In Berlin bieten Nichtseßhafte Politikern Schnupperkurse fürs Leben auf der Straße an - mit begrenztem Erfolg.

Karin Hiller-Ewers beim Crashkurs - Foto: Stefan Doblinger www.doblinger-reportage.de/ Die Matratze hatte gelbe Flecken, ein Dunst aus Fußschweiß und Alkohol hing in der Luft. In der zwölf Quadratmeter großen Notunterkunft in Berlin-Friedrichshain schnarchten sieben Obdachlose auf ihren Nachtlagern. Doch Karin Hiller-Ewers, 45, war "heilfroh", in der feuchtkalten Aprilnacht wenigstens einen überdachten Schlafplatz gefunden zu haben.
Für einen Tag probte die SPD-Abgeordnete, zu Hause im bürgerlichen Reinickendorf, das Leben auf der Straße. Im "Crashkurs Obdachlosigkeit", den der Berliner Verein "mob - Obdachlose machen mobil e. V." anbietet, gab sie frühmorgens Ausweis, Uhr, Schmuck und Geld ab - "nur die Zigaretten durfte ich behalten".
Essen und Getränke mußte die Kurzzeit-Vagabundin sich selbst verdienen. Wie, das zeigte ihr ein Obdachloser, der die Abgeordnete rund um die Uhr begleitete.
Ihr Tagwerk begann in der mobilen Vertriebsstation der vereinseigenen Zeitung strassenfeger (Auflage: 23 000), die zweiwöchentlich erscheint. Fünf Exemplare bekam Hiller-Ewers auf Kommission, jedes weitere mußte sie für eine Mark kaufen.
Jede verkaufte Zeitschrift bringt einen Verdienst von einer Mark.
Für die bis zu 100 Obdachlosen, welche die Zwei-Mark-Postille meist in Straßen und U-Bahnen vertreiben, ist das Alltag. "Zwischen 50 und 80 Mark sind drin, wenn man die guten Stellen in der Stadt kennt und keine Skrupel hat, die Leute anzuquatschen", sagt Wolfgang Hoppe, 36, seit acht Jahren auf Platte. Anfängerin Hiller-Ewers verdiente gerade mal neun Mark: "Ich war schüchtern und fühlte mich einfach nicht wohl in meiner Haut."
Das passende Outfit der Berber auf Probe wird aus Kleiderspenden zusammengestellt. "Das ist wirklich eklig", fand die SPD-Sozialexpertin Hiller-Ewers. "Die fremden Klamotten, von denen keine richtig paßt, entwurzeln einen noch mehr."
Solche Erkenntnisse sind genau das Ziel des Crashkurses, der nicht zufällig in Berlin angeboten wird. Bis zu 15 000 Menschen, schätzt der Senat, müssen sich in der Hauptstadt der Obdachlosigkeit ohne feste Bleibe durchschlagen, mit 40000 rechnen Caritas und Diakonie.
"Sie wollen mitreden?" fragte der Verein "mob" Anfang des Monats in einer doppelseitigen Anzeige im strassenfeger, einer von drei Berliner Obdachlosenzeitungen. Wer erfahren wolle, "wie es ist, auf der Straße zu leben, ohne einen Pfennig Geld, Dach überm Kopf und Privatsphäre", der könne dies unter "realistischen Bedingungen" tun.
Das Bedürfnis der Politiker, das Experiment mitzumachen, ist unterschiedlich groß. Hiller-Ewers hält es als Mitglied des Sozialausschusses in der SPD-Fraktion für ihre Aufgabe, "die Lebensbedingungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen kennenzulernen". Es sei einfacher, in Kohlegruben zu fahren, Bierfässer anzuzapfen oder Nachtwache in Pflegeheimen zu halten, als das städtische Berberleben mitzubekommen.
Auch der sozialpolitische Sprecher der Berliner Bündnis-Grünen, Michael Haberkorn, empfiehlt den Kurs "manch einem, der im Sozialausschuß sitzt". Mit der Begründung, er habe 15 Jahre als Sozialarbeiter die Szene studiert, beschränkte Haberkorn seinen Einsatz auf zwei Stunden als strassenfeger-Vertriebschef - er mußte den recht kommoden VW-Bus am Bahnhof Zoo gar nicht verlassen.
Elegant versucht sich auch der PDS-Abgeordnete Benjamin Hoff die Erfahrungen zu ersparen. Trotz des Gefühls "tiefer Scham über den Wohlstand in der reichen BRD" und seiner "tief verwurzelten karitativen Lebenseinstellung" will der Nachwuchspolitiker nicht mitmachen. Die Aktion berge die Gefahr, "die Betroffenen zu verhöhnen". Dialektiker Hoff, 21, möchte zudem den Obdachlosen nicht "ihren Kaffee wegtrinken und ihre Stullen wegessen".
Die CDU hält das "mob"-Angebot grundsätzlich für "hochinteressant und zu begrüßen", sagt Fraktionschef Klaus-Rüdiger Landowsky. Angenommen hat es allerdings noch kein Christdemokrat - "aus Zeitgründen", wie Pressesprecher Markus Kauffmann rechtfertigt. Zudem glaubt Kauffmann, daß "niemand obdachlos sein muß, wenn er es nicht wirklich will".
"Das fehlende Wissen um den Umfang der Wohnungslosigkeit", sagt Verena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG), könne der Schnupperkurs sicher besser wettmachen als jede Statistik. Die in Bielefeld ansässige BAG schätzt, daß in ganz Deutschland knapp eine Million Menschen wohnungslos sind, sie zählt dazu allerdings alle Menschen ohne Mietvertrag.
"mob"-Vereinsvorsitzender Stefan Schneider ist durchaus zufrieden mit der Resonanz auf seine Initiative. Der Vorwurf vieler Interessenten, die Kursgebühr von 180 Mark für einen Tag als Berber sei ziemlich happig, prallt an ihm ab. Schließlich gehe davon die Hälfte an den Begleiter - "der verdient ja sonst nichts an dem Tag".
Der Rest komme der Vereinsarbeit zugute, sagt Schneider. Und: "Geld ist nun mal das wirksamste Mittel gegen Armut."


Quelle: Der SPIEGEL 1997, Nummer 18, Seite 78 sowie in SPIEGEL-Online
 Berber auf Probe _ Spiegel_1997_18_78.pdf

Foto von Stefan Doblinger (www.doblinger-reportage.de) - Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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