Tiny-House-Siedling in Portland, Oregon. Foto: WikiCommonsKaum ein Mensch hat die Bedeutung des Wohnens besser auf den Punkt gebracht als Nelly Sachs (1891-1970) in ihrem Gedicht „In meiner Kammer“. Sie schreibt:

In meiner Kammer
wo mein Bett steht
ein Tisch ein Stuhl
der Küchenherd
kniet das Universum
um erlöst zu werden
von der Unsichtbarkeit.

Der nomadische Mensch der Steinzeit ist abgelöst worden vom wohnenden Menschen, und das Kondensat dieser Seßhaftigkeit ist der umbaute, gestaltete, in Besitz genommene Raum. Im Gegensatz zum gegenwärtigen Warenwahnsinn, der uns meinen lässt, immer mehr haben zu müssen, um Sein zu können, umreist sie präzise, worum es geht beim Wohnen. Schlaf, Kultur, Arbeit, Wärme und Ernährung. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Wir müssen uns die Kammer von Nelly Sachs karg denken. Es ist die Kargheit, die Raum schafft für das menschliche Universum. Und wer ist mit dem Elend der Unsichtbarkeit härter konfrontiert als Menschen ohne Obdach: Eine stets brüchige Form des Überlebens, die auf Erlösung wartet, denn Wohnraum tut not! In der eigenen Wohnung erst kann sich Menschlichkeit erfüllen und entwickeln.

So ist es kein Zufall, dass wir in Nelly Sachs eine Pionierin der Tiny House-Bewegung sehen können. Menschen, die mit Vorsatz und Bedacht ihr Wohnen auf das wesentliche reduzieren. Dennoch, auch die Entscheidung für ein auf das Mindestmaß reduziertes Haus kostet Geld, vor allem, wenn dazu nach noch ein Grundstück erworben werben muss. Hier kommt der ländliche Raum ins Spiel. Während in Metropolen die Preise in die Höhe schießen und Wohnraum – selbst zur Miete – selbst für halbwegs mit Geld ausgestattete Menschen kaum noch bezahlbar ist, gibt es im ländlichen Raum noch deutliche Reserven, vor allem in sogenannten strukturschwachen Regionen. Hier lassen sich, wie ein ein kurzer Beitrag aus der Stadt Plauen in Sachsen zeigt, noch erhebliche Kosten sparen.

Überhaupt ist zu überlegen, ob das Konzept von Eigentum und Privatheit von Grund und Boden noch zeitgemäß ist. Privat- das Wort stammt aus dem lateinischen von privare und meint: Berauben. Was einem gehört, ist dem anderen verwehrt. So kommen wir nicht weiter. In der Vergangenheit gab es etwas, was heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Die Allmende. Das waren Dinge, die allen gehörten. Das konnte Wald sein, oder Weideland oder ein See. Und schon war die Notwendigkeit da, sich gemeinsam über die Grundregeln der Nutzung zu verständigen. Aber das ist ein anderes Thema.

Berlin, 14.09.2019,

Stefan

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tiny_houses_on_display_in_Portland,_Or.jpg:Tiny_houses_on_display_in_Portland,_Or.jpg
Fotograph: Dan David Cook

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