Stefan Schneider - Wohnungslosigkeit und Subjektentwicklung

HEINER

Interpretation

Der Schlüssel zur Interpretation von HEINERS Biografie und Lebenslage liegt weniger in dem, was HEINER erzählt als vielmehr in der Analyse dessen, was er nicht erzählt sowie dem Versuch einer Rekonstruktion der Gründe, warum dies so ist. Die Darstellung seiner Biographie jedenfalls ist für HEINER kein Thema.

Eine einführende, widersprüchliche Episode vom Wohnungsbrand und den Folgen, die seinen Einstieg in die Wohnungslosenszene auf der Oberfläche erklären könnte, wird von ihm relativiert mit der Bemerkung, er wäre auch ohne wohnungslos zu sein zum Theaterprojekt gekommen. Dazu ergänzend paßt seine zutreffende Bemerkung, daß Wärmestuben auch von Gästen besucht werden, die noch eine Wohnung haben. Eindeutig ist, daß er aktuell keine eigene Wohnung hat, und auch keine zentralen Berührungsängste oder Abgrenzungsprobleme gegenüber anderen Wohnungslosen kennt.

Ohne weitere Anhaltspunkte kann über den Verlauf seiner biographischen Entwicklung nur spekuliert werden. Der Tenor seiner Gesprächsaussagen über sein aktuelles Engagement und und die Vorgeschichte des Theaterprojekts läßt vermuten, wie denn die Darstellung der Biographie ausgefallen wäre, hätte er darauf eingehen wollen: Er hätte die einzelnen Stationen und Phasen seiner Lebensgeschichte wahrscheinlich eingereiht und ausgedeutet innnerhalb des übergeordneten Gesichtspunkts einer kapitalistischen Gesellschaftsformation wie die der Bundesrepublik.

Seine Erzählung setzt dort ein, wo es ihm um die Erklärung seines Engagement in der Theatergruppe geht. Die Rekonstruktion dieser Zeit erhellt eine wichtige Phase der Frühgeschichte von Kultur-, Theater- und Selbsthilfeprojekten im Bereich der Obdachlosenarbeit Anfang der 90er Jahre in Berlin - aber erst eine spätere geschichtliche Betrachtung wird zeigen, ob es sich hierbei schon um erste Formen eines neuen Typs der Obdachlosenhilfe handelt. HEINERS Darstellung wird bestimmt durch die Wiedergabe objektiver Fakten und Entwicklungsverläufe und das Herausarbeiten von Widersprüchen. In ihr kommt sein Verhältnis, seine Einschätzung und Bewertung dieser Entwickungen - aus heutiger Sicht - zum Ausdruck. Ganz zweifellos hat für HEINER das Engagement innerhalb dieses komplexen Zusammenhangs den Rang einer dominierenden Tätigkeit, die aktuell im Zentrum seines Lebens und an oberster Stelle seiner Motivationshierarchie steht. Was dies konkret für HEINER bedeutet, erschließt sich erst am Ende einer sorgfältigen Analyse seines Engagements:

Die vielleicht erste Station einer Berliner Obdachlosentheaterarbeit, die schließlich zur Gründung des Wohnungslosenprojekts "UNTER DRUCK. Kultur von der Straße" führte, wurde ausgelöst im Dezember 1990. In diesem Monat kommt der schottische Regisseur Jeremy WELLER mit seinem "Grassmarket Project" zu einem Gastspiel an die Berliner Volksbühne in Berlin-Mitte. Wohnungslose aus Grassmarket, einem der Armutsviertel in Edinburgh, spielen in "Glad" ausdrucksvoll ihr Leben und die soziale Realität ihres Alltags in einem Obdachlosenasyl. Das gab den Anstoß für eine eigene Berliner Entwicklung. Der damalige Sozialstadtrat von Berlin-Mitte, Rainer RÖPPKE, begeistert von diesem Stück, holte den Regisseur Bernhard WIND nach Berlin, der mit Schauspielern und 15 Berliner Wohnungslosen, darunter auch HEINER, das Stück "Untergang" erarbeitete und im Juni 1991 in der Parochial-Kirche aufführte.

"Die Stärke des Stücks ist die Verknüpfung von Lebenserfahrung mit der Kunst"
(Bernard WIND in der taz vom 23.5.91):

Wer ein authentisches Millieustück, politisierendes Aufklärungstheater oder den "reinen" Kunstgenuß erwartete, wurde enttäuscht. Das nicht unumstrittene Stück einer künstlichen Überhöhung der Begegnung von professionellem Schauspiel und wohnungsloser Lebenswirklichkeit zeigte miteinander verwobene, ineinander übergehende und gegeneinander gestellte Szenen, Bilder und Fragmente. Reale, detailgenau ausgearbeitete Szenen des Alltags (Sozialamt), zuspitzende Vereinfachungen (der Ordnungspolizist zahlt der Sozialarbeiterin ihren Stundenlohn aus), symbolhaft-ästhetische Übersetzungen (der angedeutete Kreuzweg) und existenzialistische Reflexionen (CAMUS, der Sinn des Lebens oder: die Frösche in der Milchschüssel) warren einige der Elemente. Das Stück war weniger ein fertiges Produkt als vielmehr die Wiedergabe der Schichten, Dimensionen und Prozesse dieser Auseinandersetzung während der Erarbeitung des Stücks. Permanent brachen die verschiedensten Gegensätze von Individualität und Gruppe, Authentizität und Rolle, Lebensrealität und Kunst, Distanz und Nähe, spielerischem Diskurs und intentionaler Vergegenständlichung auf und fallen erneut zusammen. Die Darsteller erspielten Figuren, die irritierend vertraut wirkten, weil sie Flächen zur Identifikation boten, aber auch bisweilen abstoßend waren und wirkten. Die Schlußszene zeigte - in Camus'schem Sinne - die Unerträglichkeit abgeschlossener Räume. Selbst in der spielerischen Darbietung war das nicht lange auszuhalten.

Mit seiner Kritik an diesem Stück: "Wir haben praktisch nichts bekommen.", verweist HEINER auf ein strukturelles Problem von Theaterarbeit mit Wohnungslosen, sobald sie fremdorganisiert ist. In einer "Presseerklärung zur Situation der mitspielenden obdachlosen Menschen in 'Die Pest'", einem weiteren Obdachlosenstück des britischen Regisseurs Jeremy WELLER an der Volksbühne, dokumentiert Dagmar BERNDT (1992), daß die Situation Wohnungsloser oft ausgenutzt wird von Leuten, die sich über Kulturarbeit mit sogenannten "Randgruppen" profilieren, und sich um die wohnungslosen SchauspielerInnen nur insoweit scheren, wie diese für ihre Darbietungsambitionen nützlich sind und "funktionieren". An einer Veränderung ihrer Lage ist nicht gedacht - es könnte ja den authentischen Charakter des Stückes in Frage stellen. In ähnlich kritischer Weise äußert sich auch HEINER zu diesem Theaterprojekten.

Aus der Enttäuschung über nicht eingehaltene Versprechungen (Tournee) und unter dem Eindruck, daß mit dem Ende der Arbeit von WIND sich die Gruppe in Luft auflöst, ziehen einige der wohnungslosen SchauspielerInnen, darunter HEINER, die Lehre und beginnen unter dem Arbeitstitel "Berliner Obdachlosen GmbH & Co. KG" selbstbestimmt weiterzuarbeiten.

Der Kongresss der Berber, Obdachlosen und Besitzlosen in Uelzen

In dieser Umbruchsituation ist die Teilnahme am Kongresss der Berber, Obdachlosen und Besitzlosen vom 19. - 22. 6. 1991 in Uelzen[4] eine wichtige Station. Der Kongress in der Tadition vergleichbarer Veranstaltungen in Stuttgart in den Jahren 1929[5] und 1981[6] wird organisiert von Willy DRUCKER, der in wochenlanger Kleinarbeit durch die Bundesrepublik reist, Wohnungslose auf der Straße anspricht, in Einrichtungen Werbung verteilt und Einladungen verschickt. Im Verlauf der vier Tage kommen etwa 150 - 200 Teilnehmer, teils in Gruppen, teils einzeln, und andere, die erst durch die aktuelle Medienberichterstattung davon erfahren. Der HANS-HERGOT-TURM, etwas abseits der Innenstadt, ein ehemaliger Speicher, jetzt Willy's Druckerei, ist Kongresszentrum, im großen Tagungsraum im zweiten Stock wird gekocht, gegessen, diskutiert, gefeiert, musiziert, werden Interviews gegeben, der dritte Stock ist Schlafsaal, die anderen wohnen in Zelten um den Turm herum. Bereits der erste Abend zeigt, daß es schwierig genug ist, die unterschiedlichen Absichten, Vorstellungen, Positionen konzentriert und gemeinsam im Plenum zu besprechen. Sollte es über alle Gemeinsamkeiten, die das Leben auf der Straße und die Konfrontation mit einem eigens dafür geschaffenen Hilfesystem mit sich bringt - doch nichts wirklich verbindendes geben? Versammelt waren Obdach- und Besitzlose mit denkbar unterschiedlichsten Lebensgeschichten und Erfahrungen; Einzelpersonen oder bewußte Einzelgänger darunter, aber auch Gruppen, die die 'Straße' zusammenführte und andere Zweckgemeinschaften aus ambulanten Einrichtungen, Initiativen usw. Das erste Plenum, das schon bald zerbricht und sich dann aber doch noch in ein Fest auflöst, dämpft die Erwartungen vieler Teilnehmer, konkrete Forderungen aufstellen und auf dem Kongress etwas erreichen zu können (einheitliche Auszahlung von Sozialhilfe, Einrichtung unabhängiger Kommissionen zur Untersuchung von Pennen und sonstigen Unterbringungsformen, Medienaufmerksamkeit und positive Folgen einer fairen Berichterstattung). Der Kongress entwickelt eine eigene Dynamik. Die bestimmende Lebensrealität der Teilnehmer wirkt auch auf diesen Kongress zurück, scheint immer wieder durch und bricht auf. Außer einem groben Rahmen gibt es kaum verbindliche Vorgaben. Viele Teilnehmer führen Gespräche, üben sich in Selbstdarstellungen, versuchen Orientierung zu gewinnen oder warteten erstmal ab.

Am nächsten Tag: Vormittags nach dem Frühstück ist der inoffizielle Tagesordnungspunkt: Tagessatz an Sozialhilfe abholen, am Freitag für's ganze Wochenende, was verhältnismäßig schnell und unbürokratisch vom Sozialamt abgewickelt wird. Freitag Mittag die Kundgebung in der Stadt, vorher Eintopf vom Laster, der anschließend Rednertribüne wird: Unter anderem spricht Willy DRUCKER vom Recht auf Wohnung und Hannes KIEBEL beschreibt in seinem Redebeitrag den Versuch, herauszufinden, was es mit dem Begriff des "Berbers" auf sich hat. Dazu kurze spontane Statements einiger Teilnehmer, die auch was sagen wollen. Volker gestaltet mit Berbersongs[7] das Rahmenprogramm. Medienberichterstattung begleitet den Kongress von Anfang an, mehrere Fernsehteams, Reporter, Journalisten. Eine Galerie in der Rosenmauer zeigt Werke von Sebastian BLEI, der lange Jahre seines Lebens auf der Straße lebte, einer der Kongreßteilnehmer. Die "Berliner Obdachlosen GmbH & Co. KG" organisiert Lesungen eigener Texte in einer Schule und in der Stadtbücherei.

In diesem Sinne war es ein Kongress in bester basisdemokratischer Tradition, die Teilnehmer auf diesem Kongress vertreten niemanden, außer sich selbst, es war ein Kongress der Teilnehmer und nicht für sie. Wen wundert's. Auch in extremen Situationen müssen gemeinsame Interessen erst hergestellt, erarbeitet werden. Eine der Voraussetzungen dafür ist ein Mindestmaß an selbstbestimmtem Verfügen über Ressourcen. Es wäre überspannt, zu erwarten, daß mit diesem Kongress bereits die Voraussetzungen für den Beginn einer "Bewegung" (taz 25.6.) gegeben wären.

Bereits der Unterhaltungswert einer solchen Veranstaltung - im doppelten Sinne des Wortes - ist von Bedeutung: Nachhaltiger Eindruck bei den Teilnehmern war, daß schon das Dabeisein sich gelohnt hat. Ein wichtiges Ergebnis ist das - letztlich wirkungslos gebliebene - Manifest des Kongresses: Die Verankerung eines Rechts auf Wohnung im Grundgesetz ist eine plausible, nachvollziehbare Forderung, mit der sich die Intention verknüpft, als Bürger einen einklagbaren Anspruch gegenüber dem Staat erheben zu können. Mit einem bloßen Zur-Verfügung-stellen von Übernachtungsmöglichkeiten ist es eben nicht getan. Die vielen Gespräche zum Zwecke des Kennenlernens, Erfahrungsaustausches, Erlebnisberichte sind und waren wesentlicher Bestandteil des Kongresses. Im Vorteil waren diejenigen, die bereits organisiert auf diesen Kongress kamen: Hier konnten Beziehungen hergestellt werden, es entstanden - mit Sicherheit noch brüchige - Ansätze einer Vernetzung.

Bilanz des Kongresses

Wenige Tage nach dem Kongress habe ich - als Teilnehmer und in Reaktion auf die Berichterstattung in der taz unter dem Titel: "Eine Organisationsform der Obdachlosen wurde nicht erreicht!" wie folgt meine Eindrücke zusammengefaßt:

Was wir schon immer wußten, so sind sie also, diese Penner: Versoffene, krakeelende, sprücheklopfende und einander bestehlende Subjekte, Outlaws mit sogenannten Ehrenkodices und Hierarchien einer schillernden Subkultur. Dermaßen renitent geben sie nicht viel her als Objekte für eine Solidarisierung oder Vereinnahmung durch eine kritische Öffentlichkeit. Nicht einmal organisiert sind sie. Wenn sie dann einmal doch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, schwelgen sie in Solidaritätsgefühlen und Medieninteresse. Eine Veranstaltung wie der Kongress der Berber in Uelzen liefert eben eine hervorragende Folie zur Berichterstattung: Losgelöst von einer Kenntnisnahme der realen Lebensbedingungen avancieren die Penner bestenfalls zum Bürgerschreck für die einen, zum Mythos der Berber für die anderen. Im Zweifelsfall wird das vorhandene Material gegen die Angeklagten verwendet.
 
"Du bist ein gefragter Penner. 'Bevor sie hier erfrieren, dürfen wir noch kurz ein Foto von Ihnen machen?'"
 
komentierte der Wohnungslose Klaus LENUWEIT auf einer Lesung der Berliner Obdachlosen GmbH & Co. KG in der Stadtbücherei Uelzen während des Berberkongresses das Funktionsprinzip einer Journalistik, die leider immer noch weitgehend dem Schein des Unmittelbaren aufsitzt. Dahinter offenbart sich möglicherweise ein grundlegendes Problem: Die Nicht-Wohnungslosen wissen nicht so recht was anzufangen mit diesen Pennern.
Die Gestaltung des Kongresses und seines Verlaufs durch die Teilnehmer, der Austausch von Erfahrungen von Menschen, die zunächst einmal nur sich selbst vertreten, das Knüpfen von Kontakten, sofern es in einzelnen Städten Anfänge von Organisationsformen gibt, z.B. in Wärmestuben und sonstigen ambulanten Einrichtungen oder Projekten zeigt vielmehr, daß Bewegung - im Sinne einer Artikulation von Interessen und Bedürfnissen - zuallererst eine Frage von selbstbestimmter Verfügung über Ressourcen ist. Die Wirklichkeit sieht in der Regel anders aus: Die Penner haben ihre liebe Mühe und Not, sich zunächst einmal selbst zu produzieren. Wen wundert's, wenn diese Spannung einen solchen Kongress bestimmt. Es ist kennzeichnend für den Stand der Auseinandersetzung, wenn bestimmte Forderungen - z.B. das Recht auf Wohnung - aufgrund vorhandenener Mittel und Möglichkeiten nur diskutiert, aber nicht durchgesetzt werden können (Sollte uns das nicht bekannt vorkommen?): Immerhin, die Betroffenen artikulieren sich, durchaus wiedersprüchlich zwar, aber "die" Berber hat es sowieso nie gegeben. Wenn der Personenkreis der Besitzlosen, Penner, Berber und Stadtsteicher sich gegen vereinfachte Denkmuster sperrt, sollte das Anlaß genug sein, ihnen jenseits des devianten Blicks einmal genauer zuzuhören und Zusammenhänge zu entdecken. Klischees gibt es schon genug, Bündnispartner sind gefragt, die dialogfähig sind.

"Unter Druck. Kultur von der Straße" - Theaterspiel als "Dritter Weg"?

Der Kongress in Uelzen ist eine wichtige Station für die spätere Vereinsgründung der Gruppe um HEINER unter dem Namen "Unter Druck. Kultur von der Straße". Die Intention dieser Gruppe geht weit über das reine Theaterspiel hinaus und umfaßt sowohl ein sozialpolitisches Engagement als auch den Anspruch, für die beteiligten Wohnungslosen langfristig Wohnraum zu schaffen. Wurde noch zu Zeiten von WIND die berechtigte Kritik geäußert, es gäbe wichtigeres zu tun, als Theater zu finanzieren (oder zu spielen), zeigt sich der Stellenwert des Projekts eben darin, für die wohnungslosen SchauspielerInnen mittelbar Tätigkeitsfelder eröffnet zu haben. Daß der Mangel an bezahlbarem Wohnraum und lohnender Arbeit damit nicht aufgehoben ist, wissen die beteiligten Wohnungslosen sehr genau. Und doch zeigt die weitere Entwicklung dieses Projekts: Im Spiel mit der Not wird Flickwerk betrieben, unter den vom Senat geförderten Einrichtungen für Wohnungslose findet sich auch schon mal ein Kulturprojekt (z.B. eben gerade: "Unter Druck. Kultur von der Straße" in der Brunnenstraße in Berlin), dann aber finanziert aus dem Etat für Soziales, mit der entsprechenden Aufsicht und Erfolgskontrolle durch eingestellte SozialarbeiterInnen. Und allzuschnell werden derartige Vorzeigeprojekte zum Bestandteil einer moralischen Entsorgung: Hurra, hurra, es gibt noch was! ... Aber was?

Kultur von der Straße, das ist ein Kraftakt, eine Leistung sondergleichen: jeder Text, jede Skizze, jeder Song, jedes Stück Theater, ein Produkt von unterwegs, abgerungen einem jeden Tag, kostbare Minuten und Stunden von Konzentration, Ablenkung und Leiden zugleich. Zur bloßen Wiedergabe des Erlebten kommt noch etwas hinzu, was allen noch so engagierten Außenstehenden, sei es ReporterInnen, WissenschaftlerInnen oder SozialarbeiterInnen, abgehen muß: Es ist immer diese Überschreitung der eigenen Grenzen, ein besonderes Stück Preisgabe, eine leidenschaftlich entwaffnende Offenheit, entstanden aus einer ganz persönlichen Not, kurzum: Das Beste von dem, was sie bewegt. Trotzdem sind es nur ganz wenige Einzelpersonen oder Initiativen unter den ungezählten Wohnungslosen, die wirklich etwas produzieren und damit auch "erfolgreich" durch Mithilfe von Freunden und Förderern an die Öffentlichkeit treten konnten. Die dann etwas bekannter werden, das sind einige Facetten und gleichzeitig nur wenige Namen aus der Vielzahl unbekannter und unbemerkter KünstlerInnen und Gruppen.

Die Struktur des Theaterspiels als Tätigkeit ist gekennzeichnet sowohl durch eine alltagsorganisierende Orientierung, d.h. einen Rahmen, der durch Ort, Zeit, Personenkreis und zu bildende Rituale bestimmt ist, als auch durch eine inhärente Unüberschaubarkeit, der in den potentiell offenen Inhalten, der personellen Begegnung mit professionellen Schauspielern und Mitarbeitern des Theaterstabs und nicht zu letzt durch die Unwägbarkeiten wohnungsloser Lebenslage gegeben ist. Eine vorläufige Ordnung findet diese Tätigkeit schließlich im konkreten Handlungsprozeß der Erarbeitung eines Stücks in Hinblick auf eine öffentliche Aufführung. Dazu kommt eine spezifische Methodologie experimenteller Theaterarbeit, Begegnungen, neue Beziehungssituationen und -konflikte herzustellen, bewußt zu provozieren, mit ihnen und nicht gegen sie zu arbeiten. Die Tätigkeit des Theaterspiels knüpft somit an Erfahrungen und Anforderungen von Lebenswelt und Lebenslage Wohnungsloser an und geht gleichzeitig darüber hinaus. Das Leben auf der Straße steht nicht im Widerspruch und Gegensatz zum "Neuen" des Theaterspiels, sondern ist darin partiell integriert bzw. "aufgehoben". Entschärft, bestenfalls vermieden, vieleicht sogar spielerisch vorweggenommen wird so die häufig mit vollständig neuen Situationen gegebene Konfliktlage der psychischen Verarbeitung und tätigen Bewältigung von Gegensätzen. Gegensätze, die zum Beispiel dann auftreten, wenn die Anforderungen an vermittelten, im Zuge von Projektarbeit verfügbar gewordenen Wohnraum im Widerspruch zur weiterhin bestehenden Bedeutsamkeit sozialer Bindungen zu den Kumpeln auf der Straße tritt und beides zum Problem wird. Theaterarbeit erfüllt eine transitorische Funktion, die - aufbauend auf das erreichte Niveau an Fähigkeit und Fertigkeiten - neue individuelle und objektive Handlungsmöglichkeiten erschließen helfen kann.

In seiner allgemeinen Bedeutung ist Spielen einerseits ontogenetisch als dominierende Tätigkeit zentrales und unverzichtbares Element einer bestimmten Phase der Persönlichkeitsentwicklung, andererseits phylogenetisch eine gesellschaftliche, durchweg relevante und bisweilen innovative Tätigkeit, diee sich historisch aus der Arbeitstätigkeit entwickelt hat und ihre Struktur ausweist. Im Doppelcharakter als individuelle und gesellschaftliche Tätigkeit erhält "Spielen" von und mit Obdachlosen (Theater- und Kulturarbeit im weitesten Sinne) eine Funktion in der (Re-)Konstituierung einer persönlichen Entwicklung (Assoziationsraum: Theatertherapie) und beinhaltet gleichzeitig die Möglichkeit der Partizipation an gesellschaftlicher Tätigkeit (Assoziationsraum: Kunst- und Kulturbetrieb). und objektive im besten Fall den Raum für eine Dynamik der individuellen 'Tätigkeit in eine Zone der nächsten Enwicklung' (VYGOTSKY) eröffnen vermag.

Überhaupt ist diese Kultur, wenn sie sich denn vom zermürbenden Alltag absetzen kann, zerbrechlich und unbeständig. Texte sind oft kurz, nicht länger als eine Seite, Gruppen ebensoschnell gegründet, wie sie wieder zerfallen, Termine vereinbart, die nicht zustande kommen, weil wieder etwas dazwischenkommt... Um miteinander solidarisch zu sein und etwas auf die Beine zu stellen, so könnte man mit Bert BRECHT zu erklären versuchen, fehlt eben häufig das gemeinsame Dritte. Zu groß ist die Not, und im Zweifelsfall ist das Hemd einem näher als die Hose.

Erfahrene Wohnungslosigkeit wird hier zum integralen Bestandteil und Gegenstand einer produktiven "Tätigkeit in der Zone der nächsten Entwicklung" (VYGOTSKY). Zum Teil eröffnet sich damit tatsächlich ein "Dritter Weg" zwischen resignativer Selbstzerstörung und dem langen Marsch durch den Hilfetrichter, um aus dem Elend der Wohnungslosigkeit herauszutreten zu können - jedenfalls punktuell und im Ansatz. "Indem er die Fähigkeit beweist, seine Existenzweise als Vagabund darzustellen, hat er sich von ihr emanzipiert." sagte Klaus BERGMANN einmal über Hans OSTWALD und seinem autobiographischen Roman "Vagabunden". Das erfahrene Leid wird nicht negiert, sondern bleibt präsent und wird transformiert in eine neue Realität. Dieser "Vagabund" OSTWALD hat später unter Mitarbeit vom "ollen" Zille das "Zille-Buch" herausgegeben und vieles andere mehr - aber wer weiß das schon?

In dieser Dimension ist die Bedeutung von Theater- und Kulturarbeit im Spannungsfeld zwischen Hilfesystem und Selbstorganisationsformen Wohnungsloser noch bei weitem nicht erschlossen: Zeichnet sich hier ein Dritter Weg ab zwischen den Alternativen, die Wohnungslosen in ihrem Elend belassen (zu müssen) oder mit aller Gewalt eine Integration in den "Wahnsinn der Normalität" (GRUEN) der Mehrheitsgesellschaft anzustreben?

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In seinen Aussagen wird deutlich, es geht im nicht nur darum, eine bestimmte Wirklichkeit darzustellen, sondern auch, sie im Kontext gesellschaftlicher Widersprüche bewußt zu verstehen, zu erklären und damit "begreiflich" und bewußt veränderbar und gestaltbar zu machen. Das zentrale Mittel dafür ist die "Waffe der Kritik":

"Wenn ich kritisiere, brauche ich nicht gleichzeitig einen Vorschlag zu haben, wie das denn besser gemacht werden kann. Kritisieren alleine zeigt schon, daß ich mich mit der Sache auseinandergesetzt habe. Wie es anders gemacht werden kann, weiß ich dann selber nicht, aber daß es so nicht bleiben kann, soviel weiß ich."

Nur in der daraus folgenden Tätigkeit - zum Beispiel in Form der Theaterarbeit - kann sich die veränderte Praxis konkretisieren.

Das Engagement in (Obdachlosen-)Kultur-, Theater- und Selbsthilfeprojekten ist für HEINER der Weg, sich mit seiner Vergangenheit nicht mehr auseinandersetzen zu müssen - er hebt die Last der Biographie im doppelten Sinne des Wortes auf, indem er sich voll und ganz einer neuen Tätigkeit zuwendet. Daß er dies tun kann, ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, daß in diesen neuen Projekten die üblichen Anforderungen an beruflicher Arbeitsleistungsfähigkeit nicht gestellt werden.

Zugleich hat für HEINER die Theoretisierung der (eigenen) Obdachlosenproblematik im Kontext gesellschaftlicher, d.h. kapitalistischer Verhältnisse eindeutig eine entlastende Funktion: Auch seine eigene Obdachlosigkeit ist letztlich gesellschaftlich produziert; es ist nicht mehr notwendig, sich mit dem eigenen Scheitern auseinanderzusetzen - vielleicht will HEINER dies auch bewußt nicht mehr tun. Damit dokumentiert HEINERS Beispiel die begrenzte Reichweite der in dieser Arbeit aufgestellten These, ein Überwinden der Lebenslage Obdachlosigkeit sei nur auf Basis der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie möglich.

Und dennoch wird - anhand der Analyse vieler hier dargestellter Biographieverläufe und Lebenslagebeschreibungen - deutlich, daß materielle Hilfe allein - im Sinne einer materiellen Normalisierung der Lebensverhältnisse - in den wenigsten Fällen hinreichende Maßnahmen zur Überwindung der Wohnungslosigkeit oder mindestens zur Sicherstellung einer subjektiv zufriedenstellenden Lebenssituation darstellen. Zwar scheint dies bei der Nähegruppe, mit Abstrichen auch bei der Selbstorganisationsgruppe, zu funktionieren, aber auch hier muß, wie die Beispiele zeigen, gesehen werden, daß andere, soziale Bedürfnisse im Vordergrund stehen oder zumindest gleichberechtigt sind.

HEINER sperrt sich, wie die Mehrzahl der Wohnungslosen überhaupt, gegen eine Vereinnahmung seiner Person, seiner Persönlichkeit durch die Angebote der Wohnungslosenhilfe. Im Unterschied zu vielen anderen hat er eine Vorstellung von der strukturellen Dimension des Problems Wohnungslosigkeit. Das macht ihn auf der einen Seite zu einem unbequemen Klienten, der die "Helfer" zu einem Diskurs über Ziele und Intentionen des eigenen Hilfehandelns zwingt, auf der anderen Seite ist HEINER damit ein potentieller Partner in Projekten, die bewußt als Bestandteil der Projektkonzeption die politische, zumindest aber die aufklärerische Intention von Obdachlosenarbeit ("für und mit Obdachlosen") integrieren können. Letztere Ansätze stellen für HEINER die Chance für die Herstellung eines sozialen Umfeldes dar, mittels dessen es HEINER gelingen könnte, seine eigene, sehr persönliche Situation, über die er nicht sprechen will und auch nicht sprechen muß, entscheidend zu verbessern.

HEINER geht es offenbar immer dann gut, wenn er politsch agieren - oder zumindest: argumentieren - kann und wenn er den Eindruck hat, daß damit tatsächlich etwas bewegt - oder zumindest: aufgebrochen oder verändert - werden kann. Selbstverständlich drängt sich bisweilen der Eindruck auf, HEINER sei nichts weiter als ein "Laberkopf", der in seiner Obdachlosigkeit seine Heimat in politschen - und zugleich folgendlosen - Diskussionen gefunden und dies zugleich kultiviert hat. Eine solche Position aber verkennt zum einen aber HEINERS tatsächliches Engagement in verschiedenen Projekten, zum anderen aber wird damit verkannt die Wirkung der Fähigkeit zur Unterscheidung: Armut und Reichtum sind Verhältnisgrößen, und schon die bloße Benennung von "Roß und Reiter" schafft Handlungsgrundlagen, die im Zweifelsfall lebenserhaltend sein können.

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© Text und Gestaltung: Stefan Schneider (zosch@zedat.fu-berlin.de)
Fotos: Karin Powser - Logo: Willly Drucker
Letzte Änderung: 08.12.97