Ohne Obdach auch die Würde los

Jan Lindner beim Verkauf des Bank Extra: Foto: Jens Weber"Darf ich Ihnen die Bank Extra anbieten?" Es kostet Überwindung, Obdachlosenzeitungen an den Mann zu bringen. Ergebnis nach zwei Stunden: Zwei verkauft.

Obdachlosenzeitungen in der Hand und abgetragene Kleidung am Leib machen unsichtbar: Der Selbstversuch bestätigt die Caritas-Kritik, dass Menschen am Rand der Gesellschaft zu wenig wahrgenommen werden. Meist sieht man sie ja auch früh genug, um sie dann übersehen zu können.

Eine Stunde lang Kälte, Rumstehen für nichts, das Gefühl, Luft zu ran, eine Stunde nur Frust und steife Glieder. Und dann endlich kommt sie daher, Ende 20, interessiert und freundlich: Eine junge Frau will eine Obachlosenzeitung. Die ersten einssiebzig! Aber sie stutzt: "Du bist doch so jung. Bist Du wirklich obdachlos?"
 Erwischt. Der älteste Pulli mit dem scheußlichen Muster, die längst ausgemusterte Jacke und ausgelatschte Turnschuhe reichen nicht aus, um den Reporter glaubwürdig als Obdachlosen zu brandmarken. Zumindest nicht bei Menschen wie meiner ersten Kundin, die genau hinsehen. Aber das tun die wenigsten. Bemängelt auch der Caritasverband und hat deshalb die Kampagne "Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft" gestartet. Zwei Stunden Selbstversuch als Verkäufer von Obdachlosenzeitungen – und man erhält eine leise Ahnung davon, wie es sich anfühlt auf der anderen Seite der Schnittstelle zwischen den Menschen, die dazugehören und den anderen am Rande der Gesellschaft.

In der heutigen Zeit sollte jeder mit jedem reden können. Dazu gehört auch, dass man Obdachlosen nicht aus dem Weg geht."

Stefan Schneider forscht zum Thema Wohnungslosigkeit.

Portraits solcher Menschen gehören zum Caritas-Kampagne, begleitet von Aussagen wie "Ein Lächeln erfreut jeden. Auch mich". Die Caritas will aber keinen Knigge aufstellen, sagt Sprecherin Claudia Beck: "Vielmehr wollen wir die Menschen sensibilisieren für den Umgang mit Leuten um Rand der Gesellschaft. Man sollte nicht je­den anlächeln, ganz klar. Eher sollte man die Kriterien, rnit denen man an­deren Leuten begegnet, auch auf den Umgang mit den Betroffenen übertragen." Ziel ist auch, dass sich Menschen mit der Situation der Betroffenen befassen, die das sonst nicht tun würden.  
Klirrend kalt ist es an diesem Dienstagnachmittag in Köln. Dazu regnet es.  "Bei diesem Wetter geht jeder weiter, du verkaufst nicht eine Zeitung", hatte Rainer zuvor gesagt. "Die Leute halten ihren Regenschirm als Schutz vors Gesicht, damit sie dich nicht anschauen müssen." Rainer ist 42 Jahre alt, obdachlose und verkauft seit zwölf Jahren die "Bank Extra – Kölns älteste Obdachlosenzeitung" in Köln.
An diesem Tag hört man Rainer – der nie ohne seinen Bruder Andreas (45) loszieht – nicht in der Schildergasse rufen, der Einkaufsstraße in der Innenstadt. "Bank Extra hier!", ist sonst einer seiner Sprüche. Heute ist die Aussicht auf einen erfolgreichen Verkauf – 20 Zeitungen setzt er an einem guten Tag ab – wegen des Wetters wie das Wetter: schecht.     Nur vor Weihnachten spielt Regen keine Rolle: "Da entdecken die Leute ihr soziales Gewissen."  
Weil er an diesem Tag nicht verkauft, hat mir Rainer seinen Platz überlassen, seinen Stammplatz, direkt vor dem Eingang von C&A. Dort steht er Tag für Tag, "immer so vier bis fünf Stunden". Zuvor hat er mich, den Testverkäufer, noch abschätzig gemustert: "Aber der verkauft hier jetzt nicht auch noch, oder?" Nein, hat Reiner Nolden beruhigt, der den Zeitungsverkauf des gemeinnützigen Vereins Oase e.V. organisiert. "Er ist nur heute für ein paar Stunden hier, um zu sehen, wie die Passanten reagieren." In Koblenz und Mainz geht das nicht. Da gab es zwar mal die "Platte", doch die ist seit einem Jahr eingestellt – trotz guter Verkaufszahlen. Die Zuschüsse fließen jetzt in die Tafelläden.
Rainer in Köln ist noch nicht ganz überzeugt. Von der Kampagne hat er noch nichts gehört, dafür auf der Straße schon viel erlebt. Er könnte sicher vieles erzählen, wie die Passanten auf der Straße mit ihm umgehen – und wenige Erfahrungen wären positiv. Doch genau das sprudelt aus ihm heraus: "Einmal hat mir ein Stammkunde eine Jacke bei C&A gekauft. Die war eine Nummer zu groß. Er ist dann nochmal rein und hat sie umgetauscht." Eine große Gabe für einen, der sich für ein kleines Licht auf den Straßen einer Metropole hält.
Wie viele wohnungslose Menschen wie Rainer es in Deutschland gibt, weiß niemand so genau. Leute, die auf der Straße leben, kann man schlecht zählen. Laut einer Studie der Hamburger Behörde für Soziales aus dem Jahr 2002 besteht für wohnungslose Menschen nur während der ersten sechs Monate eine realistische Möglichkeit, diesen Verhältnissen dauerhaft zu entfliehen. Der Verlust der Wohnung ist oft der letzte, deutliche Schlusspunkt einer ganzen Kette von Schicksalsschlägen, wie Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidung oder finanzieller Schieflage.
Die Ziele der Caritas-Kampagne hingegen, die so selbstverständlich anmuten, haben die meisten Passanten an diesem Nachmittag in Köln wohl noch nicht erreicht. Die meisten hasten vorbei, schauen weg, oder ihnen ist der Augenkontakt unangenehm, sie verleugnen meine Anwesenheit. Das klingt drastisch und ist auch meinem Frust geschuldet, der mit jeder Minute wächst. Die Zeitungen einfach still hinhalten, hatte Verkäufer Willi (37) geraten: "Wenn Du rufst, verschreckst du die Leute."

"Die Leute sollten Interesse zeigen und uns auch mal ansprechen. Vielleicht haben sie ja Verbesserungsvorschläge."

Willi (37), obdachlos

Nun, Willi steht auch in einer Zwischenstation eines U-Bahnhofs – in U-Bahnen und auf Bahnsteigen ist der Verkauf in Köln tabu – und weiß: "Hier zu brüllen, wäre nicht gut." Aber auf mein stilles Dasein in der Fußgängerzone reagiert niemand. Doch wo ist die Grenze zur Belästigung, was den Verkäufern von Obdachlosenzeitungen ebenso verboten ist wie Alkoholkonsum während des Verkaufs? Ich werde aktiver, traue mich zunächst nur im Flüsterton zu fragen: "Bank Extra?" Und: "Darf ich Ihnen eine Bank Extra anbieten?" Da: War das etwa ein Lächeln, wenn auch nicht wenigstens von einer kurzen Antwort begleitet? Und hier: Ein Mann mittleren Alters verzieht den Mundwinkel und schüttelt den Kopf. Soll er doch. Wenigstens eine Reaktion. "Passanten reagieren sehr unterschiedlich. Von Polemik bis zum normalen Umgang ist alles dabei", sagt Michel.
"Der Verkauf kann sehr frustrierend sein, nicht jeder kann das", sagt Stefan Schneider, der wissenschaftlich das Thema Wohnungslosigkeit bearbeitet und die Berliner Straßenzeitung "strassenfeger" herausgibt. "Für viele Betroffene ist es der letzte Ausweg, sie haben keine bessere Alternative." Diverse Aspekte des Verkaufs sind für Schneider wesentlich: "Da sind zunächst der materielle Nutzen für Menschen, die sonst keine Chance haben, Geld zu erhalten. Es ist eine selbstständige Arbeit, eine Alternative zum Betteln, strukturiert den Alltag und steigert das Selbstwertgefühl ein Stück weit." Die Zeitungen sollen zudem Lobbyarbeit leisten für Wohnungslose.
Als die ersten Strassenzeitungen in Deutschland Mitte der 1990er Jahre herauskamen, gingen die Menschen damit anders um, sagt Schneider: "Es war etwas Neues. Heute glaubt man, alles über Obdachlose zu wissen. Wichtig ist, dass die Leute die Zeitung auch lesen, statt nur Geld zu geben."
Caritas-Expertin Beck sieht noch eine andere Entwicklung: "Die Normalbevölkerung hat heute kaum Kontakte zu isolierten Betroffenen und Angst, selbst abzustürzen." Viele gingen deshalb auf Distanz.
Nicht alle. Wie etwa die junge Frau. Der erste Mensch, der mit mir spricht, mich sogar anspricht. Seltsam: So viel Euphorie wegen weniger Worte. Michaela heißt sie, und erklärt: "Ich frage mich oft, was Obdachlose so machen und unterhalte mich mit ihnen." Das Titelbild der Zeitung – ein Foto des Kölner Kabarettisten Jürgen Becker – hat sie angesprochen. "Das mit den Prominenten zieht", findet sie. Es ist mein erster Erlös, 90 Cent der 1,70 Euro gehen an der Verkäufer.
Bei anderen Passanten zieht Jürgen Becker nicht. Immerhin zeigen einige wenige durch ein "Nein, danke", dass sie Notiz genommen haben. Erwidere ich die Blicke, die nicht selten vom Zeitungscover zu meinem Gesicht wechseln, wenden sie sich peinlich berührt ab. Die Kleiderpuppen im Schaufenster hinter mir sind dann deutlich ansprechender.
Dass die Passanten ein Reporter-Team von RTL – auf dem Fang nach eindeutigen Aussagen zur Pius-Bruderschaft – zumindest zu Teilen ähnlich ignorieren, hellt meine Stimmung etwas auf. Und Janine aus Leipzig tut es auch. Sie kauft mir die zweite und letzte Zeitung ab – nach der zweiten Stunde. "In Leipzig kaufe ich sie regelmäßig, denn ich finde die Artikel interessant." Und: Jeden könne ein solches Schicksal ereilen.
Fragt man Rainer, Andreas und Willi, was sie von den Passanten auf der Straße erwarten, antworten sie: "Die Leute sollten Interesse zeigen, uns mal ansprechen. Vielleicht haben sie Verbesserungsvorschläge für den Verkauf." Wenn die Leute sie beobachten, ihnen zumindest etwas Respekt zeigen würden, wären sie schon zufrieden. Schneider findet: "Es gehört zur Sozialkompetenz, dass man Betroffenen nicht aus dem Weg geht." Er selbst vertraut einem Obdachlosen sein Fahrrad an, bevor er die Markthalle betritt. "Dann brauche ich kein Schloss."

Bank Extra mit Verkäuferausweis - Foto: Jens WeberLizenz für die Straße: Einen solchen Ausweis muss jeder Verkäufer einer Obdachlosenzeitung vorzeigen können. Passanten belästigen und Alkoholkonsum sind während des Verkaufs verboten.

Jan Lindner

Unterm Strich

Angst vor dem Absturz

Weit weg vom Rest der Bevölkerung sind Wohnungslose: 46 Prozent der Deutschen begegnen ihnen gar nicht, 50 Prozent in bestimmten Stadtteilen, 4 Prozent in der Nachbarschaft und 1 Prozent im Freundes- oder Familienkreis.
Keine eigene Wohnung hatten 2006 in Deutschland 265 000 Menschen. 18 000 davon lebten ohne Unterkunft auf der Straße, so die BAG Wohnungslosenhilfe.
Angst vor Armut ist verbreitet – zwölf Prozent der Deutschen hegen die Befürchtung, abzurutschen, weitere 25 Prozent halten es für möglich. Personen mit Hauptschulabschluss rechnen seltener damit als Abiturienten.
Die Caritas-Kampagne zielt nicht nur auf Bewusstseinsveränderungen der Menschen ab, sondern erhebt auch sozialpolitische Forderungen. Weitere Informationen gibt es unter www.soziale-manieren.de .


Quelle:
Mit freundlicher Erlaubnis von Jan Lindner, entnommen aus der Rhein-Zeitung / Journal vom 21.02.2009
Hervorhebungen meines Namens nicht im Original.

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