In unterschiedlichsten Kontexten wird zuletzt immer wieder die Frage diskutiert, wie die Perspektiven, Stimmen und Erfahrungen von obdach- und wohnungslos erfahrenen Menschen in Diskurse, Hilfesysteme, Beratungskontexte und Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden können. Wir haben dazu mit Stefan Schneider gesprochen, der im August 2021 die Wohnungslosen_Stiftung mit ins Leben gerufen hat und sich seit vielen Jahren für die Selbstvertretung und das Empowerment von wohnungslos erfahrenen Menschen einsetzt.

Wer oder was ist die Wohnungslosen_Stiftung und was macht sie?

Die Wohnungslosen_Stiftung geht auf die seit 2016 regelmäßig stattfindenden Wohnungslosentreffen zurück, aus denen das Netzwerk der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen hervorgegangen ist. Um diesem offenen Netzwerk eine Plattform zu geben, wurde im August 2021 die Wohnungslosen_Stiftung zunächst als Initiative gegründet. Seit 2023 agieren wir als gemeinnützige Unternehmergesellschaft (UG) und setzen uns für die Selbstvertretung und Selbstorganisation von wohnungslosen sowie von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen ein. Wir arbeiten mildtätig und gemeinnützig und sind im Kern eine sozialpolitische Interessenvertretung. Wir organisieren offene Netzwerk-,Koordinierungs- und Wohnungslosentreffen, bieten aber auch direkte Unterstützung an, beispielsweise durch die Übernahme von Fahrt- und Übernachtungskosten bei Tagungen oder Netzwerktreffen. Zusätzlich organisieren wir Bildungsangebote, wie zuletzt einen Instagram-Kurs zur Förderung digitaler Kompetenzen.

Wie ist die Idee zur Wohnungslosen_Stiftung entstanden und warum braucht es Formate wie die offenen Netzwerktreffen?

Meine Erfahrung ist, dass wohnungslosigkeitserfahrene Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen und Einschätzungen unfassbar viel zu sagen haben. Gleichzeitig geht es bei Konferenzen oder Formaten, zu denen wohnungsloserfahrene Menschen eingeladen werden, oftmals nur darum: „Jetzt sagen Sie mal was aus der Sicht von Betroffenen.“ Das war sehr oft am Rande der Peinlichkeit. So ist die Idee dazu entstanden, eigene Formate, wie offene Netzwerktreffen, zu organisieren, bei denen sich wohnungsloserfahrene Menschen austauschen und selbstbestimmt ihre Themen und Anliegen vertreten können.

Wie laufen die offenen Netzwerktreffen ab und was kann ich mir darunter vorstellen?

Bis heute ist die Arbeit und Organisation der Netzwerktreffen eigentlich eine einzige Lernkurve. Bei unserem ersten Netzwerktreffen haben wir noch alles sehr strukturiert geplant, da wir nicht wussten, wer kommt. Das war alles etwas überstrukturiert. Beimzweiten Treffen haben die Leute gesagt, wir machen das selbst. Das war etwas unterstrukturiert, da sie sich zu viel vorgenommen haben. Beim dritten fanden wir ein gutes Gleichgewicht zwischen Struktur und Fle- xibilität. Das lag vor allem daran, dass wir zum ersten Mal mit einem Plenum starteten, bei dem alles auf denTisch kam: Von organisatorischen über inhaltliche Themen bis hin zu Frust ablassen. Seitdem bieten wir mindestens zweimal im Jahr offene Netzwerktreffen an und schaffen damit einen Rahmen für den Austausch, die Vernetzung und Begegnung von wohnungslosigkeitsfahrenen Menschen – alles Weitere ergibt sich dann von selbst.

Wie siehst du deine Rolle und die der Wohnungslosen_Stiftung dabei?

Es geht darum, eine Umgebung zu schaffen, in der die Menschen selbst aktiv werden und ihre Ideen verwirklichen können – alles andere entwickelt sich dann oft von selbst. Wenn jemand also eine Idee hat, sage ich: „Ja, ist doch super. Was brauchst du, um das zu machen?“ oder „Wie könntest du das bekannt machen?“

Meine Rolle verstehe ich dabei als Assistent. Also zu schauen, dass Prozesse laufen, Ergebnisprotokolle angefertigt werden und der Rahmen passt, wobei ich nicht derjenige bin, der die Dinge und Themen bestimmt. Das ist wichtig und gleichzeitig auch die Ambivalenz in der Rolle als Organisator, in der ich auch eine gewisse Verantwortung und natürlich auch eine gewisse Machtposition habe.

Es wird immer wieder die Frage diskutiert, wie es gelingt, Erfahrungs-Expert:innen in Netzwerke mit einzubinden. Was hat euch am Anfang geholfen und wie seid ihr vorgegangen? 

Da ich in den 1990er Jahren in Berlin eine Straßenzeitung gemacht und dabei viele Gespräche mit wohnungslosen Menschen geführt habe, kannte ich bereits einige Leute und hatte dadurch ein großes Zutrauen, dass das funktionieren könnte. Das heißt, wir haben nicht bei null angefangen und kannten bereits einige Personen, die wir zu dem ersten Treffen eingeladen haben. Zusätzlich haben wir Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe angeschrieben und sie gebeten, die Infos zu dem ersten Netzwerktreffen weiterzugeben oder aufzuhängen.

Als es dann losging, habe ich mich intensiv mit der Idee des „Thinking Circle“ beschäftigt – ein Ansatz, der vereinfacht gesagt ein Stuhlkreis ist, bei dem keine Hierarchien entstehen und alle auf Augenhöhe miteinander sprechen. Mit ein paar Gesprächsregeln entstand schon beim ersten Treffen eine Eigendynamik, bei der wir kaum eingreifen mussten: Die Teilnehmenden achteten aufeinander, ließen sich ausreden und erinnerten daran, wenn jemand noch nichts gesagt hatte. Einige ermutigten sich gegenseitig: „Du hast bestimmt auch etwas beizutragen.“ Oder jemand schlug vor: „Lass uns das festhalten.“ Das zeigte, dass bereits viele Potenziale in der Gruppe selbst vorhanden waren.

Was hat sich durch die offenen Netzwerktreffen verändert? Welche Erfahrungen habt ihr dabei gemacht?

Durch unsere Wohnungslosentreffen setzte ein wertvoller Erkenntnisprozess ein. Sie haben uns gezeigt, wie vielfältig die Gruppe der wohnungslosen Menschen ist – sowohl hinsichtlich der Personen selbst als auch ihrer Lebenskontexte. Diese Einsicht ließ mich erkennen, wie viel Potenzial in dieser Diversität liegt und wie wichtig es ist, verschiedene Perspektiven zu integrieren.

Auffällig war, mit welcher Neugier die Teilnehmenden Informationen aufsogen, sich austauschten und eine Dynamik entstand, die über das hinausging, was wir organisiert hatten. Die Menschen begannen, eigenständig Kontakte auszutauschen und sich gegenseitig zu besuchen. Dabei habe ich erfahren, dass auch Menschen, denen man es vielleicht nicht sofort zutrauen würde – oder die keine ausgebildeten Journalisten sind – bedeutende Beiträge leisteten. So berichtete einer davon, wie er vertrieben wurde, ein anderer brachte ein Gedicht ein oder schrieb selbst eines, und wieder jemand brachte ein Foto mit oder andere bewegende Beiträge.

Welche Tipps und Ratschläge kannst du weitergeben?

Wichtig ist eine gewisse Kontinuität und die Leute frühzeitig mit einbeziehen, indem sie z. B. die Möglichkeit haben, Ideen für Inputs, Themenvorschläge oder Referent:innen vorzuschlagen oder eigene Beiträge und Erfahrungen mit einzubringen. Wir starten dazu immer mit einem offenen Plenum. Ein Format, das gut funktioniert, ist, wenn jemand mit einem spannenden Thema kommt und etwa 20 Minuten einen Input gibt. Oft passiert es schon nach zehn Minuten, dass die ersten Leute sagen: „Moment mal, das sehe ich aber anders.“ Dann geht man direkt in die Diskussion und lotet die verschiedenen Aspekte und Gesichtspunkte des Themas aus. Hier braucht es Flexibilität und ein Bewusstsein für die Lebenslagen der Menschen - sie möchten aktiv dabei sein und sind sofort emotional angesprochen. Dafür muss man dann auch einen Raum geben und sie mit einbeziehen.

In:  Michelle Balthes, Corinna Höckesfeld, Lisa Klimesch (Hg.): selbst.bestimmt.wohnen. Ein Praxisbuch zur Gestaltung von Beratungs- und Unterstützungsangeboten im Bereich Migration und Wohnen. Augsburg 2024, S. 164-167 [https://wohnprojekt-augsburg.de/wp-content/uploads/2025/01/selbst-bestimmt-wohnen_Praxisbuch_WosU_Stand-2025-01-21.pdf]

 

Solidarische Hinweise

Countdown

Joomla template by a4joomla