von Pamo Roth, Fotos: Bernd Lammel

Obdachlosenzeitungen sind ein Sympathieträger. Oft kommen die Straßenverkäufer in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Käufern und Interessenten ins Gespräch. Meist geht es dabei um Biografien und persönliche Schicksale. Doch wieviel Einfluss haben die Obdachlosen eigentlich auf die redaktionellen Inhalte der Blätter, die sie verkaufen? Ein Besuch bei der motz-life, einer Redaktion von Obdachlosen in Berlin

Notübernachtung in der Weserstraße im Osten Berlins, sieben Uhr morgens. Die frisch gedruckte Straßenzeitung motz ist angeliefert, damit sich die Straßenverkäufer damit versorgen können. Michael Putzar, genannt Mikele, ViSdP der motz und Hauptverantwortlicher für die motz-life, sitzt an einem Tisch im Aufenthaltsraum. Der Raum ist gleichzeitig Küche, Wohnzimmer, motz-Vertriebsstation, Büro und motz-life-Redaktion. Auf dem Tisch steht eine Kanne frischer Kaffee, an der jeder sich bedienen kann. Auch das Päckchen Tabak für Selbstgedrehte ist für alle da. Die Ausstattung ist schlicht und liebevoll gepflegt. An der Wand hängen persönliche Erinnerungsfotos. Das Prinzip motz-life funktioniert auf Augenhöhe: „Man piept sich untereinander an.“ Die Themenschwerpunkte sind Monate im Voraus ersonnen.

Obdachlose – Wohnungslose, wie es formal richtig heißt –, die schreiben wollen, geben ihre Artikel sowohl handgeschrieben, per Schreibmaschine getippt oder digital an Mikele: „Das ist zum Teil ein ganz schönes Chaos. Aber es soll ja jeder sagen, was und wie er es will.“ Mikele trägt Geldbeträge in einen kleinen Quittungsblock ein.

Die Straßenverkäufer geben das, was sie gerade „auf Tasche haben“, und erhalten eine motz für 40 Cent, die sie für 1,20 Euro verkaufen. Mal sind es 20 Euro, die Mikele hingestreckt werden, mal 2 Euro. Mal wird der nächste Artikel abgesprochen oder der letzte kommentiert, manchmal fällt nur ein Wort. „Die Straßenzeitung ist ja auch aus dem sozialkritischen Aspekt entstanden, dass man den Leuten etwas in die Hand geben wollte, damit sie eine Zeitung verkaufen, Geld verdienen und in ein Kauf-Verkauf-Verhältnis und ins normale Leben treten.“ Außerdem soll Beschaffungskriminalität verhindert werden.

Die Zwei-Klassen-Redaktion
2000 entstand die motz-life aus einer Not heraus. Christian Linde, Chefredakteur und zugleich einziger angestellter Redakteur der motz, hatte sich außerstande gefühlt, alle zwei Wochen eine motz-Ausgabe zu füllen. Eine zweite Redaktionsstelle sollte helfen, doch dafür hatte der gemeinnützige Verein kein Geld. Die von der motz finanzierte Notunterkunft sprang ein. Michael Krahn, ehemals zur See gefahren, lange Jahre obdachlos und schließlich Leiter der Notunterkunft, schlug vor, eine zweite Ausgabe monatlich mit Hilfe der Wohnungslosen aus der Notunterkunft zu füllen – die motz-life war geboren. Ohne Vorlauf, ohne journalistische Kurse. Schwerpunkt ist hier die „Arbeit mit Betroffenen, die eine stark integrative Wirkung hat“, wie die motz-Homepage aufklärt.

Vom journalistischen Knowhow der motz-Redaktion kann die motz-life allerdings wenig profitieren. Linde, langjähriger Journalist, hat nach Auskunft der motz-life-Mannschaft noch kein einziges Mal die Not­unterkunft besucht. „Selbsthilfe statt Hilfe“ lautet hier das Prinzip, und das hört sich auf der Homepage der motz so an: „Ganz im Sinne der Selbsthilfe-Idee wird hier sehr erfolgreich auf staatliche Finanzierung und professionelle Unterstützung durch Nichtbetroffene verzichtet.“ So gilt die motz-life als boulevardeske „Bunte von unten“ – die motz als investigativer Berliner Sozial-Spiegel.

„Geizt mit Anerkennung, Anteilnahme und Förderung“
Diese qualitativ bedingte Aufteilung der Redaktion in zwei Klassen wird durch die örtliche Trennung zementiert: Die motz-life entsteht in Friedrichshain, die motz in Kreuzberg 61 mit „Linde und zwei, drei Leuten aus seinem Dunstkreis“, so Stefan Schneider, Gründungmitglied der motz und ehemaliger Redakteur des Straßenfegers. Informationen zwischen den Redaktionen fließen nur einseitig. Während die motz-life der motz ihre Themenvorschläge für die nächsten Monate regel­mäßig schickt, erfährt sie im Gegenzug das, was die motz schreibt, erst, wenn die frisch gedruckte Ausgabe an die Notunterkunft ausgeliefert wird: „Es ist noch nicht einmal ein Informationsgefälle; es herrscht Funkstille“, fasst Mikele den Workflow zusammen.

Auch personelle Überschneidungen im Autorenstamm sind die Ausnahme. Ein Zeitungsverkäufer, der bisher für die motz unter dem Pseudonym Findikus schrieb, wechselte zu den Autoren der motz-life. Über die Gründe will er nicht sprechen. Aber er hinterließ eine sprechende Kolumne in der 100. Ausgabe der motz im April dieses Jahres: „Kein Hätschelkind“. Darin sagt er über die intern als „Schmuddelmotz“ bezeichnete Zeitung: „[..] dieses Misstrauen hat sich bis heute in manchen Köpfen festgesetzt.“ Auch er bemängelt die Zwei-Klassen-Redaktion: „Anzumerken bleibt, was Kritikern innerhalb des Vereins immer wieder Wasser auf die Mühlen gibt, dass die motz-life bis heute zu keiner ‚erwachsenen‘ Zeitung herangewachsen ist. Die Frage sei aber auch erlaubt, ob ein derartiger Reifeprozess überhaupt (noch) im Interesse der Macher oder der aktiven Leserschaft liegt?“ Offen spricht er den Missstand an, dass „die Zeitung kein Hätschelkind des Herausgebers ist, der mit Anerkennung, Anteilnahme und Förderung, ja sogar mit innerbetrieblicher Kommunikation geizt“.

Motz! Mich! Nicht! An!
Gern hätten wir die Perspektive der motz-Redaktion geschildert. Leider war das unmöglich. Nachdem sich die Autorin dieses Artikels mit der motz-life im Büro der Layouter getroffen hatte, um auch über den Produktionsprozess berichten zu können, wurde sie am Telefon vom Chefredakteur der motz beschimpft. Eigentlich war ein Interview mit Christian Linde über die motz verabredet. Doch dazu kam es nicht. O-Ton Linde: „Was erlauben Sie sich, dass sie einfach zu unseren Layoutern ins Büro gegangen sind. Da haben Sie sich die Erlaubnis von der Geschäftsstelle des Vereins zu holen. Das können nicht wohnungslose Leute erlauben!“ Die Frage nach Mitspracherecht oder gar Kommunikation auf Augenhöhe, die sich nach diesen Äußerungen aufdrängte, konnte nicht mehr gestellt werden – Linde legte einfach auf.

Für Stefan Schneider ist die Antwort auf die Frage nach dem Mitspracherecht der Obdachlosen in den Straßenzeitungen eindeutig: „Nicht der Vorstand des Vereins ist der Chef, sondern die Gruppe der Straßenverkäufer.“ Für ihn ist ganz klar, dass es bei dem Projekt in erster Linie um die Verkäufer geht. In der Geschichte der Obdachlosenzeitungen in Berlin sorgte diese Frage immer wieder für Streit. 1994 gründen sich fast gleichzeitig die Zeitung MOB (Magazin obdachloser Bürger) und die HAZ (Hunnis Allgemeine Zeitung) – „einer Gruppe Punks von Rosa-Luxemburg-Platz, die sich um Uwe Hundertmark, Hunni, scharten“, so Schneider. Nach einem Jahr wurden beide Blätter von internen Auseinandersetzungen erschüttert. Zudem sollen bei der Mob unhaltbare Zustände geherrscht haben: „Leute bedienten sich aus der Kasse; ganze Zeitungspakete wurden mit einem Joint bezahlt, Verkäufer junkten, stinkende Socken lagen auf dem Computerkeyboard und Erbrochenes neben dem Tisch“, fasst Schneider einige unschöne Details zusammen. Dies und die Richtungsstreits bei beiden Zeitungen gipfelten im Zusammenschluss zur motz: Eine sprachliche Hybridbildung aus beiden Titeln.

„Variationen des gleichen Themas“
Die folgenden Überwerfungen und Neugründungen verschiedener neuer Straßenzeitungsprojekte (Platte, aufgelöst, weil der Vorstand mit der Kasse durchbrannte, ein Blatt, aus der der Straßenfeger hervorging, und Stütze, eine Koalition aus Abspaltungen von motz und Straßenfeger, seit Mai 2008 eingestellt) sind nach Auffassung von Schneider „Variationen des gleichen Themas“. Er macht auf den Grundsatz aufmerksam, nach dem beispielsweise der Straßenfeger arbeitet: Straßenverkäufer-Artikel haben Vorrang, weil sie die authentische Sicht von der Straße zeigen“. Außerdem sei der innere Redaktionskreis ganz bewusst von Straßenverkäufern besetzt worden, damit kein Entfremdungsprozess stattfinde. Eben nicht so wie bei Linde, dem Chefredakteur der motz, der immerhin auch Gründungsmitglied sei: „Der hat so wenig mit wohnungslosen Leuten zu tun, weil er sich von dieser Realität entfernt hat, beziehungsweise noch nie ein Teil davon war.“ Funkstille scheint auch gegenüber der anderen Berliner Obdachlosenzeitung zu herrschen: Während die motz (vierzehntägige Auflage: 12 000) auf ihrer Homepage ihre größere Schwester Straßenfeger (vierzehntägige Auflage: 21 000) mit keinem Wort erwähnt, ist man dort entspannter: Dort wird zu dem Konkurrenten verlinkt.

Quelle: www.berliner-journalisten.com/heft15_artikel7.php

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