6. Kastanienallee 71- ein Prenzlauer Berger Beispiel

Die Erfahrungen mit der K 71 und der betreuten Jugendwohngemeinschaft in der Lychener Straße

Die Entwicklung des besetzten Hauses Kastanienallee 71 zur zeitlich begrenzten Krisenunterkunft für die Besetzer und andere Jugendliche ohne festen Wohnsitz kann als Beispiel im Bezirk Prenzlauer Berg betrachtet werden. Besonders interessant ist dieses Modell im Zusammenhang mit den verschiedenen Lösungsvarianten, die am Ende des Projekts K 71 für die einzelnen von Obdachlosigkeit bedrohten Jugendlichen und jungen Erwachsenen gefunden wurden.

Eine Betrachtung des abgelaufenen Prozesses soll Kurzbiographien von drei BewohnerInnen des Hauses einschließen, da auf diese Weise einige der Ursachen von komplizierten Lebenssituationen bis hin zur Obdachlosigkeit benannt werden können. Ausgangspunkt des Kapitels sind die Betrachtung der Geschichte eines einzelnen Hauses und der Versuch, einige der Jugendlichen kennenzulernen, sie in ihrer Individualität zu erfassen. Damit wird zugleich ihrem Wunsch Rechnung getragen, nicht "in Schubfächer einsortiert", katalogisiert und abgestempelt zu werden.

Die Lebensgeschichten, die die jungen Leute in das leerstehende Haus bzw. in die Notunterkunft in der Kastanienalle 71 geführt haben, unterscheiden sich deutlich voneinander. Ihre individuell verschiedenen Erfahrungen und Konflikte, Hoffnungen und Ängste führen dazu, daß auch Lösungsansätze für jede/n individuell gefunden werden müssen, sollen sie akzeptiert werden. Die Bemühungen von Angehörigen des Kiezvereins EntwederOderberger und Mitarbeitern der gemeinnützigen GmbH Pfefferwerk zeigen das.

6.1. Zur Chronologie der Ereignisse

Am 3. Februar 1994 besetzten ungefähr 20 Jugendliche ohne festen Wohnsitz, die aus verschiedenen Teilen der Stadt kamen, das Haus Kastanienallee 71. Ihnen war aufgefallen, daß es seit geraumer Zeit (tatsächlich seit etwa zwei Jahren) leerstand und ständig beheizt wurde. Von Anfang an, betonten zumindest einige der Besetzer später, habe ihnen der Bau gefallen. Er sei etwas besonderes, etwas, das sie erhalten wollten. Sie fühlten sich wohl dort.

Im Unterschied zu anderen leerstehenden Häusern im Bezirk Prenzlauer Berg waren bei diesem die Eigentumsverhältnisse relativ klar: Das unter Denkmalschutz stehende mehrstöckige Gebäude aus rotem Backstein hatte vor dem Krieg der Heilsarmee gehört, die dort obdachlose Männer beherbergte. Es war also kein Wohnhaus mit einzelnen Wohnungen.

Zum Zeitpunkt der ersten Besetzung hatte die Heilsarmee ihren Restitutionsanspruch bereits angemeldet. An der in absehbarer Zeit bevorstehenden Rückübertragung gab es im allgemeinen im Bezirk wohl kaum Zweifel. In der Zeit bis zur Rückübertragung verwaltete die Wohnungsbaugesellschaft in Prenzlauer Berg das Haus und war autorisiert, Mietverträge abzuschließen.

Einige Tage nach der ersten Besetzung informierte der für das Haus zuständige Heizer die Wohnungsbaugesellschaft im Prenzlauer Berg. Die polizeiliche Räumung des besetzten Hauses am 8. Februar konnte durch den Runden Tisch Instandbesetzung des Bezirkes verhindert werden. Dieses Gremium traf sich nach Hausbesetzungen im Bezirk, moderiert von einem Pfarrer, um gemeinsam Lösungsvorschläge zu entwickeln. Am Runden Tisch Instandbesetzung saßen unter anderem Vetreter verschiedener Bürgervereine und Projekte, der Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen und des Bezirksamtes.

Die Jugendlichen verließen das Gebäude freiwillig; die WiP wies ihnen eine kleine Wohnung in der Schliemannstraße zu, eine Wohnung ohne Strom und Wasser, mit Defekten an Fenstern und Fußböden. Die Kastanienallee 71 stand wieder leer und wurde weiter beheizt. Einen neuen Mieter für die Gewerberäume suchte die Wohnungsbaugesellschaft vermutlich nicht, jedenfalls ließ sich kein möglicher Interessent erkennen, der zum Beispiel das Gebäude besichtigt hätte. Die Jugendlichen beobachteten genau, was mit dem Haus geschah: offensichtlich nichts. Am 18. April besetzten sie es deshalb erneut.

Die Wohnungsbaugesellschaft begründete daraufhin ihren Entschluß, das Haus räumen zu lassen, mit dem Argument, die Heilsarmee müsse ihr Eigentum nach der Rückübertragung schließlich leer zurückbekommen.

Die Zeit der Räumungen und Verhandlungen beschrieb D., ein Mädchen aus dem Haus, ungefähr zwei Monate später so:

"Nach der ersten Besetzung kriegten wir eine Wohnung, die war in katastrophalem Zustand. Ohne Strom, Wasser, Heizung. Fußboden durchgerottet und so. Keine Fensterscheiben, alles voller Bauschutt. Die war nicht bewohnbar. Wir haben versucht, da so lange zu hausen, wie wir es aushalten konnten. Aber irgendwann sagten wir uns: So, das Haus steht immer noch leer. Damit versuchen wir es jetzt noch mal.

Es stand so da, wie wir es verlassen hatten. Wir stiegen also über die Dächer wieder rein. Wenn die Bullen vor dem Haus standen, verschwanden wir über die Dächer. Und kamen wieder zurück. Aber es wurde zu riskant, weil viele von uns mit Vermißtenanzeigen gesucht wurden. Als die Bullen wieder erschienen, sind wir also aus dem Haus gegangen. Räumten unsere Sachen raus - und blieben auf der Straße. Pennten davor, auf Matten, in Schlafsäcken. Es war noch ziemlich kalt im April. Trotzdem sammelten sich immer mehr Leute an. Wir hielten zehn Tage durch. Malten Transpis und wohnten auf dem Bürgersteig. Fegten jeden Tag die Straße, wir wollten schließlich nicht nach einer Woche einen Meter höher liegen. Zum Rauchen und Saufen gingen wir auf den Hinterhof. Die Straße war drogenfrei. Die Nachbarn hatten erst alle Vorurteile, die es gibt, aber dann brachten sie uns Selters vorbei, Tee in Thermoskannen und was zu essen."

In diesen Tagen wurde am Runden Tisch Instandbesetzung intensiv weiter verhandelt. Vor dem 1. Mai sollte etwas geschehen. Am 28. April 1994 wurde ein Nutzungsvertrag über das Haus mit dem Kiezverein EntwederOderberger unterschrieben, zunächst für den Zeitraum von 24 Stunden. Am 29. April gelang es, einen Vertrag für zehn Tage abzuschließen. Die Heilsarmee, inzwischen auch am Runden Tisch vertreten, duldete den Einzug der Jugendlichen in die oberste Etage des Hauses für diese Zeit. Mehr als 30 Jugendliche bewohnten acht Zimmer, selbst als Zwischenlösung war das kaum zu vertreten. Aber in dieser Zeit wurde weiter nach einer Lösung gesucht. Ein Nutzungskonzept für das Haus entstand, an dem viele der Jugendlichen mitwirkten.

Vielen, auch Außenstehenden, erschien die Idee naheliegend: Das Haus wird wieder der Heilsarmee, dem ursprünglichen Eigentümer, übergeben - und die obdachlosen Jugendlichen bleiben drin. Entspricht das nicht dem Charakter und den Zielen der Heilsarmee als karitativer Organisation? Die Jugendlichen nutzen das Gebäude als Wohnprojekt und für freie Jugendarbeit. Sogar an ein Café im gut dafür geeigneten Keller wurde gedacht, offen auch für die Nachbarn im Viertel.

Am 3. Mai fuhren zwei Jugendliche mit einem Vertreter des Kiezvereins nach Köln, zum Sitz der Heilsarmee in Deutschland. Sie stellten dort hoffnungsvoll ihr Konzept vor und hörten wohlwollende Worte. Daß die unverbindlich blieben, merkten sie erst später. Zuversichtlich fuhren sie nach Berlin zurück, mit der Botschaft für die anderen: Wir bleiben im Haus, wir werden das ganze Haus bewohnen und gestalten können.

Unter diesen Umständen bot die Wohnungsbaugesellschaft der Heilsarmee einen günstigen Mietvertrag bis zur Rückübertragung des Hauses an. Die Bedingungen waren ideal: ein Mietpreis von einer Mark pro Quadratmeter, dazu die Genehmigung, an die Jugendlichen unterzuvermieten. Unerwartet lehnte der zuständige Major der Heilsarmee kurz vor Ablauf der zehn Tage am Runden Tisch Instandbesetzung die Untervermietung an die obdachlosen Kinder und Jugendlichen ab. Auf einmal hieß es, es lägen andere Pläne für das Haus vor. Von Arztpraxen, von Wohngemeinschaften für psychisch kranke Jugendliche und von Einrichtungen für alte Menschen war zu dieser Zeit plötzlich die Rede. Für die obdachlosen Besetzer würde nach der Rückübertragung kein Platz im Haus mehr sein. Bei dieser Entscheidung blieb die Heilsarmee dann, wenn auch nicht bei den Aussagen über eine künftige Nutzung des Gebäudes.

Die Wohnungsbaugesellschaft handelte schnell. Sie bot dem Kiezverein EntwederOderberger einen Mietvertrag für die beiden oberen Etagen des Hauses an. Am 16. Mai 1994 wurde der Vertrag unterschrieben, gegen den Willen des Alteigentümers, aber mit der Zustimmung der Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen. Er galt für ein Jahr, bis zum Zeitpunkt der Rückübertragung des Gebäudes am 15. Mai 1995.

Vetreter des Kiezvereins hatten sich von Anfang an für die Situation der Jugendlichen in dem besetzten Haus interessiert und ihre Bereitschaft bekundet, dazu beizutragen, daß die Besetzer nicht wieder auf der Straße landeten. Als das Argument der Wohnungsbaugesellschaft lautete: Mit diesen Minderjährigen können wir keinen Mietvertrag abschließen, und dadurch alles stagnierte, erklärte der Verein EntwederOderberger sich bereit, den Mietvertrag mit der WiP abzuschließen,

Die Jugendlichen zogen in die dritte und vierte Etage. Ein gemeinsam auszubauendes Haus als Selbsthilfeprojekt wurde weiter diskutiert und geplant. Ein leerstehendes Gebäude im Bezirk sollte dafür zur Verfügung gestellt werden. Eine Baufirma, die mit ähnlichen Projekten Erfahrung hat, könnte die Bauleitung und die Ausbildung der jungen Leute übernehmen. Nach Abschluß der Bauarbeiten sollten die Beteiligten güngstige Mietverträge für 15 Jahre erhalten. Sie hätten sich selbst ihr Haus (aus-)gebaut und dabei eine Ausbildung absolviert. So das Wunsch-Projekt. Für einige der jungen Leute war es das. Nicht für alle.

Die Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen erklärte ihre Bereitschaft, die finanziellen Mittel für das Projekt zur Verfügung zu stellen. Der Baustadtrat im Bezirk schlug vor, gemeinsam ein Objekt von einer Liste mit 19 leerstehenden Häusern auszuwählen. Aber die Suche nach einem geeigneten Gebäude verzögerte sich. Manche, die auf der Liste standen, waren zu klein, andere in zu desolatem Zustand. Bei einigen der in Betracht gezogenen waren es die verworrenen Eigentumsverhältnisse, die eine Entscheidung verhinderten oder zumindest hinauszögerten. Zunehmend mißtrauten die Jugendlichen den Versprechungen und Zusagen. Die Situation im selbstverwalteten Haus Kastanienallee 71 wurde schwieriger. Es kam zu Beschwerden der Nachbarn über Lärm und andere Belästigungen. Unter den BewohnerInnen bildeten sich Gruppen mit unterschiedlichen Vorstellungen über das Leben im Haus; Gruppen, die sich nur noch schwer miteinander verständigen konnten. Eine Gruppe der Jugendlichen, meist Minderjährige, interessierte sich nicht für das Haus und das gemeinsame Projekt. Ihnen ging es vor allem darum, unabhängig zu leben, keine Vorschriften oder Regeln zu akzeptieren. Die anderen waren bereit, etwas für das Haus und die Gemeinschaft zu tun und bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Es gelang ihnen nicht, sich gegenüber der Gruppe derjenigen, die nur herumhängen wollten, durchzusetzen.

Die hygienischen Verhältnisse in der K 71 waren nach einiger Zeit so schlecht geworden, daß einige Mädchen und Jungen unter Hautkrankheiten litten.

In dieser Zeit war deutlich geworden, daß der Verein EntwederOderberger mit der Betreuung der Jugendlichen überfordert war. Die ursprüngliche Vorstellung, daß es ausreichen würde, die Jugendlichen in der K 71 ehrenamtlich zu begleiten, erwies sich als Illusion. Die Probleme, die sich im Zusammenhang mit dem Haus und seinen Bewohnern ergeben würden, waren anfangs unterschätzt worden. Erschwerend kam hinzu, daß die Frauen und Männer aus dem Verein keine Erfahrung in der Betreuung obdachloser oder ehemals obdachloser junger Leute hatten. Das Jugendamt beauftragte zwei Mitarbeiter der Pfefferwerk gGmbH, die sich von Anfang an um das Projekt gekümmert hatte, mit der sozialpädagogischen Betreuung der Mädchen und Jungen. Die Betreuung war nur auf freiwilliger Basis möglich; einige der Jugendlichen lehnten Sozialarbeiter nach wie vor ab. Zu der Einsicht, allein im Haus nicht zurechtzukommen, konnte sich nur ein Teil der BewohnerInnen durchringen. Die Auseinandersetzungen nahmen zu. Einige der jungen Erwachsenen erklärten schließlich ihre Bereitschaft, ja ihren Wunsch, auszuziehen, wenn man ihnen Wohnungen aus dem geschützten Marktsegment Berlins zur Verfügung stellen würde. Allerdings wollten die meisten von ihnen sich nicht trennen und "vereinzeln" lassen. Die Idee, gemeinsam zu leben, war nach wie vor wichtig für sie.

Im Dezember 1994 zogen drei Jugendliche jeweils in eine eigene kleine Wohnung; fünf weitere erhielten eine gemeinsame Fünf-Zimmer-Wohnung im Bezirk. Im ersten Quartal des Jahres 1995 bekamen noch einige weitere Bewohner der K 71 eigene Wohnungen. Andere erklärten, keine Hilfe zu brauchen und versorgt zu sein, also zum Beispiel bei Freunden unterzukommen. Sechs Jugendliche unter 18 Jahren waren bereit, in die von der Pfefferwerk gGmbH eingerichtete betreute Jugendwohngemeinschaft zu ziehen.

Im Februar 1995 räumten Mitarbeiter des Pfefferwerks die vierte Etage in der K 71, da von diesem Zeitpunkt an eine Etage ausreichte, um die noch verbliebenen BewohnerInnen unterzubringen. Anfang Mai wurde die neue Jugend-WG in der Lychener Straße als Nachfolgeeinrichtung der K 71 bezogen.

Am 15. Mai erhielt die Heilsarmee das Haus Kastanienallee 71 zurück. Seitdem geschieht im Gebäude, wie es scheint, nichts. Es steht leer.

Laut Pressemitteilung der Heilsarmee, Divisionshauptquartier, vom 12. 2. 1996 werden noch im Februar 1996 die Umbau- und Sanierungsarbeiten beginnen. Geplant sind nach der gleichen Quelle Wohnungen im Rahmen des 2. Förderwegs, eine Begegnungsstätte, die zugleich als Gemeindesaal dienen soll, und gewerbliche Nutzungen.


6.2. Lebensgeschichten von drei BewohnerInnen des Hauses Kastanienallee 71

Vorbemerkung

Die Lebensgeschichten werden entsprechend den Berichten der Jugendlichen erzählt. Es gibt keinen Grund, ihnen keinen Glauben zu schenken. Immer dann, wenn verschiedene Mädchen und Jungen von demselben Vorgang berichteten, stellte sich Übereinstimmung her. Einige Tatsachen konnten auch dadurch bestätigt werden, daß die Sozialarbeiter Kontakte mit den Eltern hatten.


D., zum Zeitpunkt der ersten Hausbesetzung 14 Jahre alt

D. war während der ersten Zeit in der K 71 stolz darauf, von den älteren Besetzern für voll genommen, als Gleichaltrige behandelt zu werden und nicht wie andere 14jährige, die noch als Kinder galten. Gleichzeitig stellte sie aber fest: "Ich bin ein Kind, das schnorrt und kifft."

Trotz ihres punkigen Aussehens lehnte sie es ab, Punk zu sein: "Ich bin kein Punk. Ich bin nichts. Ich bin ich. Ich lasse mich nicht in dieses blöde Schuhkartonsystem stecken, nicht einsortieren und abstempeln! Ich bin ein Kind und stolz darauf, daß ich noch ein paar Jahre hab, in denen ich nicht so verkorkst bin wie S., der den ganzen Tag putzt und wischt."

D. kommt aus einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. Mit der Familie hat sie mehrere Umzüge mitgemacht. Als D. sechs Jahre alt war, ließen ihre Eltern sich scheiden. Ihre Schwester zog zum Vater, auch der Bruder lebt inzwischen, nach einer Zeit im Internat, beim Vater. D. blieb bei ihrer Mutter.

Mit dem neuen Freund der Mutter kamen noch mehr Schwierigkeiten auf D. zu. Sie beschreibt das so: "Seinetwegen hatten wir den meisten Streß. Ich konnte den nicht ertragen. Sie hatte mich nicht gefragt, ob ich den leiden kann oder nicht; sie zog einfach mit dem zusammen. Vorher wohnten wir allein in unserer Wohnung in einer kleinen Stadt und haben viel zusammen gemacht. Jetzt zogen wir plötzlich zu ihm, in sein Haus auf dem Land. Von da an konnte ich mit meiner Mutter überhaupt nicht mehr reden, kein bißchen mehr. Ich erzählte ihr nichts mehr von mir. Sie fragte wohl, aber ich hatte keinen Bock mehr darauf, mit ihr zu labern. Ich dachte: Sie lebt ja ihr Leben. Da wollte ich sie an meinem auch nicht mehr teilnehmen lassen."

Mit zehn oder elf Jahren fing D. an, die Schule zu schwänzen. Mit zwölf blieb sie dann auch schon tagelang weg von Zuhause. Sie hatte "hundertmal am Tag Streit" mit der Mutter wegen der bunten Haare, wegen der kaputten Klamotten, wegen der vielen Ohrringe und der Unordnung im Zimmer. Weil sie sich den Maßstäben des kleinen Ortes nicht anpassen wollte.

Als die Mutter D. in dieser Zeit einmal in Kiel fand, wie sie mit bunten Haaren in einer Truppe von anderen Jugendlichen und Kindern auf der Straße herumsaß, löste das einen Schock bei der Mutter aus, wie D. sich erinnert: "Gleich hieß es, ich wär besoffen und drogenabhängig! Dabei hab ich zu der Zeit noch nicht mal gekifft."

D. wurde in die offene Kinderpsychiatrie gebracht, sollte dort aber sehr schnell wieder entlassen werden. Erst als sie einen Platz in einer betreuten Wohngruppe bekam, stimmte die Mutter der Entlassung aus der Psychiatrie zu.

In der Wohngruppe vermißte D., daß sich die Sozialarbeiter um sie kümmerten. Sie schwänzte wieder die Schule und hatte das Gefühl, das fiele in der Wohngruppe niemandem auf. Den versprochenen Nachhilfeunterricht bekam sie nicht. Sie konnte, meinte sie, jeden Tag machen, was sie wollte, und das nervte sie schnell. In der Zeit fing sie auch an zu kiffen.

Sie verließ die WG, um zu einem Konzert zu trampen, landete in einem besetzten Haus in Rostock, das bald geräumt wurde. Die Mutter mußte sie dann in Rostock bei der Polizei abholen. Nur wenige Wochen blieb D. zu Hause, dann lief sie weg und "rannte zwei Jahre mit Vermißtenanzeige durch die Gegend". In Flensburg lebte sie in einem besetzten Haus, fürchtete aber, in der Kleinstadt zu schnell entdeckt und wieder nach Hause gebracht zu werden. Einmal sah sie eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt, dann verschiedene Lehrer. Um der Begegnung zu entgehen, trampte sie im Herbst 1993 nach Berlin.

Als ihren Tiefpunkt beschreibt D. die Zeit vor den Sommerferien im Jahr 1993: "Da hab ich wirklich weit unten gelebt. Den ganzen Tag in der Stadt rumgesessen und gesoffen, ziemlich viel Drogen genommen. Eine Zeitlang gefiel mir das. Aber dann hatte ich keinen Bock mehr - morgens schon besoffen sein, den ganzen Tag nicht mehr viel mitkriegen, abends einpennen. Das brachte keinen Spaß mehr. Weil wir auch nichts mehr unternommen haben. Jeder ist nur noch seinen eigenen Film gefahren.

Im Sommer hab ich dann eine Paddeltour in Schweden mitgemacht. Drei Wochen im Wald. Natur, klare Luft. Darauf hatte ich richtig Bock. Keine Drogen. Da dacht ich mir so: Mein Gott, es gibt auch noch was anderes. Erst mal will ich bißchen rumgucken und was erleben. Reisen, alle Länder sehen."

In Berlin fand D. zuerst Unterschlupf in einer besetzten Ein-Zimmer-Wohnung, aber "es wurde immer chaotischer. Schließlich waren wir fast 20 Leute, und so sah die Bude auch aus. Bis zu den Kniekehlen Müll. Mit so vielen in einem Raum, das geht nicht. Aber wir hatten immer mehr Leute bei uns pennen lassen, weil es so kalt war. Da macht man das halt, sonst erfrieren die. Im Januar wurde die Wohnung geräumt. Im Februar hörte ich von der K 71 und guckte mir das mal an. Und blieb."

In dem geplanten Selbsthilfeprojekt hätte D. gern Zimmermann gelernt, erzählte sie, als die Idee noch real erschien. Sie wollte gern, daß die Zukunftsvorstellungen rund um die K 71 sich umsetzen lassen. Das Hin und Her, das Chaos reichte ihr allmählich, meinte sie. Sie wünschte sich in dem gemeinsamen Haus für jeden ein eigenes Zimmer und wollte Hauptschulabschluß und Lehre schaffen.

Im Herbst 1994 ging D. einige Wochen unregelmäßig zur Schule. Es gelang ihr nicht, länger durchzuhalten. Zu schwierig waren die Bedingungen für sie: Sie stand als einzige in der K 71, wo bis nachts um vier Musik dröhnte, früh auf und ging zur Schule. Sie mußte Hausaufgaben machen, möglichst außerdem Wissenslücken aufholen. Sie saß in einer Klasse, in der sie mit Abstand die älteste Schülerin war und als Exotin angesehen wurde. Die Motivation reichte bei D. nicht aus, um mit dieser Situation fertig zu werden. Eine Schule in der Nähe zu haben, das war als Voraussetzung einfach nicht genug.

Hinzu kam, daß D`s. Hündin in der Zeit der K 71 zweimal neun Welpen warf, um die sich D. kümmerte. Die Hündin - vielleicht ihre engste Freundin über lange Zeit, die sie liebt und braucht. D. erzählte:

"Wirklich unabhängig leben kann ich nicht, das weiß ich. Mein Hund gehört nämlich dazu. Sie ist meine Freundin, die nehm ich überall hin mit. Als ich sie zu mir geholt hab, wußte ich, daß sie so eine alternde, arrogante, neurotische Hundedame ist. Sie fauchte mich erst mal eine Stunde lang an. Ich sah aber, daß sie nur Angst hatte. Sie guckte mich ängstlich und zugleich lieb an. Ich wollte sie haben. Ich hatte mich gleich in sie verliebt.

Es dauerte dann noch ungefähr eine halbe Stunde, bis sie sich endlich neben mich legte. Sie schlich sich vorsichtig an. Ich streichelte sie. Endlich drehte sie mir dann ihren Bauch zu, so: Ach, streichel mich da auch mal!

Wenn ein Hund dir den Bauch zudreht, ist eigentlich alles okay.

Normale Hunde fassen schneller Vertrauen zu Fremden. Sie kommt aber aus dem Tierheim. Dort sollte sie eingeschläfert werden, weil sie aggressiv ist. Sie hat in ihrem Leben halt ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht. Sie wurde geschlagen, verschiedene Leute haben sie immer von einem zum anderen weitergereicht. Keiner wollte sie wirklich. Deshalb dauerte es lange, bis sie mir vertraute. Und bis heute geht sie nur mit mir runter auf die Straße, mit keinem anderen."

Während der Zeit in der K 71 kiffte D. viel, zeitweilig verkaufte sie Haschisch in kleinen Mengen auch an andere Hausbewohner weiter.

Die Mutter besuchte D. in dieser Phase ab und an, nachdem es mit Hilfe der Sozialarbeiter gelungen war, Kontakt aufzunehmen. Sie übernachtete dann bei D., ging mit ihr einkaufen, und die Beziehung besserte sich etwas. D. sagte: "Im Moment verstehen wir uns ganz gut. Sie ist eigentlich ein lieber, ruhiger Mensch. Ich würde zwar wieder so leben wie damals, als ich zu Hause wegrannte, aber vielleicht würde ich heute mehr Rücksicht auf sie nehmen. Damals war sie mir egal."

In den letzten Monaten in der K 71 war D. möglicherweise bereit, wieder in ihren Heimatort zurückzugehen, unter der Voraussetzung, dort eine eigene Wohnung zu bekommen, in die sie ihren Freund und die Hündin mitnehmen wollte. Die Mutter forderte sie aber nicht direkt dazu auf und wünschte D's. Rückkehr in den kleinen Ort offenbar nicht mehr. D. entschied sich dann, in die betreute WG in der Lychener Straße zu ziehen.

Zur Zeit bemüht sie sich darum, an einem Projekt, also nicht in Form von üblichem Unterricht, sondern auf ihre individuellen Fähigkeiten und Kenntnisse zugeschnitten, den Hauptschulabschluß nachzuholen.


S., 24 Jahre alt

S. wurde oft - halb respektvoll, halb spöttisch - als der einzige Besetzer in der K 71 vorgestellt, der tatsächlich nicht kiffe. Dafür saufe er aber heftig, manchmal zwei Kisten Bier hintereinander weg. Er gab das auch sofort zu, betonte aber: "Ick sauf keinen Hart-Alk mehr!"

Im Sommer 94 versuchte S., sein Leben zu organsisieren. Er meldete sich beim Arbeitsamt und bei der Meldestelle an und kümmerte sich um seine Papiere.

S. wuchs in einer Familie von LPG-Bauern auf, in der Nähe von Neuruppin. Der Vater war Melker, die Mutter arbeitete im Schweinestall. S. hat eine Schwester und sechs Brüder bzw. Halbbrüder. Von den Geschwistern ist er der einzige, der die zehnte Klasse absolvierte. Die anderen verließen die Schule schon nach der achten. Sein Kommentar dazu lautete: "Mich hat die Lehrerin so gerne gehabt, die wollte mich nicht gehen lassen."

S. erinnerte sich daran, mit den Brüder in der Kindheit viel Blödsinn gemacht zu haben. Die Eltern achteten auf Ordnung. Die Kinder übernahmen früh Pflichten im Haushalt. Geschlagen wurden sie nur, so S., "wenn es not tat. Ick hab zum Beispiel mal im Schlafzimmer mit Feuer gespielt, brennende Streichhölzer in den Kleiderschrank geschmissen. Dafür kriegt ick ne Tracht Prügel. Hab ich auch selbst eingesehen. War Blödsinn gewesen."

Eigentlich wollte S. das Dorf nicht verlassen. Das Leben mit den Tieren gefiel ihm. Er lernte Metzger, auf dem Schlachthof der Kreisstadt. Den Beruf bezeichnete er als seinen Traumberuf, fügte aber hinzu: "Ne andere Lehrstelle hätt ick och gar nicht gekriegt, zensurenmäßig. Die waren ja nicht gerade alle Welt!"

Nach dem Abschluß der Lehre arbeitete S. auf dem Schlachthof im Akkord. Er mußte, wie er erzählte, Schweine betäuben, Schweine abstechen, Brühkessel fahren. 1000 Mark verdiente er als Jungfacharbeiter im Monat. Um besser zu verdienen, verpflichtete er sich zu zehn Jahren Dienst bei der Nationalen Volksarmee. Nach zwei Monaten als Metzger zog man ihn "zur Fahne", wie es in der DDR hieß, und er wurde Berufsunteroffizier.

Zucht und Ordnung sagten ihm zu. So, fand er, mußte es sein. Ähnlich kannte er es ja von zu Hause, wo auch viele Jungen auf engem Raum zusammengelebt hatten.

S. wurde bei der Armee Gruppenführer für chemische Truppen und Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, letzteres allerdings im Suff, wie er berichtete. Noch bevor das Jahr als Kandidat der SED für ihn abgelaufen war, flog er wieder aus der Partei raus. Grund war eine Schlägerei, die er mit einem Vorgesetzten anfing, in einer Kneipe, unter Alkoholeinfluß. Wie es bei der NVA verbreitet war, trank S. viel, "Sturzbier" nennt er das.

Der Rausschmiß aus der Partei tat ihm nicht leid, bedeutete ihm nichts. Aber die DDR empfand er als sein Vaterland, sich als guten Staatsbürger. Drei Jahre diente S. bei der NVA, 1987 bis 1990. Daß das Ende der DDR bevorstand, es zu Unruhen kam, überraschte ihn völlig. Er sagte: "Sowat Schlechtes hätt ick der DDR och nicht gewünscht. Ick dachte immer, alles bleibt, wie es ist. Ick reiß meine zehn Jahre bei der Fahne runter. Aber daß es so kommt, wußte keiner. Noch nicht mal ich oder ein anderer Soldat bei uns."

Vollkommen überrumpelt von den Ereignissen, erlebte S. mit, wie viele der Soldaten und Offiziere der NVA schnell die Uniform wechselten. Für ihn waren das Wendehälse. Damit kam er nicht klar. Im März 1990 schrieb er nach langem Grübeln gemeinsam mit drei anderen Soldaten sein Entlassungsgesuch. Im August stand er draußen, vor der Kaserne. Fuhr sofort in seinen alten Betrieb. Nach DDR-Recht galt sein Arbeitsvertrag noch, aber er wurde entlassen. Er schilderte die Stiuation so: "Ick stand vor dem Nichts. Wo sollte ick hin? Arbeiten wollte ick, aber die ließen mich nicht. Sollt ick zu Hause sitzen, auf dem Dorf? Die LPG war im Arsch gewesen, in janz kurzer Zeit. Meine Mutter war auch schon arbeitslos. Vater war 89 gestorben. So. Und was nun? Da war ick mit dem Osten fertig."

S. fuhr nach Westberlin, haute ab, wie er sagte. Lernte am Bahnhof Zoo Leute kennen, die er im Rückblick als die falschen bezeichnete. Alkoholiker, Junkies. Bei den Alkoholikern blieb er, soff mit ihnen, übernachtete monatelang auf einem Parkplatz.

Vor den anderen Drogen fürchtete er sich. Ihm war bewußt, daß auch Alkohol abhängig macht. Nur: Diese Droge kannte er, die war ihm vertraut.

S. ging schnorren. Er schlug auch mal zu, wenn ihm Leute nichts gaben, und nahm ihnen dann die Brieftasche weg. Als totalen Abschaum empfand er sich in dieser Zeit selbst.

Nachdem er auch im Winter 1992 keine Unterkunft hatte, fuhr er im März wieder nach Hause, zu seiner Mutter und den Geschwistern. Er schämte sich, in so schlechtem Zustand wieder dort aufzutauchen. Hörte sich die Vorwürfe der Mutter und der älteren Geschwister an und versuchte, wieder legal zu leben. Nach einem Vierteljahr bot man ihm auf dem Arbeitsamt einen Job in seinem früheren Betrieb an, der inzwischen von einem Westberliner Unternehmen übernommen worden war.

Er nahm die Stelle sofort an, trank nur noch Bier und kämpfte hart, um das durchzuhalten. Hielten ihm Kollegen, wie er das vom Schlachthof gewohnt war, immer mal einen Schnaps hin, lehnte er ab. Trotz schwerer Entzugserscheinungen schaffte er es, regelmäßig pünktlich zur Arbeit zu gehen. Aber im Sommer 93 kündigte man ihm erneut. Die Kollegen einer Schicht wurden nicht mehr gebraucht. S. war der letzte Neueingestellte, der entlassen wurde. Eine andere Stelle fand er nicht mehr.

Anfang 94 stand S. wieder am Bahnhof Zoo. Er lebte wieder auf der Straße, zog durch den Osten der Stadt, von Wärmestube zu Wärmestube. S. verkaufte die Obdachlosenzeitung "mob" und schnorrte nicht mehr. Das erleichterte ihn. Er hatte Schnorren immer als erniedrigend empfunden.

Ein anderer "mob"-Verkäufer erzählte S. von der K 71 und fragte ihn, ob er nicht mit den anderen vor dem Haus kampieren wolle und so die Besetzer unterstützen. S. ging mit. Als der Verein EntwederOderberger die Untermietverträge abschloß, stand er auf der Liste der jungen Leute ohne festen Wohnsitz. Er zog ins Haus und fiel dort aus dem Rahmen mit seiner Putzwut, wie die anderen das sahen. Aber sie ließen ihn machen. Er wurde akzeptiert.

Lange Zeit gehörte S. zu denen, für die das Selbsthilfeprojekt lebenswichtig schien. Alles wolle er tun, erklärte er, um eine ABM-Stelle zu bekommen und danach irgendwann wieder eine reguläre Arbeit. Aber zunehmend hatte S. Schwierigkeiten mit dem Chaos und dem Dreck im Haus. Er, der doch "mit Volldampf" in das Selbsthilfeprojekt gewollt hatte, resignierte schließlich. Im Oktober verließ er die K 71. Er nahm Mietgelder mit, die er im Haus kassiert hatte, und hinterließ einen Zettel: "Ich hab keinen Bock mehr aufs Haus."

Ungefähr ein Jahr später trafen einige der ehemaligen Besetzer ihn wieder, erleichtert, daß er noch da war und nicht etwa bei der Fremdenlegion, wie nach seinem Verschwinden vermutet worden war.

Im Winter 1996 lebt S. wieder auf der Straße und säuft. Wie er behauptet, trinkt er keinen harten Alkohol.


J., 21 Jahre alt

Um ihre eigenen Erfahrungen nutzen und anderen helfen zu können, stellt sich J. manchmal vor, Sozialarbeiterin zu werden. Als Streetworkerin mit Leuten zu arbeiten, die von zu Hause weggelaufen sind, das hält sie für sinnvoll. Vielleicht, hofft sie, könnte sie das besser als mancher andere. Aber sie denkt: "Es ist so schwer, eine Vertrauensbasis zu finden. Es geht doch heutzutage nur noch um Gewalt. Mit Liebe und Vertrauen kann man doch fast nichts mehr erreichen."

Noch lieber als Sozialarbeiterin wäre J. Sängerin.

J. wurde in Sachsen geboren und verbrachte die ersten Lebensjahre bei den Großeltern, die sie sehr liebt. Mit den Großeltern fuhr sie in die Ferien und feierte Gartenfeste. Der Opa, Heizer in ihrem Kindergarten, baute ihr eine Schaukel und züchtete Hasen, die sie gerne beobachtete. Sie hatte eine glückliche Kindheit, sagt J., wenn sie von ihren ersten fünf Lebensjahren spricht.

Ihren Vater kannte J. nicht. Ihre sehr junge Mutter erschien manchmal zu Besuch. J. wußte nur: Sie feierte immer Partys. Als die Mutter wieder schwanger war, akzeptierte sie den Wunsch ihrer künftigen Schwiegereltern und heiratete den neuen Partner. Gegen ihren Willen tat die Mutter das, denkt J.

Das Paar nahm das Mädchen zu sich. J. war fünf. Sie erinnert sich, von da an stur und aggressiv geworden zu sein. Nichts mehr von der "lieben kleinen J."! Den neuen Vater haßte sie. Er zwang sie, aufzuessen, was auf dem Teller lag; er schlug sie. Er schlug auch die Mutter. Nach einem Umzug der Familie in die nächstgelegene Großstadt konnte J. nicht mehr allein die Großeltern besuchen, das erschwerte ihre Lage zusätzlich.

Die Ehe wurde geschieden, und der Vater bekam J`s. jüngere Schwester zugesprochen. In der Zeit der Scheidung lebte der Mann noch bei der Familie. J. erinnert sich an Schläge, sie erinnert sich, daß der Mann sie mißbrauchte. Sie war acht. Sie meint heute, daß ihre Mutter von dem Mißbrauch wußte, aber nichts unternahm. Sie sagt: "Dafür hasse ich sie."

J. erzählte, daß in der Familie immer viel getrunken wurde. Der Großvater trank. Die Mutter ist Alkoholikerin. Als Kind habe sie sich deshalb geschworen, nie Alkohol anzurühren. Aber jetzt trinke sie schon, wenn auch nicht viel.

Das dritte Kind, J's. zweite Schwester, wurde geboren. J. kümmerte sich viel um sie. Die Mutter arbeitete inzwischen als Garderobiere an einem Theater. J. ging oft mit zu den Vorstellungen und war glücklich hinter der Bühne. Sie durfte in einem Kurs für Kinder tanzen lernen.

Die Mutter arbeitete abends, nachts feierte sie, am Tage schlief sie. So erinnert sich J. an diese Zeit. Sie mußte sich um den Haushalt und die kleine Schwester kümmern. Sie spürte, daß sie anders lebte als die Mädchen in ihrer Klasse. Deshalb verstand sie sich mit ihnen nicht. Lieber zog sie mit Jungen herum. Eine Freundin fand sie in ihrer Christenlehre-Gruppe. Für die Lehrer war J. das schwarze Schaf. Nachdem ihre Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hatte, um die DDR zu verlassen, war das erst recht besiegelt.

Der Antrag wurde nicht genehmigt. Die Mutter wurde statt dessen unter Druck gesetzt: Wenn Sie den Antrag nicht zurückziehen, weisen wir die Kinder ins Heim ein. Wenn Sie ihn zurücknehmen, erhalten Sie eine Neubauwohnung.

Die Frau gab nach, aber ein paar Jahre später stellte sie einen zweiten Ausreiseantrag, der nicht einmal beantwortet wurde. Schließlich verließ sie mit den beiden Töchtern, die bei ihr lebten, die DDR im Herbst 1989. Sie fuhren über Bulgarien und Rumänien nach Ungarn, dann über die Grenze nach Österreich. J. erinnert sich an die Angst, die sie unterwegs hatten, im Zug aufgegriffen und zurückgebracht zu werden.

Die andere Welt empfand J. schon in Österreich als magisch. Sie dachte: "Kaum zu glauben, in so einer Welt zu sein." Andererseits wäre sie lieber bei den Großeltern geblieben.

Im Übergangswohnheim in einer westdeutschen Stadt zog J. ins Zimmer einer Freundin. Die Mutter hatte einen neuen Freund und kümmerte sich nicht um das Mädchen. J. und ihre Freundin zogen in der Stadt herum, schnorrten zusammen, gingen in Klubs. In der Schule blieb J. nur kurze Zeit. Es hieß: "Scheiß-Ossi", damit kam sie nicht zurecht und ging einfach nicht mehr hin. Die beiden Freundinnen trieben sich in der Stadt herum, schliefen auch mal im Park. Nach einem halben Jahr stellte das Jugendamt J. vor die Alternative, ins Heim, in eine betreute WG oder zurück zur Familie zu gehen. J. entschied sich für die Großeltern. Bei ihnen ging sie wieder zur Schule. Da hieß es nun: "Arrogante Wessi-Kuh!" Aber sie wollte die Schule abschließen, sie wollte Abitur machen.

J. war 18, als unerwartet die Eltern erschienen. Ihr Vater hatte sich auf einmal wieder bei ihrer Mutter gemeldet. Jetzt lernte J. ihn kennen. Sie mochte ihn nicht. Aber sie zog zu den Eltern nach Osnabrück, hing dort rum, langweilte sich. Am liebsten hätte sie Gesang studiert, das war damals schon ihr Traum. Sie lernte, wie von der Familie gewünscht, "etwas Vernünftiges", Friseurin. Bei den Eltern zog sie aus, weil es nur Krach gab. Der Vater arbeitete nicht, er soff auch. J. zog mit einer Freundin zusammen, die sich aus einer komplizierten, gewalttätigen Beziehung mit einem Heroinabhängigen lösen und Ruhe finden wollte. Die Freundin war Punk und, wie J. sagt, "noch verrückter als ich".

Punks hatten J. schon in der DDR angezogen, als sie 13, 14 war. Punksein heißt für sie: "machen, was man will; sagen, was man fühlt, frei heraus, ohne Heuchelei". Eine andere Art zu leben, die sie anzieht.

Es blieb weiter eine chaotische Zeit für J. in Osnabrück. Sie hatte Probleme mit sich selbst und depressive Phasen, wie sie es beschreibt; Probleme mit der Mutter; Probleme in der Lehre und mit dem Chef, schon wegen ihrer Klamotten, mit denen sie in die Welt eines gediegenen Frisiersalons nicht paßte. Der Junkie, von dem ihre Freundin endlich loskommen wollte, tauchte in der gemeinsamen Wohnung immer wieder auf. Aber J. meint auch, daß sie trotzdem mit der Freundin auch gute Zeiten hatte, mit viel Spaß.

Die Lehre hat J. in Osnabrück abgeschlossen, aber sie will den Beruf nicht ausüben, klagt auch über eine Allergie gegen verschiedene Chemikalien.

In Osnabrück lernte J. ihren Freund M. kennen, der auch aus der DDR stammt. Freunde brachten sie deshalb zusammen: Ihr müßt euch mal kennenlernen, ihr seid doch beide aus dem Osten!

M. zog wenig später nach Berlin. J. folgte ihm, um mit ihm zusammen zu sein, aber auch, weil Berlin sie schon lange anzog. Sie sagt: "Berlin, das ist für mich Freiheit. War schon immer so. Das hab ich, glaub ich, von meiner Mutter. Die ging mit 18 nach Berlin und tobte sich hier aus. Mich ließ sie bei den Großeltern. Sie erzählte mir oft von Berlin. Als ich hierher kam, war ich sofort fasziniert. Ich konnte kaum begreifen, daß es so was noch gibt: Man kommt an einen Ort und fühlt sich wohl."

J. zog zu ihrem Freund M. in die Kastanienallee 71. Im Haus hatte sie teil an den Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Grüppchen, einmal sogar - ausgelöst durch eine zerbrochene Scheibe und den Krach darüber - an einer Prügelei: "War eine richtige Erleichterung, die Aggressivität rauszulassen. Ich wußte, was ich mache, ich wollte mich gar nicht mehr beherrschen. Das mußte mal sein, daß ich ausflippe. Ich wollte das Haus verteidigen. Wollte durchsetzen, daß nicht noch mehr zu Bruch geht, daß wir nicht geräumt werden, daß die Nachbarn nicht die Bullen rufen. Ich hab das Recht, hier zu leben, genauso wie die anderen. Und ich hab niemanden im Hinterhalt, zu dem ich mich flüchten kann, wenn ich auf die Straße fliege.

Eine bestimmte Art von Gewalt akzeptiere ich. Wenn ich weiß, daß ich recht hab, daß ich mich verteidigen muß, egal, auf welche Weise, dann ist das okay, ob ich verliere oder gewinne. Ganz ehrlich: Ich prügele mich gern, wenn man mir einen Grund gibt. Dann wehre ich mich, gegen jeden, auch gegen einen Zweimetermann. Sonst bleibe ich ruhig, höre zu oder gehe weg.

Mit Gewalt bin ich aufgewachsen, bei meinem Stiefvater, damit hängt das sicher alles zusammen. Wehren mußte ich mich bisher immer. Tu ich auch. Die Leute wundern sich oft darüber: So kann die sein? Man täuscht sich leicht in mir."

Die Beziehung zu ihrem Freund M. ist für J. sehr wichtig, das gegenseitige Vertrauen, die Treue. Neben der Partnerschaft sucht J. "eine richtige große Gemeinschaft, die so ist wie eine Familie. Mit Wärme, mit Spaß, manchmal auch mit Traurigkeit, die gehört nun mal dazu. Das ist so meine heile Welt, mein Paradies. Wo man von allem Bösen abgeschottet ist. Aber ich finde das nicht. Ist nur ein Traum."

Diese Gemeinschaft hätte sie gern in der Kastanienallee entdeckt.

J. gehörte zu den jungen Erwachsenen, die zum Ende des Jahres 1994 den Traum vom Ausbauhaus mit den Bewohnern der K 71 aufgaben und in gewisser Weise resignierten. Gemeinsam mit ihrem Freund und ihrer Ratte, drei anderen jungen Männern aus der K 71 und weiteren Haustieren zog sie in die große Wohnung, die aus dem geschützten Marktsegment zur Verfügung gestellt wurde. Die Wohngemeinschaft erweiterten J. und M. nach einigen Wochen noch durch zwei Katzen.

Im Frühjahr 1995 vermittelte das Arbeitsamt J. eine dreimonatige Fortbildung zur Kosmetikerin, die sie - wenn auch mit Fehlzeiten - absolvierte. Aber im Grunde wollte sie diesen Kurs nicht, sie erlebte sich dort als fehl am Platze und erzählte, daß die Lehrerin ihr ablehnend begegnete.

Sie träumt weiter vom Singen, unternimmt einen Versuch als Sängerin in einer Band und hofft, wenn sie vom Arbeitsamt zu einem Vorstellungsgespräch in einem Frisiersalon geschickt wird, eher auf Ablehnung.

Nach J`s. Auszug aus der K 71 starb ihr Großvater, und sie fuhr nach Sachsen, um der Oma beizustehen. Sie sagte: "Ich denke wenig an den Tod, aber ich träume von meinem Opa. Er war so wichtig in meinem Leben. Beschützte mich. Hätte ich M. nicht gehabt, wär ich voll abgehoben, das weiß ich wohl. An den kann ich mich ankuscheln.

Ich hab nicht das Gefühl, daß ich jetzt, wo mein Opa nicht mehr lebt, endgültig erwachsen sein muß. Warum denn? Ich will überhaupt nicht erwachsen sein. Ich bin viel zu gerne Kind - in vielen Dingen."


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