Stefan Schneider - Wohnungslosigkeit und Subjektentwicklung
 

MARTINA

Biografie

Geboren bin ich '73 in H.Stadt, und dann sind meine Alten nach Hessen gezogen, und dann nach Bayern, und dann da rumgezogen, zum Schluß auf einem Dorf. Die haben sich nicht entscheiden können, wo sie leben wollen. Meine Kindheit war so ziemlich normal. Ich bin ins Gymi gegangen die ersten zwei Jahre. Wenn ich mir das so überlege, ich hätte auch irgendwie das Abi machen und studieren können. Dann würde ich jetzt gerade Abi machen. Aber die Leute in meiner Klasse waren alle so strunzdumm, die Lehrer waren gleich doppelt dumm. Haben alle nur schleimen können. Bei mir haben sie nur ständig dumme Sprüche abgelassen, das war so eine Schule, die war zwar in der Stadt, aber da waren die ganzen Leute vom Dorf, und ich war die einzige mit bunten Haaren. Und die haben alle irgendwie nur blöde rumgemacht. Was mir die Lehrer in der Schule erzählt haben, so ein Typ, da ging das über Südafrika und Apartheid. Das war Pflichtthema in Erdkunde, da hat der erstmal nur über die Wirtschaftsverhältnisse gelabert, und dann Rassentrennung durch Gesetze. Aber das hat voll positiv geklungen wie er das rübergebracht hat. Und da bin ich aufgestanden, und habe ihm ein paar Sachen an den Kopf geworfen, und dann habe ich ein Disziplinarverfahren gekriegt. Obwohl der Typ echt eindeutig der Alt-Fascho war.

Mal hier, mal da

Von 13 bis 16 war ich echt hardcore Alki irgendwie. Schon ziemlich derbe. Vor allem, wenn du noch jung bist irgendwie, dann geht das noch schneller, daß du einen Flatterich kriegst und so. Meine Eltern leben getrennt seit zwei Jahren. Wäre besser gewesen, wenn sie sich schon früher getrennt hätten. Am Schluß war ich auch nicht mehr bei meinen Alten, sondern so immer mal hier, mal da. Auf Bayern hatte ich einfach keine Lust mehr. In Bayern da ist jeden Tag dreimal Kontrolle gewesen, das ist normal gewesen. Da waren wir Platte machen in München zum Beispiel, und morgens, das erste, was du gehört hast: "Ausweiskontrolle. Könnte ich mal bitte ihren Ausweis sehen!" Irgendwie so bist du jeden Morgen geweckt worden. Jede halbe Stunde ist da so jemand langgekommen. Da hast du deinen Ausweis hergegeben, da haben sie rumgefunkt, wenn sie wen gesucht haben, den haben sie mitgenommen, und die anderen, haben sie gesagt, sollen sich verpissen. Wenn sie in einer halben Stunde noch da sind, nehmen sie sie auch mit.

Berlin

Ich war schon vorher immer Sylvester in Berlin, schon zwei Sylvester vorher, das war so bei mir Tradition, dann bin ich das eine Mal dageblieben da, so vor zwei Jahren war das, da hatte ich keinen Bock mehr auf Bayern. Es war nicht so, daß mich das böse, große Berlin, das arme Mädchen verschlungen hat. Ich habe das schon irgendwie so alles gewußt. Ich war vorher auch schon so drauf, da war ich nur nicht in Berlin. Ich kannte ein paar Leute, und ich kannte ja Berlin schon so bißchen, das hat mir immer gefallen. Ich wollte eigentlich gar nicht hier hochziehen, ich wollte hier nur ein paar Tage bleiben. Ich habe meinen Eltern gesagt: "Ich bin jetzt hier!" Wir haben unsere Machtkämpfe schon vorher gemacht. Mit meiner Mutter verstehe ich mich eigentlich ganz gut, und da habe ich ihr gesagt: "Ich will das!", und was will sie mehr machen, wie das akzeptieren? Wenn sie mich in ein Heim gesteckt hätte, wäre ich auch wieder abgehauen. Das war immer nur so eine Drohung: "Paß auf, sonst kommst du ins Heim!"

Dann bin ich nach Berlin gekommen, da habe ich auch einen Typen getroffen, mit dem ich dann auch ziemlich lang zusammen war, dann haben wir erstmal alkfrei gemacht, und drogenfrei. Das ist eigentlich total witzig, nach Berlin gekommen und drogenfrei gemacht. Also er war kein Junkie, aber er war sicher auch ab und zu was am wegmachen, und da hat er sich mal zuviel weggemacht da, und dann ist er auf Klo gelegen, und da ist er ins Krankenhaus gekommen mit einer Überdosis, und ich bin auch ziemlich auf'm Schlauch gestanden, und da haben wir uns gedacht also: "Naja, laß uns mal probieren!" Dann haben wir zwei Monate drogenfrei gemacht da.

Es sind immer wieder verschiedene Leute da, aber so von den eigentlichen Leuten, die in Berlin sind so, mit denen hängt man eigentlich immer zusammen. Und dann kommen immer wieder Leute für einen Monat oder für zwei so aus Wessiland, und machen einen Lauten, dann fahren sie wieder. Naja, daß sie denken: "Oh, echt, ich bin jetzt in Berlin, eh, ich muß jetzt abgehen! Eh, eh, ich bin überhaupt der Größte!"

Besetzte Häuser, Reisen, Schule

Ungefähr in vier besetzten Häusern bin ich in der Zwischenzeit gewesen. Immer wieder gewechselt, da ist dann geräumt worden. Zum Beispiel hier die Räumung Mainzer Straße. Das war letzten Herbst gewesen. Geräumt wird, wie die Bullen Bock drauf haben. Normal müssen sie es schon androhen vorher, aber was sie nicht alles machen, in der Mainzer Straße war es auch nicht angedroht. In der Mainzer sind sie einfach rein als erstes mal. Und dann haben sie angedroht, daß sie die Straße räumen, aber da war es sowieso schon zu spät. Normalerweise mußt du ja auch, wenn du so und so lange in einem Haus wohnst, hast du eine Räumungsfrist normalerweise, aber darauf scheißen sie dann auch immer.

Zwischendurch war ich in Spanien, und in Italien, und in Sardinien, und so im Wessiland auch so eine Zeit lang oder so ein bißchen bei Kumpels. Und bei meiner Mutter war ich auch. Also meine Mutter ist auch noch in Wessiland, war ich auch wieder eine Zeit, aber sonst war ich schon eigentlich meistens hier. Ich habe sogar versucht, irgendwie weiter zur Schule zu gehen. Dann bin ich zu so einem Schulamt gegangen, hatte der mir so eine Liste gegeben, dann mußte ich da und da und da hingehen, und mich an der und der Schule vorstellen, haben mich aber alle nicht genommen, und nach der dritten hatte ich dann keine Lust mehr. Dann habe ich es gelassen.

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© Text und Gestaltung: Stefan Schneider (zosch@zedat.fu-berlin.de)
Fotos: Karin Powser - Logo: Willly Drucker
Letzte Änderung: 08.12.97