdachlosenprojekt ist der abgewrackte Rinderstall noch gut genug", erzählt Schneider, und man merkt, dass ihm solche Termine zuwider sind. Doch das Rendezvous mit einer gutsituierten Dame aus Spandau vor zwei Jahren ließ ihn innerlich jubeln. Ihr gehört die Oderberger Straße 12, und in Kenntnis eines Obdachlosenprojekts für selbstbestimmtes Wohnen im Odenwald nahm sie Kontakt zum Berliner mob e.V. auf, um auszuloten, ob hier Ähnliches möglich sei. Der 1994 gegründete Verein hat 24 eingetragene Mitglieder, zählt aber durch die drei Projekte "Straßenzeitung", Notübernachtung (in der Schliemannstraße 18) und Trödelmarkt rund 120 Aktivisten zu seinem näheren Umfeld. Die mob-Leute machten aus ihrer Begeisterung über das Angebot kein Hehl und gingen das Projekt sehr engagiert an.

Gute Nachbarschaft

Die Oderberger 12 besteht aus zwei Gebäuden: einem bewohnten Vorderhaus mit neun Wohnungen und einem Hinterhaus, das zu DDR-Zeiten Büros beherbergte, seit der Wende jedoch leer steht. Die mob-Pläne bestehen nun darin, beide Gebäude innerhalb von zwei Jahren zu sanieren und dabei im Hinterhaus acht Wohnungen für Obdachlose auszubauen. Eine weitere Wohnung ist im Dachgeschoss des Vorderhauses vorgesehen. Die angestammten Mieter sollen mit Hilfe des Bezirks für die Dauer der Sanierung mit Umsetzwohnungen versorgt werden. "Als unser Verein und die Hauseigentümerin zu einer Mieterversammlung einluden, zeigten sich die Bewohner entgegen unseren Erwartungen dem Vorhaben gegenüber ziemlich aufgeschlossen", berichtet mob-Vorsitzender Stefan Schneider. Mittlerweile sind erste Fakten geschaffen worden. Am 30. Dezember 1999 wurde der Erbpachtvertrag über eine Laufzeit von 50 Jahren abgeschlossen. Der jährliche Pachtzins nach Sanierung wird 36.000 DM betragen. Unter Federführung der Beratungsgesellschaft I.B.I.S. wurde fast zeitgleich der Förderantrag zur Selbsthilfe bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eingereicht, wo man sich dem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen zeigt. "Wir rechnen täglich damit, dass wir den positiven Förderbescheid erhalten", erklärt Schneider. Von den kalkulierten Baukosten in Höhe von 3,8 Millionen DM werden 85 Prozent als Fördermittel, je zur Hälfte als Zuschuss und Darlehen, durch das Land Berlin aufgebracht. Die restlichen 15 Prozent (600.000 DM) müssen durch den mob e.V und "seine" Obdachlosen in Eigenleistung erwirtschaftet werden.

Knackpunkt und Chance

Für Schneider ist dies Knackpunkt und Chance zugleich. "Die uns zur Verfügung stehenden neun Wohnungen werden ganz normal an bisherige Obdachlose vermietet, eine betreute Wohnform, in welcher Art auch immer, ist hier nicht vorgesehen. Es sollen ganz normale Mieter werden, das ist der einfache Sinn des Unterfangens", erklärt der Vereinsvorsitzende. Die Gefahr, dass bei einer solchen Reintegration von Nichtsesshaften in geordnete gesellschaftliche Verhältnisse durchaus Rückschläge zu erwarten sind, will Schneider nicht leugnen. Die "Gefahr einer gewissen Verwahrlosung" müsse man in Betracht ziehen. Andererseits, und darin besteht auch einer der wichtigsten Ansätze dieses nicht ganz billigen Vorhabens, haben Leute, die zwei Jahre lang tägliche, regelmäßige Arbeit durchstehen, ausreichend Potenzial zur Wiedereingliederung bewiesen. 16 Interessenten haben sich bereits um das Projekt geschart, das im Frühjahr 2001 seinen Baubeginn erleben soll. "Wer hier mitarbeitet, ist auch erster Kandidat für eine Wohnung", betont Schneider. Aber die Anforderungen sind durchaus hart: "Kein Alkohol auf der Baustelle und aktives Arbeiten, Eckensteher schicken wir bald wieder weg".

Zum Einsatz kommen die Obdachlosen bei Abriss- und Entrümpelungsarbeiten, als Handlanger und zum Teil auch als Maurer. "Unter den Mitgliedern der Selbsthilfegruppe sind einige mit einer abgeschlossenen Ausbildung in einem handwerklichen Beruf, die brennen regelrecht darauf, dass es endlich losgeht".

Hartmut Seefeld

aus: VorORT, Januar 2001
Quelle: http://www.bmp.de/vorort/0101/a18.shtml
Herausgeber: Mieterberatung Prenzlauer Berg, Gesellschaft für Sozialplanung mbH
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