„Dreigroschenoper? Die ist bei mir jeden Tag!“

Wie sf-Verkäufer Bruno Katlewski aus Brechts Dreigroschenoper seinen Nutzen zieht

Die Medienpartnerschaft vom strassenfeger und dem Projekt „Dreigroschenoper“ im Admiralspalast in der Produktion von Leuenberger, in der Regie von Brandauer, mit Campino als Macheath Messer, war ein großer Erfolg für alle Beteiligten. Nur leider fanden wir in der strassenfeger-Redaktion keinen, der bereit war, ein kleines Resümee zu schreiben. Glücklicherweise trafen wir dann aber doch noch in der Kneipe Bruno Katlewski, einen langjährigen Verkäufer vom strassenfeger, der uns nach dem fünften Bier seine Version von der Geschichte erzählte:

Glaubst Du, es macht mir Spaß, jeden Morgen in die abgewetzten, nach Schweiß, Bier und Pisse stinkenden Arbeitsklamotten zu steigen? Das erste Dienstbier zu picheln wegen der Fahne (Mal im Ernst, was ist schon ein Penner ohne Fahne?) und im Blumenkasten zu wühlen wegen dem Dreck unter den Fingernägeln? Ist Dir überhaupt klar, wie schlecht meine Chancen bei Frauen sind – mit den ungewaschenen Haaren und dem viel zu langen Bart? Bloß frisch rasiert laufen die Geschäfte einfach schlecht.

Niemand glaubt einem die Bedürftigkeit. Jede Profession hat ihre Schattenseiten. Aber einmal im Jahr nehme ich mir eine Auszeit und verschwinde für vier Wochen nach Thailand. Rasiere mich täglich, trage saubere Klamotten und lasse die Puppen tanzen. Immer im März, wenn das Winter-Mitleids-Geschäft vorbei ist. Diesmal wird’s für drei Monate reichen. Wegen Brecht und Konsorten. Aber der Reihe nach.

Ich verkaufe den strassenfeger. Und auch die motz. Und die Stütze. Und manchmal auch das Magazin von MacDonalds. Ist ja auch egal. Das reicht natürlich vorne und hinten nicht. Auch wegen Inge. Die ist ganz schön anspruchsvoll für ’ne Pennerin. Der muss ich immer ’ne Flasche Korn mitbringen und ’ne Schachtel Kippen, sonst läuft gar nichts. Und ab und zu will man ja auch ausgehen. Nicht immer nur Currywurst mit Pommes rot weiß. Und auch mal ’n Video  ausleihen. Aber nach Thailand fahre ich immer ohne Inge. Weil, für zwei reicht es einfach nicht. Und wegen den Puppen natürlich. Und auch sonst. Aber das wollte ich gar nicht erzählen.

Sie haben die Dreigroschenoper verpeilt. Völlig. Alle. Wie besoffen waren sie gewesen in der Redaktion. Dieser Produzent, Leuenberger, der ja eigentlich ganz nett ist. Jedenfalls kam der in die Redaktion, hat irgendwas erzählt von Campino und Brandauer und Extrablatt und Medienpartnerschaft, und dann  hat bei allen der Verstand ausgesetzt. Der Redaktionsleiter und seine Bagage haben plötzlich von einem Programmheft geschwafelt und von den Geldern, die der Verein einnehmen könnte. Von 48 Seiten und Hochglanzpapier war die Rede und von Verkaufspreisen – als würde es um Millionen gehen. Hat er aber nicht hingekriegt. Jedenfalls ist er jetzt nicht mehr Redaktionsleiter. Weiß der Teufel, warum. Dass sie überhaupt noch eine halbwegs vernünftige Ausgabe hinbekommen haben, grenzt an ein Wunder. Oder auch nicht: Die hätten auch ohne Fragen das Tonband einfach vollgequatscht. Bin ich sicher. Dilettanten, sage ich nur, alles Dilettanten.

Auch der Herausgeber flippte durch die Gegend, hatte irgendwann mal offenbar das Textheft gelesen und fragte jeden, aber auch wirklich jeden: Bin ich Peachum, bin ich Peachum, bin ich Peachum? Wir müssen eine Bank gründen! So ein Idiot. Als ob das Stück irgendeine Bedeutung hätte. Als ob Brecht ein Revolutionär wäre. Als ob es eine besondere Botschaft gäbe. Quatsch. Alles Quatsch. Unternehmer sehen anders aus. Letztlich geht’s um Kohle und um Lebensqualität. Jeder Penner weiß das.
 
Wirklich geschnallt hat es nur Zenthuber. Der hat die Organisation vor Ort übernommen und sich um das Finanzielle gekümmert. Pro Aufführung und Nase haben wir 50 Euro Kasse gemacht, mit Trinkgeld. Mit dem strassenfeger. Als Programmheft. Und damit es demokratisch aussieht, haben wir ab und zu auch mal andere rangelassen. Echte Obdachlose. Zum Glück sind die mit der Kohle gleich in die Kneipe gerannt und waren dann so besoffen, dass sie am nächsten Tag gar nicht mehr antraten. Um so besser für uns. So konnten wir fast jeden Tag abkassieren, und keiner hat’s gemerkt. Waren ja auch immer andere Leute da.

Im Stück bin ich übrigens auch einmal gewesen. Die Jenny ist ja ’ne geile Braut. Die würde ich auch gerne mal vernaschen. Brandauer war gar nicht da, nur vom Tonband. Campino war fast ’ne Tote Hose. Aber das Orchester war klasse. Und von Peachum, da kannste echt was lernen. Nur Kontakte brauchste. Beziehungen eben. Vitamin B. Und ’nen Kumpel wie Meckie Messer. Habe mich schon schlechter gelangweilt.

Die Einnahmen jedenfalls habe ich immer am nächsten Tag zur Bank bebracht. Und richtig gesoffen habe ich nur, wenn spielfrei war. Da kenne ich nichts. Da bin ich Profi.

Ansonsten gehen die Geschäfte weiter. Von Jakob kassiere ich immer drei Euro, damit er vor der Kaufhalle in der Joachimsthaler stehen darf. Sonst knall‘ ich ihn weg, und das weiß er. An Karl und Marek gebe ich immer Zeitungen ab, weil die gesperrt sind und nicht an Zeitungen rankommen. Darf der Vertriebschef aber nicht wissen. Aber ich glaube, das ist dem egal. Macht pro Zeitung extra zehn Cent Provision für mich. In der Redaktion hole ich immer fünf Zeitungen ab als Leseexemplare. Macht auch noch mal zwei Euro Extra. Man hat’s nicht leicht als Penner. Muss über die Runden kommen.

Nächstes Jahr komme ich groß raus. Steige groß ein. Bringe selber ’ne Zeitung raus. Das Drei-Groschen-Magazin. Habe ich schon klar gemacht. Mit Campino, Brandauer und Leuenberger. Die haben exklusiv unterschieben auf dem Programmheft. Und das versteigere ich dann. Bei ebay. Bringt mindestens 10.000 Euro. Das ist wohl klar. Von Haus aus. Wollte ich nur sagen. Damit Du durchblickst. Da kannste was lernen. Sobald ich zurück bin aus Thailand.

Dreigroschenoper? Die ist bei mir jeden Tag. Kannste Dir merken.
Bruno Katlewski

in: Strassenfeger - Ausgabe 21/2006, Seite 15ff

Solidarische Hinweise

Joomla template by a4joomla