Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin Moabit. Berlin 1989 (=Diplomarbeit am Fachbereich 22 Erziehungswissenschaften der TU Berlin)

5. ENTWICKLUNG FORSCHUNGSLEITENDER FRAGEN UND METHODISCHE FOLGERUNGEN

5.1.     VORAUSSETZUNGEN
5.2.     TÄTIGKEIT AUF DER GRUNDLAGE DES LEBENS IN DER JE EIGENEN WOHNUNG
5.3.     FORSCHUNGSLEITENDE FRAGEN
5.4.     METHODISCHE FOLGERUNGEN


5. ENTWICKLUNG FORSCHUNGSLEITENDER FRAGEN UND METHODISCHE FOLGERUNGEN

5.1. VORAUSSETZUNGEN

Die bisher erarbeiteten theoretischen Voraussetzungen zeigen
  • auf der Seite der gesellschaftlichen Bedingungen
    Wohnungslosigkeit als ein Produkt der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse,
  • auf der Seite der individuellen Bedingungen
    die einzelnen Menschen als tätige gesellschaftliche Subjekte, unverwechselbare einmalige Persönlichkeiten, die entsprechend den konkreten Bedingungen ihren aktiven Bezug zur Wirklichkeit, ihr Leben bewältigen.

Davon ausgehend ist die Fragestellung dieser Arbeit nach dem Verhältnis gesellschaftlicher Bedingungen und individueller Tätigkeiten wohnungsloser Menschen zu konkretisieren: Wie bestimmt sich das Subjektsein der einzelnen Wohnungslosen?

Es wird im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich sein, auf dieses Problem umfassend Antwort zu geben. Im Hinblick auf die teilnehmenden Beobachtungen im Feld und die hier zu entwickelnden forschungsleitenden bzw. -orientierenden Fragen möchte ich die Fragestellung präzisieren und einschränken:

Welche Veränderungen erfahren die auf Grundlage der Tätigkeit realisierten gegenständlichen und sozialen Beziehungen, wenn die einzelnen Menschen aufgrund einer Veränderung ihrer Situation ohne Wohnung leben müssen, was unterscheidet die Beziehungen Wohnungsloser von denen der Menschen, die eine Wohnung haben, was sind ihre charakteristischen Merkmale und Besonderheiten?

Forschungsleitende Fragen ergeben sich, indem zunächst untersucht wird, welche Beziehungen auf der Grundlage des Lebens in einer Wohnung realisiert werden und realisiert werden können.

5.2. TÄTIGKEIT AUF DER GRUNDLAGE DES LEBENS IN DER JE EIGENEN WOHNUNG

Wie Wohnungen beschaffen sind und welche Funktionen sie erfüllen, hängt in erster Linie von den klimatischen Eigenheiten und dem kulturellen Entwicklungsstand einer Gegend ab. Für unsere Gesellschaft sind als selbstverständlich anzusehen das Vorhandensein von fließend Wasser, eine Einrichtung zum Heizen, eine Kochgelegenheit, ein Anschluß ans Stromnetz, verglaste Fenster, eine abschließbare Tür.

Neben den Kosten für die Miete der Wohnung sind die Kosten für Wasser, Elektrizität und Heizung extra zu bezahlen, d.h. die Nutzung von Wasser usw. ist nicht in das Mieten und Nutzen der Ware Wohnung inbegriffen.

Desweiteren unterscheiden sich Wohnungen bezüglich ihrer Größe, ihres Zustandes, der Wohngegend und der örtlichen Infrastruktur.

Aus all diesen Faktoren ergeben sich vielfältige Formen und Möglichkeiten des Lebens in einer Wohnung.

Für den Einzelnen stellt sich zunächst das Problem, welche Wohnung, welche Ausstattung und Einrichtung er sich leisten kann, d.h. ob er das notwendige Geld für die anfallenden Kosten aufbringen kann. Ob über die Kosten für die Miete der Wohnung hinaus es dem Einzelnen noch möglich ist, das Geld für Wasser, Strom und Heizung aufzubringen. Ihm stellt sich die Frage, was dann noch an finanziellen Mitteln, an Geld und Zeit bleibt, um darüberhinaus bestehende Bedürfnisse befriedigen zu können.

An und für sich sind in der Wohnung eine ganze Vielzahl von Tätigkeiten möglich:

Von gleichsam selbstverständlichen, elementaren Tätigkeiten

  • schlafen, Nahrung aufbewahren, zubereiten und einnehmen, seinen Körper waschen und pflegen, "Bedürfnisse" verrichten, Kleidung waschen, sich ausruhen und sich entspannen usw.

zu Tätigkeiten unterschiedlichster Art

  • Radio und Musik hören, Musik machen, spielen, lesen, telefonieren, fernsehen, schreiben, malen, tanzen, nachdenken, Hobbys und verschiedenen Arbeiten nachgehen usw.,
  • gesellschaftliche Beziehungen zu Freunden, Verwandten, Bekannten, Kollegen realisieren, freundschaftliche, erotische, sexuelle, geschäftliche und andere Beziehungen usw. -.

Elektrisches Licht schafft eine Unabhängigkeit von der jeweiligen Tageszeit, mit der Heizung ist das Wohnen unabhängig von der jeweiligen Jahreszeit.

In der Wohnung umgeben sich Menschen mit den Gegenständen ihres täglichen Lebens, ihrem Eigentum. Sie geben mit ihrer Anschrift eine Beschreibung des Ortes an, wo sie zu erreichen, wo sie aufzufinden sind - ihre Wohnung. Das betrifft ihre direkten Beziehungen, schließt aber eine gewisse Öffentlichkeit ihres Wohnortes - polizeiliche Meldungspflicht, Postanschrift usw. - mit ein. Menschen sind über ihren Wohnort, ihre Wohnung erreichbar.

Andererseits ist die Wohnung der Ort, wo die Menschen und ihr Eigentum geschützt, gleichsam privat sind. Niemand kann sich ohne weiteres Zugang zu anderer Menschen Wohnung verschaffen. Mit Türen und Schlössern, Riegeln, Gittern, Zäunen und Alarmanlagen sind Wohnungen auch wirklich für andere unbegehbar und ihre Bewohner unzugänglich und vor anderen geschützt. Wer diese Privatheit nicht respektiert, begeht "Hausfriedensbruch".

So verlängert sich, was auf gesellschaftlicher Ebene Grundlage kapitalistischer Produktionsweise ist, in die Privatsphäre hinein: Die Freiheit des Privateigentums ist durchgesetzt, in seiner Wohnung kann jeder - innerhalb gewisser Grenzen - tun und lassen, was er will.

In je seiner Wohnung zu leben - allein, mit Ehe-, Lebenspartner oder Freund/Freundin bzw. mit Kindern, d.h. bestenfalls in der Kleinfamilie - ist gesellschaftlich durchgesetzt und die vorherrschende Form des Wohnens und Lebens.

Dem entspricht auch der Tatbestand, daß die individuelle Reproduktion jenseits der Grundlage des Wohnen in der je eigenen Wohnung mit erheblich mehr Aufwand verbunden ist.

Es sind nicht nur wesentlich höhere Kosten - für das Essen in Lokalen und Gaststätten, das Wohnen in Pensionen oder ähnlichen Unterkünften, das Waschen der Wäsche in Wäschereien usw. - sondern auch eine dafür nicht eingerichtete soziale Struktur, die das Leben ohne eigene Wohnung wesentlich aufwendiger werden lassen.

Das Leben in der je eigenen Wohnung und die Möglichkeit, auf dieser Grundlage die verschiedensten Tätigkeiten zu realisieren, ist in der Regel mit dem geringsten Aufwand und den wenigsten Kosten verbunden.

Trotzdem ist Wohnen nicht gleich Wohnen. Die Freiheit des Wohnens hängt davon ab, welche Art von Wohnung der Einzelne bezahlen kann und inwieweit er die darüberhinaus entstehenden sogenannten "Lebenshaltungskosten" für Wasser, Strom, Heizung usw. aufbringen kann. Dies, und die finanziellen Mittel, "die einem dann noch zum Leben bleiben" bestimmen wesentlich die Möglichkeiten, die der Einzelne auf Grundlage des Lebens in seiner Wohnung tatsächlich realisieren kann.

Auch hier findet das allgemeine Reproduktionsrisiko seine Fortsetzung im individuellen Bereich:

Wohnen zu können und auf dieser Grundlage bestimmte gegenständliche und soziale Beziehungen zu realisieren, bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen, wird zu einem Problem, ist für den Einzelnen ein ständiges Risiko und kann mitunter wirklich schwierig werden.

Insofern stellt sich der (individuelle) Wohnungsverlust "nur" als ein besonderer Einschnitt dar. Dem gehen Prozesse voraus, die ich in diesem Zusammenhang als Dehabitationsprozesse bezeichnen will.

Diese sind vielfältiger Art:

Vom Leben in beengten Verhältnissen und schlechter Wohnqualität bis hin zu Wohnsituationen, wo Strom- und Wasseranschluß gesperrt sind, weil die Kosten vom Einzelnen nicht mehr aufgebracht werden (können), die Einrichtungsgegenstände verpfändet sind und selbst das Geld für die Brennstoffkosten fehlt.

Ich verzichte darauf, das an dieser Stelle weiter auszuführen. Festzuhalten ist:

Im Verlauf dieser Dehabitationsprozesse engen sich die Möglichkeiten für den Einzelnen, auf Grundlage des Lebens in seiner Wohnung bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen und Beziehungen zu realisieren, mehr und mehr ein. Der Wohnungsverlust ist nicht als nur als ein einschneidendes, punktuelles Ereignis aufzufassen. Im Gegenteil:

Der Wohnungsverlust ist ebenso ein Prozeß, der meist schon vor dem äußeren Wohnungsverlust beginnt und da nach noch lange nicht abgeschlossen ist. Bereits der drohende Wohnungsverlust in Form der realen Verschlechterung der bisherigen Wohnsituation oder in Form einer konkreten Androhung des Wohnungsverlustes ist eine reale Bedingung, mit der der Einzelne konfrontiert ist.

(Zu diesem Abschnitt möchte ich ausdrücklich auf den Artikel "Grundbedürfnis Wohnen" von Ursel RÄUCHLE in der GEFÄHRDETENHILFE 3/79 verweisen. Die Autorin kommt zu ähnlichen Aussagen, sodaß sich ein Vergleich lohnt.)

5.3. FORSCHUNGSLEITENDE FRAGEN

Mit dem Verlust der je eigenen Wohnung fällt diese eine grundlegende Bedingung, bestimmte Beziehungen und Tätigkeiten zu realisieren und bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen, weg.

Zunächst ist auszugehen von jenen Beziehungen und Tätigkeiten und Bedürfnissen, die bisher auf dieser Grundlage realisiert werden konnten. Was ändert sich für den Einzelnen, der ohne Wohnung lebt, leben muß?

Es ist zu fragen, wo und wie Wohnungslose nun übernachten, Essen zubereiten und einnehmen, ihren Körper waschen und pflegen, "Bedürfnisse" verrichten, Kleidung waschen und aufbewahren, sich ausruhen und entspannen usw.

Wie verhält es sich mit allen anderen bisher in der je eigenen Wohnung realisierten Tätigkeiten und gesellschaftlichen Beziehungen?

Nach einer Bemerkung LEONTJEWS bezüglich der Bewegung der einzelnen Struktureinheiten im System der Tätigkeiten "können im Laufe der Erreichung eines herausgearbeiteten allgemeinen Ziels Zwischenziele bestimmt werden, durch deren Realisierung die ganzheitliche Handlung in eine Reihe von einzelnen aufeinanderfolgenden Handlungen aufgegliedert wird. Das ist besonders für Fälle charakteristisch, in denen die Handlung unter Bedingungen verläuft, die ihre Ausführung mit Hilfe bereits ausgeformter Operationen erschweren." (LEONTJEW, TBP 109).

Die Situation nach dem Wohnungsverlust ist ganz offensichtlich ein solcher Fall. Das Leben in der je eigenen Wohnung ist Bedingung für einen ganzen Komplex von Tätigkeiten und sozialen Beziehungen. Mit dem Leben ohne Wohnung ändert sich die Struktur der Tätigkeiten insofern, als daß jetzt jede auf Grundlage dieser Bedingung realisierte Handlung in eine Reihe von einzelnen, aufeinanderfolgenden Handlungen aufgegliedert werden muß, die entsprechend den veränderten Bedingungen mit anderen Operationen zu realisieren sind.

Das ist der Ausgangspunkt für forschungsleitende Fragen. Aus der Überlegung, daß sich aufgrund veränderter Bedingungen die Handlungen in eine Kette aufeinander folgender Handlungen aufgliedern muß, die mit anderen Operationen zu realisieren sind, können noch eine ganze Reihe weiterer Schlußfolgerungen gezogen werden. Diese will ich hier kurz andeuten, aber nicht weiter verfolgen. Es würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Ich will keine Hypothesen aufstellen, aber kurz diskutieren, was aus dieser Äußerung LEONTJEWS zu folgern ist.

Mit dem äußeren Wohnungsverlust sind nachfolgende, umfangreiche Prozesse verbunden. Es sind Prozesse der tätigen Auseinandersetzung mit der neuen Lebenssituation unter veränderten Bedingungen. Es sind Prozesse des Erlernens neuer Handlungen, des Erfassens neuer Ziele und Teilziele, das Aneignen neuer Operationen unter veränderten Bedingungen, es sind neue gegenständliche und soziale Beziehungen, die mit diesen veränderten Tätigkeiten realisiert werden.

Die Handlungen, die unter den veränderten Bedingungen notwendig werden, um bestimmte Tätigkeiten zu realisieren, werden durch die Aufgliederung in Handlungsketten umfangreicher. Das Erreichen von Zielen ist nun schwieriger geworden, es erfordert das Erfassen, Erproben und Erreichen von Teilzielen und das Aneignen von neuen Operationen. Durch die Aufgliederung wird es wegen der vielen Teil ziele immer schwieriger, bestimmte Ziele zu erreichen. Damit nimmt der Umfang von Handlungen, mit denen Tätigkeiten realisiert werden können, ab.

So wird der Kreis der Tätigkeiten, die tatsächlich vollzogen werden (können), ärmer, damit auch der Kreis der Bedürfnisse. Dem entsprechen die Motive. Die Motivstruktur verändert sich mit der Struktur der Tätigkeit. Mit der Verarmung des Kreises der Tätigkeiten können auch nicht mehr alle Bedürfnisse befriedigt werden, die Befriedigung von Bedürfnisse wird unter Umständen unter so veränderten Bedingungen zu einem Problem.

In der Tat sind mit dem Wohnungsverlust nicht nur Prozesse der Auseinandersetzung mit der konkreten neuen Lebenssituation und ihren Anforderungen verbunden. Hand in Hand gehen damit einher Prozesse der Reduzierung von Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen und Ansprüchen. Diese Prozesse können soweit gehen, daß sich Menschen mit ihrer Situation abfinden. Das ist nicht nur für Wohnungslose charakteristisch.

Zunächst ist es jedoch notwendig, Fragen zur Orientierung meiner teilnehmenden Beobachtungen im Warmen Otto aufzustellen.

Diese müssen das Ziel haben, die Tätigkeit und die mittels der Tätigkeit realisierten Beziehungen in ihrem Zusammenhang zu erfassen.

Die sich daraus ergebenden Fragen sind:

  • Welches sind die Bedingungen, mit denen Wohnungslose konfrontiert sind?
  • Wie gehen diese Bedingungen in ihre Handlungen ein?
  • Welcher Art sind die dann aufgegliederten Handlungsreihen?
  • Welche Teilziele, die erfaßt, erprobt und realisiert werden müssen, erfordern die aufgegliederten Handlungsreihen?
  • Welche Operationen müssen unter diesen Bedingungen angeeignet und realisiert werden?

Die Veränderung der Tätigkeitsstruktur bleibt nicht auf die gegenständlichen Beziehungen beschränkt, sondern beinhaltet auch die sozialen Beziehungen, da mit der Wohnung ein zentraler Ort, an dem Beziehungen realisiert werden können und an dem der einzelne Mensch zu erreichen ist, verloren geht.

Die sich daraus ergebenden Fragen sind:

  • Welches sind die Orte, an denen Wohnungslose soziale Beziehungen realisieren?
  • Welches sind die Orte, an denen Wohnungslose erreicht werden können? Und erreicht werden?
  • Welche Beziehungen werden realisiert?
  • Kommen neue Beziehungen hinzu? Bleiben alte bestehen?
  • Unter welchen Bedingungen können Beziehungen realisiert werden?
  • Welche besonderen Handlungen erfordert die Realisierung sozialer Beziehungen?

Da der gesamte Bereich der gegenständlichen und sozialen tätigen Beziehungen des Subjekts mit dem Verlust der je eigenen Wohnung eine grundlegende Änderung erfährt, ändert sich damit verbunden notwendigerweise auch die Struktur der Motive und der dahinter stehenden Bedürfnisse.

Die sich daraus ergebenden Fragen sind:

  • Welche Bedürfnisse werden realisiert?
  • Kommen neue Bedürfnisse hinzu? Bleiben alte bestehen?
  • Welcher Art sind die realisierten Bedürfnisse?

Einer umgestalteten Lebenssituation entspricht eine veränderte Struktur des individuellen Bewußtseins und einer Veränderung im Verhältnis von objektiven Bedeutungen und dem persönlichen Sinn.

Die sich daraus ergebenden Fragen sind:

  • Welchen persönlichen Sinn hat es für Menschen, ohne Wohnung zu leben?
  • Welchen persönlichen Sinn hat es für Wohnungslose, wieder in einer Wohnung zu leben? Gibt es dieses Bestreben? Was tun sie dafür?
  • Gibt es neue Bedeutungen oder Bedeutungssysteme, die für Wohnungslose relevant sind?
  • Was geschieht mit den vorher angeeigneten Bedeutungssystemen?

Die Antworten auf diese Forschungsleitenden Fragen lassen dann m.E. erste Aussagen darüber zu, wie Wohnungslose als gesellschaftliche Subjekte - als einmalige, unverwechselbare Persönlichkeiten - ihr Subjektsein verwirklichen und unter welchen konkreten Bedingungen und mit welchem individuellen Repertoire an zur Verfügung stehenden Handlungen und Operationen die Verwirklichung ihrer Subjektivität erfolgt.

5.4. METHODISCHE FOLGERUNGEN

"Die Ausgangssituation des Sozialwissenschaftlers und des Psychologen ist praktisch immer durch das Fehlen des Vertrautseins mit dem, was tatsächlich in dem für die Studie ausgesuchten Bereich des Lebens geschieht, gekennzeichnet" (BLUMER 1973, 118).

Ein solches Vertrautsein, einen praktischen Bezug her zustellen, "das Phänomen in seiner eigenen Welt aufzusuchen" (MATZA 1973, 31) ist "eine radikale und drastische Methode des Verstehens, die vielleicht immer dann eine Notwendigkeit ist, wenn das betreffende Phänomen gewöhnlicherweise verurteilt wird." (MATZA 1973, 31).

Der explorative Charakter einer Arbeit wie dieser erfordert nach BLUMER "eine flexible Vorgehensweise, in der der Wissenschaftler (...) im Verlauf seiner Studie neue Beobachtungspositionen einnimmt, in der er sich in neue Richtungen bewegt, an die er vorher nicht dachte und in der er seine Meinung darüber, was wichtige Daten sind, ändert, wenn er mehr Informationen und ein besseres Verständnis erworben hat" (BLUMER 1973, 121).

Zu bevorzugen sind "Vorgehensweisen, die vermeiden, Teilaspekte voreilig zu isolieren, und die sich bemühen, die beobachteten Vorgänge nicht unter Gesichtspunkten vorab definierter Konstrukte und Hypothesen analytisch zu gliedern, sondern alle Anstrengungen dar auf zu verwenden, einzelne Prozesse und einzelne Fälle bis ins Detail zu erfassen" (KRAPPMANN/ OEVERMANN/ KREPPNER 1974, 10).

In der sozialwissenschaftlichen Forschung sind vom forschungslogischen Ablauf qualitative Methoden den quantitativen vorgeordnet (vgl. LEWIN 1963). Als Folgerung für das methodische Vorgehen erscheint mir die "nicht standardisierte teilnehmende Beobachtung" am meisten geeignet, zu der gesellschaftlichen Wirklichkeit Zugang zu finden, die sich den Wohnungslosen stellt.

Der überragende Vorteil der "nichtstandardisierten teilnehmenden Beobachtung" liegt darin, "daß die zu untersuchenden Individuen ohne vorschnelle methodische Restriktionen (...) in Situationen beobachtet werden" (WEBER 1984, 27). Die Methode wird dem Objektbereich angepaßt, nicht umgekehrt. Eine wesentliche Problematik der "unstrukturierten teilnehmenden Beobachtung" besteht für den Forschenden in der "Frage, welchen Grad an Teilnahme und Anteilnahme er realisieren soll" (WEBER 1984, 27). Darauf werde ich im folgenden Kapitel noch ausführlicher eingehen.

In einer Arbeit qualitativ-explorativen Charakters kann auf die Verwendung einzelner Formen und Techniken der Gesprächsführung nicht verzichtet werden. In diesem Zusammenhang scheinen mir offene, unstrukturierte Formen der Gesprächsführung am besten geeignet zu sein.

"Das ungelenkte Interview, auch unstrukturierte offene Befragung oder qualitatives Interview genannt, dient in der Regel der Exploration eines neuen, bislang wenig erforschten Problemfeldes. Es soll in erster Linie Daten sammeln, das Problem strukturieren und somit für weitere Forschungen aufschlüsseln." (KRAPP/ PRELL 1975, 119 ) .

Der Forscher "verfügt über einen hohen Freiheitsspielraum, da er die Anordnung oder Formulierung seiner Fragen dem Befragten jeweils individuell anpassen kann. (...) Die Bezeichnung "wenig strukturiert" deutet auch darauf hin, daß die Gesprächsführung flexibel ist, daß wohl Vorstellungen des Befragers vorhanden sind, daß er auch bestimmte Ziele mit seinen Fragen erreicht, daß er aber in hohem Maße den Erfahrungsbereich des Befragten zu erkunden sucht, d.h. er hört vor allem zu. Im Grunde folgt das Gespräch nicht den Fragen des Interviewers, sondern die jeweils nächste Frage ergibt sich aus den Aussagen des Befragten." (ATTESLANDER 1984, 109).

Insofern unterscheidet sich diese "offene" Form des Interviews oder besser: des Gesprächs von der "'geschlossenen' bzw. standardisierten dadurch, daß es auf eine höhere Aktivität des Befragten gerichtet ist und diesem stärker die Steuerung des Gesprächs zufallen läßt." (KOHLI 1978, 7).

Gerade in der Unstrukturiertheit der teilnehmenden Beobachtung und der Gesprächsführung liegt der Vorteil gegenüber strukturierten Methoden, bei denen "das eigene Vorverständnis bei der Aufstellung der Fragen oder bei der Interpretation der Daten wesentlich beteiligt ist, daß also subjektive Momente bei diesen Verfahren vielmehr hineinspielen" (GIRTLER 1980, 7). 


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