Uwe, der Starverkäufer

Wie kommt man über die Runden, wenn das bisschen Hartz IV vorne und hinten nicht reicht? Wie lebt es sich in der S-Bahn? Luise Neumann-Cosel hat einen Straßenzeitungsverkäufer einen Tag lang begleitet.

“Einen recht schönen guten Tag, meine Damen und Herren. Entschuldigen Sie die Störung, ich möchte gerne Ihnen den “Straßenfeger” verkaufen”

Uwe ist 63, bekommt Hartz IV und wohnt in einem Sozialbau in Berlin-Spandau. Sein Rücken ist kaputt, er ist schon lange arbeitsunfähig. “Nicht mal einen 1-Euro-Job kann ich machen”, sagt er. Um trotzdem über die Runden zu kommen, verkauft er den “Straßenfeger”. Die Zeitung wurde 1994 gegründet, um Obdachlosen eine Perspektive und einen Lebensunterhalt zu bieten. Heute sind es längst nicht mehr nur noch Wohnungslose, die in Kneipen, Bahnen und Einkaufszentren den Straßenfeger verkaufen. Etwa 100 Verkäufer der Straßenzeitung gibt es in Berlin, nur ein Teil davon lebt auf der Straße. „Der Strassenfeger ist schon lange keine ausschließliche Obdachlosenzeitung, sondern vielmehr eine Strassenzeitung, die von obdachlosen und armen Menschen verkauft wird“ sagt Stefan Schneider vom Verein ”mob e.V. - Obdachlose machen mobil”, der den Straßenfeger herausgibt.

"Ich will den Leuten nichts aufdrängen"

 

Uwe sitzt im “Kaffee Bankrott” des Vereins. Hier sitzen viele, die einen Kaffee für 30 Cent trinken, bevor sie sich einen kleinen Stapel Zeitungen mitnehmen. Uwe schafft 18 Zeitungen am Tag und ist darauf stolz: “Ich bin ein Starverkäufer”, sagt er.

Der Mann kennt sich aus, weiß, in welcher Bahn man am ehesten Zeitungen verkaufen kann. Er fährt auf dem Berliner S-Bahn-Ring und läuft von Wagen zu Wagen. In jedem sagt er seinen seinen Spruch auf, aber erst nach 40 Minuten verkauft er die erste Zeitung. Die meisten Fahrgäste schauen nur kurz auf und dann schnell weg, wenn Uwe zu sprechen beginnt. Manche blicken mitleidig hinter ihm her, manche wütend und verständnislos, die meisten schauen gar nicht.

Häufig kriegt er 50 Cent in die Hand gedrückt, viele wollen gar keine Zeitung. Dabei bettelt Uwe nicht. Und das ist ihm wichtig. “Ich will den Leuten ja nichts aufdrängen. Ich verkaufe nur meine Zeitung, nach Spenden frage ich nie.”

“Geh mal lieber arbeiten!”, grummelt eine Frau. Dabei arbeitet Uwe gerade. Für viele ist der Zeitungsverkauf die einzige Möglichkeit, etwas dazu zu verdienen. Nur 70 Euro habe sie zum Leben, sagt eine Verkäuferin im Kaffee Bankrott. „Das reicht vorne und hinten nicht.” Mit dem Straßenfeger-Geld geht es irgendwie. Miete und Heizung zahlt das Jobcenter, Strom und Warmwasser nicht. Was dann noch bleibt, reicht für viele nicht einmal für das Lebensnotwendigste.

Zwischen Platte und Elendspension

Am Bahnhof Landsberger Allee macht Uwe eine Pause. Er tauscht sein Kleingeld bei einem Fahrkartenschalter um, dort braucht man immer Kleingeld. Gegenüber kriegt er Kaffee für 50 statt für die üblichen 70 Cent. “Beziehungen”, sagt Uwe und grinst. Solche Beziehungen hat er einige in der Stadt.

Wie er zum Straßenfeger gekommen ist? Das sei schon lange her, sagt Uwe. Zehn Jahre verkaufe er mittlerweile auf dem S-Bahn-Ring. Er erzählt, dass er sechs Kinder großgezogen habe. An Arbeit habe er alles genommen, was er kriegen konnte: Schichtarbeiter, Schlosser, eine Zeitlang habe er auch mal das “Neue Deutschland” ausgestragen. “Vor einigen Jahren hatte ich dann Stress mit meinem Vermieter.” Für ein halbes Jahr lebte er in einem Wohnheim für Obdachlose. Durch den Straßenfeger habe er dann doch irgendwann die Kaution für die neue Wohnung zahlen können.

Nicht alle schaffen das. In der Notübernachtung des mob e.V. können Wohnungslose die Nacht für 1,50 Euro verbringen. „Wohnungslos“ im Gegensatz zu „obdachlos“ ist, wer nur vorübergehend mal keine Wohnung hat. Miete nicht gezahlt, Ärger mit der Hausverwaltung oder aber auch Streit mit dem Partner oder der Partnerin – und schon ist die Wohnung weg. Wenn man wirkliche Obdachlose finden wolle, dann müsse man zur Bahnhofsmission, sagen die Mitarbeiter des mob e.V. „Auf Platte”, also dauerhaft auf der Straße, lebe hier keiner. In die Notübernachtung kommen stattdessen Menschen, die manchmal nur für eine Nacht ein Dach über dem Kopf brauchen, bevor sie wieder woanders unterkommen können. Oder Menschen, die für diese wohnungslose Zeit quasi in der Notübernachtung „wohnen“, die auch von den Mitarbeitern dort Hilfe bei Behördengängen und der Suche nach einer neuen Wohnung bekommen.

In Berlin gibt es nach Schätzungen der Caritas 7000 Obdachlose. Der kleinste Teil davon ist tatsächlich dauerhaft ohne Obdach. Viele kommen einige Zeit bei Bekannten unter oder leben in sehr billigen Unterkünften oder Wohnheimen. “Elendspensionen”, nennt man sie bei der Caritas. Aus diesem Schwebezustand wieder herauszukommen und eine eigene Wohnung zu finden, ist gar nicht so einfach. Ohne Job und festen Wohnsitz bekommt man bei keiner Bank ein Konto und auf einen Mietvertrag mit jemandem, der kein eigenes Konto hat, lässt sich kaum ein Vermieter ein. Und wie bei Uwe ist die Kaution meistens das größte Hindernis, denn viele Jobcenter lehnen diese Leihgabe ersteinmal ab. Man möge sich nach einer Wohnung ohne Kaution umsehen, heißt es dann. Wer schon mal eine Wohnung gesucht hat, weiß, dass das beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist. Warum das so ist?

"Alleinsein macht keinen Spaß."

Uwe zieht weiter. Wenn er einem Sicherheitsbeauftragten der Bahn begegnet, zieht er den Kopf ein und sieht, dass er schnell verschwindet. „Besser aus dem Weg gehen, denen!“ Der Zeitungsverkauf in den Bahnen ist nicht offiziell gestattet, wird aber meistens gebilligt. Er kenne zwar viele der Sicherheitskräfte, sagt Uwe, aber man wüsste ja nie. Einige lassen ihn weiter verkaufen, aber andere lassen auch mal ihre Agressionen an ihm aus. Ein Platzverweis und ein Bußgeld wären da noch das kleinere Übel.

Nach knapp drei Stunden hat Uwe vier Zeitungen verkauft und etwas mehr als zehn Euro eingenommen. An guten Tagen schaffe er 50 Euro, sagt Uwe. Dafür sei er aber manchmal bis 22:00 Uhr unterwegs. Ob er zufrieden ist mit seinem Leben? „Naja”, sagt er. “Alleinsein macht keinen Spaß.” Deswegen gehe er ja die Zeitung verkaufen. Wenig später schiebt er nach: „Aber eigentlich bin ich dabei ja auch alleine.“

Luise Neumann-Cosel (21) ist SPUNK-Redakteurin und lebt in Berlin. Beim Schreiben dieses Artikels hat sie mehr gelernt als bei irgendeinem anderen Artikel zuvor.

Quelle: http://wiki.gruene-jugend.de/index.php/SPUNK_49#Stra.C3.9Fenfeger
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