Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin Moabit. Berlin 1989 (=Diplomarbeit am Fachbereich 22 Erziehungswissenschaften der TU Berlin)

1. EINLEITUNG

1.1.     LITERATUR UND STAND DER FORSCHUNG
1.2.     DAS PROBLEM - DIE FRAGESTELLUNG
1.3.     AUFBAU DER ARBEIT
1.4.     PRAKTISCHE VORGEHENSWEISE - ZUR FORSCHUNGSLOGIK 


1. EINLEITUNG

Mit schöner Regelmäßigkeit besinnen sich die Medien zur Winterzeit darauf, daß es Menschen in dieser Stadt gibt, die auf der Straße, d.h. ohne eigene Wohnung leben. Und selbst dann ist dieses gesellschaftliche Problem Wohnungsloser - darüber scheint eine stillschweigende Übereinkunft zu herrschen - kein Skandal, solange niemand in der kalten Jahreszeit auf der Straße erfriert - wobei Ausnahmen die Regel bestätigen.

Natürlich ist das "Thema" auch sonst immer mal wieder für eine Meldung gut, wobei offenbar die Tendenz besteht, ständig neue Varianten der Problematik zu entdecken. So ist die Meldung "Drogenabhängigen AIDS Kranken droht die Obdachlosigkeit" (TAGESSPIEGEL 13 128) nur ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel.

Auf der anderen Seite ist die öffentliche Diskussion des Jahres 1989 schon vollkommen dadurch in Anspruch genommen, alle Aspekte, Varianten und Meinungen zum allgemeinen Wohnungsproblem zu behandeln. Wen interessieren da noch die speziellen Probleme der 14 000 Menschen, die überhaupt keine Wohnung haben?

In einer Gesellschaft, in der es allem Anschein nach darauf ankommt, allein und für sich auf seine Kosten zu kommen, Leistung zu bringen, sich durchzusetzen und besser zu sein als andere, können Menschen, die keine Wohnung haben, durch ihr Handeln nur bekunden, daß sie es scheinbar "gar nicht anders wollen". Und dann ist nur folgerichtig, wenn in der öffentlichen Meinung bezüglich Wohnungsloser gilt, daß sie "asozial", "faul", "arbeitsscheu", eben "Penner", "Alkoholiker", "Stadtstreicher" usw. sind.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der überaus zahlreichen falschen Unterstellungen, zu denen auch der Begriff "Nichtseßhafte" zu zählen ist.

1.1. LITERATUR UND STAND DER FORSCHUNG

Die Literatur zum Forschungsgegenstand Wohnungslosigkeit ist vergleichsweise übersichtlich, fast dürftig. Es ist nicht schwer, sich relativ schnell einen Überblick über den Stand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Problem Wohnungslosigkeit zu verschaffen.

JOHN (1988) hat mit seiner Dissertation erst kürzlich eine Überblicksarbeit mit eigener Untersuchung zu "Ursache und Geschichte der Nichtseßhaftigkeit" vorgelegt, in der er nach eigener Aussage u.a. die gesamte deutschsprachige Literatur verarbeitet. Die Angaben seiner verwendeten Literatur füllen keine 30 Seiten. Zudem stellt der Autor fest, daß ein großer Teil der Literatur nur schwer auffindbar ist.

Das aktuelle Zentrum all derer, die sich mit Wohnungslosigkeit befassen, ist Bielefeld, Sitz der Bundesarbeitsgemeinschaft für Nichtseßhaftenhilfe e.V., ein Zusammenschluß der in der "Nichtseßhaftenhilfe" tätigen Verbände. Die Bundesarbeitsgemeinschaft gibt seit 1968 vierteljährlich die GEFÄHRDETENHILFE heraus, die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift. In ihr finden sich Veröffentlichungen von fast allen bedeutenden Autoren. Hier werden auch die aktuellen Ergebnisse von "Nichtseßhaften" -forschung, -hilfe usw. veröffentlicht. In inhaltlicher Verbindung steht der Verlag Soziale Hilfe, ebenfalls mit Sitz in Bielefeld.

In der jüngeren Vergangenheit findet die Situation Wohnungsloser erstmalig mit der Veröffentlichung von KLEES "Nichtseßhaften-Report" (1979) wieder eine breitere gesellschaftliche Resonanz, nachdem das Problem lange Zeit in der öffentlichen Diskussion als nicht mehr existent war.

Ich will es mir an dieser Stelle ersparen, die gesamte mir bekannte veröffentlichte Literatur zu diskutieren. Auch wenn die Auseinandersetzung mit der Situation Wohnungsloser sich bestimmten intellektuellen Kreisen der Öffentlichkeit einiger Beliebtheit erfreut, können die in diesem Zusammenhang erschienenen Veröffentlichungen nicht darüber hinwegtäuschen, daß über die aktuelle Situation Wohnungsloser nicht sehr viel bekannt ist. An dieser Stelle beschränke ich mich auf die wenigen Arbeiten aus dem deutschsprachigen Raum, die detaillierte Kenntnisse der konkreten Situation Wohnungsloser aus eigener Anschauung vermitteln.

Die Autoren verbinden damit die unterschiedlichsten Motive:

Da ist einerseits HOLZACH, der 1982 "Zu Fuß und ohne Geld" durch Deutschland wandert und seine Erfahrungen in einem Buch veröffentlicht. Hier ist in erster Linie ein journalistisches Interesse anzunehmen, obwohl sich in der Tat etliche seiner Beobachtungen und Erfahrungen mit Ergebnissen wissenschaftlich orientierter Untersuchungen zur Situation Wohnungsloser decken.

Zwei Jahre vorher unternehmen HENKE/ ROHRMANN (1981) einen Selbstversuch, den sie bereits nach einer Woche abbrechen. Sie wollten "zum einen herausfinden, wie das System der Nichtseßhaftenhilfe mit seinen Klienten und Rechtsansprüchen umgeht, zum anderen interessierte uns zu erfahren, ob es sich bei diesem Personenkreis um eine "Subkultur" mit jahrhundertealter Tradition, oder um eine notwendige Überlebensweise in Armut lebender Menschen handelt." (HENKE/ ROHRMANN 1981, 18). Einen ähnlichen Selbstversuch mit etwas anderer Fragestellung haben HENKE/ ROHRMANN (1984) später noch einmal durch geführt. Diese beiden Selbstversuche sind bisher einzigartig geblieben.

Im Jahr 1980 veröffentlicht GIRTLER die Ergebnisse seiner "Teilnehmenden Beobachtung in der Lebenswelt der Sandler Wiens" aus dem Zeitraum 1976-1978. Mit seiner Arbeit erhofft er sich eine wesentliche "Verbesserung des wissenschaftlichen Verständnisses vom Leben der obdachlosen Nichtseßhaften", die "nicht unbedingt in Einklang zu den üblichen Studien der Kriminalsoziologie oder Kriminologie steht..." (GIRTLER 1980, lf) Insbesondere für letztere Disziplinen erhofft der Autor mit seiner Arbeit interessante Einblicke.

Aus dem im Rahmen des EG-Programms "Zur Bekämpfung der Armut in Europa" durchgeführten Tübinger Projekt geht die Arbeit von WEBER (1984) hervor. Er liefert auf der Basis in Stuttgart durchgeführter teilnehmender Beobachtungen, qualitativer Interviews und einer ergänzen den Fragebogenerhebung in anderen Städten der BRD ein detailliertes Bild vom "Alltag der Stadtstreicher". Ausgehend von einem wesentlich an symbolischem Interaktionismus orientierten Bezugsrahmen interessieren WEBER besonders die sozialen Beziehungen der Wohnungslosen untereinander, ihre Beziehungen zu öffentlichen Institutionen und zur übrigen Bevölkerung.

Im Gegensatz zu den mehr an der aktuellen Lebenssituation Wohnungsloser orientierten Veröffentlichungen steht in der Arbeit von GIESBRECHT (1987) mehr der biographische Hintergrund im Mittelpunkt. Ausgehend von im Jahre 1984 in Hagen durchgeführten empirischen Untersuchungen zu Lebensläufen und zur aktuellen Situation Wohnungsloser erarbeitet GIESBRECHT neun Einzelfallstudien.

Die Arbeiten dokumentieren, wie schlecht es mit den Kenntnissen um die Gruppe der Wohnungslosen bestellt ist.

Daß es in der bestehenden Gesellschaft Menschen gibt, die ohne Wohnung leben, ist eine Tatsache, die von niemandem ernsthaft bestritten wird. Dagegen wird eine über diese Feststellung hinausgehende Aussage kaum allgemeine Zustimmung finden.

Die Auseinandersetzung beginnt schon bei den veröffentlichten Zahlen über die Größe dieser Gruppe. Die Angaben weichen zum Teil erheblich voneinander ab und beruhen im wesentlichen auf Schätzungen. Darauf werde ich nicht weiter eingehen.

Weit kontroverser als die ungeklärte Frage nach dem Umfang von Wohnungslosigkeit wird in der Literatur und in der Politik die Frage nach den Ursachen diskutiert. Dabei werden die verschiedensten Vorstellungen vertreten. In dieser Diskussion sind "modische" Konzeptionen ebenso zu erkennen wie die Tatsache, daß bestimmte Konzeptionen nicht weiter verfolgt werden und andere wie der "in" sind. In der aktuellen Diskussion ist keine klare Entwicklung zu erkennen.

In Übereinstimmung mit vielen Autoren bleibt festzustellen, daß die Frage nach den Ursachen von Wohnungslosigkeit ungeklärt ist.

Ich sehe hier Zusammenhänge zwischen den Kenntnissen über die Personengruppe der Wohnungslosen und der Forschungslage bezüglich der Verursachung von Wohnungslosigkeit. Als drittes kommt hinzu, daß die bestehende Praxis im Umgang mit dem Problem Wohnungsloser ihren Teil dazu beiträgt, den Blick auf diese Gruppe zu verzerren und so einen Zugang zu dem Problem zu erschweren.

1.2. DAS PROBLEM - DIE FRAGESTELLUNG

"Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte" ist die zentrale Aussage dieser Arbeit.

Damit will ich an zwei Diskussionen anknüpfen:

Zum einen an die Frage nach der aktuellen Lebenssituation Wohnungsloser. Das Subjektsein ist zunächst nur behauptet, es müssen sich Belege für diese Aussage zeigen lassen.

Eine Arbeit, die die Frage nach dem Subjektsein Wohnungsloser zum Gegenstand hat und keine reine Literaturbearbeitung sein soll, ist nicht möglich ohne einen praktischen Bezug zu dieser Gruppe. Ich habe versucht, diesen Bezug herzustellen durch meine dreimonatige Mitarbeit in der Wärmestube Warmer Otto in Berlin-Moabit.

Mit einer solchen Herangehensweise sind keine repräsentativen oder quantitativen Ergebnisse möglich, sondern nur qualitative Aussagen zu machen, die in einzelnen Aspekten möglicherweise generalisierbar sind.

Aus diesen Gründen bewege ich mich in dieser Arbeit auf der Ebene forschungsleitender Fragen. Ich möchte konkrete Hinweise erarbeiten, die den entwickelten Überlegungen entsprechen oder diese widerlegen. Der Rahmen der Arbeit läßt es nicht zu, Hypothesen aufzustellen und zu verifizieren.

Zum anderen knüpfe ich an bei der Frage nach den Ursachen von Wohnungslosigkeit. Es gibt gute Gründe (Kapitel 2.) anzunehmen, daß die Ursachen von Wohnungslosigkeit nicht in der Persönlichkeitsstruktur Wohnungsloser zu suchen sind.

Mit der Aussage "Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte" stellt sich die Frage nach der Persönlichkeit der handelnden Menschen plötzlich wieder, jetzt aber als Frage nach dem Verhältnis von (gesamt-) gesellschaftlichen Bedingungen und den einzelnen Individuen sowie der Verwirklichung von Subjektivität unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen.

Läßt sich zeigen, wie Wohnungslose auf der Grundlage gesellschaftlicher Bedingungen ihr Subjektsein verwirklichen, ergibt sich damit eine Voraussetzung für die Frage nach den Ursachen von Wohnungslosigkeit.

Auch hier gibt es gute Gründe (Kapitel 2.) anzunehmen, daß die Ursachen für Wohnungslosigkeit eben nicht nur in Stigmatisierungsprozessen, Sozialisationsdefiziten o.ä. zu suchen sind, sondern daß dem ein komplexer Mechanismus von wechselseitigen Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und subjektiver Entwicklung der handelnden Individuen zugrundeliegt, dessen Inhalt noch zu erforschen ist.

Dafür können im Rahmen dieser Arbeit ebenfalls nur Belege gesucht werden aufgrund der qualitativen Aussagen aus der Zeit meiner praktischen Mitarbeit in der Wärmestube.

1.3. AUFBAU DER ARBEIT

Die Kapitel zwei bis vier umfassen den Teil der theoretischen Grundlagen:

2. Kapitel. Die wichtigsten typischen Erklärungsansätze zu den Ursachen von "Nichtseßhaftigkeit" werden vorgestellt und diskutiert. Die Problematik mit dem Begriff "Nichtseßhaftigkeit" und die im Zusammenhang mit dem Begriff zu verstehenden Folgen für den gesellschaftlichen Umgang der Situation Wohnungsloser werden behandelt. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die prinzipielle Herangehensweise an die Thematik Verursachung von Wohnungslosigkeit und Lebenssituation Wohnungsloser.

3. Kapitel. In der Darstellung gesellschaftlicher Bedingungen wird anhand der Kategorien Armut, Arbeit, Wohnen, Staat und Wohnungsverlust gezeigt, daß Wohnungslosigkeit als Produkt gesellschaftlicher Widersprüche verstanden werden muß.

4. Kapitel. Die Darstellung der individuellen Voraussetzungen anhand einiger zentraler Kategorien der tätigkeitstheoretischen Konzeption LEONTJEWS zeigt individuelle Tätigkeiten als Grundlage von Subjektivität und Persönlichkeit.

Die Kapitel 5. und 6. beinhalten die notwendigen Vermittlungsschritte zwischen den theoretischen Voraussetzungen und den Beobachtungen im Feld.

5. Kapitel. Auf Grundlage des bisher dargestellten theoretischen Voraussetzungen werden forschungsleitende Fragen entwickelt und methodische Folgerungen für die Forschung im Feld gezogen.

6. Kapitel. Die methodische Herangehensweise wird vorgestellt, es folgt eine Beschreibung von subjektiven Erfahrungen im Feld. Das Feld, die Wärmestube Warmer Otto wird allgemein vorgestellt.

Das anschließende Kapitel behandelt das Beispiel.

7. Kapitel. Hier erfolgt die Darstellung und Interpretation der teilnehmenden Beobachtungen in der Wärmestube Warmer Otto.

8. Kapitel. Das Kapitel beinhaltet die Zusammenfassung. Die aus den Ergebnissen der Arbeit folgenden Konsequenzen werden vorgestellt.

Einige Anmerkungen technischer Art:

Es gibt keine Fußnoten oder ähnliches. Was wichtig ist, gehört in den Text.

Zitate sind kenntlich gemacht, ansonsten verweise ich vielfach auf Belegstellen und -texte anderer Autoren. Vollständige Angaben zum Zitat oder Vergleichstext erfolgen im Literaturverzeichnis.

Die Wärmestube heißt ursprünglich "Zum Warmen Otto". Allerdings hat sich in neuerer Zeit immer mehr die Bezeichnung "Warmer Otto" durchgesetzt (vgl. KONZEPTION 1988 und FALTBLATT 1989, dagegen PRESSEERKLÄRUNG 1988). "Warmer Otto" ist eigentlich auch die durchgängige Bezeichnung der Sozialarbeiter und der Besucher für die Wärmestube. Eine andere übliche Bezeichnung für die Wärmestube ist "der Laden", da sich die Räumlichkeiten in einer Ladenwohnung befinden. Ich übernehme den Üblichen Sprachgebrauch und spreche vom "Warmen Otto", von der "Wärmestube" oder vom "Laden" und lasse die Anführungszeichen weg. Der Zusammenhang ist ohnehin verständlich.

Die Namen der Besucher der Wärmestube sind von mir für jedes angeführte Beispiel willkürlich gewählt und entsprechen nicht den tatsächlichen Namen, das gilt auch für "Spitznamen". Ich möchte damit ein Wiedererkennen einzelner Besucher ausschließen.

1.4. PRAKTISCHE VORGEHENSWEISE - ZUR FORSCHUNGSLOGIK

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit orientiert sich an den Kriterien der darstellenden Logik, die in wissenschaftlichen Arbeiten gemeinhin üblich sind. Davon unterscheidet das praktische, forschungslogische Vorgehen, also wie die vorliegende Arbeit tatsächlich erstellt wurde.

Um dem Leser eine weitere Grundlage für die Beurteilung und Bewertung der in dieser Arbeit angestellten Überlegungen zu geben, halte ich es für wichtig, die einzelnen Schritte der tatsächlichen Erarbeitung an dieser Stelle kurz darzulegen:

Mit zwei wesentlichen Voraussetzungen, die ich aus meinem bisherigen Studium mitbringe, beginne ich im Herbst 1988 die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der vor liegenden Arbeit. Diese Voraussetzungen sind:

Erstens. Es hat sich als brauchbar erwiesen, jedes pädagogische Problem ist zunächst und prinzipiell von der Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen her zu stellen und zu durchdenken.

Zweitens. Im Studium habe ich mir die Kenntnis von wichtigen Grundzügen der tätigkeitstheoretischen Konzeption A.N. Leontjews angeeignet. Mit dieser Konzeption verbinde ich u.a. die Vorstellung, daß im Fall ihrer praktischen "Anwendung" in konkreten pädagogischen Fragestellungen bedeutende und neue Erklärungsleistungen möglich sind und sich daraus praktische Konsequenzen in eben diesen pädagogischen Zusammenhängen ergeben können.

Mit diesen Voraussetzungen beginne ich mich in das Thema "Wohnungslose" allgemein einzuarbeiten, indem ich zunächst die Literatur sichte. Bald wird deutlich, daß ich einen praktischen Bezug zu der Gruppe der Wohnungslosen herstellen muß, will ich mich nicht ausschließlich auf eine Literaturverarbeitung beschränken.

Im Verlauf der Klärung dieses Praxisbezugs kristallisiert sich die eigentliche Fragestellung mehr und mehr heraus. Wenn ich in einer Wärmestube mitarbeiten will, muß ich sagen können, was ich dort will.

Mein Interesse konzentriert sich auf die einzelnen Wohnungslosen in ihrer aktuellen konkreten Situation. Ich will in der Wärmestube vor allem etwas über die Tätigkeiten der Besucher erfahren, indem ich sie teilnehmend beobachte und höre, was sie sagen.

Ende Februar beende ich das "Praktikum" im Warmen Otto, und lasse meine Aufzeichnungen zunächst liegen.

Ich wende mich zunächst der Aufgabe zu, die theoretischen Grundlagen systematisch in den einzelnen Kapiteln zu erarbeiten.

Zuerst entsteht das 3. Kapitel, das die gesellschaftlichen Bedingungen zum Inhalt hat. Anschließend befasse ich mich mit der tätigkeitstheoretischen Konzeption Leontjews und arbeite die für diese Arbeit relevanten Kategorien heraus, die im 4. Kapitel dargestellt sind.

Im Anschluß an diese nochmalige Beschäftigung mit der tätigkeitstheoretischen Konzeption entsteht das 5. Kapitel, in dem ausgehend von dem bisher Erstellten die eigentliche präzise Fragestellung für den praktischen Teil der Arbeit entwickelt und zugespitzt wird.

Nachdem etliche Zeit theoretischen Arbeitens seit dem Ende meiner teilnehmenden Beobachtungen vergangen ist, greife ich wieder auf die festgehaltenen Beobachtungen aus der Zeit meines "Praktikums" im Warmen Otto zurück und versuche, das Material - unter Berücksichtigung der forschungsleitenden Fragen - zu verarbeiten.

Auf der Grundlage eines ersten groben Schemas, nach dem ich die Beobachtungen sortiere, entsteht das 7. Kapitel, die Darstellung und Interpretation der teilnehmen den Beobachtungen. Die Arbeitssituation war für mich zeitweise, als ob ich an einem riesigen, "chaotischen" Mosaik sitze, an dem immer nur Stück für Stück Strukturen erkennbar werden. Reste von diesem "Chaos" werden sich im 7. Kapitel vermutlich noch immer finden lassen. 


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