Wir wollten es noch einmal etwas genauer wissen und haben Stefan Schneider, Gründer der Wohnungslosen_Stiftung, nach seinen Erfahrungen und Tipps aus der Praxis für die Praxis gefragt. Er organisiert regelmäßig offene
Netzwerktreffen mit wohnungsloserfahrenen Menschen und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Aufbau von Peer-Gruppen im Handlungsfeld Wohnungslosigkeit
Deine Meinung?
Beteiligungsformate und -prozesse sind dann schlecht, wenn sie zu nichts führen und folgenlos bleiben. Das betrifft nicht nur die Beteiligung von wohnungslosen Menschen, sondern gilt allgemein. Wenn Leute nur eingeladen werden, damit sie mal was aus der Sicht von Betroffenen erzählen, daraus aber nichts folgt, ist das frustrierend. Das macht Beteiligungsformate oftmals zu einem so problematischen Thema. Ich würde daher eher von Empowerment oder Community Organizing sprechen, mit dem Ziel, Potenziale freizusetzen – und das in einem offenen, transparenten Prozess.
Deine Lösung?
Immer wieder kommt es vor, dass Organisationen denken, „Ich plane eine Veranstaltung, schreibe eine E-Mail, stelle eine Liste an Hotels zur Verfügung und dann kommen die Leute schon und sagen etwas.“ Doch so läuft es nicht. Wenn wohnungsloserfahrene Menschen jedes Mal aushandeln müssen, wie die Kosten für die Teilnahme und Übernachtung finanziert werden können, ist das sehr entwürdigend und zeigt eine völlig fehlende Empathie für die Menschen, um die es eigentlich geht. Denn häufig wird nicht bedacht, dass Erfahrungs-Expert:innen z.T. nicht in der Lage sind, Fahrt- und Übernachtungskosten vorzustrecken oder abends in der Einrichtung oder Notunterkunft sein müssen.
Deine Erfahrung?
Beteiligung ernst nehmen. Bei fast allen Veranstaltungen, die wir organisieren, steht das Wort „offen“ im Titel – wie „Offenes Netzwerktreffen“ oder „Offenes Mediengespräch“. Das bedeutet zwar, dass man nie genau weiß, wer kommen wird, aber es ist ein wichtiges Prinzip, dass Teilnehmende jederzeit dazustoßen und mit einsteigen können. Ein zentraler Aspekt dabei ist das Setting: Eine offene Sitzordnung wie ein Stuhlkreis, Kommunikation auf Augenhöhe und ausreichend Zeit für Pausen, die Raum für informelle Gespräche bieten. Dazu gutes Essen und Trinken –alles andere ergibt sich dann.
Dein Praxis-Tipp?
Das wichtigste Prinzip ist, die Lebenslage der Teilnehmenden zu berücksichtigen. Wenn möglich, die Unterkunft einfach direkt für die Leute buchen und darauf achten, dass bei jedem Treffen ausreichend und gutes Essen und Trinken bereitsteht. Gerade für Menschen, die oft von Essensausgabestelle zu Essensausgabestelle gehen, ist dies besonders wichtig. Wenn ich möchte, dass sie anderthalb Stunden zuhören und sich aktiv beteiligen, dann muss für sie in dieser Zeit die Verpflegung gesichert sein. Außerdem sollte die Beteiligung von Menschen unbedingt ernst genommen werden. Es ist wichtig, frühzeitig einen Rahmen zu schaffen, um die Leute mit einzubeziehen, idealerweise schon in der Phase, in der die Ideen erarbeitet werden. Dabei sollte klar sein, dass sie auch am Ende aktiv dabei sind. Wenn zum Beispiel ein Fotoprojekt entsteht, ist es entscheidend, dass die Menschen, die mitwirken, auch mit ihren Beiträgen im Fotoband vertreten sind und zur Ausstellungseröffnung eingeladen werden.
aus: Michelle Balthes, Corinna Höckesfeldm Lisa Klimesch (Hg.): selbst.bestimmt.wohnen.Ein Praxisbuch zur Gestaltung von Beratungs- und Unterstützungsangeboten im Bereich Migration und Wohnen. Augsburg 2024, S. 136-137 [https://wohnprojekt-augsburg.de/wp-content/uploads/2025/01/selbst-bestimmt-wohnen_Praxisbuch_WosU_Stand-2025-01-21.pdf]