Fedél Nélkül, die BudaPester Strassenzeitung - Foto: Dr. Stefan Schneider

Es geht los!

Es ist ein langer Weg von Berlin nach Ungarns Hauptstadt. 850 km sagt der Routenplaner, und da die Gruppe nicht durch die Slowakei fahren darf, weil die Autovermietung dort keinen Versicherungsschutz gewährleistet ist die Strecke noch ein wenig länger, es sind fast 900 km. Dafür sind aber Winterreifen montiert, obwohl es nun uberhaupt nicht nach einem Wintereinbruch aussieht. Aber: Vorschrift ist Vorschrift.
An einem Mittwoch im Februar 2008 treffen sich vor dem Treffpunkt Kaffee Bankrott im Berliner Bezirk Pankow - Prenzlauer Berg 8 Menschen, 4 Frauen und 4 Männer, die alle mehr oder weniger freiwillig und ehrenamtlich mit dem Verein mob e.V./ strassenfeger verbunden sind. Sie arbeiten mit in der Redaktion, in der Notübernachtung und in anderen Projekten des Verein. Andreas vom Treffpunkt Kaffee Bankrott hat seit 6 Uhr zusammen mit Wolfgang belegte Brötchen vorbereitet, dazu Gurken, Tomaten, gekochte Eier, ein Träger Sprudel und ein Träger Orangenlimonade steht bereit. Schnell wird noch Kaffee gekocht und in die eigens am Vortag noch angeschafften Großthermoskannen mit einem Fassungsvermögen von 3 Litern abgefüllt. Dazu gibt es noch Zucker und Kaffeemilch. An Koffein, das ist mal sicher, wird diese Mission nicht scheitern. Und an der Reiseverpflegung auch nicht. Auch Selbstdarstellungen des Vereins mob e.V., die aktuelle Ausgabe vom strassenfeger sowie die Sonderausgabe vom Ratgeber Arbeitslosengeld II - Ihr Recht von A-Z wird eingepackt und insgesamt 8 T-Shirts in unterschiedlichen Größen, wahlweise mit dem Aufdruck strassenfeger oder arm, aber sexy werden als Gastgeschenke mit in den Bus eingeladen.
Kerstin war am Vortag noch beim ADAC und hat Kartenmaterial besogt, die Route geht über Dresden, Prag und Brno an Wien vorbei nach Budapest, fast durchgängig über die Autobahn, nur in der Tschechoslowokei gibt es ein Stück Landstraße und es ist auch noch nicht klar, wie wir die Slowakei umfahren. Auch so, und die Autobahn ist gebührenpflichtig wenigstens in Ungarn, ob das in Österreich und der Tschechischen Republik auch so ist, ist noch herauszufinden. Stefan hat einen Stadtplan von BudaPest besorgt und kann berichten, dass das Hotel Anna, wo die Gruppe unterkommen wird, zentral im Stadtteil Pest gelegen ist, die Donau ist fußläufig erreichbar.

Nur, was will diese Gruppe von Mitwirkenden eines Selbsthilfeprojektes für arme und wohnungslose Menschen in Budapest? Eine kleine Umfrage ergibt, dass drei der acht TeilnehmerInnen bereits in BadaPest waren, aber das sei lange her und es gäbe kaum noch konkrete Erinnerungen. Und die anderen 5, was haben die für Vorstellungen? Kaum mehr, als durch eine schnelle Recherche im Internet zu erfahren ist. Ungang, das ist hemaliger Ostblock, es gab dem Aufstand 1956 (warum eigentlich), BudaPest ist eine Millionenstadt, bestehend aus Buda und Pest, Ungarn war Teil einer alten Monarchie, k.u.k. zusammen mit Österreich (was immer k.u.k. bedeuten könnte), ungarischer Wein, Salami, Pepperoni, Magyaren, Balaton, Sissy und waren nicht auch mal die Türken da? Vorurteile, Halbwissen, Klischees, wie das eben so ist, wenn mensch in unbekannte Städte reist.
Also, was will diese Gruppe in Ungarn?

Hintergrund

Im Sommer 2007 meldete sich Gabor Horvath /Foto/ von der Menhely Alapítvány (Shelter-Foundation/ Obdach-Stiftung) aus Budapest, Ungarn bei mir mit dem Anliegen, dass eine Gruppe von MitarbeiterInnen gerne im Herbst 2007 einen Berlin - Besuch unternehmen und dabei einige Einrichtungen der Hilfe für arme und wohnungslose Menschen in Berlin besuchen und kennenlernen möchten, um in einen fachlichen Austausch zu treten. Ein besonderes Interesse galt dabei  dem Kältehilfetelefon und der Straßensozialarbeit in Berlin. Schnell wurde deutlich, dass diese Anfrage den Hintergrund hatte, dass es in Budapest ebenfalls seit mehreren Jahren ein rund um die Uhr und ganzjähriges besetztes Notfallhilfetelefon für Wohnungslose gibt, in Verbidung mit mehreren Kältebussen und einer Strategie einer stadtteilbezogenen Strassensozialarbeit für wohnungslose Menschen in den 23 Bezirken Budapests.

Tatsächlich kam dann auch eine Gruppe von 10 Menschen (Gabor, Franz, Peter, Nora, Esther, Irena, Andus, ...) im Oktober 2007 nach Berlin, und im Verlauf des insgesamt 3tägigen Aufenthalts besuchte die Gruppe - neben den touristischen Sehenswürdigkeiten in Berlin folgede Einrichtungen der Arbeit mit armen und wohnungslosen Menschen ... (aufzählen), darunter den Verein mob e.V. / strassenfeger mit seinen Projekten Strassenzeitung, Notübernachtung und Treffpunkt, das Kältehilfetelefon,

Bereits zum Zeitpunkt der Vorbereitung des Menhely-Besuches im Oktober 2007 in Berlin wurde vereinbart, dass als Gegenbesuch eine Gruppe aus Berlin nach Budapest würde fahren können, vernünftigerweise noch in der Winterszeit, um vor Ort in Budapest ****

Aber auch Zeit für Sightseeing. 

Erste Eindrücke

Ja, die lange Fahrt nervt. So schön es auch war, sich etwa dreissig Kilometer lang auf Landstraßen durch das tschechische Elbtal zu quälen, den Berufsverkehr in Prag zu erleben, die Autobahn nach Brno runter zu donnern, sich in der Abenddämmerung duch kleine Straßen in dem offenbar bergelosen Österreich zu schummeln und die letzten 150 ungarischen Autobahnkilomenter herunter zu zählen, irgendwann nervt die schönste Autofahrt und es ist inzwischen 21:00 Uhr, die Gruppe ist seit 12 1/2 Stunden unterwegs, denn natürlich dauerte es noch ein halbe Stunde, bis die Gruppe vom morgen startklar war. 

1. Budapest Reise 20.02. - 25.02.2008

Ziel der Budapest - Reise war, mehr zu verstehen über Armut und Wohnungslosigkeit und Hilfe- sowie Selbstorganisationsstrukturen in einer osteuropäischen Metropole in Verbindung mit einer Stadterkundung ganz allgemein. Die Reisegruppe bestand aus 8 Menschen, die mehr oder weniger eng in der sozialen Selbsthilfeorganisation für wohnungslose und arme Menschen mob e.V./strassenfeger mitwirken, darunter Mitwirkende aus den Projekten Notübernachtung, Redaktion, Radio-Gruppe, Trödel und Verwaltung. Die Gruppe bestand aus 4 Frauen und 4 Männern, darunter ein Philosoph, eine Politologin, ein Sozialwissenschaftler, angehende SozialarbeiterInnen, ein Historikerin usw.

Mittwoch, 20.02.2008 Anreise mit einem geliehenen Auto, erste Stadterkundung nachts
Donnerstag, 21.02.2008
Freitag, 22.02.2008
Samstag, 23.02.2008
Sonntag, 24.02.2008, Rückfahrt

2. Programm

3. Armut und Wohnungsnot in Budapest

Budapest ist mit 1.700.000 Einwohnern nicht nur die größte Stadt Ungarns, sondern auch die 7. größte Stadt Europas. Beidseitig der Donau gelegen gilt der westliche, durch Hügel und Berge strukturierte Teil Buda als der vornehmere

4. Geschichtliches

5. Soziale Arbeit und Selbsthilfe

6. Geselllschaftliche und politische Wahrnehmung des Problems

7. Armut, Arbeitslosigkeit, Schwarzer Arbeitsmarkt und Wohnungssituation in BudaPest allgemein 

8. Fazit

Insgesamt war BudaPest erschreckend. Menschen bauen sich im Wald provisorische Hütten, graben sich in den Buda-Hügeln in der Erde ein, schlafen in dünnen Decken in der Innenstadt. Es ist fast aussichtslos, da wieder raus zu kommen. Niemand hat die Kraft, gesellschaftliche Solidarität durchzusetzen. Und zugleich ist diese Form von Obdachlosigkeit hoch funktional: Ungeliebte Arbeiten können zu extrem niedrigen Preisen an Obdachlose delegiert werden, und zum anderen ist die deutlich erkennbare Armut und Obdachlosigkeit eine wahrhaft gute Abschreckung für die prekäre Mitte.
Die Wohnungslosen-Helfer, sprich Sozialarbeiter sind überwiegend resigniert, fatalistisch oder zynisch. Sie müssen selbst darum kämpfen, auf ihrem Niveau zurecht zu kommen und können sich nicht vorstellen, dass ihre Situation und die der Wohnungslosen nur zwei Seiten einer Medaille sind.


Gesamtkosten

Es sind Gesamtkosten in Höhe von 2.448,21 Euro (das sind 638.984 Forint) entstanden.

Davon entfallen auf den Verein mob e.V. 782,16 Euro, was einem Anteil von 31,9% der Kosten entspricht, und auf Menhely 1.666,05 Euro, was einem Anteil von 68,1 % der Kosten entspricht. 

Erträge

Dem gegenüber stehen folgende Erträge (ich zähle nur die wichtigsten auf):

  1. Berichte und Fotos zur Fahrt, zu Armut und Wohnungslosigkeit in BudaPest, zur BudaPester Strassenzeitung Fedél Nelkül in den Ausgaben 08 und 09 vom Strassenfeger, sowie auf der Homepage vom Strassenfeger und ggf. weiteren Medien,
  2. 8 Menschen aus unterschiedlichen Projekten des Vereins mob e.V./ strassenfeger haben einen intensiven Vergleich zwischen Berlin und Budapest, einer Metropole des ehemaligen Ostblocks erleben können und können von daher die Situation in Berlin und in Osteuropa im internationalen Vergleich besser einordnen,
  3. Vertiefung der Beziehungen zwischen mob e.V./ strassenfeger und Menhely Alapítvány
  4. die erworbenen Kenntnisse stellen eine gute Grundlage dar für die verabredete Kooperation im Frühjahr 2009 mit der BMSZKI, Budapest (www.bmszki.hu ) im Rahmen des Leonardo - Programms   (ec.europa.eu/education/index_de.html) und
  5. damit ist die Fahrt auch ein Einstieg/ Baustein für die langfristige Beteiligung von mob e.V. an europäischen Förderprogrammen und Initiativen.

Bedeutung

Bedauerlicherweise werden Vernetzungsaktivitäten wie diese immer noch noch Teilen von Vereinsmitgliedern und MitarbeiterInnen als Urlaubsfahrten angesehen und die strategische Bedeutung solcher Reisen wird oft verkannt. Hier ist m.E. die Vereinsleitung deutlich in der Pflicht und Verantworung, sich darum zu kümmern, dass

  1. im Verein bekannt gemacht wird, internationale Aktivitäten zu den ausdrücklichen Zielen des Vereines gehören, da Wohnungslosigkeit und Armut nicht an Stadt- oder Landesgrenzen halt macht,
  2. innerhalb des Vereins für einen internationalen Austausch Werbung zu machen über die Notwendigkeit solcher Aktivitäten aufzuklären und
  3. solche Initiativen in Zukunft verstärkt inhaltlich, logistisch und finanziell zu fördern.

Gründe dafür sind vor allem

  1. Strategien gegen Wohnungslosigkeit und Armut sollten verstärkt im europäischen Kontext betrachtet werden (allein ein Blick auf die Struktur der NutzerInnen der Vereinsangebote Notübernachtung, Strassenfeger und Kaffee Bankrott macht deutlich, warum es wichtig ist, dieses Problem international wahrzunehmen) und
  2. Förderungmöglichkeiten und Qualifizierungsangebote auf Europäischer Ebene können und sollten langfristig erschlossen werden. Hier können sehr viele Projekte und Maßnahmen mit Aussicht auf Erfolg beantragt werden, eine realistische Chance wird der Verein aber nur dann haben, wenn er sich auf dem Feld der internationalen Arbeit auch Kompetenzen erarbeitet. In dieser Frage steht der Verein noch ganz in den Anfängen.

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