Schneider, Stefan: Wohnungslose sind gesellschaftliche Subjekte. Gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Tätigkeiten am Beispiel der Besucher der Wärmestube Warmer Otto in Berlin Moabit. Berlin 1989 (=Diplomarbeit am Fachbereich 22 Erziehungswissenschaften der TU Berlin)

7. TEILNEHMENDE BEOBACHTUNGEN IM WARMEN OTTO

7.1.         ALLGEMEINES
7.2.         ESSEN -"VERHUNGERN KANNSTE HIER NICH"
7.3.         TAGESBESCHÄFTIGUNG IM WARMEN OTTO
7.4.         ZUR INNEREN SOZIALEN STRUKTUR
7.5.         KÖRPERPFLEGE UND KLEIDUNG
7.6.         WOHNEN
7.7.         SÜCHTE
7.8.         ARMUT UND LEBEN AUF DER STRASSE
7.9.         KRANK-SEIN
7.10.        "JEDE MENGE KOHLE" - ARBEIT UND GELD
7.11.       GESCHICHTE UND GESCHICHTEN DER LEUTE
7.12.       BEZIEHUNGEN


7. TEILNEHMENDE BEOBACHTUNGEN IM WARMEN OTTO

Im diesem Kapitel behandele ich meine Beobachtungen und die Kenntnisse, die ich aufgrund der geführten Gespräche gewonnen habe, zusammen. Diese Art der Darstellung entspricht meinem methodischen Vorgehen, nichtstandardisierte teilnehmende Beobachtung und offene Gesprächsführung miteinander zu verbinden. Trotzdem werde ich deutlich machen, welcher Teil meiner Darstellung sich auf das direkte Erleben während meiner Anwesenheit im Warmen Otto bezieht und welcher Teil meiner Darstellung aus "zweiter Hand" ist.

Die Unterscheidung Beobachtung und Gesprächsinhalt ist deshalb von Bedeutung, weil eine Äußerung zu einer direkten Beobachtung eine andere Qualität besitzt als eine Äußerung, die einen Inhalt eines Gespräches wiedergibt. Im Gespräch kann ich erfahren, was für meinen Gesprächspartner von Bedeutung ist und was er mir mitteilen will. Das kann ich auch durch Nachfragen nur unwesentlich beeinflussen. Diese Abhängigkeit ist in der Beobachtungssituation nicht in diesem Maße gegeben.

Ein weiterer wichtiger Umstand ist der, daß sich alle Aussagen auf die Besucher der Wärmestube beziehen. Die Gruppe der Besucher der Wärmestube ist nicht identisch mit der Gruppe Wohnungsloser. Die Gruppe der Wohnungslosen bildet den eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit.

Mit anderen Worten: Die Menschen, mit denen ich im Warmen Otto konfrontiert bin, sind nicht notwendiger weise alle wohnungslos, und schon gar nicht deswegen, weil sie Besucher der Wärmestube sind. Das ist eine selbstverständliche Unterscheidung.

In Vielem hat sich die Zusammenarbeit mit den Pädagogen für mich als hilfreich erwiesen.

Dabei war ich immer auch konfrontiert mit ihrer Sichtweise, ihrer Interpretation, und auch ihren Erfahrungen. Gerade Erfahrungen können in besonderer Weise Kenntnisse und Interpretation vermischen oder sogar vereinen. Dieser Schwierigkeit, die sich für meine Beobachtungen ergibt, bin ich mir bewußt. Sowohl während meiner Beobachtungen als auch jetzt bei der Darstellung versuche ich, mich nicht von den Bedeutungen der Pädagogen leiten zu lassen. Wo ich mich auf Aussagen der Pädagogen beziehe, mache ich das ausdrücklich kenntlich.

Ein weiterer Aspekt ergibt sich aus dem Umstand, daß der Inhalt der Beobachtung oder des Gesprächs von seiner Deutung oder Interpretation zu trennen ist.

Damit verbunden ist die Frage, inwiefern Beobachtungen verallgemeinerbar, generalisierbar sind.

Diesbezüglich möchte ich betonen, daß die von mir gemachten Beobachtungen oder die durch Gespräche erworbenen Kenntnisse qualitativer Natur sind.

Bei nur wenigen Beobachtungen oder Kenntnissen halte ich generalisierte Aussagen für vertretbar.

Deshalb ist verständlich, weshalb bei der Interpretation der Beobachtungen eine besondere Vorsicht geboten ist. Um es zuzuspitzen: Bevor ich eine Aussage mache, die ich nicht im genügenden Maße für gesichert halte, unterlasse ich sie oder diskutiere sie bestenfalls zusammen mit anderen, mir wichtig erscheinenden Einwänden.

Die Herangehensweise mit der tätigkeitstheoretischen Konzeption erfolgt in diesem Feld meines Wissens zum ersten Mal, es existieren noch keine vergleichbaren Arbeiten. Somit bestanden für mich keinerlei Vorgaben zur Operationalisierung der Leontjewschen Konzeption. Ich orientiere mich ausschließlich an den selbst erarbeiteten forschungsleitenden Fragen.

7.1. ALLGEMEINES

Was wollen Menschen in einer Wärmestube? An einigen Tagen sind im Laufe der vierstündigen Öffnungszeit insgesamt kaum mehr als 20 Menschen da, an anderen Tagen sind es über 100. Besonders voll ist es mittwochs - der Tag an dem es Suppe gibt, freitags zum Frühstück und an Tagen, an denen es draußen ausgesprochen kalt ist. Es ist aber nie genau vorhersehbar, wann es voll wird und wann nicht.

Die Wärmestube ist geöffnet Sonntag bis Donnerstag von 13.00 bis 17.00 Uhr und am Freitag von 8.30 bis 13.00 Uhr.

Wenn der Laden geschlossen ist, sind die Rolläden heruntergelassen und es ist kein Hinweis auf die Existenz einer Wärmestube in der Waldenserstraße zu erkennen.

Schon eine halbe Stunde, bevor der Laden öffnet, finden sich Besucher ein, die vor dem Laden stehen und warten. Manche gehen allein, manche zu zweit oder zu dritt die Waldenserstraße auf und ab. Weitere Besucher treffe ich gelegentlich auf dem Bahnsteig des U-Bahnhof Turmstraße, sowie auf dem Weg vom U-Bahnhof zum Warmen Otto. Auch auf dem Platz vor der Markthalle, die sich in Sichtweite des Warmen Otto befindet, sehe ich Besucher stehen oder sitzen. Das ist aber auch während der Öffnungszeiten des Warmen Otto der Fall. Nur wenn der Laden geöffnet ist, ist am Fenster zu lesen: "Warmer Otto - Wärmestube der Heilandsgemeinde". Es sind dann bereits zehn bis zwanzig, manchmal mehr Besucher versammelt, wenn der Laden geöffnet wird.

Moabit ist für einen Teil der Besucher die Gegend, in der sie sich häufig aufhalten, beispielsweise der Platz vor der Markthalle. Sie kommen einfach die wenigen Schritte zur Wärmestube herüber, wenn sie wissen, daß sie bald öffnen wird. Sie ziehen den Aufenthalt im Warmen Otto dem Aufenthalt an anderen Orten bzw. dem Aufenthalt im Freien vor.

Andere Besucher kommen aus anderen Teilen der Stadt mit der U-Bahn, obwohl es in anderen Bezirken auch Wärmestuben gibt. Das ist ein interessanter Hinweis darauf, daß es den Besuchern nicht nur auf die materielle Seite der Angebote einer Wärmestube ankommt. Die besteht so oder ähnlich auch in anderen Wärmestuben. Es geht diesem Teil der Besucher wohl auch um den sozialen Aspekt, nämlich bestimmte Menschen in der Wärmestube treffen zu können. Das kann, muß aber nicht der Grund sein: Auch Besucher, die sich vorwiegend in Moabit aufhalten, können mit der U-Bahn kommen, weil sie vorher in anderen Teilen der Stadt etwas zu erledigen haben.

Das soziale Motiv der Besucher kann auf andere Besucher gerichtet sein oder auf die Pädagogen, oder auch auf die soziale Atmosphäre im Warmen Otto ganz allgemein.

Wenn der Laden geöffnet wird, stehen die Sozialarbeiter an der Tür und begrüßen die Besucher, die sich vorher schon vor dem Laden angefunden haben, mit Handschlag. Die Besucher werden in aller Regel mit "du" und ihrem Vornamen angesprochen, aber es gibt auch Ausnahmen.

Das ist nicht nur typisch für den Umgang der Pädagogen mit den Besuchern, sondern auch charakteristisch für den Umgang der Besucher untereinander. Ein Besucher stellt sich mir gegenüber beispielsweise vor: "Ich heiße Waldemar. Aber du kannst ruhig auch Waldi zu mir sagen!"

Es ist ein wichtiger Hinweis auf persönliche Kontakte, wenn ankommende Besucher andere mit Handschlag begrüßen bzw. wenn sich Besucher mit Handschlag von anderen verabschieden.

Andererseits ist auch besonders dann, wenn nur wenige Besucher in der Wärmestube sind, "üblich", jeden mit Handschlag zu begrüßen.

Ich interpretiere das als Hinweis darauf, daß der Warme Otto nicht nur ein Ort ist, an dem sich Leute, die sich sowieso schon kennen, treffen, sondern daß einige Besucher bestrebt sind, eine soziale Situation herzustellen, die sich von der allgemein üblichen Anonymität, die häufig in Institutionen herrscht, unterscheidet.

Diese Situation ist durch eine gewisse grundsätzliche Offenheit charakterisiert: Die Bereitschaft, andere zu akzeptieren und sie mit in das soziale Geschehen einzubeziehen.

Diese Beobachtung ist auf dem Hintergrund des Anspruchs zu verstehen, den die in der Wärmestube tätigen Pädagogen mit ihrer Arbeit verbinden: Eine Atmosphäre herzustellen, in der sich grundsätzlich jeder Besucher angenommen fühlen kann.

Ich habe mich im Verlauf meiner Beobachtungen immer selbständiger in der Wärmestube bewegt, nicht nur in einem räumlichen, sondern auch in dem Sinne, daß ich mich auf andere Besucher hin orientiere.

So gesehen ist die Einrichtung Wärmestube eine wichtige Bedingung für soziale Beziehungen, die hier realisiert werden können.

7.2. ESSEN "VERHUNGERN KANNSTE HIER NICH"

Mit der Einrichtung der Wärmestube sind verschiedene Möglichkeiten für die Ernährung der Besucher verbunden.

Essen ist mehr als pure Nahrungsaufnahme. Vielleicht gerade wegen dieser existenziellen Wichtigkeit verbinden sich mit dem gemeinsamen Essen soziale Beziehungen. Daraus ergeben sich auch die besonderen Bedeutungen, die mit dem Essen als soziale Handlung verbunden sein können. In der mit einer gemeinsamen Mahlzeit verbundenen Bedeutung kann der persönliche Sinn der handeln den Subjekte seinen Ausdruck finden.

7.2.1. Kaffee, Tee, Brühe

Tee und Brühe werden von den beiden Kuchenmitarbeitern vorbereitet, bevor der Laden öffnet. Gerade an kalten Tagen ist es die erste Handlung der Besucher des Warmen Otto, aus dem Regal im Flur eine Tasse und Untertasse zu nehmen und sich aus den großen Wärmebehältern Tee oder Brühe abzufüllen.

Das wird oft kommentiert mit: "Mensch, endlich mal was Warmes innen Bauch" oder nach den ersten Schlucken "Hmm, das tut gut!" o.ä. Andere trinken aus großem Durst gleich mehrere Tassen schnell hintereinander weg.

Aus Kostengründen gibt es nur selten Kaffee, meistens sonntags sowie am Freitag, wo der Warme Otto vormittags auf ist und es Frühstück gibt.

Horst, der eine Küchenmitarbeiter, erklärt das so: "Wenns Kaffee gibt, saufen se alle Kaffee." In der Tat kann ich beobachten, daß Kaffee bevorzugt getrunken wird, wenn er zusätzlich angeboten wird.

Wahrscheinlich wird auch im gesellschaftlichen Durchschnitt der BRD mehr Kaffee als Tee getrunken. Eine andere These besagt, daß Kaffee eine typische "Umsteigedroge" für Alkoholkranke ist. Kaum ein anderes nichtalkoholisches Getränk hat eine ähnlich starke physische Wirkung. Viele der Besucher Besucher haben tatsächlich Probleme, die sich aus dem Konsum von Alkohol ergeben.

Der Warme Otto ist eine alkoholfreie Zone. D.h., wer sich hier aufhalten will, darf in dieser Zeit keinen Alkohol trinken oder sichtlich betrunken sein. Das gilt für alle, unabhängig davon, ob sie Probleme mit Alkohol haben oder nicht. Darauf achten die Sozialarbeiter. Zudem ist es kaum möglich, im Warmen Otto Alkohol zu trinken, ohne daß es die anderen Besucher bemerken.

Es mag einen Zusammenhang zwischen dem Genuß von Kaffee und dem Genuß von Alkohol geben. Nach meinen Beobachtungen kann ich die These nicht entscheiden, weder bestätigen noch widerlegen.

Erstens können die Trinkgewohnheiten den gesellschaftlichen Gewohnheiten entsprechen.

Zweitens ist bei einigen Kaffeetrinkern ein starkes Zittern der Hände zu beobachten, das als Hinweis auf eine Alkoholkrankheit verstanden werden kann. Dieses Zittern ist aber auch bei Nichtkaffeetrinkern zu beobachten.

Drittens besteht ein Zusammenhang zwischen Kaffee und Alkohol insofern, daß in der allgemeinen funktionalen Betrachtung beides als Mittel zum "Aufwärmen" verstanden wird. Solche Mittel haben für Menschen, die einen großen Teil des Tages auf der Straße verbringen, offenbar eine besondere Bedeutung.

Bemerkenswert ist, daß die Besucher teilweise voneinander wissen, wie der Tee oder Kaffee vorzugsweise getrunken wird. Wenn jemand für einen anderen nachholt, dann meistens gleich so, wie der andere den Tee oder Kaffee am liebsten trinkt.

Das wird auch manchmal kommentiert: "Eh, für den Matze, da machste soviel Zucker in die Tasse, daß der Löffel drin stehen bleibt!" oder "Tu dem bloß keine Milch rein!" o.ä.

7.2.2. Stullen

Im Warmen Otto schmieren die Küchenarbeiter jeden Tag Wurst- und Käsestullen für die Besucher. Sie holen dafür regelmäßig Brot von nahegelegenen Bäckern aus der Umgebung ab. Es sind Brote, die nicht mehr verkauft werden, weil sie schon zwei Tage alt sind. Margarine, Streichwurst und Käse werden eingekauft. Die geschmierten Stullen werden von den Küchenmitarbeitern verteilt, so daß jeder Besucher sich mindestens eine nehmen kann.

Beispielsweise fragt Georg, ob er für Kalle noch eine Stulle nehmen kann, weil der gleich kommt. Dieter wiederum bittet den Küchenmitarbeiter, für Franz eine Stulle aufzubewahren, weil der jetzt noch anderes zu erledigen hat und erst später kommt usw.

So etwas funktioniert. Jeder kann beobachten, ob die Aussage richtig ist, oder ob sie nur dem eigenen Vorteil dient.

Anhand solcher Beispiele zeigt sich nicht nur das Wissen um die Tätigkeiten anderer Besucher des Warmen Otto.

Es ist schwer auszumachen, ob es sich dabei um Formen von eingespielter Fürsorge oder um Freundschaftsbekundungen handelt.

Eine andere Interpretationsmöglichkeit ist die, daß damit neue Beziehungen aufgebaut und positive Emotionen geweckt werden sollen, daß es sich dabei um Versuche handelt, bei anderen Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu finden.

Um die Brote bzw. Stullen gibt es durch Verteilung keine Konkurrenz, weil jeder seine Stulle bekommt. Eher im Gegenteil: Wenn noch Brote übrig sind, müssen Besucher oft aufgefordert werden, noch eine zweite zu nehmen. Anscheinend will niemand bei anderen dadurch auffallen, daß er besonders habgierig oder gefräßig sei.

Hier besteht eine offensichtliche Diskrepanz zwischen angeeigneten Bedeutungen bezüglich der Konventionen, in der Eßkultur und dem persönlichen Sinn, der sich für den Einzelnen mit dieser Stulle verbindet. Die pragmatische Lösung ist dann in der Tat die, auf die angebotene Stulle zu verzichten.

Andererseits fragen einige ganz direkt: "Mensch, wann gibt's denn endlich Stullen?" und bekunden sehr deutlich, daß sie Hunger haben.

Die Küchenmitarbeiter werden gelegentlich persönlich dazu aufgefordert, für andere Besucher Stullen zu schmieren, aber meist von solchen, die mit ihnen besser bekannt sind.

Ich sehe kaum einen Besucher, der von dem Stullenangebot nicht Gebrauch macht, auch wenn die Brote nicht sofort gegessen werden. Ich entdecke auch keinen, der die Stulle nur halb ißt und dann liegen läßt. Gelegentlich kommen auch Menschen in den Laden, die nur nach einer Stulle fragen und dann gleich wieder gehen. Auch betrunkene Besucher, die aus dem Laden geschickt werden, bestehen vielfach darauf, eine Stulle zu bekommen.

In der Regel wird bei Bäckereien mehr Brot abgeholt, als für Stullen gebraucht wird. Das übrige Brot wird in Scheiben geschnitten und kann von jedem mitgenommen werden. Es gibt Besucher, die auch im Laden die trockenen Scheiben Brot essen.

7.2.3. Suppe, Frühstück

Immer mittwochs gibt es eine warme Mahlzeit, meistens irgendeine Art Suppe. Die Planung, das Besorgen der Zutaten und die Zubereitung ist Aufgabe der Küchenmitarbeiter, die mit den Pädagogen abgesprochen wird.

Gerade das Besorgen der Zutaten ist eine Frage der günstigen Gelegenheiten: Sonderangebote in der naheliegenden Markthalle, Gemüse, das nicht mehr zu verkaufen ist und billiger abgegeben wird.

Das Zubereiten der Suppe erfolgt, soweit es geht, schon am Dienstag. Wenn es erforderlich ist, helfen auch einige der Besucher mit. Sie werden entweder von den Mitarbeitern dazu aufgefordert oder fragen von sich aus: "Kann ich was helfen?"

Auffällig ist, daß es sich dabei meist um Besucher handelt, die zum "inneren Kreis" der Wärmestube gehören. Das sind Besucher, die recht regelmäßig erscheinen und auch sonst aktiver und engagierter als viele andere Besucher sind.

Wenn das Essen fertig ist, sagen die Küchenmitarbeiter Bescheid: "Essen ist fertig!" oder "Essen fassen!". Dann bildet sich eine Schlange vor dem Kücheneingang, jeder nimmt sich im Flur einen Löffel und erhält einen Teller voll Suppe aus der Küche. Dabei gibt es selten Drängeleien. In den wenigen Fällen, in denen das doch vorkommt, beruhigen die Küchenmitarbeiter mit der Bemerkungen, wie: "Is ja genug da!" oder "Nicht drängeln, es reicht für alle!"

Die Menge, die jeweils zubereitet wird, ist tatsächlich ausreichend, in diesem Sinne herrscht kein Mangel. Das wissen auch die Besucher, denen es in der Regel nicht wichtig ist, wo sie in der Schlange stehen. Einige Besucher kommen verspätet und fragen dann, ob noch etwas da ist.

Nachdem jeder einen Teller voll hat, ist meist immer noch etwas übrig. Die Küchenmitarbeiter fragen dann: "Will noch einer Nachschlag?" Einzelne kommen und fragen: "Haste noch nen Teller für mich?" Oder: "Hat gut geschmeckt. Krieg ich noch was?"

Gerade dieser Teil der Essensausgabe ist häufig mit scherzhaften Bemerkungen verbunden: "Meinste nich, daß du zu dick wirst, wenn du noch nen Teller ißt?", fragen die Küchenmitarbeiter, oder Besucher beschweren sich: "Also Fleisch hab ich in der Suppe nich gefunden..." usw.

Es kommt auch vor, daß nichts mehr da ist für Besucher, die einen Nachschlag haben wollen. Das wird hingenommen, darüber habe ich keine Beschwerden gehört.

Ich nehme die bisherigen Beobachtungen als Beleg für die obige Äußerung: "Verhungern kannste hier nich." Die Ernährungssituation erfordert keine Konkurrenz der Besucher untereinander, und es besteht quantitativ keine Mangelsituation. Das ermöglicht den Besuchern ein vergleichsweise ungezwungenes Verhalten in der Situation der Essensausgabe.

Die Besucher essen die Suppe an den Tischen und bringen die Teller wieder in die Küche zurück, oder, was die Küchenmitarbeiter am liebsten sehen, sie stellen sie ins dafür vorgesehene Regalfach im Flur. Das ist für die Küchenmitarbeiter, die den Abwasch erledigen, am vorteilhaftesten und macht am wenigsten Arbeit, vor allem, wenn die Suppe ordentlich aufgegessen wurde und kein Rest überbleibt. Es gibt dafür jedoch keine Anweisung von den Küchenmitarbeitern.

Einige Besucher lassen der Teller einfach irgendwo stehen, er ist für sie nicht weiter wichtig. Andere stellen den Teller zurück, weil es für sie zu den angeeigneten Bedeutungen gehört. Wieder andere stellen einen Kontakt zu den Küchenmitarbeitern her, indem sie in die Küche gehen und sagen: "Hier, kannste abwaschen, hat gut geschmeckt" o.ä.

Gelegentlich greifen Besucher, die ihren Teller zurückstellen, mit Äußerungen in das Handeln der anderen Besucher ein: "Kannste deinen Teller nich ordentlich aufessen?" Oder: "Wenigstens aufessen hättste ja können. Und jetzt müssen wa das wegkippen."

Wer seinen Teller irgendwo stehen läßt, mag es nicht besser wissen, weil das in seinen bisherigen Beziehungen und Bedeutungszusammenhängen immer "Frauensache" gewesen ist und so auch funktionierte. Oder derjenige hat in seiner Lebenssituation keine Veranlassung, diese Zusammenhänge zu reflektieren.

Freitags ist die Wärmestube vormittags offen, und es gibt Frühstück, das die Küchenmitarbeiter vorbereiten. Auf einem Teller gibt es ein Brötchen, eine Scheibe Brot, Butter, Marmelade sowie eine Scheibe Wurst oder Käse. Etwa eine halbe Stunde nach Öffnung des Ladens erhält jeder Besucher einen solchen Frühstücksteller. Kaffee, Tee oder Brühe muß sich jeder selbst nehmen. Meistens ist es an Freitagen voller im Laden als sonst. Einige Besucher kommen offenbar nur wegen des Frühstücks.

7.2.4. Suppenstuben und andere Angebote

Über die Angebote der Wärmestube Warmer Otto hinaus bestehen noch weitere Möglichkeiten der Ernährung. Auch die anderen Wärmestuben Berlins geben an jeweils anderen Tagen der Woche Suppe aus.

Die Besucher haben in der Wärmestube die Möglichkeit, sich darüber zu informieren. Einige Besucher tauschen ihre Kenntnisse aus. "Wärste mal Sonntag innen Seeling (eine andere Wärmestube) gekommen. Da gabs reichlich und das blieb sogar ne ganze Masse über." usw. Gelegentlich verabreden sich auch Besucher für den nächsten Tag dort, wo es eine warme Mahlzeit gibt.

Eine ständige Mahlzeit gibt es im "Chaoten-Kloster" in Kreuzberg. "Chaoten-Kloster" ist die Bezeichnung für die kath. Liebfrauen-Kirchengemeinde in der WrangelstraBe in Berlin - Kreuzberg. "Kloster" heißt es wegen der dort ansässigen Nonnen, die die Essensausgabe organisieren. Die Bezeichnung "Chaoten" bezieht sich auf die Nutzer.

Besucher erzählen mir Geschichten von ausgekippten Suppentellern und anderem "rüpelhaftem Benehmen" der Besucher dort. "Da kommen die ganzen kaputten Leute, die sich so in Kreuzberg rumtreiben", das sind "alle möglichen Leute, noch ganz junge und Alte, sogar Punks."

"Da mußte rechtzeitig kommen, um noch nen Platz zu kriegen. Manchmal sitzte da am Tisch so wie ne Sardine, so eng is das da. Und wenn det ganz voll is, dann mußte auf der Treppe sitzen und da deine Suppe löffeln, echt."

Wenn es voll ist, sagen die Besucher, sind um die 200 Leute da. Die Einrichtung der Suppenküche gibt es seit ein paar Jahren.

Der Sprachgebrauch "Chaoten-Kloster" zeigt, wie sich Menschen, für die dieses Angebot einen konkreten Sinn hat, dafür eine eigene Bedeutung geschaffen haben. Gleichzeitig verrät diese Bedeutung auch eine gewisse Distanz zu diesen "Chaoten".

Von den einzelnen Nonnen, die diese Essensausgabe täglich organisieren, ist nicht die Rede. Ich kenne die Arbeit der Nonnen aus anderen Zusammenhängen und vermute, daß ein Grund für dieses "Nichtvorhandensein" der Nonnen darin liegt, daß die Nonnen nicht versuchen, über die mit der Organisation der Suppenküche verbundenen Arbeiten hinaus auf die Besucher der Suppenküche in irgendeiner Weise einzuwirken.

Gesprochen wird aber vom Pfarrer, der "voll hinter der Suppenküche steht". Der war zu diesem Zeitpunkt schon nach Lichtenrade versetzt. Besucher kommentieren das so: "Der (Pfarrer, der Verf.) war dem Bischof zu unbequem, deswegen mußte der weg." Oder: "Der (Pfarrer, der Verf.) ist echt in Ordnung." Und dann werden Beispiele erzählt, die das belegen sollen.

Einige der Besucher des Warmen Otto auch zu den Nutzern der Suppenküche im "Chaoten-Kloster".

Die über den damaligen Pfarrer der Liebfrauen-Kirchengemeinde getroffene Feststellung "Der ist echt in Ordnung." ist bemerkenswert. Ähnliche Äußerungen, daß Menschen, die sich in auffälliger Form mit Wohnungslosen befassen, "echt okay" oder "ein echter Kumpel" seien, sind mir häufiger aufgefallen.

Allein im Kontext der Ernährung läßt sich anhand der bisher aufgeführten Beispiele zeigen, wie die Sicherstellung der eigenen Ernährung bei den Besuchern der Wärmestube eine ganze Reihe von Handlungen und Handlungsketten erfordert, die sich wesentlich von denen anderer Menschen unterscheiden. Diese Handlungsstruktur wird zum einen von der individuellen Situation der Besucher und zum anderen von der Beschaffenheit der Angebote bestimmt.

Die Sicherstellung der Ernährung erfordert ein hohes Maß an Kommunikation und Informationsbeschaffung, um die Möglichkeiten ausfindig zu machen, und zudem ein hohes Maß an räumlicher Mobilität, um zu den entsprechenden Orten zu gelangen. Oft sind es Strecken, die zu Fuß nicht zu bewältigen sind.

7.2.5. Weihnachtsfeiern

Bei allen Gesprächen über Weihnachtsfeiern, an denen ich teilnehme, war die Frage, was es dort zu Essen geben würde, zentrales Thema. Das ausschließliche Interesse an dem, was es auf Weihnachtsfeiern zu Essen und zu Trinken gibt, zeigt den hohen Grad an Aufmerksamkeit, den die Befriedigung dieser Bedürfnisse bei den Besuchern hat.

Die bestehende Ernährungssituation der Besucher ist durch Einseitigkeit gekennzeichnet. Die Frage der Besucher zielt nicht in erster Linie darauf ab, ob es etwas geben wird, sondern was es geben wird. Die Besucher verbinden mit den Weihnachtsfeiern die Erwartung, daß es etwas besonderes geben wird.

"So in der Zeit vor Weihnachten, da kannste gut leben, wenn du die ganzen Weihnachtsfeiern und so mitnimmst. Und nach Weihnachten, da wirds denn wieder mau. Wenn de det genau nimmst, is det ziemlich scheiße. Naja, ich werd mir wieder meinen Winterspeck anfressen."

In der vorweihnachtlichen Zeit werden besonders von Kirchengemeinden Weihnachtsfeiern für Arme, Einsame, Alleinstehende usw. veranstaltet. "Grade vor Weihnachten kannste zuschlagen, danach is wieder nich so viel. Dat sollte man besser verteilen mit die Feste so über das Jahr."

Weihnachtsfeiern sind Gesprächsthemen bei den Besuchern. Entweder es spricht sich rum, oder die Besucher lesen in den Zeitungen nach, wo es Weihnachtsfeiern gibt. Über die Weihnachtsfeier in der Beratungsstelle Levetzowstraße wird schon Wochen vorher gesprochen. Dabei wurde immer besonders betont, an welchem Tag sie stattfindet, welch ein Wochentag das ist und um welche Uhrzeit sie stattfindet. "In der Levetzowstraße" ist anscheinend allen ein Begriff.

Das Betonen, wann genau eine Veranstaltung stattfindet verweist auf die Orientierung und Planung der Handlungen. Ich habe nie gesehen, daß sich ein Besucher Termine und Verabredungen aufgeschrieben hat. Termine werden offenbar gemerkt und eingeprägt. Dabei ist die Planung nicht nur kurzfristig auf den selben oder nächsten Tag, sondern auch auf größere zeitliche Abstände von mehreren Tagen gerichtet. Deshalb ist es wichtig, die Termine in Gesprächen deutlich zu betonen.

Was die Orte betrifft, benutzen die Besucher oft Bezeichnungen, die nicht weiter erklärt werden müssen, da die damit gemeinten Orte bei den Besuchern bekannt sind und eine weitere Beschreibung nicht notwendig ist. Ich muß dann immer nachfragen (z.B. "Chaoten-Kloster", "Seeling" = eine andere Wärmestube in der Seelingstraße, usw.).

Am Beispiel der Weihnachtsfeiern wird deutlich: In den wenigen Fällen, an denen ich erfahren konnte, daß Besucher ihren Alltag planend gestalten, richten sich ihre Planungen auf sehr konkrete Sachverhalte. Diese Planungen beziehen sich häufig darauf, grundlegende Bedürfnisse zu realisieren.

7.2.6. Sonstige Ernährungsstrategien

Das sparsame Haushalten mit den knappen Mitteln, die für das Essen im Warmen Otto zur Verfügung stehen, das Ausfindigmachen günstiger Gelegenheiten hat Ähnlichkeiten mit der individuellen Vorgehensweise einiger Besucher.

Egon erzählt mir, wie ich günstig zu Wurst und Fleisch kommen könne. Er nennt Läden und beschreibt, wo sie sind. Dort soll ich nach Anschnitt oder Aufschnitt für eine Mark fragen. Allerdings darf ich nicht gerade mit einem Schein oder Fünfmarkstück daherkommen. Am besten mit Groschen. Die Mengen, die er dafür erhalten hat, müssen nach seinen Schilderungen schlicht enorm sein. Pfundweise Wurst, und manchmal legen die Verkäuferinnen auch noch Kassler, Kamm oder ähnliches dazu.

Andere Besucher haben bestätigt, daß sie teilweise "viel" bekommen für eine Mark.

Gelegentlich sehe ich Besucher, die aus ihrer Tasche oder Tüte Brötchen und Wurst, Käse oder sonstigen Belag hervorholen und sich am Tisch ihr Essen zubereiten und es verzehren. Manche fragen die Küchenmitarbeiter nach einem Messer, um Brot oder Brötchen zu schneiden. Einige haben auch eine Dose Margarine dabei. An dieser Praxis nimmt niemand Anstoß.

Manchmal teilen Besucher, die sich selbst etwas zu Essen mitbringen, das auch mit anderen Besuchern oder bieten anderen etwas davon an. Dabei ist aber zu beobachten, daß dieses Angebot meist nur für bestimmte andere, dem Anbieter offenbar vertraute Besucher gilt. Es kommt allerdings nicht vor, daß andere Besucher gezielt fragen, ob sie etwas abbekommen können.

Wenn Besucher Essen bei sich haben, läßt das vorsichtige Rückschlüsse auf die Lebenssituation zu. Sie haben offenbar keine andere Möglichkeit, ihre Nahrung aufzubewahren und zuzubereiten. Sie nutzen die Möglichkeit im Warmen Otto und essen vielleicht sonst im Freien auf einer Bank. Zum anderen ist das Motiv erkennbar, nicht abhängig von den Nahrungsangeboten der Wärmestube, der Suppenküchen usw. zu sein, sondern nach Bedürfnis geringe Vorräte an Nahrung bei sich zu haben.

7.3. TAGESBESCHÄFTIGUNG IM WARMEN OTTO

In der angelsächsischen Tradition hat der "Pub" viel mehr als die deutsche "Kneipe" die Funktion eines "gemeinsamen Wohnzimmers". In gewisser Weise besteht eine Analogie zu einem Pub beim Warmen Otto, nämlich eine Art zeitweiliges Wohnzimmer der Besucher zu sein.

In der bestehenden Gesellschaft hat sich eine besondere Privatsphäre des Einzelnen herausgebildet. Dieser Aspekt menschlichen Lebens ist eng gekoppelt an die Bedingung des Wohnens in der je eigenen Wohnung. Die Wärmestube ist ein Ort, an dem die Besucher einen Teil von dem praktizieren, was allgemein unter dem Begriff der Privatsphäre verstanden wird. Von daher ist die Assoziation "Wohnzimmer" tatsächlich naheliegend.

Daß diese "Privatheit" ihren Charakter unter der Bedingung Wärmestube ändern muß, ist offensichtlich.

7.3.1. Sitzen, Dösen, Schlafen

An einigen Tagen habe ich zeitweise den Eindruck, als würde nichts im Laden geschehen.

Die wenigen Besucher, die zu diesem Zeitpunkt im Laden sind, sitzen jeder für sich am Tisch, starren vor sich hin, nippen an ihrer Tasse Tee oder Brühe. Andere dösen vor sich hin, gelegentlich ist ein Schnarchen oder Röcheln vernehmbar. Keiner spricht, manche lesen Zeitung. Dann steht einer auf, holt sich eine Tasse Tee und geht zurück an seinen Platz. Dann kommt ein neuer Besucher, setzt sich hin, und keiner reagiert darauf. So verstreicht die Zeit.

Wie ist eine Situation zu beobachten, in der nach dem ersten Eindruck "nichts" geschieht? Wie ist eine Tätigkeit zu erfassen, die zunächst den Anschein einer "Untätigkeit" hat?

Diesen beobachteten Tätigkeiten liegen zwei ganz unterschiedliche Motive zugrunde.

Zum einen entsprechenden diese Tätigkeiten der Besucher dem Bedürfnis nach Schlaf, Entspannung und Ruhe.

Zum anderen entsprechen diese Tätigkeiten auch dem Bedürfnis, allein zu sein und nicht gestört zu werden.

Vielleicht verbirgt sich hinter solchen Handlungen die mangelnde Fähigkeit, mit anderen in soziale Beziehungen zu treten.

7.3.2. Zeitungen, Kreuzworträtsel

Viele Besucher kommen mit einer Zeitung in den Laden. Das ist fast immer die "BZ". Die Zeitungen werden meist nicht gekauft, sondern "gefunden". Die aktuelle BZ vom Tage läßt sich, selbst schon morgens früh, gut in Papierkörben finden, besonders in den Papierkörben der U-Bahn. Eine andere Möglichkeit ist, sich an den Zeitungsstapeln, die frühmorgens vor den Zeitungsläden liegen, zu "bedienen". Die Zeitung wird oft ausführlich im Laden "studiert". Die meisten nehmen ihre Zeitung auch wieder mit, wenn sie den Laden verlassen.

Wer keine Zeitung hat, muß fragen, ob er die Zeitung eines anderen lesen darf. Das wird nicht immer gestattet. "Kauf die doch eine Zeitung!" oder "Besorg dir selber eine!" wird dann gesagt. Eine andere Möglichkeit ist, jemanden, der eine Zeitung liest, zu bitten: "Gib mir doch mal bitte einen Teil zu lesen ab!" Eine Sozialarbeiterin bringt immer die "Frankfurter Rundschau" mit. Einige Besucher leihen sie sich aus und lesen sie.

Die Meldungen der Zeitungen sind Gesprächsthema. Oft werden sie wiedergegeben, auch mit eigenem Kommentar, gelegentlich ergibt sich daraus auch ein längeres Gespräch.

Aus welchen Motiven die Besucher Zeitung lesen, ist mir nicht klar geworden. Einerseits existiert bei Besuchern das Interesse, sich zu informieren, "was so los ist in der Welt". Zum anderen wird die Zeitung von einigen Besuchern so ausführlich gelesen, als ob es ihnen vor allem darum ginge, sich nur zu beschäftigen.

Zu dem gründlichen Lesen der Zeitung gehört auch in der Regel das Lösen des Kreuzworträtsels. Das ist für mich ein Beleg der Funktion der Beschäftigung. Auch sehe ich gelegentlich, daß Besucher Kreuzworträtselheftchen mit bringen und dann im Warmen Otto verschiedene Rätsel lösen.

Nach meiner Einschätzung verrät diese Handlung nichts über einen Grad an Allgemeinbildung, wie oft behauptet wird, sondern das Lösen von Kreuzworträtseln ist eine Fähigkeit für sich, die sich jeder aneignen kann, wenn er das oft genug macht und andere nach Lösungen fragt. Es ist eine eigenständige Leistung, die etwas über die Fähigkeit zu Assoziations-Gedächtnis-Kombinationsleistungen usw. aussagt.

Zum Lesen, und auch bei anderen visuell orientierten Handlungen (z.B. beim Aufschreiben der Punkte beim Skatspielen), setzen einige Besucher ihre Lesebrille auf.

Bei Alfons fehlt in seiner Brille, die er ständig trägt, ein Glas. Horst muß seine Lesebrille immer festhalten, da sie ihm in der Mitte zerbrochen ist. Erwin sagt, er kann nur die Überschriften lesen, weil er keine Brille hat. Ob es tatsächlich nur an der fehlenden Brille liegt, oder daran, daß er nicht lesen gelernt hat, kann ich nicht sagen.

Ob unter den Besuchern des Warmen Otto Analphabeten sind, kann ich nicht sagen, es ist mir nicht aufgefallen.

Einmal beobachte ich, wie ein Besucher einer Sozialarbeiterin einen Brief gibt, den sie ihm erklären soll. Es geht um eine Aufforderung zur "gzA" (Gemeinnützige zusätzliche Arbeit). Entweder der Besucher kann den Brief nicht lesen, oder er versteht den Inhalt nicht.

Viele Besucher haben Schwierigkeiten beim Schreiben.

In einer Gesellschaft, in der es auf die Fähigkeiten und Leistungen des Einzelnen ankommt, hat diese Tatsache konkrete Konsequenzen: Die nur unvollständig beherrschte Operation des Schreibens schränkt die Möglichkeit ein, Handlungen zu realisieren. Ein Beispiel ist die Handlung, Anträge zu stellen. Das Ausfüllen eines Antrags ist unter solchen Umständen ersteinmal zu bewältigen.

Ein zweiter Umstand ist in Betracht zu ziehen: Das Wissen um diese nur schlecht beherrschte Operation ist Bestandteil des Selbstbewußtseins. Welches Bild von sich selbst muß ein Einzelner entwerfen, wenn er feststellt, daß er bestimmte Fähigkeiten, die bei der Verfolgung konkreter Ziele effektives Handeln ermöglichen oder Voraussetzung für bestimmte Handlungen sind, nicht entwickelt hat?

7.3.3. Radio und TV

In der Küche steht ein Radio, welches häufig in Betrieb ist. Von der Lautstärke ist es aber nur in der Küche und im Flur zu hören. D.h. in den Aufenthaltsräumen ist höchstens zu hören, daß in der Küche das Radio läuft.

Die Meldungen im Radio sind genauso möglicher Gesprächsgegenstand wie Zeitungsmeldungen. Oft läuft aber auch nur das Radio im Hintergrund, d.h. Musik wird gehört, aber der Inhalt der Aufmerksamkeit ist ein anderer.

Der Fernseher im vorderen Aufenthaltsraum war bis auf eine Ausnahme während meiner gesamten Anwesenheit im Warmen Otto nie angeschaltet. Der Grund lag in der besonders schlechten Bildqualität, das Bild war nur schemenhaft zu erkennen.

Trotz dieser Tatsache und dem Umstand, daß am Nachmittag Kindersendungen im TV-Programm gezeigt werden, ist die Aufmerksamkeit der meisten Besucher auf den Fernseher gerichtet.

Einige Besucher sind informiert über das, was im Fernsehen gezeigt wurde oder gezeigt wird.

Sie verfügen über die Möglichkeit, TV zu sehen. Genaueres konnte ich nicht erfahren.***

7.3.4. "Was is, spielste ne Runde..." - Skat, Doppelkopf

Skat und Doppelkopf wird sehr häufig gespielt.

Ein großer Teil der Spiele kommt nach meinen Beobachtungen aus einer Art Langeweile zustande: "Was ist, spielen wa ne Runde Skat?" - "Können wir machen!" "Gut, dann brauchen wir nur noch nen dritten Mann." Die Pädagogen werden oft gefragt, ob sie mitspielen.

Es wird nicht um Beträge gespielt, aber meistens werden Punkte aufgeschrieben. Einige Besucher sind sehr darauf bedacht, bei den Spielen gut abzuschneiden. Andere wissen, daß sie nicht so gut sind und machen sich nichts daraus.

Oft setzen sich andere Besucher dazu und schauen einem der Spieler in die Karten. Wenn ein Zuschauender in das Spiel eingreift, wird er in den meisten Fällen sofort aufgefordert, das zu unterlassen.

Häufig werden Spiele kommentiert: "Ich hab gleich gemerkt, daß der auf Karo blank ist und hab dann immer Karo nachgezogen." Auch die Fehler anderer Spieler werden genannt.

Solche Bemerkungen verraten meistens eine große Spielerfahrung. Aber es kommt darüber auch zu Streitigkeiten: "Mensch, du hast doch keine Ahnung vom Skat spielen." Ich habe aber auch erlebt, wie ein Besucher mitten im Spiel abbricht, als ein Mitspieler zum zweiten Mal falsch bedient hat: "Komm, hör uff. Dat bringt doch nichts." Er wirft die Karten auf den Tisch und wendet sich seinem Kreuzworträtsel zu.

An einem Sonntag im Monat ist immer Skatturnier, zu dem sich die Besucher vorher in eine Liste eintragen müssen. Pädagogen sprechen auch gezielt Besucher an, von denen sie wissen, daß sie daran teilnehmen würden. "Alfons, nächsten Sonntag ist wieder Skatturnier. Du machst doch bestimmt auch mit?" Jeder Teilnehmer erhält einen Preis, der letzte erhält immer ein Skatspiel. Die Preise sind immer praktische Gebrauchswerte: Socken, Thermoskanne, Armbanduhr, eine Wurst, Taschenmesser, ein Päckchen Tabak usw. Das Skatspielen bei Skatturnieren hat, da es um verschiedene zu erreichende Preise geht, einen besonderen Grad von Ernsthaftigkeit.

Das Skatspiel hat einen anderen Charakter als das Doppelkopfspiel. Beim Skat kommt es darauf an, als Einzelner gegen zwei andere zu spielen und zu gewinnen. Doppelkopf wird zu viert gespielt, dabei spielen jeweils zwei zusammen.

Nach meinen Beobachtungen ist ein Motiv beim Doppelkopfspielen sicher auch der Zeitvertreib, zum anderen aber auch das Motiv, mit ganz bestimmten Besuchern etwas zusammen machen zu wollen. Vielmehr als beim Skat ist zu beobachten, daß Doppelkopf immer in ähnlichen Konstellationen gespielt wird. Ein anderer Grund dafür kann auch sein, daß nicht so viele Besucher Doppelkopf spielen können. Wichtig bei der Beurteilung ist auch, zu wissen, daß Doppelkopf von den Pädagogen und den beiden Küchenmitarbeitern bevorzugt gespielt wird.

7.4. ZUR INNEREN SOZIALEN STRUKTUR DER WÄRMESTUBE

7.4.1. Die Küchenmitarbeiter

Die beiden Küchenmitarbeiter kommen aus dem Kreis der Besucher. Wahrscheinlich sind ihre "Arbeitsbereiche" entstanden, weil die Sozialarbeiter mehr Zeit für die Besucher haben wollten, statt für "technische" Aufgaben zu verwenden. Die beiden Küchenmitarbeiter finden sich eine Stunde, bevor der Laden öffnet, vor dem Laden ein und warten auf die beiden Sozialarbeiter, die an diesem Tag Dienst haben.

Einen Schlüssel haben die beiden Küchenmitarbeiter nicht. Sie beschweren sich, wenn dann die Sozialpädagogen zu spät kommen.

Die Küchenmitarbeiter haben die Aufgabe, alle in der Küche anfallenden Arbeiten zu erledigen. Dabei müssen sie nicht immer beide gleichzeitig dasein, sondern können es sich absprechen. An Tagen, wo es viel zu tun gibt, sind sie beide da. Aber auch an anderen Tagen sind häufig beide da, wobei sich dann nur meist einer intensiv um die Arbeiten kümmert.

Für ihre Arbeit erhalten die Küchenmitarbeiter eine Entschädigung, teils in Naturalien wie Tabak und Kaffee, teils in Geld. "Viel ist es nicht", sagt mir einer der beiden auf meine Frage nach der Höhe der Bezahlung.

Die beiden Küchenmitarbeiter stehen aufgrund ihrer Tätigkeit und der damit verbundenen häufigen Präsenz in der Wärmestube - einmal abgesehen von den Sozialarbeitern/innen - mit im Zentrum der sozialen Beziehungen im Warmen Otto. Aber es ist nicht nur ihre häufige Präsenz - wie die Pädagogen kommen sie früher und gehen als letzte aus dem Laden - es ist auch "die Macht des Kochlöffels", die für die anderen Besucher Grund sein muß, sich mit den Küchenmitarbeitern "gut zu stellen".

Damit meine ich den wichtigen Umstand, daß jeder Besucher in gewisser Hinsicht bestrebt sein muß, sich nicht die "Feindschaft" der Küchenmitarbeiter zuzuziehen, weil sie einfach über die Gegenstände verfügen, die von der Angebotsseite für viele Besucher auch Gegenstand ihrer individueller Bedürfnisse sind.

Die Küchenmitarbeiter bemühen sich, alle Besucher gleich zu behandeln.

7.4.2. "Schluß machen"

Wenn an normalen Tagen die Wärmestube gegen 17.00 Uhr die Wärmestube schließt, sind noch eine Reihe von Aufgaben zu erledigen. Die Räume einmal kurz auslüften, Aschenbecher ausleeren, benutztes Geschirr zurück in die Küche bringen und abwaschen, Tische wischen, die Räume ausfegen, das Klo aufwischen usw.

Eine richtige Aufbruchstimmung entsteht, wenn plötzlich einer der Besucher beginnt, das Geschirr in die Küche zu bringen, ein anderer leert die Aschenbecher aus, plötzlich kommt ein weiterer Besucher mit einem Eimerchen warmen Wassers und beginnt die Tische abzuwischen usw. Es sind immer ganz bestimmte Besucher, die diese Tätigkeiten ausführen. Es sind nie jeden Abend dieselben, aber nachdem ich das einige Male "teilnehmend" beobachte, habe ich den Eindruck, es ist ein bestimmter, nicht genau definierter Kreis an Besuchern, die da zugange sind. Das Abwaschen ist Sache der Küchenmitarbeiter, das Klo auswischen Angelegenheit der Sozialarbeiter, alle anderen Arbeiten werden größtenteils von diesen Besuchern getätigt. Die vordere Eingangstür wird dann, nachdem die anderen Besucher gegangen sind, geschlossen, und die, die aufräumen, sind dann "unter sich". Das sind meist die beiden Küchenmitarbeiter, die Sozialarbeiter, und zwischen drei und sechs andere Besucher. Und diejenigen, die übrigbleiben, wissen, das wird aus ihren Handlungen deutlich, sehr genau, was zu tun ist. Sie holen Besen, Handfeger usw. hervor, holen sich warmes Wasser und einen Lappen aus der Küche. Jeder dieser Besucher macht einen Teil der Aufgaben.

Dieses "Schluß machen" dauert selten länger als eine halbe Stunde. Zum Schluß stehen alle angezogen im Flur, die Raucher rauchen noch zusammen eine Zigarette, meistens hat zu Beginn dieser Arbeiten der Küchenmitarbeiter noch eine Kanne Kaffee aufgesetzt, und trinkt zum Schluß noch jeder, der will, eine Tasse Kaffee. Das ist insofern auch ein Privileg, da es an den meisten Tage nur Tee und Brühe gibt. Anschließend gehen alle durch den Seitenausgang aus dem Laden und verabschieden sich mit Handschlag auf der Straße.

7.4.3. Zweites Frühstück

Das zweite Frühstück findet immer freitags statt, der Tag, an dem der Laden vormittags bis 13.00 Uhr geöffnet ist und an dem es Frühstück für die Besucher gibt. Das "Schluß machen" am Freitag ist gründlicher als an sonstigen Tagen: Der Fußboden wird überall gewischt, und manch andere Reinigungsarbeit wird getan, zum Beispiel Fensterputzen, Bilderrahmen säubern usw. Es sind dieselben Besucher, die auch an anderen Tagen beim "Schluß machen" helfen. Wenn diese Arbeiten erledigt sind, gibt es ein "Zweites Frühstück" für alle, die "mitgemacht" haben.

7.4.4. Der "innere Kreis"

Der "innere Kreis" ist in dem Sinne keine feste Gruppe innerhalb der Wärmestube, daß sich genau zuordnen läßt, wer dazu gehört und wer nicht. Nur aufgrund meiner Beobachtungen stelle ich fest, daß sich in einigen Situationen immer ein ähnlicher Kreis von Besuchern einfindet, ohne daß es sich um eine sich selbst manifestierende Gruppe im eigentlichen Sinne handelt. Die Größe dieses "inneren Kreises" schätze ich auf 12 - 15 Menschen. Daß es einen solchen "inneren Kreis" gibt, ist mir vor allem an den beiden Beobachtungskomplexen aufgefallen, über die ich eben berichtet habe: dem "Schluß machen" und dem "Zweiten Frühstück" am Freitag.

Diese Gruppe von Besuchern stehen aber auch außerhalb dieser beiden von mir beobachteten Komplexe untereinander in sozialen Beziehungen. Sie spielen zusammen Skat oder Doppelkopf oder sind beim Kegeln mit dabei. Dabei habe ich aber nicht den Eindruck, daß die Beziehungen auf Beziehungen unter einander beschränkt sind.

Es ist nicht so, daß die Besucher aus dem "inneren Kreis" in ihren Kontakten unter sich bleiben. Es ist auch nicht so, daß dieser "innere Kreis" eine für sich geschlossene, heterogene Gruppe ist. Auch hier gibt es Besucher, die in gewisser Weise als Außenseiter zu bezeichnen sind, da sie nur wenig Kontakte zu den anderen Besuchern des "inneren Kreises" haben. Sie haben ihren Platz in dieser Gruppe einfach durch den Umstand, daß sie mithelfen.

Alles in allem glaube ich, sagen zu können, daß der Teil der Besucher, der zu diesem "inneren Kreis" zu zählen ist, vergleichsweise aktiver ist als viele andere Besucher. Für sie hat die Wärmestube eine Bedeutung, die offenbar ihr eigenes Mitwirken, Mittun einschließt. Andersherum erhält auch erst durch ihre Tätigkeit der Laden für sie eine besondere Bedeutung.

Das entscheidende Motiv für ihre Handlungen kann nicht einfach nur in den geringen materiellen Vorteilen eines 2. Frühstücks oder einer Tasse Kaffee liegen, die den Aufwand kaum aufwiegen. Eine solche Interpretation greift hier mit Sicherheit zu kurz. Bestimmt hat das 2. Frühstück auch diese Funktion, den Besuchern über diesen Gegenstand zu vermitteln: "Es ist gut und wichtig, daß sich auch Besucher, also Nutzer der Wärmestube um diese Einrichtung kümmern." Und sei dieses sich um die Wärmestube kümmern einfach nur der Gestalt, daß einfache anfallende Arbeiten erledigt werden.

Es wäre eine einseitige Beschreibung der Besucher, die ich zum "inneren Kreis" zähle, würde ich die "negativen" Aspekte weglassen. Auch bei diesen Besuchern, die vergleichsweise aktiver sind, decken sich verschiedene Beobachtungen mit denen anderer Besucher. Ich will nur zwei nennen:

Iwan, der häufig beim "Schluß machen" dabei ist, "stinkt". D.h. es gelingt ihm nicht, seinen Körper und seine Kleidung in dem Maße zu reinigen, daß es anderen nicht unangenehm ist. Bei ihm ist mir das aufgefallen. Vielleicht ist das krankheitsbedingt. Vielleicht nimmt er selbst das nicht wahr. Vielleicht fällt es anderen auch nicht auf oder vielleicht trauen sich andere - so wie ich - nicht, ihn auf diesen Umstand hinzuweisen.

Karl, der eigentlich sehr regelmäßig beim "Schluß machen" und beim "Zweiten Frühstück" dabei ist, kommt eine ganze Woche lang gar nicht in den Warmen Otto oder wenn, dann angetrunken, so daß er den Laden gleich wieder verlassen muß. Nach etwa einer Woche kommt er wieder in den Laden - nüchtern - und ist dabei wie vorher. Das ist mir bei ihm zwei Mal auf gefallen.

7.5. KÖRPERPFLEGE UND KLEIDUNG

In der bestehenden Gesellschaft kommt den Bedeutungen bzw. den Konventionen, die im Zusammenhang mit einem "gepflegten äußeren Erscheinen" stehen, eine besondere tätigkeitsorientierende Funktion zu.

Unter den veränderten Bedingungen des Lebens ohne eigene Wohnung muß es schwieriger sein, die Handlungen zu realisieren, die dieser Bedeutung bzw. Konvention entsprechen. Die für die Körperpflege und Pflege der Bekleidung notwendigen Handlungen müssen mehr oder weniger regelmäßig erfolgen, ebenso wie auch der Körper regelmäßig mit Nahrung, Flüssigkeit und Schlaf zu versorgen ist.

An diesem individuellen Bereich der Körperpflege und Bekleidung ist sehr leicht zu erkennen, inwieweit der Einzelne darauf achtet, trotz erschwerter Bedingungen in seinem Handeln noch gesellschaftlichen Konventionen entsprechen zu wollen und in welchem Maße ihm dies überhaupt gelingen kann.

Aufgrund meiner Beobachtungen habe ich vielfach den Eindruck, die in der Wärmestube versammelten Besucher unterschieden sich aufgrund ihres Äußeren gar nicht so sehr von anderen, beispielsweise werktätigen Gruppen der Bevölkerung. Ein Teil der Besucher könnten Menschen sein, die auch frühmorgens anzutreffen sind, wenn sie mit der U-Bahn zur Arbeit fahren. Dieser Eindruck gilt sicher nicht für alle Besucher, aber doch für einen bedeutenden Teil. Daran erweist sich m.E. die praktische Funktion der Bedeutung. Besucher achten deshalb auf ihr Äußeres, weil sie nicht auf den ersten Blick als Wohnungslose erkannt werden wollen. Sie wollen sich damit nicht dem gesellschaftlichen Umgang aussetzen, der häufig gegenüber Wohnungslosen üblich ist: Offene Diskriminierung auf der Straße.

7.5.1. Rasieren und Waschen

Für die Besucher besteht die Möglichkeit, sich im Warmen Otto rasieren zu können. In der Küche haben die Küchenmitarbeiter Rasierseife, Einwegrasierer, Handtücher. Sie geben das auf Anfrage heraus. Das Rasierzeug steht in der Küche in der Nähe vom Eingang. Einige Besucher, die sich rasieren wollen, nehmen sich das Rasierzeug selbst, sagen aber den Küchenmitarbeitern Bescheid.

Diese Handlung ist ein Hinweis darauf, daß sich diese Besucher mehr oder weniger regelmäßig im Warmen Otto rasieren. Oder es besteht eine besondere Vertrautheit zu den Küchenmitarbeitern.

Das Rasieren im Warmen Otto ist eine besondere Situation. Die Besucher rasieren sich vor dem Spiegel am Handwaschbecken im Bad. Im Bad befindet sich die Toilette. Wer sich rasiert, kann deshalb das Bad nicht abschließen, weil sonst für diese Zeit die Toilette blockiert wäre. Umgekehrt muß ein Besucher der Toilette in Kauf nehmen, daß sich schon jemand im Bad befindet. Das ist aufgrund der räumlichen Situation nicht anders möglich.

Das ist ein Beispiel dafür, wie aufgrund der vorgegebenen Bedingungen ein Lebensbereich, der ein an und für sich ein sehr privater ist, verloren geht. Mir ist nicht aufgefallen, daß sich jemand darüber beschwert, daß schon jemand sich im Bad befindet. Im Gegenteil, die Möglichkeit, sich rasieren zu können, wird von vielen Besuchern genutzt. Hat sich jemand beim Rasieren geschnitten, gibt es häufig darüber Bemerkungen. Auch werden Besucher von anderen aufgefordert: "Mensch, rasieren könnteste dich auch mal wieder!" Nicht alle Besucher rasieren sich im Warmen Otto.

Wer sich im Warmen Otto rasiert, hat offenbar keine andere Möglichkeit sich zu rasieren, oder es ist für ihn die bequemste Möglichkeit, weil auch Rasierzeug zur Verfügung gestellt wird. D.h. es ist offenbar von Bedeutung, daß die Besucher die Kosten für das Rasierzeug sparen können, was ein wichtiger Hinweis auf die finanzielle Situation der Besucher ist. Zum anderen besteht für die Besucher, die sich in der Wärmestube rasieren, nicht das Problem, eigenes Rasierzeug aufbewahren oder bei sich haben zu müssen. Offenbar ist selbst das schon für einige Besucher ein Problem, das auf diese Art am besten zu bewältigen ist.

Mit den Waschmöglichkeiten im Warmen Otto verhält es sich ähnlich wie mit dem Rasieren. Seife und Handtücher sind in der Küche erhältlich. Einige Besucher machen von der Möglichkeit Gebrauch, manche davon, wie ich beobachten konnte, regelmäßig, wenn sie im Warmen Otto sind, andere gelegentlich. Die Besucher können sich am Handwaschbecken waschen, müssen aber das Bad offenlassen, damit andere Besucher auf Toilette gehen können.

Im Flur der Wärmestube hängen Spiegel. Gelegentlich sehe ich Besucher, die aus ihrer Jacke oder Mantel einen Kamm hervorholen und sich vor dem Spiegel kämmen. Das habe ich bei einigen Besuchern mehrfach beobachten können. Es sind Besucher, die häufig auch vergleichsweise gepflegtere Kleidung tragen und rasiert sind. Das ist kein Zufall, weil die Bedeutung (oder die gesellschaftliche Konvention "auf sein Äußeres zu achten" in der Tat mehrere Bereiche umfaßt. Einem Besucher, der mit dieser Bedeutung einen persönlichen Sinn verbindet, wird viele der damit verbundenen Handlungen realisieren. Selbstverständlich gibt es auch hier individuelle Unterschiede.

7.5.2. Kleiderausgabe und Kleiderausgabestellen

Der Warme Otto ist auch eine Kleiderausgabestelle. Das hat sich im Laufe der Jahre seiner Existenz so ergeben. Moabiter Einwohner und andere Bürger, die die Wärmestube kennen, machen Kleiderspenden.

(Das hat oft kuriosen Folgen. So werden auch große Mengen an Frauenkleidung im Warmen Otto abgegeben, obwohl Frauen kaum zu der Gruppe der Besucher gehören. Aber das nur am Rande.)

Die Kleidung wird von den Pädagogen sortiert und weggeschlossen. Kleidung wird jeweils nur in der letzten Stunde während der Öffnungszeit von den Pädagogen aus gegen. Sie begründen die Regelung damit, daß die Kleiderausgabe sonst einen viel zu großen Teil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen würde.

Für die Besucher gibt es keine zu großen Kleidungsstücke. Und eigentlich auch keine zu kleinen. Bei einigen Besuchern ist mir anhand der ausgegebenen Kleidungsstücke deutlich aufgefallen, welchem raschen Verschleiß die Kleidung ausgesetzt ist. Umgekehrt erlaubt diese Beobachtung Rückschlüsse auf die Lebenssituation der Besucher.

Besonders die Kleidungsstücke, die die "äußerste Hülle" der Bekleidung der Besucher sind, verschleißen besonders schnell. Daraus ergibt sich ein hoher Verbrauch und die Notwendigkeit, sich immer wieder neue Kleidung zu beschaffen. In der vorhandenen Kleidung wird solange gelebt, bis sie zerrissen, abgewetzt, eingedreckt ist und sie wird dann durch "neue alte" ersetzt. Das kann schon nach wenigen Tagen der Fall sein. So ein schnelles Umsetzen der Bekleidung ist nicht für alle Besucher typisch.

Die Kleiderausgabe eröffnet einigen Besuchern Möglichkeiten, zu Geld zu kommen. "Guck mal, der geht doch mit der Jacke nur um die Ecke und verhökert (verkauft, der Verf.) die", sagt in einem Fall ein Besucher zu mir. Auf meine Frage, wieso der Betreffende das denn macht, erhalte ich die Antwort: "Na, was wird der wohl machen? In die nächste Kneipe wird der gehen mit seinem Geld."

Ich erlebe mehrfach, daß Besucher anderen anläßlich der Kleiderausgabe unterstellen, daß sie die erhaltene Kleidung sofort wieder verkaufen. "Haste den Franz gesehen, wie schnell der mit der Jacke wieder draußen war, haste das gesehen? Der verkloppt die doch sofort."

Daß einige Besucher so handeln, bestätigen mir auch Pädagogen. Die Schwierigkeit für die Pädagogen besteht darin, daß der mögliche Verkauf von Kleidungsstücken außerhalb ihrer "Verfügungsgewalt" stattfindet. Wer also nach Kleidungsstücken fragt, ist im Warmen Otto allein nach dem zu beurteilen, was derjenige sagt, daß er braucht oder nach dem äußeren Anschein.

Konkret: Wenn ein Besucher kommt und sagt: "Ich brauch 'ne neue Jacke" und es ist offensichtlich, daß er für das Wetter zu leicht bekleidet ist oder daß die Jacke die er trägt, unbrauchbar (zerrissen, besonders verdreckt usw.) ist, dann bekommt derjenige eine "neue alte" Jacke, falls vorhanden. was derjenige mit der Jacke dann außerhalb des Ladens macht, ist unkontrollierbar.

Natürlich fällt es den Pädagogen auf, wenn jemand jeden Tag eine neue Jacke braucht. In einem solchen Fall wehren die Pädagogen die Bitte ab oder versorgen erst andere Besucher. Der Vorrat an Kleidung im Warmen Otto ist auch nicht unbegrenzt. Nicht jeder kann immer das erhalten bekommt, was er in seiner konkreten benötigt. Trotzdem: In gewissem Rahmen ist eine solche Handlung, die im Warmen Otto erhaltene Kleidung weiter zu verkaufen, möglich. Schließlich ist der warme Otto nicht die einzige Stelle, die Kleidung ausgibt.

Die Besucher der Wärmestube sind arme Menschen. Sie sind zu einem großen Teil wohnungslos. Ihre Wohnungslosigkeit ist im engen Zusammenhang mit dem Problem der Arbeitslosigkeit zu verstehen. Eine der direkten Konsequenzen für ihre Situation besteht darin, daß sie kaum über finanzielle Mittel verfügen. Verschiedene Beobachtungen weisen darauf hin. Der Verkauf von Kleidung steht in diesem Kontext.

Auch wenn die Struktur der angebotenen "Hilfen" es den Besuchern ermöglicht, verschiedene Bedürfnisse zu befriedigen und bestimmte Ziele zu verfolgen, ohne daß die Verfügung von Geld Bedingung ist, kommt doch den finanziellen Mitteln eine besondere Bedeutung zu.

Nicht alle Bereiche des Lebensvollzugs sind durch diese Form der "bargeldlosen" Hilfe abgedeckt. Weiterhin ist anzunehmen, daß die Besucher im Zuge der Realisierung ihrer Motive nicht ausschließlich auf die entsprechenden Angebote, die etwa mit der Wärmestube gegeben sind, an gewiesen sein wollen. Das ist nur verständlich.

In der bestehenden Gesellschaft ist vor allem Geld das Mittel, das einen freien Zugang zu allen Gebrauchsgegenständen ermöglicht. Dieser "freie" Zugang ist letztlich nur durch die Höhe des verfügbaren Geldes beschränkt. Daraus erklärt sich das Ziel einiger Besucher, "zu Geld zu kommen". Da die meisten Besucher ohnehin nur über geringe finanzielle Mittel verfügen, entwickeln aus ihrer Situation heraus Strategien, die ihren Bedingungen entsprechen.

Die Strategie, erhaltene Kleidung zu verkaufen, erfordert nicht nur eine Idee, es müssen auch Käufer ausfindig gemacht werden, es müssen Absprachen über die Ware erfolgen, das Geschäft muß zustande kommen usw. Wenn es aufgrund der Intervention der Pädagogen nicht mehr möglich ist, jeden Tag "neue alte" Kleidung zu erhalten, müssen eventuell die Strategien geändert werden. Derjenige wird sich nach anderen "Quellen" umsehen müssen oder den Geschäftszweig verlagern usw.

Ich schreibe das in voller Anerkennung der "Leistungen", die hier erbracht werden. Anhand solcher Beispiele wird einmal mehr deutlich, welche Anforderungen vom Einzelnen in der Situation der Wohnungslosigkeit zu bewältigen sind, welche komplexen Handlungen erfolgen müssen bei der erfolgreichen Umsetzung und Verwirklichung der gesteckten Ziele. Es ist wichtig, einmal diesen Aspekt hervorzuheben. Bei der Beurteilung der Tätigkeiten Wohnungsloser wird im allgemeinen nur ihr Inhalt bewertet und darüber hinaus zu schnell vernachlässigt, welche Fülle an erbrachten Handlungen, Operationen aber auch angeeigneten Fähigkeiten und Fertigkeiten sich - ungeachtet dieser Bewertung dahinter verbirgt.

Es mag sein, daß Franz im genannten Beispiel das alles macht aus dem Motiv, "sich am selben Tag noch gründlich einen hinter die Binde zu kippen".

Welche Motive Franz tatsächlich verfolgt, wenn er mit einer "neuen alten" Jacke nach der Kleiderausgabe den Laden verläßt und andere Besucher darüber sagen, daß er die "nur verkloppen" will, läßt sich an dieser Stelle aufgrund der Beobachtung nicht sagen - um das auf jeden Fall klarzustellen.

7.5.3. Kleidung waschen

Im Warmen Otto gibt es in der Küche eine Waschmaschine, die in erster Linie dazu benutzt wird, die Küchenwäsche zu waschen und in zweiter Linie von den Küchenmitarbeitern für ihre private Wäsche. Das ist mit den Pädagogen auch so vereinbart und eine Form der Entschädigung oder Entlohnung für ihre Arbeit.

Auf meine Frage, ob nicht alle die Möglichkeit haben sollten, ihre Wäsche im Warmen Otto nach Bedarf waschen zu können, antwortet Thomas, einer der Küchenmitarbeiter, daß das organisatorisch gar nicht geht. "Dann kommt jeder mit seinen paar Sachen an und wo willste denn das alles aufhängen? Außerdem gibts in der Levetzowstraße Waschmaschinen, wenn du waschen willst." (LevetzowstraBe ist die Beratungsstelle für Wohnungslose, etwa 10 Minuten Fußweg vom Warmen Otto entfernt.)

Der Küchenmitarbeiter spricht hier von der Möglichkeit und nicht davon, daß Besucher das so praktizieren. Auch ist nicht zu beobachten, daß die Besucher entsprechende Wünsche äußern, im Warmen Otto ihre Wäsche waschen zu können. Zudem ist mir niemand aufgefallen, der eine besonders große Menge Kleidung bei sich hatte.

Das Problem der Bekleidung und der Instandhaltung der Kleidung wird offenbar anders gelöst, sodaß das Bedürfnis, seine Kleidung waschen zu wollen, so gar nicht besteht. Ein Teil der Besucher wird über andere Möglichkeiten verfügen, Kleidung waschen zu können. Ein anderer Teil der Besucher wird das Problem so lösen, daß sie ihre Kleidung durch "alte neue" ersetzen, wie oben beschrieben ist.

Thomas, der Küchenmitarbeiter, mit dem ich darüber spreche, erzählt mir, daß die öffentlichen Waschsalons ein guter Ort zum Übernachten sind. Er erzählt mir eine Geschichte: Ein Wohnungsloser hat sich gute Kleidung besorgt, indem er sich in einen Waschsalon gesetzt hat. Dort hat er die Leute, die ihre Wäsche waschen, beobachtet. Es kommt oft vor, daß Leute eine Maschine anstellen und dann gehen. Diesem Umstand hat er ausgenutzt und sich einfach Wäsche genommen, als das Programm fertig war.

Eine Handlung, die so besonders ist, daß darüber eine "Geschichte" erzählt wird, ist nicht unbedingt typisch für die Handlungsstrategien aller Besucher. Sie ist typisch insofern, daß das Leben unter den besonderen Umständen als Wohnungsloser u.U. auch besondere Problemlösungen erforderlich macht.

7.5.4. Kleidung flicken

Die Kleidung einiger Besucher ist in einem schlechten Zustand. Knöpfe fehlen, Kleidungsstücke sind aufgerissen, Reißverschlüsse sind defekt. Die Besucher fragen deshalb nach neuen Kleidungsstücken. Es gibt aber auch Flickzeug in der Wärmestube, Nadeln, Faden, Stopfgarn, Knöpfe und was sonst zum Flicken von Kleidung benötigt wird. Alles das ist in einer großen Nähkiste vorhanden.

Oftmals sind die Kleidungsstücke weder verschlissen noch defekt, es feht nur ein Knopf an der Hose oder am Hemd. Die Besucher sagen, daß sie die Kleidungsstücke nicht mehr tragen können.

Ernst zeigt mir eine Hose. Er sagt, weil der Knopf fehlt, rutscht sie ihm immer runter. Deshalb braucht er eine neue Hose, weil die, die er trägt, schon sehr verschlissen und dreckig ist. Ich weise ihn darauf hin, daß er nur einen Knopf annähen braucht, um die Hose wieder tragen zu können. Darauf sagt er mir: "Das kann ich nicht."

Nicht, daß ich Ernst keine neue Hose gönne, aber erfahrungsgemäß ist gerade der Vorrat an Hosen in der Wärmestube knapp, an manchen Tagen ist einfach nichts da. Das gilt auch für Unterwäsche und Socken. Deshalb komme ich auf diese Idee.

Solche oder ähnliche Situationen kommen gelegentlich vor. Und häufig antworten die Besucher, wenn ich ihnen sage, sie können selbst ihre Kleidung instandsetzen, daß sie das nicht können. Ein- oder zweimal höre ich den Nachsatz, "Das ist doch Frauensache!"

Das ist ein Hinweis auf in der bisherigen Lebensgeschichte nicht erworbene Fähigkeiten. Der Hintergrund dafür ist ein gesellschaftliches Bedeutungssystem, mit dem die geschlechtsspezifische Aufteilung von Aufgaben und Arbeiten begründet wird.

Mit dem Flicken der Kleidung verbinden sich offenbar ganz naheliegende und praktische Überlegungen: Es ist nicht notwendig, bestimmte Operationen beherrschen zu lernen (z.B. Knöpfe anzunähen), weil es ein wesentlich weniger aufwendiges Verfahren gibt, das Bedürfnis nach intakter Bekleidung zu realisieren: Bei den Kleiderausgabestellen nach neuer Kleidung zu fragen.

Das läßt den Rückschluß zu, daß Besucher ihre Tätigkeiten auch aufgrund praktischer ökonomischer Kriterien realisieren:

Wie befriedige ich Bedürfnisse mit dem geringstmöglichen Aufwand an notwendigen Handlungen und Operationen. Das ist nicht als Ergebnis rationaler Überlegungen, sondern als Ergebnis des praktischen Erprobens von Handlungen und Zielen zu verstehen.

Dabei legen die vorliegenden Bedingungen bestimmte Lösungsstrategien nahe und ziehen bestimmte Konsequenzen nach sich. In diesem Fall:

Wer Kleidung von Kleidersammelstellen trägt, hat bei weitem nicht die Möglichkeiten, sich auszusuchen, was er trägt, sondern muß nehmen, was paßt und zweckmäßig ist.

7.6. WOHNEN

In einer Arbeit, welche die Situation Wohnungsloser zum Gegenstand hat, kommt dem Aspekt des Wohnens eine besondere Bedeutung zu.

Bereits am Anfang dieses Kapitels habe ich auf die Tatsache hingewiesen, daß die Gruppe der Besucher der Wärmestube nicht identisch ist mit der Gruppe der Wohnungslosen.

Die aktuelle Wohnsituation der Besucher, von denen ich darüber etwas erfahren konnte, bewegt sich zwischen dem einen Extrem des Wohnens in der eigenen Wohnung und dem anderen Extrem, daß Besucher "Platte schieben". Eine "Platte" ist ein mehr oder weniger geschützter Schlafplatz.

7.6.1. Mitwohngelegenheiten

Rainer wohnt, wie er sagt, in Moabit bei einem, den er kennt. Der soll ziemlich launig sein. Wenn derjenige schlecht gelaunt ist, zieht sich Rainer in seine Ecke zurück, die gleichzeitig sein Schlafplatz ist. Rainer sagt: "Ich bin sowieso schon nicht groß geraten. Wenn ich mich dann in meine Ecke verziehe, bin ich gar nich zu sehen, wenn der die Tür aufmacht." Der Raum ist an scheinend sehr klein. Offenbar nimmt Rainer diese Umstände in Kauf, weil er keine besseren Alternativen für sich sieht.

Hajo, einer der Besucher im Warmen Otto, ist Moabiter. Er hatte verschiedene Wohnungen in Moabit und ist des öfteren umgezogen. Ein Grund seiner Umzüge war nach seinen Angaben, daß die Wohnungen modernisiert werden sollten.

Hajo hat aktuell noch eine eigene Wohnung in Moabit. Er hat im letzten Winter mit einem Radiator geheizt und dabei wesentlich mehr Strom verbraucht, als sonst. Die hohen Stromkosten, mit denen er nicht gerechnet hatte, konnte er nicht bezahlen. Daraufhin wurde ihm der Strom gesperrt, und seitdem stellt die Bewag (die Berliner Elektrizitätswerke) entsprechende Forderungen an ihn. Im Verlauf des Jahres erhielt er häufig Besuche vom "Kuckuck" (Gerichtsvollzieher), der ihm verschiedene Gegenstände pfändete.

Hajo hat auch einen nicht angemeldeten Fernseher in seiner Wohnung. Er erzählt von verschiedenen Handlungsstrategien, wenn er Besuch von Vertretern der Gebühreneinzugszentrale erhält. Die rechtliche Lage ist nach Hajos Angaben so, "Die müssen mir praktisch nachweisen, daß ick tatsächlich Fernsehn gucke". Er erzählt dann, daß er jedesmal den Stecker herauszieht und eine Tischdecke über den Fernseher legt, wenn er nicht mehr Fernsehen schaut oder wenn es an seiner Tür klingelt. "Die können mir nix nachweisen!" Das Kabel zur Hochantenne hat er gut versteckt ist.

Im Verlauf meiner Gespräche wird deutlich, daß er früher "leichtsinnig" mit Geld umgegangen ist und heute mehr darauf achtet. "Dann hatte ich noch drei Hunderter auf Tasche, und wußte, davon mußte morgen eigentlich die Miete bezahlen. Und dann dachte ich, scheiße, ich hab kein Bier mehr im Haus. Ach was, ick hol mir noch nen Sechserträger. Und wie das denn so is, dann treff ich unterwegs noch n paar Kumpel und dann will ick natürlich auch nich so sein und wir gehen noch einen trinken. Naja, und am nächsten Morgen waren von den Dreihundert nur noch zwei Hunderter und nen paar Zerquetschte da. Dazwischen hab ich denn noch gedacht, naja, wenn dann noch ein Zehner zu den Dreihundert fehlt, die treibste schon noch auf. Die pump ick mir irgendwo. Aber nen Hunderter. Wer pumpt mir schon nen Hunderter? Naja, ick kenn da schon nen paar Kumpel, bei denen kann ick das machen. Aber das machste einmal, zweimal und wenn ick dann wieder ankomme, heißt das: Naja, Freundchen, bevor hier wieder was läuft, zahlste erstmal deine Schulden zurück. Naja, und dann war da nichts mehr mit Miete zahlen. So die erste Zeit ging das immer irgendwie. Aber dann ging det irgendwannmal natürlich nich mehr. Und ganz schnell war ick denn in der Scheiße drin."

Hajo und ich sitzen in der Wärmestube und sprechen miteinander, und plötzlich fällt Hajo auf, daß seine Jacke mit den Schlüsseln weg ist. Er ist zunächst sehr aufgebracht, dann aber meint er, sie ist wahrscheinlich nur vertauscht worden. Mehrere Besucher der Wärmestube tragen einen grünen Parker. Ich frage ihn, was er jetzt machen will. Seine Antwort daraus ist: Entweder er wird denjenigen, der mit seiner Jacke losgegangen ist, hier schon irgendwo finden. Wenn nicht, er hat seinen zweiten Schlüssel einem "Kumpel" gegeben, und Hajo weiß, daß er diesen Kumpel ab einer bestimmten Zeit in der Kneipe an der Markthalle finden kann.

Ob er mit diesem "Kumpel" zusammen wohnt, frage ich ihn. Hajo sagt, nein, er kenne ihn nur schon seit Ewigkeiten. Und dann erzählt er von einem Bekannten, der wohnungslos war, und eine Zeitlang bei ihm gewohnt hat. "Das hat aber nicht funktioniert!"

7.6.2. "Platte schieben"

"Platte schieben" ist eine spezifische Bezeichnung, die alle Besucher der Wärmestube kennen. Wer "Platte schiebt", hat keine Wohnung und keinen Schlafplatz in einem Asyl oder einer Pension, sondern hat sich selbst etwas anderes. Diese Schlafplätze können ganz unterschiedlicher Art sein, etwa Orte in der Natur, z.B. Parks, aber auch gut zugängliche Gebäude.

Nur ganz wenige Besucher haben mir gegenüber erzählt, daß sie "Plattegänger" sind. Als ich einem Besucher er zähle, was ich studiere und in welchem Gebäude ich dann meistens bin, sagt der zu mir: "Ach, da in der Franklinstraße, an der Ecke, wo der Kanal ist. Da hab ich auch schon mal gepennt." Auch über andere Besucher, die Platte schieben, wird mir gegenüber nur selten berichtet: "Der Franz schiebt schon zwei ganze Jahre Platte. Das ist ein ganz harter. Ich möcht mal wissen, wie lange er das noch durchzieht."

Ein Besucher spricht mit mir. Er erzählt viel von "Platte machen" und daß er schon an fast überall "Platte gemacht" hat und das alles kennt. Er sagt, er hatte Ärger mit seiner Frau, aber "das ist eine andere Sache." Und: "Eigentlich bin ich eher ein Einzelgänger."

Im Gespräch mit den Pädagogen erfahre ich, daß sie aufgrund ihrer Kenntnisse annehmen, daß etwa ein Drittel bis die Hälfte der Besucher "Platte schieben".

Ich kann das nach meinen Beobachtungen nicht überprüfen. Ich bin etwas überrascht, daß die Pädagogen die Zahl so hoch ansetzen. Insofern ist es eine bedeutsame Beobachtung, daß die Wohnsituation bei Plattegängern selten Gesprächsgegenstand ist.

Die eigene Wohn- oder besser: Schlafplatzsituation ist im Vergleich zu anderen Begebenheiten für die Besucher offenbar nichts, was eine "Geschichte" wert wäre. Es gibt keine positiven Bedeutungen, die sich damit verbinden, daß jemand "Platte schiebt". Es gibt natürlich Ausnahmen, wenn beispielsweise anerkannt wird, daß andere diese Lebensform offensichtlich verhältnismäßig gut "durchziehen", d.h. bewältigen.

Das Wohnen in der je eigenen Wohnung ist mittlerweile gesellschaftlich weitgehend so selbstverständlich geworden, daß es auf der Bedeutungsebene sehr suspekt ist, wenn jemand keine eigene Wohnung (mehr) hat.

Ähnlich wie bei dem Problem der Arbeitslosigkeit erscheint Wohnungslosigkeit als das Versagen des einzelnen. Deshalb ist es nur naheliegend, wenn Wohnungslose ähnlich wie viele Arbeitslose bestrebt sind, diesen Umstand vor anderen zu verbergen und nicht vor anderen als "Versager" dastehen wollen.

Ich habe Besucher beobachtet, wie sie bei der Kleiderausgabe nach Decken fragen und sich welche mitnehmen. "Au, ja, die kann ich gut gebrauchen. Danke auch!" Decken gehören nicht zu Kleidungsstücken. Die Beobachtung kann Hinweis darauf sein, daß die Besucher, die nach Decken fragen, "Platte schieben" an Orten, an denen es sehr kalt ist. Das kann im Freien sein, oder auch in Örtlichkeiten, die sehr zügig oder nicht beheizt sind, beispielsweise Abbruchhäuser, Rohbauten, auf Firmengelände usw.

7.6.3. Asyl und Pensionen

Über Erfahrungen mit Asylen ist fast nichts zu erfahren. Ein Besucher sagt mir gegenüber: "Ach komm, das kannste glatt vergessen. Da kannste nur drei Tage bleiben im Monat, dann mußte wieder raus."

Mit dem Asyl verbinden Wohnungslose keine längerfristige Perspektive.

Von den Besuchern, die in Pensionen leben, erfahre ich meistens nur, was ihnen daran nicht gefällt. "Ja, weeßte, ick lieg dann um halb zwölfe im Bett und will schlafen, und dann kommen die anderen an und krakeelen lauthals. Wie soll ick denn da in Ruhe schlafen, wenn ick morgens früh raus muß?" Bemerkungen darüber, daß sich aus dem engen Zusammenleben der Bewohner einer Pension Konflikte ergeben, habe ich häufig gehört.

Andere Besucher beschweren sich darüber, daß es in den Pensionen so dreckig ist: "In der Küche wollt ich mir was zu essen machen, und was seh ich da: Ne Maus, die quer über den ganzen Küchenfußboden läuft."

Manche Pensionen sind auch ungünstig gelegen: "Ja, und nen Platz frei war nur noch in Hermsdorf. Und da hab ick ja echt überlegt. Hermsdorf is ja nun wirklich weit weg vom Schuß. Und denn hab ick mir gesagt: Naja, für 'ne Weile kannst du's ja machen."

7.6.4. "Dat müssen nur 500 Mark Abstand sein" oder "Wohnungen - jibt doch keene Wohnungen!"

Es gibt eine rechtliche Regelung, nach der das Sozialamt unter bestimmten Voraussetzungen für eine Wohnung bis zu einer bestimmten Größe und einer bestimmten Miethöhe die Kosten übernimmt. Aufgrund dieser Regelung besteht für die Wohnungslosen die Möglichkeit, sich auf die Suche nach einer Wohnung zu machen.

Diese rechtliche Regelung ist einigen der Besucher, mit denen ich darüber spreche, bekannt. Ich frage, ob sie dieser Möglichkeit nicht nachgehen wollen. Die Antwort war die: "Wohnungen - jibt doch keene Wohnungen."

Ein Besucher erläutert mir das genauer: "Det is zwar alles jut und schön, was du da sagst... Und dann kommt der Vormieter an, und will Abstand haben. Ja, und dann siehst ziemlich alt aus. Det brauchen nur mal eben 500 Mark Abstand sein. So. Und nun nimm mal eben die 500 Mark her, so einfach von der hohen Kante. Wo soll ick 500 Mark hernehmen?"

Er wendet sich an den anderen Gesprächsteilnehmer und fragt ihn: "Oder hast du 500 Mark?"

Was der verneint. Und dann wieder zu mir gewendet: "Siehste. So ist det mit die Wohnungen." Und der andere Gesprächsteilnehmer:

"Ja, wenn det mal nur 500 Mark wären. Aber meistens sieht das doch so aus: Da wollen die 1000 oder 2000 Mark haben. Und wofür? Für nen alten Teppich oder so abgewetzten Möbel. Das is das Geld ja gar nicht wert. Das würdest du ja auch nur nehmen und gleich auf den Sperrmüll tragen. Det hab ich alles schon gesehen. 'N oller Teppich und 'n paar abgewetzte Möbel. Tausend Mark."

Für Mietwohnungen Abstand zu verlangen, ist zwar verboten, aber eine auf dem Wohnungsmarkt übliche Praxis. Wer sich um eine Wohnung bemüht, nimmt diese Abstandszahlungen oft in Kauf, um überhaupt zu einer Wohnung zu kommen. Eine rechtliche Handhabe gegen diese Praxis gibt es kaum, da die Abstandszahlung fast immer "unter der Hand", d.h. ohne Zahlungsbeleg oder Vertrag geregelt wird.

Mit diesem Einwand löste ich bei den Besuchern teil weise heftige Emotionen aus, als wäre es unverschämt von mir, eine solche Frage überhaupt zu stellen. Offenbar interpretieren sie meine Äußerung so, als würde ich ihnen vorwerfen, sie würden sich nicht hinreichend um eine Wohnung kümmern.

Bei einer vorsichtigen Interpretation der Emotionen der Besucher denke ich in zwei Richtungen: Möglicherweise haben die Besucher diese Frage in Bezug gesetzt zu ihrem je eigenen Prozeß des Wohnungsverlustes. Oder sie haben einen Bezug hergestellt zu ihrem bisherigen (erfolglosen) Bemühungen, wieder zu einer eigenen Wohnung zu kommen.

7.6.5. Wohnungen über die Beratungsstelle Levetzowstraße

Die Mitarbeiter der Beratungsstelle für alleinstehende Wohnungslose in der Levetzowstraße versuchen, für Wohnungslose "Wohnungen an Land zu ziehen". Kurt Lindner, Mitarbeiter in der Beratungsstelle, erzählt mir, daß das schwieriger geworden ist. In den letzten Jahren hat jeder Mitarbeiter immer so um die zehn Wohnungen organisieren können, im letzten Jahr hat er nur noch eine Wohnung anmieten können. Das ist als Reflex auf die Situation auf dem Wohnungsmarkt zu sehen.

Bestehende soziale Beziehungen zwischen den Besuchern der Wärmestube bleiben teilweise auch dann weiter bestehen, wenn es einem gelingt, wieder in einer eigenen Wohnung zu wohnen. Ein Besucher, Matze, erzählt mir, daß er zuerst im Wohnhaus der Beratungsstelle gewohnt hat, jetzt - durch die Vermittlung der Mitarbeiter der Beratungsstelle - eine eigene Wohnung hat. Vorher war er wohnungslos. Er kommt nach wie vor häufig in die Wärmestube und trifft sich mit seinen Bekannten und Freunden. Er war früher auch mal einer der Küchenmitarbeiter. Seine Beziehungen zu anderen Besuchern sind so, daß er sich mit einigen auch bei sich Zuhause trifft, zum Skatspielen, Fernsehgucken, Biertrinken usw.

Ich interpretiere das als Hinweis auf eine soziale Struktur auf der Grundlage ähnlicher Lebensumstände der Besucher. Der Warme Otto ist sozialer Ort der Begegnung, der diese Struktur ermöglichen hilft, weil hier jeder kommen kann und - im Unterschied zu den zahlreichen Eckkneipen - nichts bezahlen muß. Diese Struktur steht auch in einem Zusammenhang mit gewachsenen sozialen Strukturen im Stadtteil Moabit: Die Straßen um den Warmen Otto. Einige der Besucher leben schon viele Jahre in Moabit und hatten dort auch ihre Wohnungen. Es werden zum Teil Gespräche geführt über Häuser und Straßenzüge. Zwei Besucher erzählen mir, daß sie ihre Wohnung verlassen mußten, weil sie modernisiert werden sollte, und daß sie innerhalb Moabits, manchmal auch innerhalb derselben Straße umgezogen seien. Die nach der Modernisierung verlangten Mieten hätten sie auch damals schon nicht bezahlen können.

Die Hinweise auf soziale Strukturen unter den Besuchern des Warmen Otto deuten zwar auf einen Zusammenhang mit gewachsenen, noch bestehenden sozialen Strukturen im "Kiez" Moabit hin, gehen aber darin nicht auf.

7.7. SÜCHTE

7.7.1. "Nach Lodsch fahren" - Alkohol

Lodsch ist ein Ort, den fast alle Besucher kennen. Viele waren selbst auch schon dort gewesen. Und alle wissen, was gemeint ist. Da wird über abwesende geredet, ob sie wohl dort gewesen seien oder hinfahren würden, aber auch Anwesende werden direkt gefragt: "Biste in Lodsch gewesen?", "Na, fährste noch nach Lodsch?" usw.

Dabei verbinden sie mit dem Begriff eine seltsame Mischung von Abscheu - "Du bist doch nicht etwa in Lodsch gewesen?" - und Begeisterung, Zustimmung, Faszination - "Fährste nach Lodsch? - Ich komm mit" - . Der Begriff Lodsch hat eine wichtige Bedeutung im Leben einiger Besucher.

Lodsch, das ist Friedrichstraße. Umsteigebahnhof für U-Bahn, S-Bahn und zur Fernbahn im Zentrum Ost Berlins, dabei von West-Berlin aus frei begehbar, zugleich ein Grenzübergang für Fußgänger. Ein Kuriosum von Stadt- und Staatengrenzen zwischen BRD und DDR.

Mit Lodsch wird vor allem der Intershop verbunden. Ein Volkseigener Betrieb für alkoholische Produkte, Tabakwaren und anderes, für Devisen, aber ein wenig billiger als in West-Berliner Läden. "Honecker-Diesel" bezeichnen einige das billigste hochprozentige Produkt aus DDR-eigener Produktion.

Nach den West-Berliner Zollbestimmungen darf - in bestimmten Mengen - zollfrei im Intershop einkaufen, wer ein Tagesvisa nachweisen kann. Das wird in Stichproben vom West-Berliner Zoll in U- und S-Bahn kontrolliert, allerdings nur auf Bahnhöfen auf West-Berliner Territorium, nicht in Lodsch selbst. Wer kein Visa vorzeigen kann (Tagesvisum DDR: Mindestumtausch DM 25,-, nicht rücktauschbar) oder die Höchstmengen überschreitet, muß nachverzollen.

Das Geld dafür haben aber die wenigsten der Besucher, die nach Lodsch fahren. Das mag der Grund sein, weshalb immer wieder in der Wärmestube Geschichten kursieren von Besuchern, die die Flasche Schnaps dann gleich an Ort und Stelle geleert haben.

"Der Egon, weißte, der Dicke, der da immer vorne saß, den haste bestimmt auch schon gesehen, in der blauen Jacke. Der war gestern in Lodsch und hat n Kanten (eine Flasche Schnaps, der Verf.) leergemacht. Und dann isser zusammengeklappt, einfach so. Irgendwas mitem Kreislauf oder Herzen oder so. Ick weß nich. Jedenfalls hamse ihn dann gleich wegjebracht, die Ostler. Und jetzt liegt der in der Charitee. Der wird jetze jehätschelt und jetätschelt von die Ostler."

Die Angst vor dem Zoll ist sicher nur ein Grund, gleich in Lodsch zu trinken. Ein anderer Grund ist, daß unter den Besuchern Alkoholabhängige sind, bis hin zu welchen, die sich selbst als "Alkoholiker" bezeichnen.

Sie brauchen "den Stoff immer sofort".

Die gesellschaftliche Funktion von Alkohol besteht darin, als Kontakt- oder als Konflikt-Mittel zu dienen. Diese Funktion hat Alkohol auch bei den Besuchern der Wärmestube.

Bei der Gruppe der Wohnungslosen ist denkbar, daß in besonderem Maße mit dem Genuß von Alkohol die Vorstellung verbunden wird, daß Alkohol auch als Mittel zum "Aufwärmen" benutzt werden kann, besonders in der kalten Jahreszeit. Eine solche Annahme ist deshalb plausibel, weil Menschen ohne eigene Wohnung mehr als andere gezwungen sind, sich im Freien aufzuhalten. Dafür habe ich auch aufgrund meiner Beobachtungen und Gespräche Belege gefunden.

Daß Alkohol "aufwärmt", haben Besucher mir gegenüber auch so geäußert. Tatsächlich hat Alkohol diese physiologische Wirkung nachweisbar nicht, auch wenn sich kurzfristig ein solches "warmes" Gefühl einstellt.

Nach dem Genuß von Alkohol ist der individuelle Realitätsbezug verändert. Die Wirklichkeit erscheint in einem anderen Licht. Möglicherweise ist es allein die Vorstellung beim Genuß von Alkohol maßgeblich, daß im angetrunkenen Zustand Kälte nicht so stark empfunden wird.

Die physiologischen Wirkung des Alkoholkonsums hat Auswirkungen auf der Ebene des Bewußtseins, auf das Verhältnis zu sich selbst und zur Wirklichkeit. Nach meiner Auffassung besteht bei regelmäßigem Alkoholkonsum und der damit verbundenen physiologischen Gewöhnung des Organismus an diesen Stoff auf psychologischer Ebene die Gefahr einer Zweck-Mittel-Verkehrung. Damit meine ich, daß Alkohol eben nicht mehr als Mittel benutzt wird, sondern daß der Genuß von Alkohol selbst Motiv wird und um seiner selbst willen vollzogen wird.

Das läßt sich beispielsweise verdeutlichen an einer Aussage wie: "Nen Grund zu Trinken gibts immer."

Der Beschluß zu trinken ist schon vorher da. Um den geht es schon gar nicht mehr. Außerdem braucht es nach einem solchen Beschluß auch keinen Grund mehr, um zu trinken. Das ist das Spaßhafte an dieser Äußerung, daß einfach irgendein Grund beinahe beliebig genommen wird, *** ... zu trinken. Es wird nur noch so getan, als wäre der Alkohol ein Mittel und der Anlaß das Motiv.

In Wahrheit hat dieses Verhältnis eine Umkehrung erfahren. In diesem Beispiel wird auf der Bedeutungsebene ausgedrückt, was auf der Tätigkeitsebene längst voll zogen ist. Es wird ausgedrückt, ohne daß diese Verkehrung notwendig bewußt ist. (Darin liegt das eigentliche Problem der häufigen Aussage etwa in dem Sinne: "Wenn ick nur will, kann ick jederzeit aufhören.")

In Folge dieser Zweck-Mittel-Verkehrung ist das Konsumieren von Alkohol das eigentliche Motiv geworden. Daß es Motiv ist, muß nicht notwendigerweise bewußt werden. Der Körper gewöhnt sich in gewisser Weise an diesem Konsum, er stellt sich darauf ein und reagiert darauf, wenn er diesen Stoff nicht mehr in dem gewohnten Maße erhält. Die körperliche Bedürftigkeit kann dieses Motiv immer nur wieder bestätigen. Wer sich dann vorstellt, er könne jederzeit aufhören, macht sich eine Illusion. Er stellt sich ein Ziel, das im Gegensatz zu diesem Motiv steht.

Auf einer solchen Ebene ist das Scheitern dieses Ziels gleichsam "vorprogrammiert". Das Aufarbeiten dieser Problematik erfordert ein anderes Herangehen.

(Die Thematik des Alkoholkonsums an sich ist ein Gegenstand, der eine eigene Untersuchung erfordert.)

Der Warme Otto ist eine alkoholfreie Zone. Wer erkennbar betrunken oder angetrunken ist, wird nicht herein gelassen bzw. muß die Wärmestube wieder verlassen. Mit dieser Regelung der Pädagogen sind verschiedene Schwierigkeiten verbunden.

Die Pädagogen wissen, daß trotz des Alkoholverbots einige Besucher in die Wärmestube kommen, die Alkohol bei sich haben. Deshalb gibt es von ihnen die Regelung, um das in einem offenen Verfahren zu klären und nicht eine Situation der Heimlichkeit entstehen zu lassen, die entsprechenden Flaschen während der Anwesenheit der Besucher weg zuschließen.

Sowohl diese Regelung als auch die mit ihr verbundenen Schwierigkeiten sind den meisten Besuchen bekannt.

Herbert ist häufiger Besucher im Warmen Otto. An einem bestimmten Tag kommt er in die Wärmestube. Andere Besucher, auch ich begrüßen ihn: "Hallo Herbert" oder "Tach, Herbert. Na, wie gehts" usw. Nicht sofort, aber nach einigen Sekunden stelle ich fest: Herbert ist erkennbar angetrunken. Sein Gang ist verändert, seine Sprache auch, sein Gesicht ist leicht gerötet usw. Trotz dieser Veränderung ist es derselbe Herbert, den ich von vorherigen Tagen im Warmen Otto kenne.

(Ich erspare mir an dieser Stelle, zu beschreiben, wie die Pädagogen versuchen, ihn dazu zu bewegen, den Laden wieder zu verlassen. Das ist in fast allen Fällen, wo betrunkene oder angetrunkene Besucher nicht in den Laden kommen sollen oder ihn wieder verlassen müssen, nicht ganz einfach.)

Herbert ist in derselben Lebenssituation wie an den Tagen vorher auch. Es mag sein, daß es zwischen seinem letzten Besuch und heute einen Anlaß gab, der ihn bewogen hat, Alkohol zu trinken und angetrunken in den Laden zu kommen. Vielleicht hat sich an seiner Lebenssituation, für mich zunächst nicht erkennbar, doch etwas verändert. Vielleicht hat er auch nur Geld erhalten, was ihm ermöglicht hat, Alkohol zu kaufen. Vielleicht wurde er auch nur auf ein paar Bier oder Schnäpse eingeladen. Was auch immer, das geht aus seinem Zustand nicht hervor.

Möglicherweise sind es dieselben Gründe wie an den Tagen zuvor, die ihn bewegen, auch in diesem Zustand in den Laden zu kommen: Daß es ein warmer Raum ist, daß es dort etwas zu essen gibt, daß er dort Bekannte treffen kann usw. Möglicherweise war er auch bei seinen vorherigen Besuchen leicht angetrunken, aber so, daß es keinem auffiel. Und in der Situation jetzt nimmt er sich selbst in seinem Zustand nicht anders wahr als bei seinen vorherigen Besuchen. Vielleicht weiß er, daß es nicht einfach für die Pädagogen ist, durchzusetzen, daß Angetrunkene den Laden verlassen und er will die Pädagogen mit seinem Handeln nur provozieren.

Das ist, was ich vorher meinte: Die Besucher kennen die mit der Regelung verbundenen Schwierigkeiten. In der Tat habe ich bei einigen Besuchern den Eindruck, sie wissen ganz genau, daß sie wieder "herausgeschmissen" werden und wollen diese Situation provozieren.

Das haben auch andere Besucher so geäußert: "Der kommt doch nur hier rein, weil der Aufriß machen will. Der will die doch nur ärgern."

Mir ist zu dem aufgefallen, daß die übrigen Besuchern es in den meisten Fällen den Pädagogen überlassen, an getrunkene Besucher zum Verlassen der Wärmestube zu bewegen. Teilweise habe ich den Eindruck, es macht ihnen regelrecht "Spaß" zu sehen, wie die Pädagogen sich abmühen. Zumindest kann ich sagen, daß viele Besucher eine solche Situation aufmerksam verfolgen. Gelegentlich greifen Besucher ein, indem sie beispielsweise sagen:

"Komm, Georg, du hast hier deine Stulle, jetzt haste dich ausgetobt, aber nu kannste auch wirklich gehen."

Andererseits nehmen Besucher es in Kauf, daß die Wärmestube vorzeitig geschlossen wird, wenn ein angetrunkener Besucher die Wärmestube auf gar keinen Fall verlassen will. In dem einen Fall, den ich beobachten kann, gehen alle sehr bereitwillig, ohne sich zu beschweren. Tage später sagt ein Besucher, der an diesem Tag gar nicht anwesend war, zu mir:

"Na, da habt ihr Pädagogen Euch mal wieder ganz schön auf der Nase herumtanzen lassen."

Diese Beobachtungen belegen, daß die Beziehungen zwischen den Besuchern und den Pädagogen "gebrochen" sind. Damit meine ich: Es findet kein solidarisches gemeinsames Handeln statt auf der Ebene: "Ihr sorgt dafür, daß es eine solche Einrichtung gibt, wir nutzen sie und zusammen bewältigen alle anstehenden Fragen und Probleme.

Die "Gebrochenheit" der Beziehungen gibt objektiv unterschiedliche Interessen, aber auch Erfahrungen wieder.

In anderen Bereichen sind die sozialen Beziehungen noch weiter institutionalisiert, etwa wenn ein Besucher auf dem Sozi seine Sozialhilfe abholen will. Diese Institutionalisierung ist nicht einfach nur ein besonderer Organisationsgrad gesellschaftlicher Beziehungen, der in größeren Gruppen einfach notwendig ist, wenn Menschen zusammen leben. Die institutionalisierten Beziehungen spiegeln, auf der Grundlage ökonomischer Entfremdung, das Maß an Entfremdung in den zwischen menschlichen Beziehungen wieder: In diesem Fall die staatliche Bearbeitung konkreter Probleme, die sich aus Arbeitslosigkeit oder Wohnungslosigkeit ergeben. Menschen handeln nicht miteinander, sondern einer "be-" handelt einen anderen. Eine Form von Herrschaftsausübung.

Die Besucher bringen sicher konkrete Erfahrungen aus solchen Beziehungen mit, die auch im Umgang mit den Pädagogen der Wärmestube eingehen. Und auch hier kommt ihr entfremdeter Charakter zum Ausdruck.

Die Pädagogen versuchen durch ihre Arbeit eine gewisse Ebene der Kooperation herzustellen. Aber gerade am Beispiel Alkohol wird deutlich, wo die Grenzen der Kooperation verlaufen. Das Alkoholverbot wird im Zweifelsfall von den Pädagogen durchgesetzt. In diesem Fall bleibt den Besuchern die Möglichkeit, sich dieser Regelung zu fügen, oder es kommt in irgendeiner Form zum Konflikt, der aber nicht unter gleichberechtigten verläuft.

Zur Diskussion dieser von mir beobachteten Handlungen wenn Besucher betrunken oder angetrunken in den Laden kommen - möchte ich eine Aussage aus dem Abschnitt 4.3.1. der Arbeit heranziehen:

"Was für den Menschen Motiv, Ziel und Bedingung seiner Tätigkeit ist, muß von ihm auf die eine oder andere Weise wahrgenommen, vorgestellt, verstanden, festgehalten oder reproduziert werden. Das gilt auch für die Tätigkeit des Menschen und ihn selbst, seine Zustände, Eigenschaften und Besonderheiten."

Was folgt daraus für das hier genannte Beispiel? Meines Erachtens haben die physiologischen Folgen des Alkoholkonsums Auswirkungen auf diesen Zusammenhang, ohne ihn prinzipiell zu verändern.

Die angetrunkenen Besucher kommen häufig mit denselben Motiven in den Laden wie sonst auch - Bedürfnisse nach Wärme, Ruhe, einem geschützen Ort, einem Stuhl, auf dem sie sitzen können, sozialen Kontakten, einer Stullen mögen hier relevant sein.

Beleg dafür sind verschiedene Beobachtungen. Einige Besucher wollen den Laden nur dann verlassen, wenn sie eine Stulle bekommen. Andere versuchen sich auf einen Stuhl zu setzen. Das wollen die Pädagogen vermeiden, denn es ist wesentlich schwieriger, einen angetrunkenen Besucher zu verlassen des Ladens zu bewegen, wenn er schon sitzt. Gelingt es einem angetrunkenen Besucher doch, zu sitzen, reagieren einige überhaupt nicht mehr auf das Ansprechen der Pädagogen.

Hotte fängt in solchen Situationen gelegentlich an zu singen. Es ist eigentlich irgendetwas zwischen singen und summen. Es sind nach meinem Empfinden traurige, melancholische Melodien. Es hat eine schöne Stimme, er singt oder summt laut und durchdringend, und er zieht damit die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Solange er singt, muß er den Laden nicht verlassen: Er singt über alle Aufforderungen hinweg. Sie werden so zu einem störenden Geräusch, wenn da ein Pädagoge dazwischen spricht. Wenn Hotte in einem eher nüchternen Zustand ist, höre ich ihn nie singen im Laden.

Jupp habe ich in solch angetrunkenem Zustand im Laden weinen gesehen, sonst nie. Er spricht, schwer verständlich, von drei Jahren, die umsonst waren. Drei Jahre im Knast, drei Jahre für nichts und wieder nichts."

Das ist bei vielen angetrunkenen oder betrunkenen Besuchern zu sehen, daß sie in einer Art und Weise Handeln, Sprechen und Emotionen zeigen, wie ich das bei ihnen in einem relativ nüchternen Zustand nie beobachten kann.

Wenn ein Teil der angeeigneten Bedeutungen die Funktion hat, die eigene Tätigkeit zu regulieren, zu steuern zu kontrollieren, dann erfährt durch den Konsum von Alkohol diese Funktion eine Veränderung, die vergleichbar ist mit der offensichtlichen Veränderung in der Steuerung des motorischen Systems.

Ähnlich, wie ein Betrunkener seinen Körper "nicht mehr unter Kontrolle hat", verlieren die Bedeutungen im Bewußtsein ihre "kontrollierende" Funktion. Diese Veränderung in der tätigkeitsorientierenden Funktion der Bedeutungen hat ihre physionomische Grundlage natürlich in jenen Veränderungen, die durch den Konsum von Alkohol im Gehirn stattfinden.

Einige angetrunkene Besucher entwickeln eine enorme Kraft, wenn die von den Besuchern an den Armen gefaßt und gegen ihren Willen zum Ausgang geschoben oder gezogen werden. Sie werden dabei sehr wütend.

Ich möchte noch einmal die von mir aufgestellte These von der Zweck-Mittel-Verkehrung im Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol aufgreifen. Gemeinhin wird Alkohol als Mittel in verschiedensten sozialen Beziehungen verwendet. Diese Beziehungen entsprechen bestimmten Bedürfnissen. Unter der Lebensbedingung, Wohnungslos zu sein, wird es zusehens schwieriger, bestimmte vor der Prozeß des Wohnungsverlustes realisierte Bedürfnisse befriedigen zu können.

Konkret gesagt, Wohnungslose sind gezwungen, bestimmte Motive aufzugeben, weil sie sich nicht mehr durchführen lassen. Damit geht aber auch ein Stück Verwirklichung von Subjektivität verloren. Viele Besucher sind bestrebt, bestimmte Elemente ihrer Individualität zu bewahren - Eigenarten, Angewohnheiten. Sie wollen nicht aufgeben, was ihnen wichtig ist und sind dennoch in weiten Bereichen dazu gezwungen.

Ich bin der Meinung, daß von vielen Besuchern Alkohol auch in diesem Sinne als "Universalheilmittel" verwendet wird: "Wenn ich mir schon sonst nichts leisten kann, aber wenigstens n Kanten (eine Flasche Alkohol, d. Verf.), det muß schon sein!" In seinen Wirkungen, und das ist das fatale, ist Alkohol alles andere als ein "Universalheilmittel".

Die Beobachtung, daß einige Besucher Probleme im Umgang mit diesem Mittel haben, verweist für mich nur auf die Probleme, mit denen sie ohnehin schon leben. Wer nach einer durchzechten Nacht nicht mit dem Taxi nach Hause in sein eigenes Bett fahren kann, wird auch mehr Probleme haben, wenn er sich tatsächlich mal "was hinter die Binde kippt". Wer den ganzen Tag die Möglichkeit hat, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten, wird nicht in die Versuchung kommen, sich mit "nen paar Bier erstmal aufzuwärmen".

Die Bedeutung des Alkoholkonsums ist äußerst schwierig zu erfassen, weil sie so viele Ebenen beinhaltet.

7.7.2. "Kann ick mir mal eine drehen?" - Zigaretten

Die rauchenden Besucher rauchen fast ohne Ausnahme Tabak, aus dem sie sich selbst Zigaretten drehen. Das ist billiger als fertige Zigaretten zu kaufen, selbst billiger als fertige Zigaretten aus dem Intershop in Lodsch.

Die mit einer Packung fertiger Zigaretten in den Laden kommen, werden von vielen Rauchern um eine Zigarette gebeten, und die Packung ist schnell leer. Einige taten das gelegentlich, und stellten darüber eine Beziehung zu den anderen her. Andere bieten wiederum nur bestimmten, ihnen gut vertrauten Besuchern "Fertige" an. Wieder andere wehren alle Bitten um eine "Fertige" ab. Vielleicht wollen sie damit einen Status demonstrieren: "Seht, ich kann mir "Fertige" leisten." Aber das sind eher Ausnahmen. Nie sehe ich eine Packung fertiger irgendwo im Laden herumliegen.

Bestimmte Besucher gehen zu den Tischen, greifen sich aus den Aschenbechern die Kippen heraus, drehen sich daraus an ihrem Tisch mit eigenen Blättchen Zigaretten und machen anschließend ihren Tisch sauber. Nie machen andere darüber Bemerkungen.

Aus alten Kippen Zigaretten zu drehen, habe ich auch bisweilen gemacht und weiß es von anderen Rauchern. Insofern ist das keine unübliche Praxis. Ungewöhnlich, und das sind die beiden unterscheidenden Kriterien, ist zum einen die Regelmäßigkeit, mit der einige Besucher dies tun und zum anderen, daß sie es in der Öffentlichkeit des Warmen Otto tun. Die Qualität solcher Zigaretten ist wesentlich schlechter, der Tabak ist krümelig und schmeckt bitter.

Die Besucher sind bestrebt, das Bedürfnis (oder die Sucht) nach Zigaretten nach wie vor zu realisieren. Sie können oder wollen das Geld für Tabak nicht aufbringen, und greifen auf solche Handlungen zurück.

Das ist weniger unproblematisch, als es dem ersten Eindruck nach zu sein scheint. Es gehört eher zu den gesellschaftlichen Konventionen, soetwas nicht zu tun. Konventionen gehören aber zu der Sorte Bedeutungen, die das menschliche Handeln regeln, beschränken oder kontrollieren. Sie sind eine Art "moralische Instanz". Konvention oder Bedeutung stehen im Gegensatz zum persönlichen Sinn, der sich für den einzelnen mit den Kippen verbindet. Nicht zufällig sind es nur einige wenige, die auf solche Handlungen zurückgreifen. Die meisten rauchenden Besucher des Warmen Otto "leisten" sich, wenn es geht, Tabak. Daß darüber nicht gesprochen wird, verdeutlicht den Konflikt oder die "Peinlichkeit" dieser Situation. Andererseits wissen gerade die Raucher um die Dringlichkeit dieses Bedürfnisses oder besser: dieser Sucht, als daß sie dieses Handeln zusätzlich zu diesen Konventionen noch diskriminieren.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal unterstreichen, was es heißt, bestehende Konventionen bzw. Bedeutungen mit seinem individuellen Handlungen gleichsam zu durchbrechen. Sowenig genau zu sagen ist, was der Inhalt der gesellschaftlichen Bedeutungen ist - sie befinden sich ebenfalls in einem ständigen Prozeß mit der Entwicklung der Gesellschaft - so sehr sind diese Bedeutungen handlungsorientierend. Wer diese Konventionen durchbricht, muß es sich "leisten können". Oder derjenige ist in einer Situation, in der für ihn diese Bedeutungen nicht mehr handlungsorientierend sind, weil sie im Widerspruch zu seinen Bedürfnissen stehen. Nun werden angeeignete Bedeutungen nicht einfach vergessen, sie existieren weiter in den Köpfen der Menschen, es kommt zu einem inneren Konflikt, der sich nicht ohne weiteres auflösen läßt. Charakteristisch für diese Situation ist die entstehen von neuen Bedeutungen.

"Klaufen" ist eine solche Bedeutung. Dieser Begriff drückt einen pragmatischen Kompromiß auf der Bedeutungsebene aus: "Kaufen" ist aufgrund finanzieller Mittel vielen Besuchern nicht möglich, "klauen" ist offenbar auch keine von ihnen akzeptierte Strategie. "Klaufen" ist insofern eine pragmatische Notlösung, die ich so interpretiere: Die Besucher würden den Gegenstand schon kaufen, wenn sie über die notwendigen Mittel verfügen.

Das Schweigen in der Situation, wo sich Besucher Kippen aus den Aschenbechern nehmen, ist für mich Hinweis darauf, daß noch keine Bedeutung erarbeitet wurde, die ein adäquater Ausdruck für diese Handlung ist.

Ab und an werden Raucher von anderen gefragt, ob sie sich auch eine Zigarette drehen dürfen. Die "Schlaucher" bemühen sich dabei meistens darum, nicht aufdringlich zu erscheinen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, sie würden einen anderen Raucher ausnutzen. Auch ich werde gelegentlich von Besuchern gefragt, ob sie sich eine Zigarette aus meinem Tabak drehen dürfen. Das "nicht aufdringlich erscheinen wollen" ist bei den Besuchern eine wichtige handlungsorientierende Bedeutung. Auch ich habe Besucher gefragt, ob ich mir eine Zigarette drehen darf, weil ich mal anderen Tabak rauchen wollte. Besucher, mit denen ich mehr vertraut bin, haben das auch von sich aus angeboten. Trotzdem ist gelegentlich zu beobachten, wie Besucher "entnervt" auf solche Bitten reagieren: "Mann, kannste dir nich selber Tabak kaufen?" oder sie sagen;: "Nee, kannste nich!"

Die "schlauchenden" Besucher sind in einer Konfliktsituation: Sie wollen diese Reaktion möglichst vermeiden und andererseits die Sucht zu rauchen realisieren.

Beim 2. Frühstück für den "Inneren Kreis" gibt es eine große Dose Tabak, die mit zu den anderen Sachen auf den Tisch gestellt wird. das ist auch ein Teil der Aufwandsentschädigung. Die Anwesenden bedienen sich dann nahezu ausschließlich aus der Tabakdose. Ein Päckchen Tabak gehört auch zu den Preisen beim Skatturnier und ist Bestandteil der Geschenketüte zu Weihnachten.

7.7.3. Sonstige Drogen

Daß einige der Besucher in ihrer aktuellen Situation noch andere Drogen als Alkohol und Nikotin konsumieren, darüber kann ich so gut wie nichts erfahren und halte es deshalb für wenig wahrscheinlich.

Thomas, ein Besucher, erzählt mir wiederholt davon, wie er früher einmal vor einem Film im Fernsehen "Pillen geschluckt" hätte. Er schreibt mir den Film, eine Art Science-Fiction, und fragt mich, ob ich den kenne, was ich aber verneinen muß. Dann beschreibt er mir, wie er den Fernsehfilm unter Drogeneinfluß wahrgenommen hat.

Thomas ist einer der jüngeren Besucher im warmen Otto. Er war damals 1968 beim Konzert der Rolling Stones in der Berlin dabei, wie es sagt. Während dieses Konzerts wurde von den Zuschauern die Waldbühne "kurz und klein gekloppt". Zu der Zeit war Thomas noch in Ausbildung. Er ist stolz darauf, dabeigewesen zu sein. Mit Thomas unterhalte ich mich viel über die Musik jener Zeit. Er besitzt immer noch eine große Plattensammlung und eine Anlage, die er mir verkaufen will. Die Plattensammlung ist das letzte, was er hergeben will. "Man kann ja nie wissen..." sagt er. Die Sachen stehen noch irgendwo bei seiner Tante in Berlin in der Wohnung, die er gelegentlich besucht, die ihn aber nicht unterstützt.

Der Drogengebrauch von Thomas hat sicherlich etwas zu tun mit seinem Alter. Ohne daß er der "68er Generation" zuzurechnen ist (was sowieso eine fast nur studentische Bewegung war) gehört er doch zu einer Altersgruppe, in der der Umgang mit Drogen verbreiteter war, sodaß seine Äußerung nicht ungewöhnlich erscheint.

Aus seiner Äußerung läßt sich nicht entnehmen, daß er regelmäßig solche Drogen zu sich genommen hat und daß hierin eine Ursache für seine jetzige Situation zu suchen ist. Thomas ist Raucher und trinkt Alkohol. Er distanziert sich auch von anderen: "Du, det jibt Leute, die ziehen sich jeden Tag die Birne zu. Nich, das ich nich auch mal gerne einen trinke, aber das wär mir echt zu blöd. Klar, ick treff mich auch schon mal mit dem oder dem, und dann machen wa zusammen nen Kanten leer. Das muß auch schon mal sein. Aber Tag für Tag? - Nee, du. Es jibt auch schon mal Tage, du, da trink ick echt gar nichts, das gibts."

Das hier aufgeführte Beispiel von Thomas ist der einzige Hinweis auf einen Drogengebrauch in der Vergangenheit einer der Besucher des Warmen Otto.

Ich will noch die beiden anderen Beobachtungen bezüglich des aktuellen Gebrauchs von Drogen hier diskutieren.

Bernd sitzt eines Tages wie immer mit seinem Mantel auf dem geheizten Ofen. Er erzählt in den Raum hinein etwas, was mir nicht verständlich ist. Ich gebe notierte Gesprächsfetzen wieder: "Künstliche und synthetisierte Stoffe", "die Stoffe sind Roboterarmen und Gesichtern von Maschinen zueigen", "damit sind die ausgestattet", "ich haue mit Hämmern darauf, ohne sie zu zerstören."

Es ist typisch von Bernd, der zu den etwas jüngeren Besuchern gehört, daß er häufig Sachen spricht, die mir und anderen Besuchern gar nicht oder nur schwer verständlich sind. Teilweise scheint es Bernd auch gar nicht weiter zu interessieren, ob ihm jemand zuhört oder nicht.

Mich erinnern die Gesprächsfetzen, die ich verstehen konnte, etwa wie im o.g. Beispiel, an Assoziationen unter Drogeneinfluß. Andre Besucher erzählen mir über ihn: "Der ist verrückt" oder "der ist schon ganz abgedreht. Das kommt vom vielen Hasch-Rauchen!" Bernd ist aber nicht nur so. Zu bestimmten anderen Besuchern pflegt Bernd durchaus Beziehungen, unterhält sich mit ihnen offenbar ganz normal.

Ob Bernd in der beschriebenen Situation unter Drogeneinfluß stand, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht steht er unter Drogeneinfluß in solchen Situationen, vielleicht verhält es sich so, wie Besucher sagen, daß Bernd verrückt, d.h. in gewisser Weise psychisch krank ist. Oder sein verhalten ist möglicherweise tatsächlich eine bleibende Folge von Drogenkonsum. Bernd trinkt ebenfalls gelegentlich Alkohol und kommt dann angetrunken in den Laden.

Jim gehört zu den jüngeren Besuchern, ist groß, schlank, hat ein markantes Gesicht. Ich beobachte ihn in den ersten Tagen meiner Anwesenheit: Er kommt während der Ladenöffnungszeit öfter in den Laden, bleibt unterschiedlich lange, aber nie die ganze Zeit. Er macht einen sehr sensiblen Eindruck, scheint sehr viel an Äußerungen anderer Besucher auf sich zu beziehen, auch wenn er gar nicht gemeint ist, und reagiert sehr empfindlich auf andere. Nach meinen Beobachtungen ist er in gewisser Weise "scheu".

Einmal entsteht in der Nähe seines Sitzplatzes Hektik. Sein Sitzplatz ist in der Nähe der Tür zum Klo und auf einmal stehen mehrere Besucher, die alle auf Klo wollen, ganz in der Nähe seinen Platzes. Da steht Jim plötzlich ganz schnell auf, schüttelt den Kopf und sagt, ohne direkt einen anzusprechen: "Das ist mir hier einfach alles zuviel!" und verläßt die Wärmestube. Einen Tag später kommt er wieder, setzt sich an den selben Tisch, holt sich Brühe und ließt die Zeitung und ist sehr lange im Otto, ohne daß er sich diesmal gestört fühlt.

Von irgendeinem Tag an habe ich Jim nicht mehr gesehen. Dem ist folgendes Ereignis vorausgegangen: Die Pädagogen sitzen eines Abends zusammen in einer Moabiter Kneipe, um sich über ihre Arbeit zu unterhalten. Plötzlich kommt Jim, wahrscheinlich zufällig, auch in die Kneipe, sieht die Pädagogen am Tisch sitzen, begrüßt sie und will sich zu ihnen setzen. Einer der Pädagogen sagt zu ihm: "Ja, sonst gerne. Heute wollen wir uns aber unter uns unterhalten. Das ist aber nicht gegen dich gerichtet. Nur jetzt und hier wollen wir uns unter uns unterhalten. Verstehst du?" Die Pädagogen meinen, daß Jim seit diesem Ereignis nicht mehr in den Laden gekommen ist. Von den Pädagogen erhalte ich ebenfalls die Information, daß Jim heroinsüchtig sei. Ohne diese Fremdaussage wäre ich nie auf die Idee gekommen, Jim für heroinabhängig zu halten. Jim hat mich interessiert, zum einen, weil ich ihn nicht wesentlich älter als 25 schätzte, zum anderen, weil er mir besonders durch sein Verhalten aufgefallen ist. Ich hatte nicht mehr die Gelegenheit, mit ihm in Kontakt zu kommen.

Im Gegensatz zu Drogen wie Alkohol und Nikotin ist der Gebrauch von "härteren" Drogen zum einen rechtlich, zum anderen von den gesellschaftlichen Konventionen her sanktioniert. Dieser gesellschaftliche Umgang mit harten Drogen sollte auch bei den Besuchern des Warmen Otto nicht grundsätzlich anders sein. Und auch wenn Besucher diese Drogen konsumieren wollten, bleibt das Problem der Realisierung: Zwar sind "härtere" Droge nicht wesentlich schwerer zu beschaffen als die "legalen", sie sind aber wesentlich teuerer.

7.8. ARMUT UND LEBEN AUF DER STRASSE

7.8.1. Schwarzfahren

Wohnungslose sind zu allererst arme Menschen. Das gilt auch für die Besucher der Wärmestube. Andererseits er fordert das Leben ohne Wohnung ein hohes Maß an räumlicher Flexibilität, die ohne öffentliche Verkehrsmittel oft gar nicht zu bewältigen ist.

Von den wenigen finanziellen Mittel, die den Besuchern zur Verfügung stehen, auch noch Fahrkarten zu bezahlen, ist eine objektiv unsinnige Alternative. Wer arm ist, muß bei den Ausgaben klare Prioritäten setzen. Für Beförderung zu bezahlen, gehört nicht dazu. Es ist auch nicht sonderlich schwer, in der U-Bahn schwarz zu fahren - beim Bus sieht es schon ein wenig anders aus. Mit anderen Worten, es besteht gar keine direkte Veranlassung, für die Beförderung zahlen zu müssen. Die Kunst erweist sich nur darin, erfolgreich schwarz zu fahren, d.h. nicht "erwischt" zu werden.

Das Paradoxon bei den Tarifen der Berliner BVG besteht in der Tatsache, daß zunächst einmal eine ganze Menge Geld für Sammel- oder Monatskarten aufgebracht werden muß, um anschließend in den Vorteil verbilligter Fahrten zu kommen. (Dieses Prinzip gilt übrigens für nahezu alle Arten von Tarifen.) Das ist für arme Menschen ungefähr so, als würde einem durchschnittlichen Lohnarbeiter angeboten werden, er solle seine nächsten 15 Urlaubsreisen im voraus finanzieren, um preisgünstiger Urlaub machen zu können.

Es gibt nun unterschiedliche Handlungsstrategien, um erfolgreich schwarz zu fahren, "um nicht erwischt zu werden". Diese Strategien sind gelegentlich Gegenstand der Gespräche der Besucher. "Erwischt werden" heißt konkret, ein erhöhtes Beförderungsentgeld in Höhe von DM 40,- zahlen zu müssen. Das ist eine Summe, die kaum einer bei sich hat. Die Möglichkeit, diese Summe zu bezahlen, wird in allen Gesprächen nie erwogen.

Eine Handlungsstrategie ist, einen abgelaufenen Fahrschein dabei zu haben, um zumindest so zu tun, als hätten sie einen gültigen Fahrschein. Eine andere Strategie besteht darin, daß Geld für einen Fahrschein dabeizuhaben, um den Kontrolleuren zeigen zu können: "Ich wollte ja bezahlen." Anderen Besuchern ist es "vollkommen egal", ob sie "erwischt" werden. Schwarzfahren ist ein Tatbestand, der relativ streng bestraft wird.

7.8.2. Kaufen und Klaufen

"Sach mal, wo hast denn die Mütze her, die is ja ganz neu?" - "Die hab ick mir gekauft!" "Du meinst, die haste geklauft." - "Nee, gekauft." "Auch was, erzähl nich, die haste dir geklauft." - "Nee, gekauft hab ich die, det war ein Sonderangebot bei..." "Komm, erzähl doch nich, gekauft, gekauft - geklauft haste die."

Der Besucher mit der neuen Mütze versucht in diesem Gespräch deutlich zu machen, daß er diese Mütze ehrlich gekauft hat. Der andere Besucher bestreitet das. Er macht sich in dieser Situation einen Spaß daraus, den anderen "aufzuziehen".

Die Lebenslage vieler Besucher ist dadurch gekennzeichnet, daß sie über nur geringe finanzielle Mittel verfügen. Ihre Lebenslage, das wird an vielen Beispielen deutlich, erfordert von Ihnen die Entwicklung und erfolgreiche Durchführung von Handlungssystemen, die ihrer Lebenslage angemessen sind.

Diesen individuellen Umständen kommen die Hilfsangebote in vielfacher Hinsicht entgegen, z.B. indem sie Suppen kostenfrei "unter die Leute bringen".

In einer warenproduzierenden Gesellschaft wie die unsrige, sind die meisten Gegenstände des gesellschaftlichen Reichtums nur gegen Geld zu haben. Nach meinen Beobachtungen haben die Besucher der Wärmestube da eine nicht so besonders große Auswahl, wenn sie ihre paar Mark zusammenzählen. Daß Besucher ihr Geld zählen, habe ich des öfteren beobachtet.

Nach ihren eigenen Angaben entscheiden sich die Besucher meistens, mit dem eigenem Geld alkoholische Getränke zu kaufen. Als nächstes wird häufig Tabak genannt, dann folgen Nahrungsmittel.

Ein Besucher sagt beispielsweise mehrfach: "Einmal im Monat Eisbein muß schon sein." Das ist offenbar sein Lieblingsgericht, auf das er auch unter den Bedingungen seiner jetzigen Lebenslage nicht verzichten will. Das Beispiel zeigt auch, daß persönliche Eigenarten durch veränderte Lebenslagen nicht vollständig zu zerstören sind .

Der Mangel an finanziellen Mitteln bei fast allen Besuchern der Wärmestube dokumentiert ihren Ausschluß vom gesellschaftlichen Reichtum. Erst die Verfügung von Geld schafft die Möglichkeit des Zugriffs zum bestehenden Reichtum.

Diese Art des Umgangs mit Gebrauchswertgegenständen, die nur als Waren gegen Geld zu haben sind, erfordert die Durchsetzung der Vorstellung von Privateigentum. M.a.W., nur wenn auf der Bedeutungsebene die Vorstellung durchgesetzt ist: "Das ist mein und das ist Dein", funktioniert das auch mit dem Privateigentum. Sonst "würde ja jeder hingehen, und sich aus dem Supermarkt rausholen, was er gerade haben will".

Das genau beschreibt das praktische Problem, mit dem viele Besucher der Wärmestube konfrontiert sind. Ihr Mangel an finanziellen Mitteln schränkt sie in den Möglichkeiten des Zugangs zu Waren erheblich ein. Waren als Gebrauchswertgegenstände entsprechen möglicherweise aber bestimmten Bedürfnissen der Besucher.

Nun können Besucher ihre Handlungen nach bestimmten angeeigneten Bedeutungen realisieren, etwa "klauen tut man nicht" und sich aufgrund ihrer materiellen Situation in ihrem aufgezwungenen Verzicht an der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse üben. Andere Besucher können durch die Erprobung und Entwicklung neuer Handlungssysteme die Waren einfach ohne zu bezahlen mitnehmen und so einerseits so bestimmte Bedürfnisse befriedigen und andererseits sich so neue Bedeutungen erarbeiten: "Hol dir 'raus, was du brauchst."

In der Tat entwickeln einige Besucher solche neuen Handlungssysteme und lassen, wenn sich die Möglichkeit ergibt, schon mal "was mitgehen". Das sind aber aufgrund meiner geführten Gespräche meistens nur Gegenstände des unmittelbaren persönlichen Gebrauchs.

"Ick würd doch nichts teures klaufen. Denn erstens, was soll ick damit und außerdem ist mir dat zu heiß. Wenn ick irgendwo mal nen billiges Feuerzeug sehe oder mal ne Uhr für fünf Mark in nen Grabbeltisch, gut, det hab ick schon mal mitgenommen. Aber weißte, wenn se schon so einen sehen wie mich mit meinen alten Klamotten. Da gucken die doch gleich. Da hab ick einfach zuviel schiß, daß mich einer erwischt, dann lass ichs lieber gleich sein."

Rechtliche Bestimmungen sorgen von vorneherein dafür, daß "Diebstahl" etwas illegales ist und bestraft wird. Das Diebstahl etwas schlimmes sei, ist die entsprechende Bedeutung zu der Idee vom Privateigentum. Des halb ergeben sich keine neuen Bedeutungszusammenhänge, wenn Besucher Gegenstände "klaufen", sondern "Diebstahl" ist von vorneherein eine Handlung, die von staatlicher Seite mit bestimmten Reaktionen bearbeitet wird. Jeder, der einen Diebstahl begeht, weiß das auch. Der Unterschied besteht nur, inwieweit die im Zusammenhang mit diesem Sachverhalt angeeigneten Bedeutungen in der konkreten Situation tatsächlich handlungsorientierend sind. "Ob ick erwischt werd oder nich, daß is mir ziemlich scheißegal."

Wenn Besucher bezogen auf das Problem der Kaufens die besondere Bedeutung "klaufen" entwickelt haben, der ja offensichtlich eine Verschmelzung der beiden Begriffe "kaufen" und "klauen" (einen Diebstahl begehen) ist, deutet das auf eine Art Kompromiß auf pragmatischer Ebene hin. Ein Verfahren, mit dem es sich gut leben läßt. Ich interpretiere den Begriff so, daß gemeint ist: "Man würde ja eigentlich schon bezahlen, aber da das nun mal leider nicht geht, nehme ich den Gegenstand trotzdem mit".

Wohnungslosen wird häufig vorgeworfen, sie könnten nicht mit Geld umgehen. Wer kaum oder gar nicht über finanzielle Mittel verfügt, wird Geld nicht sparen, sondern es ausgeben, um damit ganz konkrete Bedürfnisse zu realisieren, die aus der spezifischen Mangelsituation heraus zu stehen sind.

"Natürlich kauf ich mir erstmal Tabak und nen paar Dosen Bier, wenn ich auf'm Sozi Geld gekricht hab. was glaubst denn du. Wenn ick die Tage vorher schon rationieren bin. Entweder ick rauch nur Krümeltabak oder ick bin nur noch am Schlauchen. Is doch beides beschissen."

7.8.3. Leben auf der Straße macht krank

Mir die physiologischen Grundlagenkenntnisse, um die körperlichen Auswirkungen der Lebensumstände der Besucher genauer beurteilen zu können. Viele Umstände kommen hier zusammen.

Auf die mit der Ernährungslage verbundenen Schwierigkeiten bin ich bereits eingegangen. Die Ernährungssituation ist mit Sicherheit nicht optimal; eine gewisse Einseitigkeit der Ernährung ist ebenfalls anzunehmen, beispielsweise was die Versorgung mit Obst, Gemüse betrifft. Obst und Gemüse ist auch im Warmen Otto selten zu haben, und wenn, dann meist in eingekochter Form.

An der Bekleidungssituation ist festzustellen, daß einige Besucher gemessen an den Witterungsbedingungen zu leicht bekleidet sind, auch das Schuhwerk schützt oft nicht hinreichend vor Nässe. Von der oft nicht bestehenden Möglichkeit, durchgeschwitzte Wäsche wechseln zu können, einmal ganz zu schweigen. Auch die Möglichkeit, warme Orte aufzusuchen ist selten gegeben. Eine Durchfahrt oder ein Hauseingang schützen vielleicht vor Regen, verhindern aber keine Unterkühlung. Es gibt kaum Orte, die dauerhaft - Tag und Nacht - eine Möglichkeit zum Aufwärmen bieten.

Ein nicht ausreichend ernährter Körper ist ohnehin anfälliger für Krankheiten und Infektionen. Der erzwungene Aufenthalt im Freien unter widrigen Umstände beansprucht ohnehin den Organismus. Ist einer der Wohnungslosen erst einmal erkrankt, verzögern oder verhindern die äußeren Umstände einen schnellen Genesungsprozeß ein Krankheitszustand wird latent oder verschärft sich zunehmend.

Der Griff zur Flasche - die Verwendung von Alkohol in solchen Situationen als Mittel zum "Auswärmen" oder als "Medizin" führt zu einer trügerischen Selbstwahrnehmung, die den bewußten Bezug zur eigenen Befindlichkeit massiv verfälschen kann.

Eine erste Skizzierung der Lebensumstände zeigt: Das Leben ohne Wohnung, das Leben auf der Straße macht krank. Es ist kein Zufall, wenn HENKE/ ROHRMANN (1980, 20) ihren Selbstversuch im Juli (!) 1980 aufgrund physischer Belastungen abbrechen. Physische Belastungen allein sind noch kein Grund für eine Krankheit, zehren aber an der individuellen physiologischen Substanz des Individuums.

Der Winter von 1988 auf 1989, auf den sich meine Beobachtungen beziehen, war ein ausgesprochen milder, fast warmer Winter. Ich meine, dieser Umstand hat vielen der Besucher einiges von den Härten ihrer Lebenssituation erspart. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wieviel bedrohlicher für ihre Lebenssituation ein strenger Winter mit starkem Frost ist.

7.9. KRANK-SEIN

7.9.1. Alkohol

Es gibt wenige Besucher, die von sich aus mir gegenüber offen und vor anderen sagen:

"Du, weißte, ick bin Alkoholiker. Dat is mal klar. Da mach ick mir auch gar nichts vor. Ick brauch meine Flasche am Tag, dat is das wenigste." Ich spreche mit ihm über Therapiemöglichkeiten: "Ach wat, hab ick doch schon alles hinter mir. Bringt doch nichts. Kannste vergessen. Total. Da sitzen se denn alle rum und erzählen ihre Lebensgeschichte und dies und das. Und dann kommste wieder raus, triffst 'n paar alte Kumpel und denn heißt des, komm, stell da nich so an, einen kannste doch trinken mit uns, det wird dich doch nich umbringen und eins, zwei, drei biste wieder drin in der scheiße."

Viele Besucher sind gut informiert über Alkoholtherapien. Sie kennen sie entweder aufgrund eigener Anschauung oder aufgrund von Erzählungen von anderen. Das sind entweder Bekannte oder andere Besucher aus dem Warmen Otto oder Freunde. Besucher erzählen ausführlich darüber und ich diskutiere lange mit ihnen darüber. Vorwiegend sprechen wir über Therapieformen, in denen die Betroffenen über einen längeren Zeitraum von etwa 3 Monaten bis zu einem halben Jahr in einer Therapieeinrichtung in Westdeutschland leben.

An dieser Stelle würde es den Rahmen sprengen, alle Aspekte der Gespräche über Alkoholkonsum, -abhängigkeit, -krankheit und Therapieformen vorzuführen und zu diskutieren.

Drei dieser Aspekte will ich an dieser Stelle nennen, weil sie - jeder für sich - typisch für diese Auseinandersetzung sind und sich in den Gesprächen häufig wiederfinden.

Erstens. Immer wieder wird von den Besuchern betont: "So ne Therapie, die bringt nur dann was, wenn de det selber willst. Wenn de da schon hingehst und dich fragst, wat soll ich eigentlich hier und det bringt ja sowieso nichts, dann kannste det gleich sein lassen. Oder det machste nur, weil dir irgendjemand aufm Amt det nahe legt, wie det so schön heißt. Und eigentlich willste det gar nich. Wenn de da schon so rangehst, kannste dir det echt sparen."

Zweitens. Gegenstand der Gespräche über Therapien ist sehr häufig das strikte Alkoholverbot in solchen Einrichtungen. Da werden zum einen Geschichten darüber erzählt, wie einzelne aufgrund eines entdeckten Alkoholkonsums sofort die Therapie verlassen müssen. Das Alkoholverbot wird in den Einrichtungen sehr konsequent durchgesetzt. Das wird auch bewertet: "Wenn der so 'ne Therapie mitmachst und denn auch noch so blöd ist und trotzdem die Finger nicht von Stoff läßt, dann brauch der sich auch nich zu wundern, wenn der sofort fliegt. Oder hat der etwa im Ernst geglaubt, die machen bei ihm ne Ausnahme." Der andere Komplex der Geschichten behandelt die Strategien, wie einige sich trotz des Verbotes Alkohol verschaffen. Bei einigen "fliegt das auf" und andere machen die Therapie mit und es wird nicht bemerkt.

Drittens. Vielen Besuchern, die mir mir über Therapien reden, sagen: "Die Therapie nützt sowieso nich, weil du schaffst es vielleicht ein halbes Jahr in der Therapie trocken zu bleiben, aber wenn du denn wieder zurück kommst, geht das häufig wieder los." Teilweise hat mich die differenzierte Betrachtungsweise der Besucher zu diesem Problem in Erstaunen versetzt. Besucher haben mir bis ins Detail von Handlungsstrategien berichtet, wie andere einen gerade aus der Therapie gekommenen regelrecht nötigen, Alkohol zu trinken. "Wenn du da nicht mitmachst, biste ein totaler Außenseiter." Diese Strategien bewegen sich zwischen guten Zureden: "Nun sei doch kein Schlappschwanz, einen wirst du doch vertragen können" bis hin zu Täuschungen, indem einem Alkohol heimlich in den Kakao gekippt wird.

Aus den Beschreibungen wird deutlich, und das artikulieren auch meine Gesprächspartner so, daß es "unheimlich schwer" ist, sich in einer Umgebung zu behaupten, in der das Trinken von Alkohol Gang und Gebe ist. "Aber wat willste machen. Natürlich geht jeder wider zu den Leuten zurück, die er kennt. Wer will denn schon ganz von vorne anfangen?"

Sind unter Wohnungslosen nun mehr Alkoholkranke oder -gefährdete als gesamtgesellschaftlich oder als in an deren Gruppen? Oder entspricht der Alkoholkonsum dem Durchschnitt? Das sind Fragen, die mir häufig gestellt werden, wenn ich von meinen Beobachtungen erzähle und den Überlegungen, die ich dazu anstelle. Welches Interesse wird mit solchen Fragestellungen verbunden, frage ich mich dann selbst. Die Fragestellung verrät eine Herangehensweise, die den Betroffenen nicht gerecht wird, weil sie nicht angemessen ist.

Das Leben der Besucher vollzieht sich, nach meinen Beobachtungen, unter ganz anderen Bedingungen als die der wohnenden Menschen. Viele Besucher verbringen einen großen Teil ihrer Zeit an öffentlichen, allgemein zugänglichen Orten. Ihre Handlungen sind ganz andere, was Außenstehende zunächst wirklich befremden mag. Der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit ist mit negativen Bedeutungen verbunden, Konventionen wie: "Sowas tut man nicht", "das gehört sich nicht", "das ist unanständig" usw. Andererseits gibt es belegbare Zahlen über den gesellschaftlich durchschnittlichen Konsum von Alkohol, und diese Zahlen sind beachtlich. Der Unterschied ist, daß der Konsum in Kneipen, Wohnzimmern, an Arbeitsplätzen usw., eben nicht in der Öffentlichkeit stattfindet und daß ein "übermäßiger" Konsum ebenfalls mit negativen Bedeutungen verbunden ist.

7.9.2. Epilepsien

Rainer ist oft im Warmen Otto, kommt aber nicht regelmäßig. Am 1. Weihnachtsfeiertag ist Rainer im Warmen Otto und sieht sich mit den anderen den Film "Alexis Sorbas" an.

Mitten im Film fängt er plötzlich heftig an zu zittern, der ganze Körper zittert. er sitzt auf einem Stuhl. nicht angelehnt, den Oberkörper vorgebeugt, die Arme auf dem Tisch, er gibt Laute von sich, ist der Sprache nicht mehr mächtig. Das lenkt die Aufmerksamkeit aller auf sich. F., der anwesende Sozialarbeiter stellt sofort den Film ab, schaltet das Licht ein, geht auf Rainer zu, spricht beruhigend auf ihn ein, während sein Zittern nachläßt. F. wischt ihm den Speichel vom Mund ab, fragt, ob er die Feuerwehr rufen soll. Rainer verneint und verlangt nach einer Zigarette, die einer der Anwesenden ihm sofort dreht, anzündet und ihm gibt. Rainer faßt sie mit zitternden Fingern, raucht sie gierig. Er sagt, es ist alles in Ordnung jetzt, daß es ihm besser geht. Der Film wird weiter gezeigt.

Etwa fünfundzwanzig Minuten später höre ich einen dumpfen Knall, Rainer ist nach hinten mit dem Stuhl umgekippt, er liegt zwischen Tisch und Wand am Boden und gibt stöhnende, gequälte Geräusche von sich, ist rot angelaufen. Gesicht und Gliedmaßen sind verkrampft.

Der Film wird sofort unterbrochen, Licht angestellt, F. geht schnell zu ihm hin, verlangt nach einem Taschentuch, was ihm auch jemand geben kann, drückt ihm mit einer Hand unterhalb seiner Backenknochen fest in die Wangen, sodaß es trotz seines Krampfes den Mund öffnen muß, während ihm F. mit der anderen Hand das Taschentuch zwischen die Zähne drückt. Er verhindert damit, daß sich Rainer in seinem Krampf die Zunge abbeißt. Langsam läßt der Krampf nach. F. fragt die Anwesenden, ob jemand gesehen hätte, ob er mit dem Kopf gegen die Wand oder auf den Boden geknallt sei. Soetwas hat aber keiner gesehen. Die Umstehenden helfen Rainer auf den Stuhl. Die anwesende Sozialarbeiterin ruft die Feuerwehr an. Als Rainer das erfährt, ist er dagegen. Er sagt, "Der Anfall ist jetzt vorbei" und "Die Feuerwehr kann mir auch nicht mehr helfen, die geben mir ja sowieso nur Tabletten und lassen mich dann wieder laufen."

Nach zehn Minuten kommen zwei Männer von der Feuerwehr. Währenddessen reden die Anwesenden über den Vorfall. Es fallen Sätze wie: "Das hat er nun davon, was säuft der auch so viel!" oder "Sowas kommt vom vielen Saufen, ich hab da gar kein Mitleid mit dem!".

Der eine Mann von der Feuerwehr kennt Rainer schon, sagt: "Ach der, den hatten wir ja schon heut früh!" und zu Rainer: "Na, dann komm mal mit!" Beide Männer von der Feuerwehr greifen dem Rainer unter die Arme und gehen mit ihm nach draußen zum Feuerwehrfahrzeug.

Am nächsten Tag zur Weihnachtsfeier ist Rainer wieder da, gut gelaunt. Er erzählt vom vorherigen Tag: "Die von der Feuerwehr ham mich ins Krankenhaus gebracht, da ham se mich kurz untersucht und mir Beruhigungstabletten gegeben. Ick bin aber gar nich mehr über Nacht geblieben, bin noch am gleichen Tag gegangen."

Nach den Berichten eines Pädagogen sind epileptische Anfälle keine Seltenheit bei den Besuchern, etwa die Hälfte der Besucher sind nach seinen Angaben davon betroffen. In den drei Monaten meiner Anwesenheit habe ich nur diesen einen in der Wärmestube erlebt (einen zweiten auf einer Fahrt mit einigen Besuchern nach Westdeutschland). Von weiteren Anfällen dieser Art habe ich nichts erfahren, auch in meinen Gesprächen berichtet niemand von eigenen epileptischen Anfällen oder denen anderer Besucher.

Ein häufiger und umfangreicher Genuß von Alkohol scheint die Neigung zu epileptischen Anfällen zu erhöhen, besonders in Entzugssituationen, wenn ein an den Alkohol gewöhnter Organismus über einen längeren Zeitraum keinen Alkohol zugeführt bekommt. Dieser Zusammenhang ist in der Medizin bekannt. Ob eine physiologische Voraussetzung vorliegen muß oder ob epileptische Anfälle allein als eine mögliche Folge von Alkoholkonsum zu erklären ist, darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Zudem ist Epilepsie ein Sammelbegriff für verschiedene Krankheitsformen mit ähnlichem Erscheinungsbild.

Abgesehen von der Aussage des einen Pädagogen habe ich keine Hinweise auf den Zusammenhang von Alkoholgenuß und epileptischen Erscheinungen außer die angeführte einzelne Beobachtung.

7.9.3. Wunden, Verletzungen, Krankheiten

Joschka klagt über einen längeren Zeitraum über Zahnschmerzen. Er hat mehrere Zähne bereits überkront, und dort, wo es ihm nach seinen Angaben wehtut, ist kaum noch etwas von einem Zahn zu sehen. Er geht aber nicht zu einem Zahnarzt. Er sagt, er habe keinen Krankenschein, den habe man ihm "geklaut". Ich sage, wenn er ganz starke Schmerzen hat, wird ein Zahnarzt ihn doch wohl behandeln, und er reicht den Krankenschein später nach. Joschka sagt, wenn es bis morgen nicht besser wird, würde er zum Zahnarzt gehen. Ein paar Tage später erzählt er mir: "Weißt du noch, wo ich da Zahnschmerzen gehabt habe? An dem Abend hab ich mir eine Flasche Vodka genommen. Ich hatte noch bißchen Geld. Weißt du, guten russischen Vodka. Und dann hab ich immer einen Schluck genommen, und immer um den Zahn herum gespült. Das ist richtig warm geworden um den Zahn. Und dann am nächsten Morgen, ich wache auf, und die Zahnschmerzen richtig weg. Hat doch gut geholfen mit dem Vodka."

Tage später klagt Joschka wieder über Zahnschmerzen. Er sagt, einen Krankenschein vom Zahnarzt hat er noch immer nicht. Und: "die von der Krankenkasse haben gesagt, die schicken mir so einen Zahnschein. Aber ich hab keine Post gekriegt bis heute."

Ein anderer Besucher hat einen Verband um die Hand wegen einer Fleischwunde, wie er erzählt. Der Verband sieht nicht so aus, als wäre er von einer geschulten Person angelegt worden, und die Wunde hat durch den Verband durch geblutet und geeitert und roch übel. Einer der Pädagogen erneuert den Verband, und sagt dem Besucher eindringlich, er müsse zu einem Arzt gehen, da sonst die Gefahr ein Körpervergiftung besteht. Der Besucher versichert, er wird auf jeden Fall noch heute zu einem Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Einen Tag später sehe ich den Besucher zufällig auf der Straße und stelle fest, daß es offensichtlich nicht beim Arzt war, weil er noch denselben Verband trägt, der wieder durchgeeitert war.

Ich habe noch mehr solcher widersprüchlicher Beobachtungen gemacht. Viele Besucher haben Wunden und Verletzungen, die nicht oder nur sehr notdürftig verbunden sind. Die Beobachtungen lassen erkennen, daß da offen bar Gründe und Umstände sind, die die Besucher veranlassen, nicht einen Arzt oder ein Krankenhaus aufzusuchen. Über die Gründe und Umstände konnte ich nichts in Erfahrung bringen.

7.10. "JEDE MENGE KOHLE" - ARBEIT, GELD und SONSTIGE INSTITUTIONEN

Mit Wohnungslosen wird im allgemeinen die Vorstellung verbunden, daß sind die Menschen, die in den Fußgängerzonen, Einkaufsstraßen und U-Bahnhöfen sitzen mit einem Schild oder einem Hut vor sich und um Geld betteln, bestenfalls selbst Passanten ansprechen: "Haste mal ne Mark."

Wenn Besucher der Wärmestube sich so Geld verschaffen, ist anzunehmen, daß diese Art Gelderwerb Gesprächsgegenstand ist. Darüber habe ich nie einen Besucher sprechen hören. Eine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit Betteln ist mir nicht aufgefallen. Auch die Begriffe "schnorren" oder "schlauchen" beziehen sich in der von den Besuchern verwendeten Form auf das Bitten um Tabak oder einer "fertigen" Zigarette. Es wäre zu erwarten gewesen, daß es für diese Art des um Geld Bittens eine von den Besuchern eigens erarbeitete und verwendete Bedeutung gibt. Eine Bedeutung, aus der für Außenstehende nicht ohne weiteres hervorgeht, worum es sich handelt, ist auch.*** Ich bemühe mich, jede sprachliche Bedeutung, die mir zunächst unbekannt ist, zu erfragen (Börse, Platte etc.), mir ist aber auch keine von den Besuchern verwendete Bedeutung, die auf diesen Zusammenhang verweist, aufgefallen.

Selbstverständlich gibt es einen in der Literatur dokumentierten Begriff für diese Art von Gelderwerb: "Sitzung machen". Der wird im Warmen Otto aber nach meinen Beobachtungen nicht verwendet. Ich denke, diese Praxis des Gelderwerbs wird nur von einem außerordentlich geringen Teil der Gruppe der Wohnungslosen realisiert. Da diese Handlung anders als sonstige Tätigkeiten in besonderem Maße die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zieht, ist es eine stereotype Zuschreibung, die sich in den Köpfen vieler Außenstehender wiederfindet.

Geld-, Kredit- und Warengeschäfte unter den Besuchern sind unter den Besuchern nicht gestattet. Solche Geschäfte haben nach den Angaben der Pädagogen schon in vielen vergangenen Fällen zu Streitigkeiten geführt. Pädagogen geben prinzipiell kein Geld aus, auch nicht geringste Beträge.

Auch hier gab es Fälle, wo Besucher die Schuld nicht begleichen konnten. Vielfach kommen Besucher dann nicht mehr in der Wärmestube, wenn sie die Schulden nicht zurückzahlen können. (Die handlungsorientierende Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die, daß es ihnen "peinlich" ist, Schulden nicht zurückzahlen zu können.) Das ist nach Angaben der Pädagogen ein wichtiger Grund, wieso es keine Geldgeschäfte im Warmen Otto gibt.

In wenigen Fällen beobachte ich Streitigkeiten der Besucher, die sich auf solche Geldgeschäfte, die außer halb des Warmen Otto getätigt wurden, beziehen. "Der schuldet mir noch zehn Mark! Haste zehn Mark da bei? Ick will mein Geld von dir wiederhaben!" "Das ist gar nicht wahr. Das Geld haste schon längst von mir bekommen." Als diese Auseinandersetzung handgreiflich wird, fordern die Pädagogen die Besucher auf, den Laden zu verlassen, was beide auch tun. In einem anderen Fall hat sich ein Besucher, an den Geldforderungen gerichtet waren, weit von dem anderen Besucher entfernt in eine andere Ecke der Wärmestube hingesetzt.

Die Kreditgeschäfte werden in aller Regel mündlich vereinbart. Die Schwierigkeit ergeben sich sofort dann, wenn einer der beiden Geschäftspartner nicht aufgrund irgendwelcher Umstände (z.B. er war angetrunken), sich nicht mehr daran erinnern kann.

Eine andere Beobachtung ist, daß Besucher ihr Geld zusammenlegen, um dann gemeinsam nach Lodsch zu fahren und sich dort offenbar eine Flasche Alkohol teilen. Rainer sitzt am Tisch, zählt sein Geld und stellt fest, daß er noch 3 DM und 4 Pfennig hat. Sein Gesprächspartner am Tisch hat noch etwas mehr als 1 DM und sechs Briefmarken zu 80 Pfennig, die er "noch verticken", d.h. verkaufen will. "Das kannste im Zeitungsladen nebenan machen, der kauft die dir ab", sagt Rainer. Dann fragt er mich, ob ich mitkommen will. Ich sage, daß ich keinen Alkohol trinke. "Na, glaubst du, wir? Wir kaufen ne Flasche und kippen die den Vopos vor die Füße, damit die sehen, daß wir's haben." Alle anderen, die das hören, müssen lachen.

Joschka erzählt von der Pension, in der er wohnt. Dort gibt es einen, der hat immer Alkohol und Tabak vorrätig. Diese Sachen besorgt er sich aus Lodsch und verkauft sie dann mit einem Aufpreis weiter. "Der hat immer was da. Und die Leute kaufen bei dem, das glaubste gar nicht, wie verrückt. Besonders am Wochenende. Wer will denn schon Abends, wenn der Schnaps ausgeht, extra wieder los. Da gehst du doch zu dem. Was der für Geschäfte macht. Der hat schon eine goldene Nase, glaub ich."

7.10.1. Jobs, Arbeitsfähigkeit und erlernter Beruf

Im Laufe von Gesprächen erfahre ich von einigen Besuchern ihren erlernten Beruf. Unter den Besuchern sind gelernte Bäcker, Schweißer, Fleischer, Tischler, Dachdecker, Maurer, Elektriker, Möbeltischler, Kohlenauslieferer, Kraftfahrer, Polsterer usw. Alle haben zumindest zeitweise in ihrem erlernten Beruf gearbeitet.

Manche haben nur kurz gesagt, welchen Beruf sie einmal erlernt haben oder in welchem Beruf sie früher gearbeitet haben.

Einige erzählen vorrangig anhand von Geschichten, wie sie bestimmten Aufgaben oder Probleme bewältigt haben und stellen sich selbst in einen positiven Bedeutungszusammenhang. Andere stellen diesen Bedeutungszusammenhang darüber her, indem sie erzählen, wie sehr sie eigentlich "schuften" mußten. Wieder andere berichten über "Streiche" und "Scherze", die sie allein oder mit Kollegen realisiert haben.

Diejenigen, die über ihre Arbeit erzählen, verbinden mit ihrer Arbeitstätigkeit, in welcher konkreten Form auch immer, auf sich selbst bezogen eine positive Bedeutung, sei es, daß sie "sehr hart gearbeitet" haben oder sich "vom Chef nichts haben sagen" lassen oder wie auch immer.

Über einen Besucher wird die Geschichte erzählt, er sei Kapitän auf einem Frachtkahn gewesen. "Den Kahn hat der auf'em Rhein auf Grund gesetzt. Und seitdem hat der ein paar hunderttausend Mark Schulden am Hals. Die kann er im Leben nicht abbezahlen."

7.10.2. "Zur Börse gehen" - Arbeitsamt-Schnellvermittlung

"Börse" ist die Bezeichnung für die Arbeitsamt-Schnellvermittlung in der Moabiter Beusselstraße. Fast alle Besucher kennen diese Bedeutung. Nach allen Gesprächsaussagen ist diese Bedeutung besonders treffend. Die Aussicht, eine Arbeit auf dem Arbeitsamt zu bekommen, ist nicht besonders groß. Eine Art "Spekulationsgeschäft", wer eine Arbeit sucht, kann Glück haben oder nicht.

"Weißte, ick geh da schon gar nich mehr hin. Krieg ja sowieso keine Arbeit. Ist völlig aussichtslos. Wat soll ick mir da für nichts und wieder nichts einen abfrieren." Um überhaupt Aussicht zu haben, eine Arbeit auf der Börse zu bekommen, ist es notwendig, möglichst früh dort zu sein. Besucher erzählen mir von Leuten, die die ganze Nacht vor der Börse draußen warten, um die ersten ***

Nach den Aussagen von Besuchern werden auf der Börse in der Regel keine langfristigen Jobs oder Arbeiten vermittelt. Auch hat kaum jemand eine Chance, einen Job in dem Beruf zu bekommen, den er erlernt hat. Es sind meistens nur Hilfs- oder Aushilfstätigkeiten. Wer Glück hat, bekommt einen Job für 3-4 Tage, manchmal nur für einen Tag. Es gibt aber auch Jobs, die nur stundenweise gehen. Weil es nur Hilfs- und Aushilfstätigkeiten sind, die vermittelt werden und weil genug Arbeitskräfte vorhanden sind, die die Arbeiten machen wollen, ist der Lohn entsprechend gering.

7.10.3. "Sozi" - Sozialamt

Die bei den Besuchern gebräuchliche Bedeutung für das Sozialamt ist "Sozi". Besucher gehen zum "Sozi", um sich Sozialhilfe auszahlen zu lassen. Die Auszahlung erfolgt dabei nicht monatlich, sondern die Besucher, die vom Sozialamt Sozialhilfe beziehen, erhalten ganz unterschiedlich alle 14 Tage, wöchentlich oder nur für die nächsten Tage eine entsprechende Auszahlung.

Von den wenigen Aussagen der Besucher zum Sozi beziehen sich einige darauf, daß das Sozi ihnen ihr Geld nicht auszahlen wollte. Besucher erzählen davon, mit welchen Strategien sie ihren Anspruch dann doch durchgesetzt haben. Diese mir berichteten Strategien zielen darauf ab, die Angestellten auf dem Sozi zu bedrohen. Es wer den ihnen Schläge angedroht, Morddrohungen werden aus gesprochen, es wird angedroht, die Einrichtung zu verwüsten.

Besucher haben davon berichtet, daß sie selbst Schreibtische umgestoßen haben. Daß sie so mit der Faust auf den Tisch gedonnert haben, daß der Bearbeiter auf dem Sozi zusammengeschreckt ist. Daß einer der Besucher dem Angestellten ein Messer gezeigt hat. Durch diese Einschüchterungen ist es nach den Aussagen der Besucher ihnen gelungen, ihre Auszahlung zu erhalten. Mir wird auch berichtet, daß es Fälle gibt, wo Angestellte die Polizei gerufen haben, weil anders Streitigkeiten nicht zu klären waren.

Das sind alles sehr diffuse Gesprächsaussagen. Es gelingt mir nicht, durch Fragen mehr Klarheit zu erhalten.

Offenbar setzen Besucher voraus, daß ich als jemand, der "das studiert", damit vertraut bin. Gelegentlich habe ich den Eindruck, ich bin - was ihre Erfahrungen mit dem Sozi angeht - für sie eine Art Ventil. Daß es einzelnen Besuchern gar nicht darum geht, sich mir gegenüber verständlich zu machen.

Wie bezieht sich ein Besucher auf die ihm zur Verfügung stehenden Mittel, wenn er gegenüber anderen mit Gewaltanwendung droht oder Gewalt anwendet? "Wenn sie die mir zustehenden Gelder nicht auszahlen, beschwere ich mich bei ihrem Vorgesetzten." Besuchern, die mit Gewaltanwendung drohen oder Gewalt anwenden, sind die damit verbundenen möglichen Konsequenzen entweder gleichgültig oder sie sind über ihre Rechte informiert, wissen aber kein anderes Mittel, ihren Rechten Geltung zu verschaffen.

Ein anderer Teil der wenigen Aussagen bezieht sich darauf, daß die Besucher auf dem "Sozi" häufig lange warten müssen. Sie sagen, sie werden zum Sozi bestellt, sollen irgendetwas unterschreiben oder irgend eine Unterlage mitbringen "und wegen all dem Quatsch bin ich dann stundenlang am rumsitzen da." Die Besucher fühlen sich schikaniert, ungerecht behandelt, "als wärste der letzte Dreck." Es gibt aber auch Angestellte auf dem Sozi, die "echt in Ordnung sind und die sich für einen Zeit nehmen und Verständnis haben."

7.10.4. "Knast" - Strafvollzug

Waldemar ist polizeilich gemeldet bei einem jungen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, der während einer meiner Gespräche mit Waldemar mit uns am Tisch sitzt. Tatsächlich wohnt Waldemar aber nicht dort, wo er gemeldet ist. Waldemar hat sich polizeilich angemeldet, weil dies eine Voraussetzung für einen Personalausweis ist. Auch eine Lohnsteuerkarte hat er sich besorgt, um "ab und zu mal über die Börse zu einer Arbeit zu kommen."

Der junge Mann sagt: "Die Bullen waren schon vier mal bei mir und haben nach ihm gefragt." (Mit Bullen meint er Polizisten, der Verf.) Rainer sagt, er hat noch Haftstrafe offen.

Dann zählt er auf: "Siebenmal Schwarzfahren" mit der U-Bahn, "zweimal hab ich mich aufs Gleis gesetzt, (auch in der U-Bahn, der Verf.) und dann noch was wegen nicht geleisteter Unterhaltszahlungen". Er überlegt einen Moment und sagt: "Alles in allem hab' ich noch so an die zwei Jahre offen."

Bei einer vorherigen Haftstrafe hat er einen Brief an den Warmen Otto geschrieben und um etwas Tabak gebeten. Tatsächlich ist ein Päckchen gekommen und er zählt genau auf: Eine Hundertgrammdose Tabak, zwei Päckchen mit Blättchen a fünfzig Stück, zwei Tafeln Schokolade und zwei Päckchen Streichhölzer. "Darüber hab ich mich wahnsinnig gefreut, echt!" Das wiederholt er mehrmals.

Auch andere Besucher haben Hafterfahrungen und berichten davon. Gesprächsthema sind meist die Haftbedingungen. Der offene Vollzug wird wesentlich freundlicher beurteilt als die geschlossene Anstalt.

"Wenn du in die Plötze kommst, ist ganz scheiße. Am besten ist noch Dahlem."

Viele Besucher haben Hafterfahrungen. Besucher, die darüber gesprochen haben, verwenden teilweise Bedeutungen, die mir zunächst nicht bekannt waren, wie "Plötze", "Dahlem" usw. Die Reaktionen der anderen Gesprächsteilnehmer zeigen, daß ihnen diese Bedeutungen vertraut sind. Das weist auf eigene Erfahrungen, oder zumindest auf Kenntnis des Gesprächsgegenstands hin.

Es ist für mich nicht zu ermitteln, ob die Hafterfahrungen ihrer jetzigen Lebenslage vorausgingen oder ob sie erst im Zuge ihrer jetzigen Lebenslage gemacht wurden. Ich halte beides für möglich. Zum einen bietet das Problem der Reintegration nach der Haftentlassung genügend Anlässe für den Prozeß, Wohnungslos zu werden. Zum anderen bietet die aktuelle Lebenslagebewältigung Wohnungsloser genügend Schwierigkeiten, die Handlungsstrategien nahelegen, die den "Arm des Gesetzes" zum Zugreifen veranlassen.

7.11. GESCHICHTE UND GESCHICHTEN DER LEUTE

Meine Beobachtungen dienen dem Ziel, etwas über die aktuellen Tätigkeiten und die mittels dieser Tätigkeiten realisierten gegenständlich und sozialen Beziehungen der Besucher etwas zu erfahren. Insofern verbindet mich kein besonderes biographisches Interesse mit den Besuchern, auch wenn ihre individuelle Geschichte gelegentlich Gegenstand von Gesprächen ist. Aber auch allgemeine geschichtliche Ereignisse und Abläufe sind Gegenstand der Gespräche. Besonders interessant ist hier nur, in welchem Maße Geschichte - im allgemeinen wie im individuellen Sinne - Moment in der aktuellen Lebenssituation ist. Etwa in dem Sinne, daß Besucher ständig "von früher" erzählen oder ob sie daß nie tun usw.

7.11.1. "Im Krieg, da..."

Die weitaus meisten Besucher der Wärmestube sind in einem geschätzten Alter zwischen 40 - 60 Jahren. D.h. ihre Kindheit verlebten sie in der Zeit des 2. Weltkriegs oder der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ihre individuelle Kindheit aber auch ihr Verständnis dem, was in dieser Zeit war, ist Gegenstand von Gesprächen, die ich mit den Besuchern führe. Es ist für mich von persönlichem Interesse, etwas darüber zu erfahren.

In den Gesprächen besteht eine gewisse Übereinstimmung der Besucher darüber, daß es für sie selbst "eine schwere, harte Zeit war, die aber auch ihre positiven Seiten hatte." In der Beurteilung der Geschehnisse auf politischer und gesellschaftlicher Ebene (besonders im Zeitraum des Faschismus) besteht diese Übereinstimmung nicht mehr. Das läßt sich vor allem an der Beurteilung des 2. Weltkriegs verdeutlichen:

Einige Besucher finden Krieg überhaupt und grundsätzlich "scheiße", "schlimm" oder "furchtbar". Andere Besucher, so interpretiere ich ihre Äußerungen, haben grundsätzlich nichts gegen Krieg: Sie meinen beispielsweise "Hitler hat einfach zuviel gewollt" oder "wenn der Winter nicht gewesen wär, wär das damals ganz anders gekommen." usw.

Das sind alles sehr schwierige Fragen.

Jedenfalls weisen viele Aussagen der Besucher darauf hin, daß ihre Kindheit und Jugend unter sehr schwierigen Bedingungen verlaufen ist. Daß aber schon in der jeweiligen Kindheit oder Jugend ein zwingender Grund für ihre jetzige Situation zu erkennen ist, kann ich aufgrund der Gespräche nicht feststellen.

7.11.2. "Früher..."

Rainer hat früher mal geboxt. So um 1960. "Als 1961 die Mauer gebaut wurde, hatte ich auf einmal keine Gegner mehr. Ich hab "Papier" geboxt." Papier ist die unterste Gewichtsklasse. "Alles was weniger als 48 Kilo ist. Und dann hatte ich keine Gegner mehr. Das is schwer, in meiner Gewichtsklasse Gegner zu finden. Ick hab trotzdem weiter trainiert." Zuerst nur trainiert. Später ist er "wieder in den Ring gestiegen. Mit Erlaubnis der Trainers. Hab gegen einen aus ner höheren Gewichtsklasse geboxt. Der hat mich gleich in der ersten Runde auf dem Punkt erwischt." Rainer zeigt auch sein Kinn. "Da hab ich gemerkt, daß jetzt Schluß ist. Seine ersten Boxhandschuhe hat er von seinem älteren Bruder gekriegt. "Eigentlich ist das mein Halbbruder, aber wir sind von einer Mutter." Der Bruder lebt in den USA. Kontakt hat Rainer keinen mehr. "Damals ham se mir doch auch die Adresse geklaut." Das ist offenbar schon Jahre her. "Damals kam er auch mal zu Besuch aus Amerika." Rainer sagt von sich selbst: Ich bin das schwarze Schaf der Familie. Ich bin sowas, was man so als verkrachte Existenz bezeichnen würde."

Das ist nur ein Beispiel für viele Gespräche, in denen Besucher mir Teile ihrer Lebensgeschichte erzählen. Das ist etwas anderes als die "Geschichten", in denen es nur um einzelne, besondere Erlebnisse aus Arbeitszusammenhängen, in der Familie oder in Kindheitstagen geht. Diese Art der Darstellung täuscht etwas über die Schwierigkeiten hinweg, die mit Gesprächen, die ich mit den Besuchern geführt habe, hinweg. Viele Besucher sprechen so, daß es schwierig ist, sie überhaupt sprachlich zu verstehen. Vor allem dann, wenn ich Besucher noch nicht lange kenne und mit ihrer sprachlichen Ausdrucksweise nicht vertraut bin. Oft ist ein mehrfaches, vielfaches Nachfragen nötig, um sie überhaupt zu verstehen. Das habe ich nicht immer gemacht. Oft, besonders wenn ich mich nicht traue, immer und immer wieder nachzufragen, kann ich nur Fragmente, einzelne Worte auffassen und der Inhalt der Gesprächsaussagen ist mir nicht klar verständlich.

Selbst wenn auf sprachlicher Ebene keine Schwierigkeiten bestehen, ist der Gesprächsinhalt häufig nicht verständlich. Der hier dokumentierte Gesprächsausschnitt war in Wirklichkeit sehr viel länger und von sehr viel mehr Nachfragen meinerseits unterbrochen, bis mir der Inhalt verständlich war.

"Ich hab Papier geboxt. Und dann hatte ich keine Gegner mehr." Eine solche Aussage war mir in dem Moment vollkommen unverständlich, bis ich durch verschiedene Nachfragen die Intention, den gemeinten Inhalt verstehe. Verständnisschwierigkeiten auf dieser Ebene treten ebenfalls häufig auf. Auch hier habe ich mich nicht immer getraut, nachzufragen. Ich breche in solchen Fällen aber selten das Gespräch ab, sondern führe es auf Grundlage dessen, was ich verstehen kann, weiter. Hätte ich in diesem Fall nicht nachgefragt, wäre mein Kenntnisstand gewesen: "Rainer hat beim Papier-Boxen ab irgendeinem Zeitpunkt keine Gegner mehr." Das ist ein anderer Kenntnisstand als der, den ich bei Rainer durch mein Nachfragen erzielt habe.

Hier wird deutlich, wie durch diese Gesprächsproblematik bestimmte Mißverständnisse oder Widersprüche in meinem Verstehen bereits vorprogrammiert sind.

Auch das Nachfragen auf dieser inhaltlichen Ebene war sehr stark abhängig, wieweit ich mit dem Gesprächspartner vertraut war und inwieweit ich mich in der konkreten Gesprächssituation getraut habe, nachzufragen. Gelegentlich lösten sich auch solche Mißverständnisse auf, wenn ich mich häufiger mit dem Gesprächspartner unterhalten habe. Zum einen, weil mir bestimmte Inhalte wiederholt berichtet werden, zum anderen, weil ich noch andere Inhalte erfahre, die ich mit bisher Erzähltem in Verbindung bringen kann.

Die dritte Schwierigkeit ergibt sich aus der Art der gewählten Gesprächsführung. Im wesentlichen haben die Besucher den Gegenstand des Gesprächs bestimmt. Natürlich bin ich davon ausgegangen, wenn Besucher mir etwas erzählen, wollen sie auch, daß ich es verstehe. Auf der anderen Seite versuche ich zu akzeptieren, daß Besucher mir nicht alles erzählen wollen. Das zu erkennen, erfordert bei der gewählten Herangehensweise eine gewisse Sensibilität. Ich frage nicht weiter nach, wenn ich den Eindruck habe, das ist den Besuchern unangenehm oder sie weichen aus. Auch so bleiben gewisse Widersprüche oder mögliche Mißverständnisse einfach im Raum stehen.

An dieser Stelle muß ich noch auf ein weiteres Problem eingehen, daß mich während der Zeit meiner Anwesenheit in der Wärmestube in einzelnen Fällen maßgeblich irritiert hat und mich an der Qualität meiner Beobachtungen maßgeblich zweifeln läßt.

Ein Besucher berichtet über einen Dritten, der öfter im Warmen Otto ist und den ich "vom Sehen her", aufgrund einiger Beobachtungen kenne:

"Ja, Horst, die Platte (weil er nur noch wenige Haare auf dem Kopf hat, der Verf.). Ja, das is ja nun wieder so ein Fall für sich. Der is ja hohl der Kerl, sowas von hohl. Dat siehste ihm gar nich an. Aber ick sag dir, der is so fertig, dat glaubste nich. Der interessiert sich für gar nichts mehr, rein für gar nichts. Außer der kriegt seinen Stoff (Damit ist in diesem Fall Alkohol gemeint). Wat der alles macht, um an seinen Stoff ranzukommen, da faßt du dir an den Kopp. Der schleppt aus den Kaufhäusern Bohrmaschinen raus und verkloppt die dann für nen Appel und nen Ei. Und dann holt der sich ne Flasche und dann ist erstmal für ne Weile gut. Echt. Bei dem läuft nichts anderes mehr. Ich sag dir, der ist so hohl der Junge. Ich geb dem noch drei Monate, wenns hochkommt, und dann is der fertig. Dann gibt der die Löffel ab."

Mir ist an Horst aufgefallen, daß er seine wenigen Haare häufig und sehr sorgfältig mit eigenem Kamm kämmt, daß er nicht sehr viel Kontakte zu anderen Besuchern hat, sondern meistens allein an einem Tisch sitzt und gelegentlich Zeitung liest. Weiter ist mir aufgefallen, daß er immer mit derselben braunen Ledertasche kommt (nicht sehr viele Besucher haben Taschen), daß seine Kleidung weder einen besonders gepflegten noch einen besonders ungepflegten Eindruck macht. Mit seinem Erscheinungsbild fällt Horst nicht sofort als Wohnungsloser auf. An seinen Verhaltensweisen ist bemerkenswert, daß er in bestimmten Situation etwas hektisch, nervös ist und in gelegentlich etwas auffahrend, spontan aggressiv werden kann, sich aber relativ schnell wieder beruhigt, vor allem wenn andere ihm zureden: "Nu ist ja gut, Horst!" oder "Komm, Alter, war ja nicht so gemeint." o.ä. Ich habe dem keine besondere Bedeutung zugemessen. Es gibt Menschen, die sind einfach so und wer diese Eigenschaft kennt, kann damit um gehen.

Insofern war ich nach der Äußerung des Besuchers über Horst vollkommen irritiert, da ich bei Horst nichts beobachtet habe, was Hinweis auf diese "Hohlheit" gewesen wäre.

Dieses Problem, daß meine Beobachtungen zu einer Person deutlich kontrastiert wurden durch Äußerungen Dritter, hatte ich in wenigen Fällen. Auffälligerweise hatte ich in einem Teil dieser Fälle keinen persönlichen Gesprächskontakt zu den entsprechenden Besuchern. In zwei anderen Fällen tritt dieses Problem erst zum Ende der Zeit meiner teilnehmenden Beobachtungen auf, daß ich überhaupt keine Gelegenheit mehr habe, Besucher persönlich im Gespräch kennenzulernen.

Eine für mich wichtige Schlußfolgerung ist: Die von mir gewählte Herangehensweise läßt den Besuchern verschiedene Möglichkeiten, sich da "rauszuhalten", sich nicht mit mir konfrontieren zu müssen usw. und überläßt das daraus entstehende mögliche "Problem" mir. Dagegen ist von meinem Standpunkt aus nichts einzuwenden.

7.12. BEZIEHUNGEN

Die wichtigsten Beziehungen der Besucher bestehen zu zwei Gruppen: Zum einen sind es Beziehungen untereinander. Zum anderen sind es Beziehungen zu "Helfern".

Die Beziehungen der Besucher untereinander, das wird an vielen dargestellten und interpretierten Beobachtungen deutlich, sind verschiedenster Art und umfassen die ganze Spannbreite von echten Freundschaften über bloße lockere Bekanntschaften bis hin zu offenen Ablehnungen. Auch zeigen sich individuelle Unterschiede. Es gibt Besucher, die aufgrund meiner Beobachtungen als "Einzelgänger" zu bezeichnen sind. Andere Besucher haben viele Beziehungen.

Meines Erachtens gibt es aber keinen Zusammenhang der realisierten Beziehungen zu der individuellen Lebenslagebewältigung. Um das zu verdeutlichen: Es gibt Besucher, die etwa zum "Inneren Kreis" zu zählen sind, einen sehr aktiven Eindruck machen, auf ihr Äußeres achten und die dennoch nach meinen Beobachtungen eher "Einzelgänger" sind. Andere Besucher, die beispielsweise weniger auf ihr Äußeres achten, häufiger angetrunken in den Laden kommen usw. realisieren in einzelnen Fällen sehr viele soziale Beziehungen zu anderen Besuchern.

Vielen Besuchern ist ein intensiver Kontakt zu den in der Wärmestube arbeitenden Pädagogen von für sie wichtiger Bedeutung. Viele Besucher und die arbeitenden Pädagogen kennen einander sehr gut und wissen viel voneinander. Das kommt in vielen Aussagen der Besucher über die Pädagogen zum Ausdruck.

Auch "Helfer" aus anderen sozialen Einrichtungen sind Gegenstand der Gespräche. Zum einen wird häufig über Eigenarten bestimmter "Helfer" gesprochen. Zum anderen wird anhand von "Geschichten" erzählt, daß ein bestimmter "Helfer", eine bestimmte "Helferin" "echt okay" ist.

In den Gesprächen werden häufig sehr ähnliche oder übereinstimmende Kriterien genannt, nach denen die "Helfer" bewertet werden.

Da ist die Seite der materiellen Zuwendungen. Wenn beispielsweise ein Pfarrer "mal 'nen Zehner rausrückt". Oder in einer konkreten Situation Geld gibt. "Da kommt der Fritz an und erzählt dem, daß sein Bruder gestorben ist. Und der Pfarrer hat dann gefragt, wo die Beerdigung ist und wann und ob sie noch einen Pfarrer brauchen. Aber die hatten schon einen. Und dann hat der dem Fritz einfach so n Fuffi (Fünfzig Mark, der Verf.) in die Hand gedrückt und gesagt, daß de da auch bei wenigstens mit nem anständigen Kranz hingehen kannst."

Eine solche Aussage ist sicher nicht typisch, sondern in den Zusammenhang besonderer Geschichten einzuordnen. Daß sich Besucher solche Geschichten merken und sie er zählen, ist aufschlußreich. Viele Besucher nehmen sehr genau wahr, was andere für sie tun. Es gibt auch einen anderen Komplex von "Geschichten", der darüber handelt, wie "Helfer" von Besuchern "übers Ohr gehauen wurden". D.h. den Helfern wird eine falsche Geschichte erzählt, die sie veranlaßt, den Besuchern Geld zu geben. Häufig wird in diesen "Geschichten" das Geld dann zum Kauf von Alkohol verwendet.

Die andere Seite der Kriterien, nach denen "Helfer" bewertet werden, bezieht sich auf das persönliche Engagement.

Ein Helfer ist dann "echt in Ordnung", wenn er sich "Zeit für einen nimmt", "einem echt zuhört und nicht nur so tut", auch über die Arbeitszeit noch Zeit für einen hat und nicht immer nur auf die Uhr guckt", der "sich einsetzt für einen und mit einem auch mal mit geht" (auf eine Behörde) oder der "auch mal anrufen tut und für einen weiterhelfen kann".

Damit erfassen Besucher, die sich so äußern, sehr präzis ein Problem, daß objektiv darin besteht, daß die Helfer Lohnarbeiter sind und mit ihrer Arbeit zunächst erstmal ihre individuelle Reproduktion sicherstellen. Die Besucher nehmen sehr genau wahr, wer sich darüber hinaus aus persönlichen Motiven für sie als konkrete Person und nicht nur als "Fall" engagiert. Diese unterscheidende Wahrnehmung ist im Verhältnis zu sehen mit der Tendenz zu noch weiter fortgeschrittenen institutionalisierten Beziehungen etwa auf Sozialämtern und Behörden.

Überspitzt formuliert, wird in Form zwischenmenschlicher Beziehung nur noch exekutiert, was mittels Gesetzestext an gesellschaftlicher Bearbeitung des individuellen Problems von staatlicher Seite aus vorgesehen ist.

(Die inhaltliche Erarbeitung dieser Zusammenhänge auf der Ebene des konkreten Lebensvollzugs Wohnungsloser steht noch aus und kann in der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden, weil auch die Beobachtungen sich nur auf den Warmen Otto beziehen. Alle Tatbestände außerhalb der Wärmestube sind nur soweit Gegenstand, als daß Besucher sie ansprechen. Grundlegende Positionen zu diesem Sachverhalt finden sich im Kapitel 3. Gesellschaftliche Bedingungen.)

Die Aufmerksamkeit der Besucher bezüglich der Art der Beziehungen zu "Helfern" ist m.E. Ausdruck eines konkreten Bedürfnisse nach echten, unverfälschten, authentischen Beziehungen.

Über aktuelle Beziehungen der Besucher, die über Beziehungen untereinander und Beziehungen zu den "Helfern" hinausgehen, ist fast nichts zu erfahren.

Gelegentlich höre von ich Besuchern, die eine kurzfristige Arbeit haben, etwas über ihre Arbeitskollegen erzählen. Das sind meist Aussagen, die sich auf die Arbeitstätigkeit oder besondere Eigenarten der Kollegen beziehen. Auch über nähere oder entferntere Verwandte berichten Besucher gelegentlich, aber häufig in einer sehr wenig konkreten Weise. Besucher sagen z.B. "Vielleicht sollte ich meine Tante mal wieder besuchen." Oder: "Meinen Bruder, den hab ich vor drei Jahren das letzte Mal gesehen." Es findet sich kaum ein Hinweis auf aktuelle, bestehende Beziehungen.

So ist der Schluß naheliegend, daß ein großer Teil der Besucher in seinen sozialen Beziehungen weitgehend isoliert ist. Das heißt nicht, daß Wohnungslose als Gruppe weitgehend unter sich sind. Nach meinen Erfahrungen befinden sich unter den Besuchern Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. Es sind Besucher, die noch eine Wohnung haben, Besucher, die wieder eine Wohnung haben, Besucher, die keine Wohnung haben und bei "Freunden" wohnen, Besucher, die in einer Pension wohnen ebenso wie Besucher, die "Platte schieben". Es sind arme Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen mit ähnlichen gelagerten Problemen.

Ich habe nicht den Eindruck, daß in den intensiveren sozialen Beziehungen beispielsweise nur "Plattegänger" unter sich sind. Ganz im Gegenteil: Ein "Plattegänger" verabredete sich beispielsweise mit einem, der eine Wohnung hat und einem dritten Besucher zum Skatspielen bei ihm Zuhause. Es finden sich einige Hinweise dieser Art.

Aufgrund meiner Beobachtungen bezüglich der Besucher der Wärmestube komme ich zu dem Ergebnis: Die Beschreibung, Wohnungslose sind in ihren sozialen Beziehungen isoliert, trifft nicht genau den halt. Präziser beschrieben: Soziale Beziehungen ergeben sich vor allem unter Menschen, die aufgrund ihrer Lebenslage ähnliche Handlungsstrategien entwickeln oder die aufgrund sich überschneidender Motive in tätige Kooperation treten.

Also: Viele Besucher kennen sich untereinander, weil sie beispielsweise aus ähnlichen Gründen Wärmestuben, Suppenküchen, die Börse usw. aufsuchen. Es sind die gemeinsamen Handlungsstrategien, die hier die Grundlage für soziale Beziehungen darstellen. Und: Andere Beziehungen verbinden Besucher mit "Helfern". Grundlage der Beziehungen ist hier das sich überschneidende Motiv bei denen, die ein Angebot schaffen und denen, die es nutzen.

7.12.1. "Kommste mit zu mir, ick wohne Platte Nummer sieben!"

Horst erzählt mir von der Schwierigkeit, eine Freundin zu finden. Frauen kennenzulernen ist seiner Meinung gar nicht so das Problem, "Da gibt es genug. Aber dann. So als Plattegänger, na wat willste denn da sagen. Kommste mit zu mir, ick wohne Platte Nummer sieben? Wat kannsten so ner Frau, die de dann kennenlernst, schon bieten? Die werden doch nen Teufel tun und sich auf dich schmeißen. Nee, wenn de Plattegänger bist, haste wenig Chancen. Wenn das raus kommt, siehst du schlecht aus." Ich sage, daß viele Frauen eine eigene Wohnung haben und daß es doch vielleicht Möglichkeiten gibt, zu ihr zu gehen und eventuell dort auch zu wohnen. "Du, die fühlen sich dann schnell ausgenutzt. Die denken, man will nur was mit der zu tun haben, um billig zu ner Unterkunft zu kommen. Naja, und dann gibts schnell nen Krach und bums biste wieder auf der Straße."

Über aktuelle partnerschaftliche Beziehungen sowie über erotische und sexuelle Bedürfnisse der Besucher ist vergleichsweise wenig zu erfahren und zu beobachten. Das ist in keiner Weise verwunderlich, entspricht es doch dem gesellschaftlichen Umgang mit diesem Bereich menschlichen Lebens.

Die oft mit Besitzansprüchen verbundenen Beziehungen dieser Art zeigen in verhängnisvoller Weise, wie die Durchsetzung von Privateigentum auf ökonomischer Ebene - Voraussetzung der wertverwertenden Produktionsweise seine Reproduktion auf privater Ebene erfährt.

Nach dem bisher gesagten ist nicht verwunderlich, daß Erotik und Sexualität bei den Besuchern der Wärmestube zu den "schwierigen" Themen gehört, über die wenig zu erfahren ist. Das Beispiel ist deshalb nicht notwendig als typisch anzusehen. Das hat selbstverständlich Folgen auf die Aussagen, die ich hier machen kann. Die wenigen Belege während meiner teilnehmenden Beobachtungen sind viel weniger generalisierbar als in anderen, öffentlicheren Bereichen.

Das Beispiel zeigt, das der Besucher sich die Sorge macht, daß er aufgrund seiner materiellen Situation einer Frau "nichts bieten" kann. Das ist m.E. ein Beleg für den engen Zusammenhang von Bedürfnis und Besitz unter bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Tatsächlich dürfte die Realisierung von erotischen und sexuellen Bedürfnissen mit anderen in der Lebenslage vieler Besucher zumindest mit erheblichen Einschränkungen stattfinden.


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